Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 384 No. 26 JÜDISCHE längst durch die Taufe vom Boden der Geschichte vor■ sehwunden. Die einzelnen Täuflinge, deren lebertritt ia von dem unbewussten Gedanken ausgclit, dass der Hass und die Verachtung gegen das Judentum gerecht seien, geben doch durch ilir Beispiel jedem ^>1den genugsani den Beweis, dass mau aus der Rasse austreten und in alle Rechte der stammcsstolzen und Stammes־ reinen Arier jeden Bluts und Mischbluts \01lbcrtchtigt eintreten kann. Die Ablehnung der Taute durch die Juden ist der evidente Beweis, dass sie in ihrer Ge• samtheit sich niemals vom Vorteil, sondern von der Ueberzeugung der Wahrheit leiten lassen. Es ist nicht unseres Amtes, darüber nachzudenken, welches Prinzip das höhere sei, die Liebe oder die Gercchtigkeit. Aber wenn wir zugeben wollten, dass es die Liebe wäre, so bleiben doch die beiden Fragen, wo und wie hat sich die Liebe gerade dem Judenvolk gegenüber bewährt, dem man sic predigen will, und wann endlich wird uns das Fünkchen Gercchtigkeit zuteil, nach dem wir seit zwei Jahrtausenden mit glühendem und brennendem Gerechligkeitsdurst schmachten? Wiederum hat man Hunderte von Juden in der schamlosesten und schmachvollsten W'cise ermordet, unsere Brüder erschlugen und geplündert, unsere Frauen und Mädchen vergewaltigt, ermordet und misshandelt. Aber gerade in den Kreisen, die uns gegenüber immer den besonderen christlichem Charakter betonen, hat sich die Entrüstung am allerwenigsten gezeigt. Da weiss man in allererster Linie von Gründen und Entsehuldigungen für die Veranstalter der Mordtaten von Bialystok. Wo ist bei jenen die Liebe, die u n s gepredigt werden soll? Wir würden dem Geiste des wahren Christentums bitter Unrecht tun, wenn wir ihre Gesinnungen und ihre Handlungen christlich nennen wollten. Aber sic sollen sich dann selbst erst zum Christentum bekehren, ehe sie an uns die Forderung stellen, uns mit dem Christentum näher zu beschäftigen. Wir verlangen keine Liebe. Wir wünschen nur Gerechtigkeit, nur ein ganz klein wenig Gerechtigkeit, ein ganz kleit^ wenig Schutz für das Leben unserer Brüder, für die Ehre unserer Frauen, fiir die Leiber unserer Unmündigen. Die christlichen Staaten Europa* haben gezeigt, dass sie keinen Finger zu rühren gedenken um der russischen verfolgten Juden willen. Sie haben ihre politischen, ihre diplomatischen und ihre finanziellen Gründe. Wir werden es nicht erreichen, dass sie uns in Russland zur Gerechtigkeit verhelfen werden. Aber um so mehr sollte jedem, dem ״Liebe“ und ״Gerechtigkeit" nicht ein blosser Sehall ist, die Forderung der Gerechtigkeit' auf der Seele brennen, dem verfolgten und entrechteten, seiner Heimat beraubten Stamme die Möglichkeit zu geben, in seiner eigenen Heimat den alten Faden der Geschichte wieder aufzunehmen. Auch heute, wo die russischen Juden ln der bitterschweren Not des Augenblickes nur an Russland und ihre *Nöte in ihm denken können, hängt dh׳ Masse des Jüdischen Volkes in unentwegter Treue an dem alten Stammlande und harrt dem Tage entgegen, wo auf Palästinas Auen ein jüdisches Gemeinwesen der •Gerechtigkeit und Menschlichkeit wieder ersteht. Grade letzt sollte "man angesichts der russischen Greueltaten zeigen, dass man für die Juden nicht bloss Worte des kalten Mitleids, sondern das warme Gefühl hat, das ein Volk verdient, das zwei Jahrtausende des Elends und der Not, der Schmach und der Verfolgung nicht vermochten, sein eigenes Selbst zu verleugnen, und das RUNDSCHAU. mit• unerschütterlicher Treue alle Verfolgungen überdauert in der festen Ueberzeugung, dass ihn! dereinst in dem Lande der Väter ein Land der Enkel erblühen wird. Eljäqlm. Weiteres aus Bialystok Bialystok. 20. Juni. 2 Uhr nachmittags. Soeben ist das Duma-Mitghed Professor S c 11 e p k i 11 nach Petersburg abgereist. Auf dem Bahnhof waren unter amlerem anwesend: das Stadthaiipt, mehrere Stadtverordnete, der Geistliche P a s c It k o f s k y. einer der wichtigsten Zeugen unter den vernommenen Christen. Mit Schcpkin ist auch das Duma-Mitglied Putoschkin abgcrcist. der freiwillig nach Bialystok gekommen war. Die beiden Delegierten der Duma Jacobson und A r k a 11 z e f f reisen morgen ab. Im ganzen sind bis jetzt durch die Deputierten der Duma gegen 120 Persoiien verschiedener Konfessionen verhört wo!den, darunter ungefähr die Hälfte Katholiken und Orthodoxe. Es waren namentlich Geistliche. Lehrer, Beamte. Das •Bild, das sich aus;,11 den ZeJgnissen ergibt, ist vollständig klar und lässt sich in wenigen Worten formulieren. Der Pogrom wurde so voranstäket: Vorn die Huligans, gciülirt von einigen kundigen Leuten, mehrere Polizisten, hink»! Polizei und Soldaten, die Über die Köpfe der fluligäns hiawcgschosscn. Professor Schcpkin glaubt die Ergebnisse der Untersuchung schon am nächste:! Mittwoch der Üuina verlegen zu können. (Am Donnerstag soll die Verhandlung siattümlen). Erst jetzt konstituieren sich Hilfskomitee und Untersuclumgs- Komitee zur weiteren Verfolgung der Sache. Der Umfang der materiellen Verluste und der Notlage ist im Augenblicke nicht einmal annähernd iestzustellcn. Das Jüdische Hilfskomitee wird mit uem Komitee der Stadtverwaltung znsamme.. arbeiten. Aus den städtischen Mitteln sind vorläufig 2003 Rubel diesem gemeinsame!1 Komitee bewilligt. Die Stadtverwclü bot c'le Bezahlung der Gehälter an die PeiLUtearr.tcn vcrv.cL.crt und weist sie darauf hin. sic mögen die rückständigen Steuern einziehen, anstatt J u d e!1 in c t z 2 l c 1 c n zu o r g a 11 i - s i e r c n. Noch vorgestern fand in! Rathaus eine Sitzung statt, an welcher die Stadtverordneten, die drei Dumadeputierten und zahlreiche Bür ver teilnahnien. Man wählte eine Deputation, um den General-Gouverneur zu ersuchen, das Militär zurück- /!!ziehen und zur Beruhigung der Bevölkerung die Einrichtung einer Bürgerwehr zuzulassen. Der General-Gouverneur ging darauf ein. aber bis jetzt ist in dieser Hinsicht nichts geschehen. Man weiss nicht recht, durch wen diese Biirgerwehr organlsiert werden soll und ob dieses Zugeständnis nicht neue Provo- Kationen lieraufbesclnvören wird. Unterdessen werden immer neue beunruhigende Gerüchte verbreitet: Die Juden sollten ancchlich eine Katholikenmetzelei Dianen, und daher reisen viele Christen ab. Sodann verbreitet man unter den Soldaten das Gerücht, ein Soldat sei soeben von den Juden ermordet worden; die Soldaten sind aufs höchste erregt und drohen, für jeden ermordeten Soldaten 100 Juden zu ersehiesscii. Mau trifft auf den Strassen Soldaten in voller Bewaffnung, dabei, wie selbstverständlich, ganz betrunken. Als ein klassisches Beispiel der Zerstörungswut, mit der mau gearbeitet hat, kann die Wohnung des hiesigen Rabbiners Dr. Mohilewcr gelten. 6 Zimmer und eine Küche, sogar der Klosctraum. bilden eine einzige Ruine. Man kam in diese Wohnung aut der Hintertreppe hinein, die nur von ortskundigen Leuten gezeigt werden konnte. 3—J Stunden hat man da gehaust. E n Eisenschrank wurde erbrochen und eine Anzahl wertvoller Sachen geraubt. Die ganze Bibliothek und die Amtshücher wurden in Stücke gerissen. In der Kanzlei des Rabbiners hat man> nicht einmal das Zarenbild geschont. Ich besuchte heute wieder das Jüdische Krankenhaus. Es liegen da zurzeit 32 mehr oder weniger schwer Verwundete, darunter 6 Frauen. Viele Verwundete werden ambulatorisch behandelt viele sind bereits nach ihren? Helm zurückgekehrt. Einem Mädchen von H Jahren, das im Krankenhaus liegt, hat man, wäh.cnd es durch die Strassen lief und nach der Mutter rief, mit einem Hammer über den Kopf mehrere Schläge versetzt und dam! kam ein Huligan hinzu und hat ihm zwei Zähne ousgerissen. — Einer Frau haben Huligans und Polizisten (Soldaten waren anwesend) mit einem Beil und mit Eisenstangen .-viele Schläge versetzt. Ihr Mann gab alle Werts'eben her, um sich und die seinen loszukauien. Man nahm die Sache׳!, aber man fuhr fort, die Leute zu martern. — Eine Frau bekam mehrere Stiche In die Brust und in den Rücken. In der Männer-