Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2651447-2651473--03689-2660628- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
יי™״י״״ — ן!. mm!• ■m!ו . a 1 v. \־ JJ | \ i : •i* Aboaneracntsprols •Jtuchllcssüch LITERATURBLATT »ItrtjiJSbriic!»: I. iarth di» ExptiUknt *)ln Berlin —fiQ Merk, b) nach austlrti 1,— Mark, e) für das Ausland 1,50 Mark. 1.1■ PciUbennenent 1,25 Mark. VJ Insertionspreis Ga tltrgcspallene Petit-Zelle oder deren Raum 25 Pfennjs. JüZ Jüdische Leitung? Redaktion: BERLIN NW. 52, Melanchthonstrasse 4. Telephon: 11. 33S7. Nummer 26 aescblfUitundeQ der B1pe«lltlu1■ täglich (ausser Sabbat und Sonntag) vor. mittags 10—1, nachmittags J—7 U' י Alle Rechte Vorbehalten. Abdruck aus der JUED1SCHEN RUNDSCHAÜ nur bei voller Quelienangibe gestattet. Expedition und Adresse für Geldsendungen und Bestellungen: Verlag Jüdisch• Ruadtehtu, E. 0. m. b.K. Bertln N.M, Auguttstraue 491. Berlin, 6. Tammuz 5666 — 29. Juni 1906 XI. Jahrgang und Gerechfekei f t * Nachdem wir bereits in der vorigen Nummer in der Lage waren, den iimnnstössHclien Beweis zu erbringen, dass die Jticlcnmordc von Behörden in Bialystok vorsätzlich eingeleitet und geleitet worden sind, dass man mit Wissen regierender Kreise amtliche Raubmörder aus Mittelrussland hat herbeikommen lassen, um das gewöhnte und ihnen vertraute Zerstönmgswcrk unter dem gemeinsamen Schutz von Polizei' und dem von hohen Vorgesetzten kommandierten Militär zur Ausnihrung zu bringen, haben wir heute nur noch Einzelheiten nachzutragen, die freilich alle denselben Erweis erbringen, dass die Morde von Bialystok mit Vorbedacht ins Werk gesetzt worden sind. Wir bemerken dabei, dass die Nach rieh teil zum grössten Teile aus den Kor respondenzen tmd Telegrammen stammen, die dem Hilfsverein der Deutschen Juden, der Alliance Israelitc Universeile und dem zionistischen Zcntralbureau in Köln zugegangen sind. Alle Mitteilungen und ebenso die Meldungen von Augenzeugen, die wir gesprochen haben, sind einig in dem uneingeschränkten Lob, das sie der jüdischen Bevölkerung Bialystoks zollen, die sieh ebenso mutig wie selbst angesichts dieser Ausbriiehe vertierter Rohheit ruhig 11nd# würdevoll benominell haben. Zu derselben Zeit, wo Behörden des rechtgläubigen Staates Orgien der blutigsten Gemeinheit feierten, bewiesen die Juden einen Heroismus ohne Gleichen, ebenso wie die allererdenklichste Selbstbeherrschling. Es ist festgestcllt worden, dass ein grosser Teil der Ermordeten vom Militär erschossen wurde, bei der Samariterpflicht, die sie den von der brutalen Rohheit schwer Verwundeten leisteten. Die Judenmission, die 1ms veranlassen will, zu der nach ihrer Meinung höherstehenden Glaubensgemeinschaft fiberzutreten, die uns predigt, in der Religion der Liebe unterzutauchen, möge sieh darüber unterrichten, wie die Religion der Liebe in einem Reiche fruchtlos geblieben ist, das sich seit einem Jahrtausend für einen ganz besonderen Schutz der Rechtgläubigkeit ansieht. Wir sollen ja die starre Gesetzlichkeit, das erbarmungslosc Recht vertreten, das ״Auge um Auge, Zahn um Zahn“ verlangt, während seit zwei Jahrtausenden durch die Liebe das Gerechtigkeitsprinzip veraltet sei. Wir wollen nicht darüber rechten, ob jemals die Liebe so geübt wurde, wie sie uns gepredigt wird. Aber wo ist denn tuv' ״•■״,׳enuber die Liebe, zu der man uns doch bekehren i von der uns gesagt wird, das sic grade linse . Gesetz abgelöst haben soll? Wo ist uns gegenüber diese Liebe jemals geübt worden? Denn wir vermochten die Liebe nicht darin zu erkennen, wenn man Kinder jüdischen Ehern entriss, um sie der ewigen Seligkeit teilhaftig werden zu lassen. Die Liebe muss anders spin, wenn sic ihre Macht über die Seelen ausüben soll. Dann muss sie die Gewalt haben, von der jener Mann, der sich seiner Zugehörigkeit 211111 Judenvolk und zum Beniaminstamme rühmt, sagt: ״UitJ wenn ich alle meine Habe den Armcil gäbe, und licsse meinen Leib'brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre cs mir nichts nütze. Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht. Sic stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie trachtet nicht nach Schaden, sie freuet sieh nicht der Ungerechtigkeit, sie freuet sich aber der Wahrheit. Siie verträgt alles, glaubet alles, sic hoffet alle*, sie duldet alles.4‘ Seitdem das Christentum die herrschende Religion der Welt geworden ist, ist die ganze jüdische Geschichte, so weit sic sich nicht unter Heiden und Muhammedanern abspielt, eine endlose Reihe von Zuriieksetzungen und Verfolgungen aller Art. Die ganze jüdische Geschichte ist seitdem mit Blut und Feuer geschrieben. Es gibt kaum eine Generation in der jüdischen Geschichte, die seitdem nicht Hunderte und Tausende Erschlagener zu beklagen hätte. Es wäre tmgerecht, dafür das Christentum verantwortlich z:1 machen, das nicht schuldig ist, wenn seine angeblichen Anhänger cs zu ihren Zwecken missbrauchen. Aber man möge doch endlich einmal aufhören, uns die Predigt des Evangeliums zu bringen, für die der Staat aus den Mitteln aller, auch der jüdischen Steuerzahler, Beihilfe leistet, und erst einmal die Russen zum Christentum bekehren. Wie oft hat man dem Judenvolke nachgesagt, dass es nur dem Vorteil nachjage und aller Ideale bar wäre. Das Ist ebenso falsch, wie ihm, dem Schöpfer al'er ethischen Kultur, vorzuwerfen, dass es der Humanität bar sei, weil es seine Weltanschauung auf Gerechtigkeit aufbaut, und weil es nur einen Gott als Gott begreifen kann, der Gerechtigkeit übt. Wenn die Juden Opportunisten und nicht die überzeugtesten Idealisten wären, dann wäre das Juden volk