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Jüdische Rundschau · 1906-06-22 · Heft 25 (22.6.1906) · page 14

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 25 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
– (sequence 14)
Language
German
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יו״י ^יליכ?*י׳t*?* .«rf Seite 37*1 JÜDISCHE RUNDSCHAU 25 nimmt sie angesichts der Judenverfolgungen »״_!J.iaJystock er■ freulicherweise kein Blatt vor den Mund. Per IhMt^ trkLnt »n einem überaus scharfen Leitartikel. d!e russischen Behörden haften entweder die Metzeleien selbst organisiert. oder s.c seien vollkommen tmiähig. Per 1 'KMPS bedauert, dass der Zar das Ministrimn (loremvkin, das ein Ministerium btireatikratischcr Mittelmässigkeiten sei. noch wirtschaften lasse und säet: ״Die gegenwärtige Politik der russischen Regierung ist die wahnsinnigste, die sich erdenken liessc.“ Derselbe Balvstocker Kaufmann, von dem die \ÖSS. ZTu. gestern ein an einen Berliner Geschäftsfreund gerichtetes Schreiben veröffentlicht haben, sendet einen zweiten Brici hierher, dessen Anfang vom 15. Juni 4 Uhr nachmittag«; datiert ist. Dieser Briet lautet: , , Seit einer Stunde hören wir. dass die Phmdercrbande schon unserer Wohnung ganz nahe gekommen ist. Sic hat cs nur auf die Läden abgesehen. Als sic in unserer allernächsten Nähe war, vernahmen wir einige Schüsse, die die Patrouillen abgegeben hatten. Die Soldaten und Polizisten gingen voraus. Ihnen folgten nicht mehr als etwa vierzig Jungen, die von drei Manu geffihrt wurden. Einer machte mit Kreide ein Zeichen an der Ladentür. die anderen beiden brachen mit Handwerks־ zeug die Tür auf und die bariiissigen Jungen^ begannen darauf zu plündern, wobei die Patrouille zu beiden Seiten des Ladens stand und aufpasste, dass niemand von den Juden in die Nähe komme. Als alles aus dem Laden hinausgeworfen und vernichtet war. machte man sich an einen anderen Laden, wo die Tür bereits auigebroeheu und alles für das Plünderungsgeschält vorbereitet war. Das geschah gegenüber unserer Wehmmg. und ich glaube, dass in der ganzen Stadt alle Geschälte Kreits ausgepliindert sind, denn die Bande ist von der Stadt hier zu uns gekommen. Ein P o l i z c i o ■f t i /. i c r mit einer anderen Patrouille ging v <> rb c 1. sprach mit den Plünderern. diese lächelten i 11111 z 11 und er ging dann weiter. Wie mir scheint, hat er sie begrfisst. Man ist nicht imstande, alles zu beschreiben, was wir durchlebt haben und noch in diesem Augenblicke durchleben. Unaufhörlich |jört man Schüsse, die als Zeichen zur Samni- Jung für den Janhagel dienen. Ich habe nie recht an diese Dinge geglaubt, wenn ich sie in den Zeitungen gesesen habe, und sehe jetzt mit eigenen Augen, was andere vielleicht noch immer nicht glauben. Wie es scheint, hat sich der Plan der Regierung nicht verwirklich!. Sie dachte, die j ii d ו s c 11 e 11 jungen Leute würden sich verteidigen und dann würde inan sie alle totscliicsseu können. Die sind aber nicht so dumm, sondern fagen sich: .,Wenn wir uns gegen das Militär stellen sollen,!dazu sind wir zu schwach —'׳ und sic zeigen sich deshalb gar nicht. Poch glaubt man. dass die Zahl der Tote: und Verwundeten zweihundert beträgt. Wir glauben, noch bis Sonntag’ belagert zu bleiben und wer weiss. ob es ,dann endigen wird und was dann noch geschieht. 16. Juni abends. Die Zeit von gestern •I Uhr bis jetzt habet: wir in grosser Angst zugebraclit. Um 5 Uhr nachmittag am 15. begann eine Kanonade »nd wir sahen von unserer W ohnung, wie mau in das Haus Podlaschik cindrang. E in Offizier ging voran, dann k a n! eine Patrouill e 11 n ׳.! etwa zwanzig Strasse 1t Jungen folgten. Der Schwiegersohn von Podlaschik lief auf den Balkon hinaus und begann um Hilfe zu rufen, dass wir es hei uns hörten, gleichzeitig krachten viele Schüsse und er fiel auf den Balkon tot nieder, wo er bis heute nachmittag 6 Uhr lag. Z«1 derselben Zeit kam ein Arbeiter zu mir. uni sich zu verstecken. Er erzählte folgendes: Als sie sahen, dass die Piiindererbande sich nähere, verbargen sie sich. 13 Mann hoch, in einem Zimmer. Da kan: Militär und verlangte, dass das Zimmer geöffnet werde, und als das geschah, schoss das Militär zehn .Man 1: 11 ied er. Pie drei anderen küssten den Soldaten die E Ü s s c und flehten, dass man sie am Lehen lassen solle. Sie wurden arretiert und ins Polizeiamt geführt. Dort schlug man sic schwer und warf sie dann auf die Strasse hinaus. Auf der Strasse standen Soldaten, die Miene machten, sic totzuscliicssenl Sie liefen daher ins Polizeiamt zurück 11!1J riefen: .T ö t c t uns hier, wir gehen nicht f o r t!“ Da hat mau sich ihrer erbarmt und hat sic wieder aufgenommen. Meute nachmittag wurden sie hinaiisgclasseu und liefen nach dem nahen Hospital, dort aber stand dir Pojizei und jagte sie fort, nachdem sie eine Stunde dort gewesen waren. 1111 Hospital sah der Arbeiter den Cb. F. Goldberg mit einer aufgciiäiiun Nase. Goldberg hat den Baiir.gcndanucn Geld gegeben und da haben sie il1!1 nach dem Hosoaal bringen lassen. Per Arbeiter sagt, dass er dort 65 Tote gezählt hat. die meisten davon sind von Soldaten getötet worden, er hat auch einen Toten*gesehen, dem ein >׳.< ck ins Auge gedrungen war. auch Menschen ohne Zunge mit ahgeschlagenen Füssen usw. Pie Schiesserei dauerte bis -4 Uhr nrchts. Um 1 Ihr nachts hat mau die Stadt ׳יה. zwei Steilen in Brand gesteek;. In dem Hause, das gebrannt hat, hatten sieh über!mildert Mensche-: versteckt gehalten, und da das Sclticsscu nichts geliolfen hat, brannte man das Haus nieder, und wer sich retten wollte, wurde auf der Strasse getötet. Ich bemerke, dass alle Getöteten keine Revolutionäre gewesen sind, die mclsu!! waren Kauf len te. Heute kamen der Gouverneur und die Abordnung der Duma und als sic kamen, hat alles aufgehört. ln den Getreidefelder:! hatten sich viele Familien versteckt, und so hat man hineingeschossen und viele getötet. Chaskel ,Becker dachte, dass v> schon ruhig ist. lind ging mit seinem Zuschneider zu mir. Als er über den Grossen Piatz ging, er mordete mau seine.־ Zuschneider vor unseren Augen und Chaskel rettete sich dadurch, dass־ er schleunigst nach Hause zurücklief. Ich bin nicht imstande, Ihnen alles zu schreiben. Es wird mir jedesmal übel, wenn icli zu schreiben beginne. Ein B.׳- ander des Zollamts kam Freitag zu mir und weinte wie ei:* Kind, und sagte: ״Ich schäme mich, dass ich ein Christ bin.“ Er weiss alles und fuhr am Freitag nach Petersburg, tmi■ dort alles zu erzählen. In vielen Häusern hat das M i 1 i t ä r Gel :! statt des Lebens genommen. Die Soldaten sagen: ״Wir haben keine Schuld, wir haben getan, was man litis befohlen hat. die Oiiziere drohten uns zu erschossen, wenn wir niclu folgten.“ 17. Juni. 12 Uhr: Bis jetzt sind 150 Tote und an SI'O Verwundete gefunden worden." Pie Polizei behauptet, dass Bomben tuiler die l׳r<v. geworfen seien. ' Sie selbst weiss am besten, dass cs ihre eigenen Leute gewesen sind, die Raketen, sogenannte ׳,.Rancncnschlägc“, geworfen haben, um Schrecken um! Verwirrung hervorzurufen. Sobald die vermeintlich,, n Bomben gefall,.! waren, begann das Militär za schicssen. und sofort traten c־t:c': die Hooligans nach dem bekannten System und unter Anleitung der Polizei in Tätigkeit. Obwohl Bialystock •1 Regimenter Garnison hat. wurden au: Freitag Kosaken aus Szc/.uczin herheibemdert, die morgens 10 Uhr von Grodno abgingen. Kosaken sind bekar.aiüel! da; Speziftcuni zur Beruhigung aufrührerischen tobender Volkes. Der Erfolg muss nicht befriedigend gewesen sein, denn obwohl schon hunderte von Menschen getötet oder verwundet waren. Hess mau Kanonen «aus der Festung Ossowec herbeüioie!:. Häuser und Läden sind in grosser Zahl demoliert. Was nie!:•, gestohlen werden konnte, das wurde zertrümmert und zerfetzt auf die Strasse geworfen. Schwerverwundete, die sich dureli Röcheln verrieten, wurden zu Tode getrampelt. — Ein Schwerverletzter mit verbundenem Kopf springt in den Eise:;- balinzug nach Grajewo. Ein Gendarm rcisst ihn heraus: ״Du willst weg? Du bleibst hier, du musst operiert werden!'‘ Dabei stösst er den Unglücklichen einigen Soldaten zu. die tim prompt ..operieren״: sie fangen ihn mit dem Bajonett auf! Lemberg, 19. Juni. Pein KUR.IER LWOWSKI wird aus Warschau mitgcteilt. dass sich überall der Einflus.. der von den auswärtigen Hooligans cingeicitctcn Agitation gegen die Juden fühlbar zu machen beginne. Auch in Warschau werde gegen die Juden gehetzt, und zwar durch Verbreitung der abenteuerlichsten Gerüchte. F.s wird den Leuten ei •ge• redet, dass die Juden die Urheber der gegen das katholische Episkopat gerichteten Mariavitcnbewegimg in Rmsisch-Polcu seien. Man lasse nichts unversucht, um eine antisemitische• Bewegung zu erzeugen. Am Fronleichnamsfeste waren ii: Warschau schon Vorbereitungen getroffen, um während der Prozession die Menge In Aufregung zu bringen, die Bürgerwache hat aber drei Agents provoenteurs dingtest gemacht lind diese nicht auf die Polizei gebracht, sondern in einem Hanse icstgehalten, wo sie das Geständnis ablegtcn. sie hätten von den Polizeiorganen 15 Rubel mit dem Aufträge erhalten, eine Panik hervorzurufen. Bialystock. 19. Juni. (Privat-Tclegramm.) Im Laufe des gestrigen und heutigen Tages sind 107 Erschlagene auf <k:11 jüdischen Friedhofe beerdigt worden. Pie Zalil er Vcrwuudeten ist im Augenblick noch nicht festztistellen. da \ule innerhalb der Stadt, sowie i:1 der Umgegend zerstreut sind. Im hiesigen indischen Krankenhause Hegen 50 Verwundete. Viele Verwundete sind nach Warschau gebracht worden tun dort operiert zu werden. Zahlreiche Familien schicken sieh zur Auswanderung an. Per Gouverneur erklärte sich bc.eit. das Militär aus Bialystock zuriickzuzkhcii und eine Bürgerwehr einrichteu zu lassen. Seit.Sonntag sind weitere Gew tttätigkeiten nicht voreckonmten. Die jüdische Selbst wein׳ arbeitete in den ersten StcnJcr am Donnerstag, so lange das Militär sich zurückhielt. in den

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