Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 25 Seite 372 *chuffcn. In Bosolopofe in Wolhvnicn hat der cdationsvor- Steher den Gendarmen. die Bahnhofsdienst haben, eine ausensdieinlich apokryphe Depesche ans Petersburg mitgeteilt die aber trotzdem ihre Wirkung tut. ..Tod den Juden, tötet sie alle. Nikolaus.“ Der genannte Chef hatte eine analoge Mitteilung an alle Bahnhöfe des Eisenbahnnetzes gegeben und durch die Gendarmen eine Quittung Hat über ausstellen lassen, dass ihnen diese Meldung zugegangen sei. In dein ganzen Gouvernement Jekateritmslaw arbeiten die ..wahren Russen“, welche in mehreren Ortschatten der Oegend Sektionen haben, stark daran, die Bevölkerung gegen die .luden und d e Intellektuellen aufzureizen. Der Gouverneur, an den sich die .luden wenden, weigert sich, die Juden — zu beschützen. In Sarckl (Bessarabkn) w ird ein Pogrom offen durch eilten gewissen Kationsauski vorbereitet. Allgemeine Elucht der Juden. In Litthaueu bcgimit das Gleich״. In Plnsk und Umgebung macht man sich von Stunde zu Stunde auf Metzeleien gefasst. Keine kommerziellen und industriellen Transaktionen mehr, alles steht still. Die Kosaken und* ein׳ gedungene Bande aus der Bevölkerung begannen bereits ׳dieser Tilge die Enden zu plündern. Der W iderstand, den die 1 Banditen fanden, scheint sie für den Augenblick zum Rückzug vera!1lass!*zu haben. Die Duma und das Judenschfachten Die Duma nahm in ihrer Sitzung vom 15. Juni den Antiag •auf Interpellation in Sachen der Judcnlictzvn in Bialvstock an. Aus der Debatte sei hier einiges kurz wiedergegeben: Abg. Nabokow meint, dass die Hetzen in Bialvstock ein milieilverKiindeiidcs. drohendes Anzeichen des Anfanges einer neuen Serie älmücher Judcnhetzeu seien, wie die. welche Odessa. Kischitiew und andere russische Städte mit Schanae bedeckt haben. Es wird darauf festgesfcll. dass rnif die Prozession nicht eine IJcmbe geworben worden ist. sondern dass durch Schüsse ein Signal gegeben wurde, das den Beginn der Exzesse zur Folge gehabt habe. Ach!!liehe Signale seien a 11 c 11 hi K i s c 11 i 1! e w und H o in e { gegeben worden. Die Auigybe der Reichsduma sei es, unverzüglich auf die Möglichkeit neuer migchcuci lieber Veibrechen zu reagieren. Abg .Dr. Sch mar jal! Lew in leginnt mit den Worten: Mir als Vertreter der Juden fällt es schwer zu reden während die Leichen d r Juden noch von den Strassen Blalvstccks nicht entfernt sind. Wenn es sieh um das Schicksal eines an 6 Millionen zählenden Volkes haudelt. so ist weniger Mitleid als Gerechtigkeit am Platz. Die Vorfälle in Bialvstock bilden keine Monographie, solidem liloss einen einzelnen Band eines *leie Bände zfdiLrden Werkcs. dessen anonymer Autor dem Po I i z e i d e 0 a : t e m ent wohl bekannt sei. Die Judenhetzen seien :n der Hand der Regierung ein Mittel, die W’ut unbewusster Volksmassen in die Richtung des geringsten Widerstandes auf die schutzlosen Juden zu lenken. Die Oktoberhetzen seien die erste Ausgabe gewesen, den Anfang der zweiten Ausgabe bceV Uten die Hetzen in Bialvstock. Mit dieser Niedorinetzelung von Juden beantwortet die Regierung indirekt alle unsere Forderungen. -- fciue blutige Antwort! Der Redner unterstützt den Dringlidikeitsantrag dieser Interpellation. Ahg. R y s h k o w behauptet, der Naiioualhass und die Machtlosigkeit der Regierung, diesen zu bekämpfen. sei eine V r- I e u 111 d 1111 g des russischen Volks. Abg. P I a nt o w s k i fügt hinzu, dass Christen und Polen die Juden in Schutz nehmen gegen die Judenschläcliter. Abg Kowalew s k i meint, dass es sich hierbei um die Ehre Russin• ds handle. Alle Bürger Russlands sind unsere Brüder alle sind wir Bürger eines. Landes und müssen einer für den anderen einstcheu. W ir stehen .vor einem historis.lxu Augenblicke, an dein w ir einstimmig die bürgerliche Gleichheit ohne Unterschied der Nationalität und des Glaubens anerkennen müssen. Abg. Aladjin erklärt, das russische Volk sei an den Judeiilietzcn nicht beteiligt, die nicht vom Volk, solidem vom Abschaum der Bevölkerung, der von der Administration hierzu organisiert werde, ausgeführt werden. Redner beautragt, ein oder zwei Mitglieder der Reichsduma an Ort und Stelle zu entsenden. Sache der Volksvertreter sei cs. n.it dem Volk zu sein, wenn sein Blut vergossen wird. Abg. Partschewski unterstützt dt״ lntcrocU׳tü<m des Zurtums Polen sowohl ihrem W'esen. als auch ihrer Dringlichkeit nach. Ahg. K 0 t i j a r e w׳ s k i erblickt das einzige Mitte* zur Beseitigung vo!1 Judvulietz.en in der bürgerlichen Gleichstellung aller Natlonal'triten. Abg. Roditschev führt aus: .Gestein I sagte uns die Regierung, sie sei machtlos, die Hand des! Henkers. d;r laut dem Gesetze handelt, aufzuhaltcii. Wir I ha beח kein Gesetz, da s M o r d e verbietet aber weil! Gesetze, die Mcrda gestatten. Die Autorität der Regierung baut sic b ה u f ei!1 e m Berg e v 0 n durch Blut / 11 s a 111 tu e 11 g e k i 11 e t e 11 Lei c h c 11 a 11 i. doch trage dieses nicht zur Rettung der Ehre und Würde bet. Die Regiermigsgewalt. die den Bürgerkrieg als Handhabe iliter Tätigkeit benütze, führe Russland dem Untergänge entgegen und so lange •.ine solche Regierung die Macht habe, sei das Vaterland in Gefahr.' Der Abg. Geistlicher Afauassjcw beantrag:, die antisemitische Presse zur Verant־. wortung zu ziehen. Der Antrag Aladjin s (י Abgcmducte nach Bialvstock zur Untersuchung der Ursachen der E.\- zessc zu entsenden) u ird e i 11 s t i m m i g a n g e 11 o!1!!11 e 11. (Allgemeiner Beifall.) Der Vorsitzende erklärt, dass Beifallskundgcbuugcu nicht svitthaft seien in Bezug am die Be- Schlüsse der Reichsduma. Abg, P e t r a s 11 i t z k i erw idert, ei hal>e über die Einmütigkeit der Reichsduma seinen Beifall geäiisscrt. Die Reichsduma beginnt mit Durchsicht der aui der Tagesordnung stehenden Interpellation. London, 18. Juni. Journalist L u c i e 11 Wolf erhielt über Helsiiigfors eine von i ii 11 f j ii d i s e h e 11 D ti m a - M i t - gliedern Unterzeichnete Drahtung, die um Hilfe gegen die bevorstehenden organisierten Judchmctzclcieu ansucht. Petersburg. IS. Juni. In dem eine Viertelstunde vut Petersburg entfernten i i 111 ä 11 d i s c h e 11 Badeort Terfjockl fand gestern eine Versammlluag von Dumaabgeordnctcn und Vertretern der sozialdemokratischen sozialrevolutionären. anarchistischen und der extremen f i 111 ä 11 d i s e h e 11 Parteien statt, m der drei R e s ״ II111 i o 1! e 11 einstimmig angenomen wurden. Die erste davon betont die Notwendigkeit eines energischen selbständigen Vorgehens der Arbeitsgruppe dvr Duma die zweite G-fiirwortct. dem Volke die Veranwortuug für die Tilgung der jüngsten Anleihe abzurichiuen und die dritte wendet sich gegen die Bcgicrting als Urheberin der Unruhen In Bialvstock und ruft zur Bildung einer Voiksmiii/, auf. Ucber die neuen Metzeleien d׳er Hooligans in Bialvstock legen heute eine Reihe P r i v a 11 e 1 e g r .ר n! 111 e \or, die insbesondere erweisen, dass die r e-n k t i o 1! ä r e N e b e 11 * regicrung. d. i. in Wahrheit die H a u ח t ז e d i e r u 11 g. über die Köpfe der Minister hinweg diese Metzeleien angest ftet und den amtlich. 11 riiss'fehen Apparat i,1 ungeheuerliclier W eise misslirauclit hat. Aiitklätung gibt darüber ‘ folgendes Telegramm: Gouverneur und Min ster Fclersburg. 17. Juni. DC*r Gouverneur von Grcuno erlitss. beute eine P.ekainitmachung, in der die gestrige von der Petersburger Telegraplteuagentur als offiziell bczcickiiete Depesche. welche in gehässigster Weise die Nachricht verbretete. dass d:e Ausschrc'umgen der jüdischen Bevölkerung den Pogrom (Judciihctze) in Biabstock \crauhsst hätten, absolut erlogen sei. Der Gouverneur erklärt, dass die beiden religiösen Prozession.11. die eine der Katholiken, die andere der Orthodoxen, ungestört verliefen, dass dabei kein Geistlieber und kein. Kind, wie behauptet wurde. S c 11 a ־ den g e I i 11 cp h ä 11 e. Minister Stolypin gab heute auf eine au ihn gerielit.te Anfrage zu. er w.sse nicht einmal, von wem jene erlegene clfiziclle Darstellung ausgegungen sei. Aber auch er müsse jene offizielle Depesche als erlogen bezeichnen. Dieser geheimnisvolle Ursprung der quasi offiziellen Depesche überzeugt unsere politischen Kreise davon, dass auch diesmal eine unbekannte Hand die Ereignisse in Bia- Ivstoek geleitet hat. Es handelt sich 1111! jene reaktionäre N e h e 11 r e g i e r u 11 g, die die Politik der Oktobertage fortzusetzen beginnt. Der Kriegszustand ist in •Blühstock erklärt worden. Trotzdem dauern auch unter dem Kriegszustand die Judcnmetzclclcn fort. Das noch unverbürgte Gerücht tritt am‘, dass auch in Groduo ein Pogrom ausgebrochen sei. oder dass man doch am Vorabende eines Pogroms stehe. Bialystock. 17. Jmn. Der Pogrom dauerte insofern noch fort als i in m er noch vereinzelte U e b e r i ä 11 c stattiinden. Gestern Nachmittag 5 Uhr. nfeh Eintreffen der Duma• Kommission, hörte das Sc 11 »essen zwar auf. es bcgami jedoch nachts wieder. Auch die gesamte Umgegend von Bialvstock befindet sich in höchst bedrohlicher Situation. Uel crall Aufregung und vereinzelte U eher f ä 11 e. Cfe Mordszeuen sind unbeschreiblich. P r heutig e Tag ist relativ r •; 11 i g verlaufen. Es b.nsdu Kriegszustand. Das gesamte Leben stockt. Militärische Vcrstürkimg.ut wurden I erungezogen. Nachdem die Dimiakominissioa angekoriMueu. verbreiten die Pogrowanstitter zahlreiche Märcht.'i fil>■• r d e Juden als Anstifter der Pogrome, so seien au- •gebleli hemtc in jüdischen Häusern zwei Maschinengewehre guundei! worden. Das Ist natürlich unwahr. Die Demo- I i e r u 1< g der Strassen macht einen iarehtbaren Ein• druck. Das Krankenhaus ist überfüllt, in den Höfen ringsum liegen aufgestareite Leichen, die noch nicht v,.n Verwandten