Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- Hrodna 1× ep/1044655
- Odesa 1× ep/1000834
- Vilnius 1× ep/1000947
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Seite 371 JÜDISCH!; RUNDSCHAU No. 2,5 Seiten zu. 1Insbesondere wird von der Wirksamkeit Petershurger Sendlinge in Ekaterlnoslaw. Nicdischln. Odessa. Elisabethgrad berichtet. Briefe aus Bialystock 1. Bialystock. 14. Juni. Während ich diese Zeilen schreibe, befinden sich mehrere Freunde in meinem Hause, die zu mir gekommen sind, um sich vor dem Feinde zu verbergen. Als am Montag der Polizcitncistct und ein Polizist am lichte*. Tage aui der Strasse ermordet wurden, entstand das Gerücht, dass die Poliz.ei eine Rache dafür vorbercitc und dass nunmehr Plünderungen bei den Juden erfolgen werden. Der Ofiiziet, der mit mir in demselben Hause wohnt, hat sogar der Wirtin gestern angeraten. Bialystock für den heutigen lag zu verlassen. Heute ist Fronleichnam und die Christen werden in kirchlicher Prozession durch die Strassen ziehen. Während der Prozession soll Jemand einen Schuss abgeben, und das soll dann das Zeichen zur Plir derung sein. Das wussten wir schon vorgestern, und Jetzt huren wir. dass de! Plan bereits ausgeiiihrt ist. dass schon viele Menschen tot auf den Strassen liegen und dass die jüdischen Geschälte eben letzt gepiiindert werden. Aus den Fenstern unserer Wohnung selten wir Christen mit kleinen Paketen, wohl geraubte Waren enthaltend. Vorbeigehen. Nachschrift vom 16. Juni. 6 Uhr morgens: Die ganze Nacht hindurch hörten wir viele Schüsse. Christen werden in die Stadt liineiucelasscn Juden dürfen sich ni ht auf der Strasse zeigen. Die ganze Lindenstrasse ist zerstört. Fs waren nicht mehr als etwa hundert Plünderer an der Arbeit. Uebcrall. wo sic zu nliindcrn begannen, bewachten die Soldaten das Haus ringsum mit schussbereitem Gewehr und drohten, jeden, der den Juden Hilfe bringen wollte, zu er. schiessen oder mit den Bajonetten niederzustechen. Christen wurden überall von der Wache durchgelassen, damit noch mehr Pöbel sieb an der Plünderung beteilige. Sechszel.n Kompagnien Militär verhindern die jüdische Sdbstwehr au der Verteidigung. Nacht swar ein Brand in der Stadt zu sehen, es regnete aber so stark, dass der Brand dadurch gelöscht wurde. Wie man sagt, war der Gouverneur gestern hier und erklärte, dass die Hetze drei läge laut׳ dauern werde. Die meisten Toten sind Onicr der Soldaten.*• Wir erhalten noch die folgenden Prlvatbrlefc: II. Jetzt will ich dir erzählen, was bei uns in der Stadl vorecht. Wir erleben jetzt fürchterliche Schreckenstage. Diesen Sonntag hat man auf der Lurazerstr. unser:! Polizeimeistcr ermordet am hellichten Tage. Fr war ein intimer Freund \on mir, du hast ihn auch gekannt; er war ein sehr guter Mensch und beliebt ir. der ganzen Stadt. Dienstag war das Begrabnis. Als die Jüdische Gemeinde einen Kranz hinschicktc. so wurde der Kranz von den Polizcibeanite» zurückgewiesen und nicht angenommen, trotzdem die W itwe cs verlangte und der eine Priester hat sogar gedroht, dass in ein paar Tagen in Bialystock ein Pogrom inszeniert wird. — Wir 11‘elteti gleich darauf Sitzungen ah und es wurde eine Deputation an den Gouverneur nach Orodno geschickt, der die Deputation sehr schlecht atiigcnonuncn hat und sich unumwunden äusserte. dass er nicht garantiert, oh dieser Tage nicht ein jüdischer Pogrom in Bialystock sein wird, und als die Deputation ihn lat. er soll Massregeln ergreifen zum verhüten der Pogrome, so hat er es rundweg abgesagt. Nun hielt inan wieder eine Sitzung ab, in weicher beschlossen wurde, eine Deputation null Petersbürg abzusenden zum, Minister und zur Reichs-Duma. Die Deputation ist gestern abgereist. Nun kannst du dir denken, in welchem Schrecken man hier lebt, nachdem imn jetzt klar weiss. dass die Behörden selbst zum Pogrom anspornen. Alle Handlungen sind geschlossen, man wagt s:dt nicht auf der Strasse zu zeigen. Und die Anarchisten machen sich gar nichts daraus und haben gestern atiis neue einen Soldaten und heute einen Gorodowoj ermordet und verschärfen damit noch viel mehr die ohnedies gefährliche Lage. — Ich vergass Dii zu sagen, dass der Polizeimeister Derkawetsch erst vor 2 W'ochen zum Polizeimeister ernannt wurde und die ganze Stadt war überglücklich über diese Frnetmung. Nun musste so was sich ereignen! Wie niedergeschlagen die ganze Jftadt letzt ist. kannst Du Dir kaum Vorsteher., ein ieder der lebt, ist darauf gefasst, morgen schon unter den Toten gezählt zu wetden. Indern ich Dich bestens griisse und Dir glückliche Reise nach Kolberg wünsche, hin ich Dein .... III. Ich war eben im Begriffe, den Brief zu versiegeln, da kam die Prozession vorbei, die Katholiken und die russische zusammen, (cs ist nämlich heute der sogenannte Gründomierstag), ich stand am oiitnen Fenster in meinem Zimmer und sah die Prozession vorbc!ziehen. mit einem Male fing das Volk an. zurfickzulaufcn in einer schrecklichen Panik, so! rt wurden Schüsse vernommen, die Soldaten, die überall postiert waren und die Goradowie. ich sehe herüber zur Bank unu da stellen Soldaten und schiessen. Ich in meiner Angst wusste nicht im ersten Moment, was ich tun soll und stellte mich hhtcr meinen Schrank. Das Schiessen hat aber in einem fort nicht aufgehört, mit einem Male höre ich meine Scheiben klirren und einen Kugelptm, ich lief dann durchs Fsszimmcr und da fand ich*schon vielleicht 200 Personen, die in ihrer Angst die Türe zur Front aufgebrochen haben, um sich in ein Haus zu flüchten. .Fs waren Leute die mit der Prozession mitgiugeu. Das Jammern und Weinen der Leute, zumeist Frauen und Km־ der. war herzzerreissend. ־ - Die Geschichte war folgende: Als die Prozession vor Follmans Haus vorbeikam so wurde von einem Fenster auf das Heiligenbild der Russen mit einem Revolver geschossen, daraufhin entstand eine Panik unter den Zehntausciidcn von Leuten. Die Soldaten unJ Polizisten fingen zu schiessen an. das Schiessen dauerte :•her eine Stunde, es sind hunderte von Menschen erschossen worden, natürlich nur Juden. — 2 Stunden später ging ich wieder aui mein Zimmer und wollte den Brief wegschickeii. da erblick!: feit, dass durch mein 2. Fenster, wo mein Schrank steht. 2 zerbrochene Scheiben und in der W and über meinem Schrank ein Loch, in der eine Kugel sitzt, sind. Jetzt wurJe mir eist klar, was Scheibenklirren und Pfiff bedeutete. Du kannst Dir nun vorstelicn. in welcher Gefahr ich schwebte. Nun begauii ein Pogrom in der Stadt, die ganze Deutsche Strasse ist ruiniert, auf der Strasse liegen zerbrochene Möbel Fcdc.1t etc. etc. Auch die Lindenstrassc. der Laden, der nach der Post ist in Aroiisohns Haus und das ganze Hans von Aronsohu ist ruiniert, alle Kinwohner misshandelt, die 3 Häuser Follmans. Makow’skis und Rochichtes. wo die neue Apotheke ist. sind eine volle Stunde beschossen worden. W'ie viel dort Tote und Verwundete sind, ist noch nicht festgestcllt worden. Unter den Toten ist auch der Feldscher Schlomkc vom Spital. Fr wurde gerufen in Follmans llaus. um einen Verwundeten zu verbinden. wurde alter auf der Strasse niedcrgcscliossen. Aus Furcht, dass die Leute auch nicht zu mir kommen, wol'tc ich mich auf die Post flüchten, wurde aber nicht hincingeiassen. weil ieli Jude bin. Ich ging dann ins Spital und sitze hier den ganzen Tag und wahrscheinlich werde ich hier auch nachten. Ich schreibe eben die Fortsetzung im Spital. Man weiss noch nicht genau die Grösse des Unglücks, weil man nicht wagt, auf der Strasse sich zu zeigen. Die Tclcphonzcntrale antwortet einem jüdischen Abonnenten nicht. Soeben kommt der Hausmeister vom Spital aus der Stadt und erzählt Fürchterliches. Kein einziges .jüdisches Magazin, keine einzige jüdische W'ohiiiing ist verschont worden und der Pogrom daue;t fort. Wer weiss. wie und wann das enden wird. Die Losirg hei allen Christen, und auch bei den intelligenten Christen, heisst: cm jeder Jude muss getötet werden. Der 30. Juli vom vorigen Jahre ist ein Kinderspiel gegen das. was heute vorgeht. Das Schlimmste ist. dass man nicht wegkommen kann, ich wäre sofort nach Warschau oder Wilna oder Grodno verreist, wie aber zur Bahn kommen, ohne erschossen ode־׳ sonst crmoruct zu werden? Ich telegraphiere Dir heute, damit im Falle Du erfahren wirst in Berlin, w as in Bialystock auf linset er Strasse vorgiug und Du nicht unruhig sein sollst. Wie man es vorbereitet hat Die RUSS. KORR, erhält aus Paris unter dem 16. den nachstehenden Bericht, der ihr von einem dort lebenden Mitglicde der politischen russischen Organisation zugegangen ist: ..Die politische Polizei hat antisemitische Agitatoren in die Provinz entsandt, die zugleich einen Feldzug gegen die Duma führen. Die W'irkung davon macht sich bereits in Moskau. Ksotrcma und die ganze Wolga entlang benicrkbat. Die Juden dieser Gegenden fliehen. Nach Sch'.tomlr sind iiinf dieser Agitatoren gekommen, die eine lebhafte antisemitische Propaganda entfalten. In Ellsabcthgrad ist eine Hetze in Vorbereitung: alle industriellen und kommerziellen Transaktionen sind infolgedessen unterbrochen, fekaterlnoslaw: Die Vorbereitung der Judenlietzc wächst von Stunde zu Stunde. Die Agitatoren haben als Thema ..Das jüdische Pa r l a m e n t*‘ gewählt. Dieselbe Sachlage im ganzen Gouveriiement Podolien ind Kiew. In Njeshltt das Gleiche. In Aufrufen heisst es. dass ..die Juden sich an schicken, mit ihren krummen Fingern die L ä n d e r c i e n an sich zu reisseb.“ Gymnasiasten von 15 und 16 Jahren nehmen an der antijiidisehcn Propaganda teil. Die Bauern werden ofien aus dem Markt abgerichtet. In KBc’.tlnew wird der Ausbruch der Hetze von Stunde zu Stunde erwartet. — In Odessa -- dieselbe Situation. Die Juden fliehen. Die Behörden suchen die Wachsamkeit der jüdischen Bevölkerung eiiizuschläfern. ohne irgend eine aufrichtige Massrcgel zu