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Jüdische Rundschau · 1906-06-22 · Heft 25 (22.6.1906) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 25 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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weichen noch sehr stark von einander ab, Einige Quellen Reben { 50 Tote an, während Augenzeugen von 600 Toten sprechen, j 6000 Juden sind in die umliegenden Wälder geflohen, denn in | den von' Bialvstock benachbarten Ortschaften Starosclski und Lapi haben ebenfalls Judenhetzen begonnen, an denen sich die Bauern auf Befehl der Polizei beteiligen. Bialystock. eine reiche Industrie- und Fabrikstadt mit vielen Tuchwebereien, licgr ausgestorben und verwüstet da. Die Verwundeten werden, weil alle Hospitäler überfüllt sind, nach Brest, (Irodno um: Warschau gebracht. Der Hilfsverein der deutschen Juden erhielt aus Petersburg am 17. Jiuii morgens das nachstehende Telegramm, das beweist, in welch ungeheuerlicher Weise der offizielle russische Apparat bei Gelegenheit der blutigen Ereignisse in Bialystock missbraucht worden ist: ..Der Gouverneur von Grodno crliess heute eine Bekanntmachung, in der die gestrige von der Petersburger Tclcgrahjjci:- agaitur als offiziell bezeiclmete Depesche, welche in gehässigster Weise die Nachricht verbreitete, dass die Ausschreitungen der jüdischen Bevölkerung den Pogrom in Bialvstock veranlasst hätten, absolut erlogen sch Der Gouverneur erklärt, dass die beiden religiösen Prozessionen, die eine der Katholiken, die andere der Orthodoxen ungestört verlief, dass dabei kein Geistlicher und kein Kind, wie behauptet wurde. Schaden ge- Httcn hätte. Minister Stolypin gab heute auf eine• an ihn gt - richtete Anfrage zu. er wisse nicht einmal, von wem jene erlogenc Darstellung ansgegangeu sei. Aber auch er müsse jene offizielle Depesche als erlogen bezeichnen. Dieser geheimnisvolle Ursprung der offiziellen Depesche überzeugt unsere politischen Kreise davon, dass auch diesmal eine unbekannte Hand die Ereignisse in Bialystock geleitet hat. Es liandclt sich um jene reaktionäre א c b e n re g i e - rmlg. die die Politik der Oktobertagc fortzusetzen ■beginnt. Der Kriegszustand ist in Bialystock erklärt worden. Trotzdem dauern auch unter dem Kriegszustand die Judenmctzclcien fort. Das noch unverbürgte Gerücht tritt auf, dass a,uch in Grodno ein P r o g r o m ausgebrochen sei. oder, dass man doch am Vorabende eines IJrogron1s stehe. Die Stimmung der Arbeiter und Beamten der verschiede!.- steil Eisenbahnen ist nach Nachrichten aus dem Lande ausserordentlich erregt. Neue grosse Wirren scheinen bevorzustchcu. Weiter telegraphierte der Berichterstatter des Hilfsvcrcins der deutschen Juden, dem cs trotz der noch herrschenden Unruhen gelungen ist, bis an die Grenze der Stadt Bialystock zu gelangen, am 17. Juni morgens: Der Progrom dauerte insofern noch fort, als immer noch vereinzelte Uebcrfälle stattfinden. Gestern nachmittag 5 Uhr nach Eintreffen der DuinakcmmLssion hörte das Sclticssen zwar auf. es begann jedoch nachts wieder. Auch die gesamte Umgegend von Bialystock befindet in höchst bedrohlicher Situation. Ucberall Aufregung und vereinzelte Uebcrfälle. In Bialystock selbst hatten am ersten Tage den Hauptanteil anxden Massakers die Chuligans. darunter viele, die von answärts^aul Kommando herangerufen worden waren. Waltrend der letzten zwei Tage nimmt 1'n erster Reihe das Militär an den Plünderungen Anteil, die Zahl der Opfer ist bisher nicht einmal schätzungsweise zu ermitteln, da man nicht weiss, wer geflohen tiud wer getütet ist. TCas Militär werde zu Massakres der jüdischen Bevölkerung direkt kommandiert, meist unter dem Vorwand, dass Revolutionäre in den einzelnen Häusern seien oder dass aus den Häusern geschossen wurde. Um die Juden zu veranlassen, die Häuser zu verlassen, wurden diese in Brand gesteckt und die darauf Flüchtenden einzeln niedergeschossen. Auch zahlreiche Christen wurden getötet, so ein Apotheker samt seiner gesamten Familie, .ln seinem Hause wurden gleichfalls alle christlichen Zöglinge des G y nt u a s i a I p e 11 s i o n a t s ermordet. Viele jüdische Opfer i;eien am Balmhofe. Eine grosse vor die Stadt geflüchtete Menge wurde ven Militär umzingelt und zusamntciigeschossen. Die Läden wurden nicht mir geplündert, sondern die Häuser in allen Tc lcn vandalisch vernichtet. Einige sehr reiche Einwohner erhielten gegen grosse Summen militärischen Schutz, der sie bis zum Bahnhof geleitete. Bisher sind verhältnismässig wenige geflüchtet, da die Stadt umzingelt war. jetzt setz» die Flucht nach allen Richtungen ein. Durch einzelne entschlosse ne Männer, die bewaffnetwaren, wurden einige Häuser gerettet. Ein weiteres Telegramm, das erste aus Bialystock selbst, lautet: Fast sämtliche grössere Geschäfte, hauptsächlich aber die Gold- und Uhrengeschäfte, werden vom Schwarzen Hundert unter dem Schutze der Behörde ausgeplündert. Die Mordszenen sind unbeschreiblich. Aus diesem letzten Telegramm geht hervor, dass der Weg nach Bialystock im Augenblick wenigstens bereits wieder ofien. sodass nunmehr hoffentlich das Hilfswerk für die Ueberlebenden wird cinsctzcn können. Ein weiteres Telegramm, das dem Hilfsverein der deutsehen Juden am Vormittag des 17. Juni von der deutschen Grenze zuging, berichtet: Der hier eingetroffene deutsche Kaufmann Sporket bericittet dass bei seiner Abreise aus Bialystock die Metzeleien fortdauerten und einige Häuser brennen. Militär schreitet den Hoo- Hgans voran u!d Pohzcl folgt ihnen, um jede Selbstvertcldigung unmöglich zu machen. Ein russischer Zugführer bei ichtet, dass ihm ein russischer Gendarm, welcher mit der fragliehen Prozession ging, berichtet habe, cs sei. zwar angeblich eine Bombe geworien worden, wie einzelne behaupte?', aller explodiert sei sic jedenfalls nicht, er habe nichts gehört.- Amtliche Lügen Wesentlich anders weiss natürlich die russische Regierung, auf deren Befehl gemordet wird, die Voigynge darzustcljcn. Sic hat ein Kommunique erlassen, in dem die Metzeleien in Bialystock folgcndermassen geschildert werden: " ״Am 14. d. M. 1 Uhr nahmittags wurden während einer Prozession der Orthodoxen mehrere Schüsse auf dieselbe an der Kreuzung der Alcxandrowsk- und Institutsstiasse aus der dritten Etage der Häuser Rakitisch und Makowsky abgegeben. Drei Frauen und zwei Kinder wurden getötet und mehrere Personen verletzt. Auch in der Tykotska- Strasse wurden Schüsse auf eine katholische Prozession ahgevkhen. ohne jedoch jemand' zu treffen. Dann wurden auf dem Bazarplatz zwei Bomben geworien. ohne dass jedoch dabei Menschen zu Schaden gekomm cn wären. Alsbald brachen Unnihcn in der Stadt aus. die den ganzen Tag andauerten. Es kam zu blutigen Ztisammenstössen zwischen den Juden und Christen. Ein Volkshäufe begann die Läden der Juden zu plündern. Nun wurde:! Truppen zur Unterstützung der Polizei herangezogen; sie wurden aber durch Schüsse empfangen, die von den oberen Stockwerken, den Dachkammern und den Dächern der Häuser her abgegeben wurden. Die Truppen erwiderten mit Gewehrfetter. Um 7 Uhr abends war im aJgemeipcn die Ruhe wiederhergestellc. aber einzelne Gewehrschüsse und vereinzelte Gcwalttätigkcilen kamen noch bis am anderen Vormittag vor. Zu dieser Zeit begannen die Unruhen und die Zusammens t ö s s e zwischen Juden und Christen von neuem. Mehrere Personen, die sich aut' dem Boden des Hauses gegenüber dem Gebäude der Poüzeivcrwaltung aufgestellt hattu!, schassen von dort aus auf das .Polizei Verwaltungsgebäude, ohne jedoch jemand zu verletzen. Wie arn Abend vorher wurde auf die Truppen gefeuert. Die Plünderung der Läden der Juden hat aufgehört, die Ordnung ist wicdcrhcrgcstellt Die Zahl der Getöteten ist noch nicht genau 'ithstgestellt man nimmt aber an. dass mehrere Dutzend Menschen dabei ums Leben gekommen sind.“ Balten und Russen Man weiss. dass die baltischen Deutschen die besten Lieieranten von Russen sind. Es ist nämlich ein besonderes Merkmal der Balten andern Deutschen gegenüber, dass sie ihr Deutschtum in Russland im Russeutum und ihren lutherischen Glauben in der alleinseligmachenden griechischortiiodoxcn Kirche verschwinden lassen, wen» sie damit zu hohen und höchsten Stellen aufsteigen können. Sic beweisen regelmässig damit dass sie das schlechteste Volksclement sind, das die deutsche Nation besitzt. Dass sie samt und sonders die allerjudcnfeindliclistcn Antisemiten sind, ist bekannt genug und cs bedurfte gar nicht der reichen Judcnsammlungcti in der FRANKFURTER ZEITUNG und dem BERLINER TAGEBLA IT für die angeblich geplünderten ״baltischen Stammesbrüder", uni diese antisemitische Gesinnung klar zu erweisen. Auch hei den jetzigen Pogromen macht sich die sogenannte deutsche Presse, die niemals einen deutschen Mut gegen die Russifizierung bewiesen hat. um die Ausbreitung und Entschuldigung der Pogrome verdient. Der ST. PETERSBURGER HEROLD bemüht sich seit läiigcm. die Judenverfolgungen durch eigens erfundene Nachrichten im Voraus zu entschädigen. Die LIBAUSCHE ZEITUNG gibt sich hinterher, wie schon vorher. tür die Lügen der Regierung her: Es ist sehr bezeichnend, wie sich in diesen allcrteutsclicsten Russenblättern der Pogrom von Bialvstock malt. Man merkt den Neid heraus, dass man diesen famosen Hmiptspcktakel in Libau noch, nicht hat. Wir geben hier alles buchstäblich wieder, wie cs von der LIBAUSCHEN ZEITUNG ihren Lesern kund zu 'vissei! getan wird: ״Bialvstock. Während der Kirchennrozession wurden von einigen Unbekannten einige Schüsse abgefeuert, die das Signa!

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