Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 368 J 0 DI SCHI; RUNDSCHAU No. 23 Man wusste, was kommen wird \\ eitcr übermittelt der Hilfsverein der deutschen Jude!• einen Brief aus Bialystock. der vnn dort einen Ta!׳, vor da! Massakres an eine in Berlin lebende Dame ahgesaitdt worden ist. Dieses Schreiben stellt mit absoluter Peutl.ciikeit kL• :־. was von den Vertuschungsversuchen der russischen Regierung und des russischen offiziösen Tclegraphcrbüreaus zu halten ist. Pi.* entscheidenden Stellen in dem Brieie lauten: Bialystock. 14. Juni. Vorigen Sonntag haben die Soldaten beinahe eine Metzelei bei uns ivif dem Marktplatz veranstaltet. S־e hatten die Sache sclum begonnen und zerstörten einig• 1. fi dem Doch dank der Sclbstwehr, welche in die HtK>l:gans schoss, und auch dank dem Polizeimeister, dem verstorben.•.׳ Perkatschew. ־welcher mit einer Truppe von Sehutz'.eut zeitig herhcitilte und zu schiesseu begann wie sich späte•־ herausstellte, in die Luft ־ wurde der P<n׳r o m i n: Keime erstickt. Ls iielen freilich einige Opier. Ob.1: sagte ich: der verstorbene Perkatschew, weil mau ilm in da. letzten Tagen auf dir Strasse durcli einen Rcvolversclmss 1־tete. Wofür und weshalb, weiss niemand. Denn er war i:n lüchst-.n (trade ein ehrlicher und ordentlicher Polizei* meister. Man sagt. dass dieser Mord eine P r o v o k a t i o;• gewesen sei. welche durch den Prlstaw Scherenietlcw verau* lasst wurde, einen bekannten Antisemiten. Ausserdem war Sciiercmctjew ein persönlicher Eeind des Verstorben»1 .»;־*•• hatte seit lange den Wunsch, die Stelle Derkatschcws ei.izn nehmt•:!. Morgen ist Feiertag. und für morgen sind Prozessioner: der schwarzen Hundert in Aussicht genommen. u׳.d es herrscht die ernste Befürchtung, dass morgen ca Pro grom stattfinden w rd. Wie gross diese Befürchtung ist. kannst du dir kaum vorstcllen. Wir haben poch bis jetzt nie etwas Derartiges erlebt: es ist eine furchtbar diiickanJe Stimmung in der ganzen Stadt und bei a.len Bewohnern. A's mau seitens der j ü t! 1 s c h e n Ci e s c 11 s eh a 11 einen Kranz, der für das (׳ruh Derkatschcws best trau war. aus Dankbarkeit durch die Strassen trug, hat man d es•;• Kranz z u r ü c k g c w i e s c 11. Heute ist der grösste Ted der mehr oder weniger besitzenden Einwohner aus Besorgnis iortgeiahren. Aus diesem Schreiben geht imzwcitdliatt hervor, dass auch in Bialystock der Prcgrom vorbereitet worden ist. Man war sich j! Bialystock völlig klar darüber, was bcverstand, und so fest war mau von dem Ausbruch eines Pro* groms überzeugt, dass Familien denen ihre Wohlhabenheit cs gestattete, die Stadt lecluzcitig vcrliesscn. Der Brief, der ei! wertvolles Dokument darstellt, wird, wie wir hören, du: mit der Untersuch.ung der Ereignisse in Bialystock betraute״ Delegierten der Duma zur Verfügung gestellt werden. Ein vom selben Tage datierter, an die Alliance Israelite Universelle gerichteter, vom 14. Juni datierter Brief besagt: Bei uns in der Stadt herrscht furchtbare Erregung. Diese:! Sonntag ה Uhr pachnüttags wurde auf der Soiuschstrussc unser Polize.'meister Perkatschew getötet. Er war ein seltene! Mann. Die Stadt fühlte sich hei seinen Lebzeiten durchaus geborgen. Alle sind über diese Untat empört. Eine jüdische Deputation brachte einen Kranz zur N'.ederlegtmg auf seinen Sarg, aber diese Deputation wurde nicht empfangen, vielmehr wurden die Erschienenen nicht zugelassen, sondern mit Schimpf- Worten zurückgewiesen. Die Deputation verstand, was mit dieser Taktik beabsichtigt war. und begab sich imverziiglch nach Grcduo zum Gouverneur, der der Deputation iolgcnde Ertfiuuug machte: _,.A m 30. Juni v. J. sind in Bialystock 40 Juden getutet worden, und danach herrschte sechs Monate lang Ruhe. Jetzt wird man lCOU Juden umbringen, und damit wir I man wohl aut lüngerc Zeit Ruhe schäm•.•׳. Für etwaige Kra* walle und Massakers übernehme 1:11 heue Garantie!“ Man kann sich kaum cir.e Vorstellung von den hiesig»!: Voigängei! machen. Wer irgend käme verlässt die Stadt. Wir Uahgu überhaupt kein Lehen, sondern verbringen uns»r Dasein in Acngstcu und (Jualcu. Der gcringsje Strasseiilärm lässt uns zusammcnsclirecken und erweckt furchtbare Vorstellungen m uns. Wir alle in der Stadt verbringen unsere Zeit in der Erwartung eines 1.nbestin׳n>te11, aber schreckcnsvollai ko!!.- ii'uuleu Ereigusses. / Also die geängsteten jüdischen Bewohner Bialystocks. UuJ c:cse verschüchterten Leute sollen gegen Andersgläubige sollen zumal gegen russ'sche Orthodoxe Bomben geschleudert hüben? Fortsetzung der Metzelei Nach einem Telegramm, das das hiesige Bureau der ...Alliance Israelite" aus Bialystock erhalten hat. halten die Metzcle.cn in Bialystock in schrecklicher Weise an. ebenso i: Grodno. Auch Grajewo ist \חיי S»l1recken crgriffe.i. Die offiziöse Petersburger TelegraphuiageiUur lässt sieh zu folgenden Meldungen herbei: Petersburg, I(». Juni. Aus Bialystock wird gemeldet, dass das Schiesseu gestern mittag dort wieder begonnen hat. Via׳.- Personen sollen das Leben eiugcbüsst haben, au i d e in Ba It n* h o f w 11 r d e 11 s e c 11 s j i* dis e h e Reisende g c t ö t e t. Am heutigen 'läge wurde über Stadt und Bezirk Bialystock der Kriegszustand verhängt. Grodno, 16. Juni. Das Schiesseu in B alystock dauerte auch heute den Nachmittag über fort. 0 041 v e r 11 e ur Ra b b i!1 ist nach Biaiystock angereist. Es sind auch Vorräte ' 1'־.» geschickt worden. Königsberg, 17. Juni. Flüchtlinge aus Bialystock berichten. Als die Juden einen Kranz auf den Sarg des von ihnen ge schätzten und anständigen Polizeibuimtcii Berkatseiiew niederlegen wollten, erklärte Scheremetj.w. der Nachfolger von Derkatseliew : ־..Fort mit Euch, am Donnerstag werdet Ihr selic״•* was wir mit Euch machen.*' Man betrachtete bei uns die Lage so.nrt so ernst, da wir Sciiercmctjew kamiteu, dass eine Depi! tation unmittelbar zum Gouverneur nach Grodno fuhr. Der Gouverneur sagte für Donnerstag Werde er Ruhe garantieren. Darüber hinaus könne er nichts verspreche;! Wir wandten ms auch s(.fnrt an die l׳un׳y, doch war am Donnerstag der Pogrom nicht mehr ah/uw e!׳d»11. Es luite'uii zwei Proze"־ sinnen statt, eine katholische, an der wohl Menschen, und c:ne orthodoxe, an der etwa 50:י יי Personen teilnahnien- Letztere bestand aus einigen Beamten und Cliausscearbeitern. die aus M i 11 e I r 11 s s I a 1! d z u g c z o g e 1! waren. Obgleich in Bialystock stets völliger Friede z w i s c 11 e 11 J 1. d e 11 und Christen geherrscht hatte, wurde die Lage immer bedrohl.cher. als Hui ig ans aus der l'mgegend in die Stadt strömten. Um 3 Uhr wurde in der Ale\anders:ras»,c nicht eine Bombe, sondern eine Petarde geworfen, als die orthodoxe Pr1׳>.ss4!! vorüberzog. so!;,niete wenigstens das Gerücht. D. ich an dies.r Stelle nicht anwesend war. kann ich m.r die Angaben anderer wiedergebe!!. Die katholische Prozession blieb absolut ungestört, und es beteiligten sich auch au den späteren Plünderungen keine Katholiken. Unmittelbar nachdem das Gerücht, dass eine Petarde geschleudert worden sei. bc* kapi't wurde, begann d:e Plünderung unter den Augen tmd dem Schutz der Zivilpolizei und Offiziere. Juden, die sielt vor* teidigten. wurden vo 1! d c 11 PI ii 11 d e r e r 11 e r s e 11 o s s c n. Di; Plünderung dauerte zunächst drei Stunden. Die Zahl der Verwundeten und Getüteten ist noch uiibekuimt. aber ich schätze sie *auf mehrere hundert und wohl auch 1.ו1ר Läden und Häuser sind demoliert worden. Nachdem der General Bogaiewski um 3 Uhr nachmittags erschienen war. horte die Pliindcruuc voiiiber* gehend aut. Am Freitag begann die Plünderung daun von neuem, auf das erlogene Gerücht hin. dass ein Dachziegel aut den Sarg einer christlichen Fr an bei der Beerdigung geworfen sei. Auf der Station Bialystock \\ iirden 6 j ii d i s c h c P a s s agiere ermordet, sowie eine Anzahl Passagiere im Waitc* saal I. Klasse, und zwar In Gegenwart von höheren Mllitfu* Personen, einer starken Militärpatrouille und P o I i z e i b e a m t e n. Petersburg, 17. Juni. Immer deutlicher tritt d:e schamlos: Veranstaltung d:r Bialystockcr JudcnMetze durch die Polizo I .rvor. So c'raluct der Spezial-Korrespondent der BIR* SHEWAJA WJFDOMOSTI aus Bialystock. dass der Polizei* pristaw der jüdischen Deputation am 10. Juni aus Anlass de! Ermordung des Polizcimcistcrs von Bialystock offen gcd־oht habe. a:11 M. werde eine Jud»׳:hetze beg'nr.cu. Diese Drohun vcranlasste d e Deputation, sieh r.1׳ den Gouverneur zu waulc i. welcher däe Juden beruhigte, dass am 14. Juni nichts p:1s.s:er»u werde. Beim Ausbruch der Hetze, welche auf ein gegebenes Schussslgnar begann, waren sechs Infanterl.׳- und zwei Ka* vallcrlercßimentcr anwesend, ausreichend, um iede noch s ׳ grosse Unruhe zu unterdrücken. Statt dessen schcsscn die Truppen aul die Jeden und verhinderten weder die Pliinderuiu der Läden noch die Vergewaltigung fliehender Juden auf de!:׳ Bahnhof, w eiche von seitens der Polizei gedungener Scherge! aus• den Waggons gezerrt und ia Gegenwart vo.1 Gendarmen halbtot geprügelt wurden. Auf den fünf Mauptstrasseii wurden iU)v־r 201 f Läden . ausgeraubt. Die Plünderer bestanden au.־» Gruppen von 10 bis 13 Mann, welche von Haus zu Haus zog•:;׳, d e Waren unter Aufsicht der Poi.zci auf die Strasse warfen, i a sogar M e 11 s e 11 e 1! aus d e m dritten St o c k w e r k auf die Strasse schleuderten. Die Angaben über die Verluste