Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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25 .סא JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 3( >7 nis der Sachlage die jetzige schwere Zeit iiir eie rttssi« sehen Juden einigermassen vorausgesellen. Aber man schlug ihre Warnungen in den Wind, weil man dogmatisch an den gradlinigen Fortschritt glaubte. Und wir stehen doch nur erst am Anfänge neuer Blutströme. Denn nicht eher wird unser Volk Ruhe finden, als bis cs auf dem angestammten Boden den zerrissenen Faden seiner Geschichte wieder aufnitiuut und tortspinnt. Wir müssen alle Hand anlcgen, zu helfen und zu retten, aber wir müssen wissen, dass alles, was wir tun, kaum ein Tropfen ist auf den heissen Stein, und dass nur der Zionismus den gehetzten Juden und dem gehetzten Juden• tum die Ruhe bringen wird, deren sie zu einer kultu־ rellen Entwicklung bedürfen. Darum ist cs doppelt not- . w endig, wenn die Augenblicksnot an unsere Tore pocht, der c n d g i 11 i g c n Hilfe nicht zu vergessen, die w ir für unser Volk leisten müssen. Auch Schekel und Rationalfoud sollen ja dermaleinst Judentränen trocknen. Das Blut unserer Brüder dampft zum Himmel empor. Man hat gemordet, — und man mordet weiter. Und man wird weiter morden. Denn cs sind ja nur Juden und die sind nach dem deutschen Antisemiten- Katechismus ja nur ..vielleicht Menschen.*‘ Wenn das menschliche Blut sich nicht empört, unser Blut wallt auf. Und wir müssten Schutte, niedrige Gesellen sein, wenn sich uns nicht das Herz zusammenkrampfte bei den Taten der Kultur, die man an tmserm Fleisch und Blut verübt. ״Du sollst beim Blute Deines Bruders nicht miissig stehen“ ruft uns unser Gesetz in seinem lapidaren Stile zu. Wir alle müssen lauten und vernehmlichcn Protest einlcgen, dass es seit zwei Jahrtau־ senden selbstverständlich geworden ist. dass man Juden mordet und morden darf! Wir heben unsere Hände zum Gotte der Gerechtigkeit empor: ״Unsere Hände sind rein von Blut!“ Wir verlangen keine Liebe und keine Gnade, nur ein ganz klein wenig Gerechtigkeit! Das Blut der Gemordeten schreit empor zum Hirntuel. Das Blut der Mädchen, die mau geschändet und vergewaltigt, denen man die Bäuche aulgeschlitzt hat. ruft zunt Himmel empor, das Blut der unschuldigen Kinder, die man langsam zu Tode gequält, das Blut de•* ermordeten Frauen. ״Du sollst nicht nnissig stehen beim Blute Deines Bruders!“ Wer cs vermag, glaube an Liebe und Kultur! Wer aber will, dass Taten wie in Bialystok wenigstens in späterer Zukunft unmöglich seien, der lege mit Hand ans Werk, dass das Judenvolk doch einmal ein Heim bckommt, in dem seine Söhne keine Fremden seien. Dann wird der Gerechtigkeit eine Stätte geschaffen sein. Bialystock Bialystock frtiss. Bjelusiok) ist eine Kreisstadt und liegt an der Biala und au den Linien Petersburg-Warschau der Krossen russischen Eisenbahn. Die Stadt hat gegen 70 000 Einwohncr. darunter 70 Prozent Juden, in Garnison den Stab der 16. Infanterie-Division und deren 1. Brigade, sowie* der *1. Kavallerie-Division und deren t. Brigade. 61. und 61־. Infaitterie-Regiment. 10, Dragoner-Regiment, 7. und S. Reitende Batterie, gut gebaute Strassen, geräumigen Marktplatz und eine Kaufhalle mit Turm, ic l russische, katholische, cvangelischc Kirche. 2 grosse Synagogen. 16 jüdische Bethäuser, I Realschule, zahlreiche, meist jüdische Eabriken. darunter 19 \VoH- und Tuchfabriken, besuchte Märkte und bedeutenden Handel mit Getreide. Holz und Manufakturen. Das Judenmorden in Bialystock Die amtlich approbierten Meldungen, die das Wölfische Bureau aus Bialystock verbreitet, beziffern die Zahl der Toten auf 53. Die Depesche besagt: Die ganze Nacht hindurch wurden Revolver- und Gewehrsebiisse gehurt. Halte steht m allen Eabriken der Betrieb still. Es wurde Artillerie herbeigwruien. Bis jetzt hat mau?3 Tote aufgeuommen. Es wird niemand zur Stadt zugelassen, in der Stadt herrscht Mangel au Lebensmitteln. Das BERLINER TAGEBLATT erhielt von einem Fabrikanten, der Bialystock am Tage vor Beginn der Metzeleien noch rechtzeitig verlassen hat, folgende Darstellung der dem Blutbad vorangegangenen Ereignisse: . . Der vor einiger Zeit ermordete Polizeimeister D e r k a tschetv war noch nicht lange auf seinem Posten Er war der beste Polizeimann, den man tu Bialystock je gekannt hat, und hatte vor Kurzer Zeit den Lade;: eines Juden gegen meuternde Soldaten geschützt. Wenige Tage darauf wurde er telephonisch zu einer Versammlung geruien, bei der es angeblich zu Unruhen gekommen sein sollte. Als er an dem oben genannte:: Orte ankam, wo überhaupt keine Versammlung stattfand, wurde er aus dem Hinterhalte erschossen. In Bialystock war man allgemein überzeugt, dass der Fristaw Sdiermctjew, ein J 11 d e n h e t z e r schlimmster Ar t. der sich oft offen zu dem ״schw arzen Hundert•‘ bekannt halte, der Urheber dieses Mordes sei, da ihm Dcrkatsehcw im Wege war. - - Die Vertreter der jüdischen Gemeinde wollten mm zum Begräbnis des allgemein beUebtem Polizeimeisters einen Kranz, stiiten. he- 1 durften aber zu diesem Zwecke der Erlaubnis Schermctjews. der die Begiäbnisicieriichkeiteu leitete. Aui ihr Ersuchen antwertete Selicrmetjew. ״Ihr seid Blutsauger, ih: schlosst n n s nieder wie die Hasen, und jetzt ko m in t ihr mit Kr ä 11 nn?! I h r v e r d i e n t. dass ihr alle n i c d e r g c 111 a c h t werdet!“ Ein Arzt, der die jüdische Deputation führte, antwortete: ..Ich hedauesc. dass ich mich in Ihrem Kabinett befinde, wo Sie Amtsgewalt haben. Wären wir in meinem Zimmer, so würde ich Sie ohrfeigen. Ich werde mich beim Gouverneur heschwerat.“ Darauf cmgegnctc Schermctjew: ״Fahren Sie nicht zum Gouverneur. Sic würden das in spätes teils zwei Tagoj! bereuen!* Genau zwei Tage später nahmen die ersten Metzeleien ihren Anfang. — Eine Deputation der mtelligcntesten Juden, die nicht zu den Revolutionären gehören, fuhr nun zum Gouverneur von Grodno, der sic sehr ur.- gnädig empfing. Er warf ihnen vor. dass sic R e v o! u t i «.־ n fi r c und Bluthunde seien, und antwortete auf ihren Einwurf, dass doch auch gegen ihre eigenen Häuser Bombe•! geworfen wurden seien: ״Gegen Sie sind leere Bomben ge- Worten worden, gegen uns aber Bomben, die töten!‘* <־- Das trifit nicht zu. da mehrere Bialystockcr jüdische Fabrikanten infolge von Bomkencxplosionen schwer verletzt im Hospital liegen. — Die Deputation erwiderte dem Gouverneur, er se. doch dazu da. sielt und sie zu schützen, und wenn er daz... keine Macht habe־, so solle er doch das Unglück nicht noch dadurch v e r g r ö s s e r 11, dass er die Judenhetzen gestatte. ־ Sie konnten jedoch von dem Gouverireur nur dieselbe Antwort erhalten, die ihnen bereits der P r 1 s t a w gegeben hatte. Das vyar am Mittwoch. Am Donnerstag wurde eine* Bombe auf die broiileiclmamsprozcssion geworfen. Die Bombe ist nicht von Anarchisten ״der Juden geschleudert worden. d:e niemals eine religiöse Prozession sturen, weil sie sonst die Volksstimmung gegen sielt aufbringen würden. Die Bombe ist nach der allgemein herrschende!! Ucberz.eugtmg aui Verau• lassung S c U e r m c t j e v s ven Polizisten geworfen worden — wenn es sich überhaupt um eine Bombe, nicht vielmehr um ein von der Polizei arrangiertes Feuerwerk handelt - . um endlich die ersehnte judenhetzc herbcizuuilireu. Auf hundert Opfer mehr oder weniger kommt es bei der Polizei dabet nicht an. Dafür spricht auch der Umstand, dass man mit den; Blutbad gewartet hat. bis der ruhige und besonnene Kommundeur der Garnison, General Pogajewski durch da! j u d c n f e i n d t i c 11 e n General Bader ersetzt worden war. Ein alter Oberst, der in Bialystock stationiert ist. haue bereits beim Eintreffen Baders geüussert: ״Hütet euch, dass nichts vorkommt! Denn wenn jetzt etwas vorkom m t. werdet ihr so zuger.'clitel. dass nicht das Kind 1 m M u 11 c r t c i b c übrig bleib t.“ %