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Jüdische Rundschau · 1906-06-22 · Heft 25 (22.6.1906) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 25 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 366 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 25 ges Geschlecht mir noch ein wissenschaftliches und archivalisches Interesse daran hat. Aber hoch »miss er stehen, sch hoch. Penn der Missbrauch des kaiserlichen Namens wurde nicht widerrten. Während immer und immer wieder die blutrünstigsten Prokluitnioncn gegen .die Juden im angeblichen Namen des Kaisers Nikolai erlassen werden, •ist noch nicht ein einziges Mal eine kaiserliche Aeiisscrung nach unten durchgedrungen, worin der Selbstherrscher auch mir etw as wie eine U11- Zufriedenheit mit den Morden üusserte. Der Mann oder die Männer der ״N c b e n regicrung“ muss also so hoch stehen, dass sie in Wahrheit die wirkliche Regierung darstellen. Penn alles in Bialystock wie früher in Kischinew und Homel, dann in Shitotuir und bei den Novembermordei! ist von Amtswegen geschehen. Polizei und Militär haben nur gehorcht und selbst die Chuligans sind extra zum Fronleichnamsfest aus Mittel- Russland herbeigeholt worden. Es muss ausdrücklich fcstgestellt werden, dass die polnische, katholische Bevölkeruug an dieser schamlosen Ausbeutung ihres höchsten Festtages unbeteiligt und u n s c 1111 l d i g ist, und es ist kein Zufall, dass der Erzbischof von Warschau aus dem Grunde alle öffentlichen Prozessionen untersagte, weil e; wohl wusste, wie man auch in Warschau das katholische Fronleichnamsfest ausmitzen wellte, 11111 namens der verletzten polnischen Katholiken eine allgemeine Judenschlächterei zu i11szenie?en, von der die Polen gewiss ihren Anteil abbekommen hätten. Wir Juden sind es bereits gewöhnt, dass die Wutausbriiehe der Völker an uns ausgelassen werden, und wir sehen darin nicht neues, ausser dass w ir immer wieder von neuen Arte n der Misshandlungen, Yergewaltigungen, Folterungen und Grausamkeiten hören, die unsere wahrlich mit Blut geschriebenen Annalen mit neuen Blutgeschichten bereichern. Auch das ist eine alte Geschichte, dass Juden direkt oder indirekt ihre Hand zur Verfolgung ihres Volkes reichen. Wir reden da nicht bloss von den Abtrünnigen, die ja schon durch ihren Abfall und Ucbergang eine faktische Anerkennung der Berechtigung der judcnieindschait subjektiv gcgeben haben, sondern w ir denken an jene reichen Juden, denen das Goldene Kalo so heilig und teuer ist, dass sie sogar nach den Novcnibcrgreiieln sich dazu hergegeben haben, die russische Anleihe zu lanzicrcn, die dazu dient, die Chuligans und Polizcimannscliaften für ihre Mühewaltung in Bialystock zu entschädigen. Denn auch dieses Mal ist den ia dauernd im Dienste der Regierung stellenden Chuligans während der Pogromtage ein erhöhter T a g c I o 11 n bezahlt worden. Wie cs freilich Juden geben kann, die cs über sich bringen, mit russischen Uniformmützen vo1־ allerlei Schulen in den Strassen Berlins heruinziistolziercn und damit die Augen jedes fühlenden Juden zu verletzen und zu beleidigen, das kann nur einer verstehen, der auch die Arbeit der reichen Wiener Juden für die russische Bliitanleihc zu verstehen und zu billigen vermag. Aber haben wir denn überhaupt ein Verständnis? Vermögen wir es denn zu verstehen, dass es recht und billig ist. dass man Russland in seinen Gewalttaten, in seinen seit Jahren fortgesetzten blutigen Verfolgungen ruhig gewähren lässt, während ein einziger Missionar in China, der jahrzehntelang täglich berufsmässig mit dem religiösen Gefühl der gesamten chinesischen Bevölkeruug in Widerstreit gerät, mit Heeresaufgebot gerächt wird. Oder gilt es nur für Christen und gegen nichtcliristliche Staaten, dass Europa interveniert? Im Blute von Hunderten und Tausenden von Juden watet die russische Regierung oder Neben regierung, und es fällt keinem Staate Europas ein, seine guten und herzliehen Beziehungen zu diesem Reiche, das immer wieder beweist, wie wenig es mit den andern ah Kultur und Gewissen gemein hat, auch nur ein ganz klein wenig kühler werden zu lassen. Oder sollte die Nachricht die in verschiedenen Blättern soeben wiederkehrt, darauf hindeuten, wonach die Deutsche Regierung, wenn auch in der diplomatischherzfielisten Weise die Russische Regierung auf die bedenklichen Folgen der Bialystocker Jiidenhetze aufmerksam gemacht hätte. Natürlich hat sich die deutsche Regierimg. wie immer, darauf bcschränkt, die Sicherheit für deutsche Staatsangehörige zu verlangen. Dabei muss die Version der KOELN1- SC1IEN ZEITUNG beachtet werden, die ausdrücklich als leitendes Motiv die Furcht der deutschen Regierung ins Feld führt, es mochten flüchtige russische Juden sieh in Deutschland aufhalteii, zu deren Wciterschafimig das Von jüdischer Seite gegebene Geld nicht mehr allein ausreichen möchte. Dir schwere tmd tiefgreifende Fmtriistung,״ die sieh in englischen Blättern aller Parteirieluungen geltend macht und die verlangt, dass die englische Flotte von dem Besuche in Kronstadt absehe, ist gleichfalls ein Motiv dafür, dass man in Europa empfindet, dass man, wenn es sieh nicht um Juden handelte tmd wenn Russland kein christlicher Staat wäre, man eigentlich intervenieren müsste. Der einzige Staat, der etwas Positives geboten hat, ist bisher nur jene Türkei, in der uns nach den Befürehtungen allzu schwarz in die Zukunft Sehender ein Anneniersehicksal bedrohen könnte. Wie glücklich wären die russischen Juden, wenn ihnen nur ein Armenierschicksal in der Türkei zuteil würde, sie, die einem Judensc 11 ic k sa 1 im christlich en R u ssI a!1 d zu trotzen gewohnt sind. Gerade jetzt hat der Pascha von Jerusalem ein Irade bekannt gemacht, wonach im Hinblick und unter Bezugnahme auf die Unsicherheit russischer Juden in ihrem Heünatlandc russischen Juden nicht bloss ein zeitlich beschränkter Aufenthalt in Palästina gestattet sein soll. Eine eudgiltige Lösung der Judenfrage ist nicht ideutisch mit der augenblicklichen Hilfe, die sofort zu leisten ist. Aus dem brennenden Ofen von Bialystok, aus den Gluten des auflodernden Russland rufen unsere Brüder und'Schwestern nach Hilfe. Aber es gibt kein Christliebes Land, das unsere Verfolgten aufnimmt. Wir müssen daran denken, auch heute unsere Flüchtigen in die rettenden Länder zu entsenden, die einst unsere aus Spanien vertriebenen Stamiucsgeiiossen allein gastlich auigeuoiumen haben. Nur in den Ländern des Islam können sie von den Berührungen mit der christlichen Welt eiiiigcrmassen geschützt sein, die mm einmal unter der Berührung mit den Juden die Prinzipien der Liebe weniger gut in die Tat umzusetzen vermag. Das hat nichts zu tun mit der öffcntlich-rcchtiich gesicherten Heimstätte, die wir fiir das Jüdische Volk in Palästina bezwecken, und darum können wir hierin ohne weiteres von der absolut geschlossenen Siedehmg und von dem eigentlichen Palästina ahseheu. Aber cs gibt äugen• blicklich keine Zuüuchtstütte ausser in den Ländern, wo der glaubensverwandte Islam und das ha!bstamm\erwandte Tiirkentum herrschen. Ein merkwürdiger Zufall will es. das gerade jetzt die Unschuld des Mannes vom französischen Kassationshoi cndgiltig fcstgestellt wird, dessen Unschuld vor 12 Jahren nur von den wenigen Zionisten verfochten wurde. ״Dieselben Zionisten haben in richtiger Kennt-

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