Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651447-2651471--03654-2660591- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 362׳ JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 24 -■-זו‘-״— die glcichgiltigsten Dinge schii’chtern und mit ängstlicher Dis• kretion zu behandeln pflegte. hat er mit eiserner Hand die wahren Interessen der Judenheit hervorgeholt und sic auf ein öffentliches Forum gestellt. Vor den Alicen und Ohren der *samten Menschheit sollte die jüdische Kation ihre Geschichte Tortsetzeu. Seitdem hat die zionistische Bewegung ihren allgemeinen Kongress, und die einzelnen Landsmannschaften haben alljährlich ihren Dclcgiertcntag. Aufgabe und Zweck des Dcicgicrtentags besteht hauptsächlich darin, die Landesorganisation auszubaucn und der Agitation neue Wege zu eröffnen. Er soll ferner etwa vorhandene Missverständnisse klären und den Parteigenossen Gelegcnhcit bieten sich näher kennen zu lernen. Hm! —- Diesmal in Hannover — na. die Missverständnisse wurden so geklärt, dass sie in ihrer ganzen Klarheit wahrscheinlich bis zum nachsten Delegiertentagc erhalten bleiben werden, und die Vertreter der Ortsgruppen haben sich gründlich genug kennen gclernt, allerdings in dem Sinne, in dem man zu sagen pflegt: Warte, du sollst mich kennen lernen! — Aber das Wichtigste, die Frage» der Organisation und Agitation, wurde dennoch zur Zufriedenheit erledigt, dank der bewährten ״kleinen Exzellenz“. Es ging zuweilen heiss her auf diesem Delcgiertcutage. Man ereiferte sich, schrie und lärmte. Und cs kam wirklich einmal vor. dass zwei Helden sich damit brüsteten, sie hätten dts Organ dazu einander in jeder gewünschten Tonhöhe zu überschrcicn. Da aber jeder von beiden der kltVgcrc war, gaben beide nach, und so geschah cs, dass den versammelten Achivern das herfiche Schauspiel versagt blieb. Die tieferen Gründe für die manchmal etwas erregten Szenen lagen in dem Umstande, dass die meisten Delegierten ihre Köpfe zu Hause gelassen und nur ihre Herzen initgcbracht hatten. Wäre das Gegenteil der Fall gewesen, so hätten sic eingcschcn. dass nicht die geringfügigen Differenzen, sondern die grossen gemeinsamen Bestrebungen und Ziele der Beratung zur Basis dienen müssten. Sehr geistreich charakterisierte Herr Rechtsanwalt Gronemann-Hatmovcr die Situation, als er eine Rede mit den Worten begann: ..Mit der Besprechung dessen, was uns trennt, werden wir in diesen beiden Tagen fertig: wollten wir darüber sprechen, was uns vereinigt, so müssten wir wochenlang beisammen bleiben.“ Übrigens wurde fceln Anwesender durch die Lebhaftigkeit der Diskussion überraschL man hatte sie als etwas Selbstverständliches erwartet. Begegnen die Zionisten einem äusseren Feinde, so treten sie einig und brüderlich auf die Schanzen, sind sic unter sich, so ist es ja ganz natürlich, dass sie sich nicht durch Komplimente und unbedingte Friedfertigkeit anöden, sondern dass sk sich im Interesse der Bewegung gegenseitig die begangenen Fehler verhalten, ihre eigenen Ansichten verteidigen und die vermeintlich falschen der arideren bekämpfen. In taktischen Fragen herrscht hi keiner Partei, ln keiner Bewegung volle Übereinstimmung. Das wäre der Tod. Man darf also die hitzige Streitgier, die ein gutes Recht unserer temperamntvollen Rasse ist. nicht etwa tragisch nehmen. Die Gegenstände, derentwegen die Leidenschaften losplatzten, gehörten ausserdem gar nicht nach Hannover, sondern nach Basel. Die eigentliche Tätigkeit des Delegicrtentages. die die praktische Arbeit in Deutschland zu berücksichtigen hatte, verlief rasch, ruhig und sachlich, sodass die Zusammenkunft im wesentlichen ein guies Resultat zeitigte. Der Zuhörerraum war am ersten Sitzungstage ziemlich gefüllt, und zwar grösstenteils durch Besucher aus Berlin und anderen Städten und einige in Hannover ansässige Juden des Ostens. Die Eingeborenen, die jüdischen Welfen, hielten sich fern, wahrscheinlich weil ihnen jemand vorgeredet hat. dass die Zionisten Menschenfresser sind. Möglich xvär’s. ich übertreibe nicht. Es scheint da Juden zu geben, die eine sehr phantastische Vorstellung von einem Zionisten haben. Ich erlebte ein Gcsoräch in einem Kaffeehausc-übrigens brauche ich wohl nicht hervorheben, dass die Stadt auch Kaffeehäuser hat: denn im anderen Falle wären die Zionisten nicht nach Hannover gegangen. Für Berliner Leser füge ich als drollige Tatsache hinzu, dass in diesen Lokalen auch Christen zu sehen .waren. — Dort also sass eine Anzahl Zionisten an einem grossen runden Tische, ich selbst hatte mit zwei Freunden in einiger Entfernuug davon Platz genommen und erfreute mich der Nachbarschaft eines einheimischen jüdischen Ehepaares. ״Du, sich doch mal.“ hörte ich die Dame geheimnisvoll sprechen, ״da drüben das scheinen die Zionisten zu sein, Sehen aber eigentlieh nicht unmanierlich aus.“ Er nickte glcichgiltig. und sic fuhr fort: ״Wcisst du. es sind auch einzelne wirklich intelligente Oesichter darunter.“ — ״O gewiss.“ bemerkte der Mann, ״ich habe mir sagen lassen, dass da z. B. ein gewisser Dr. X. zugehört, dessen Vater sogar Kommerzienrat in Berlin ist.“ Nun ging mir eine Ahnung auf. wie schwer cs den Zionisten gewesen sein muss, in Deutschland Propaganda zu machen. Wie oft mögen sic ihre Kraft an einer Menschheit vergeudet haben, mit der Götter sclbs♦ vergebens kämpfen! Aber — zu ihrer Ehre sei’s gesagt — sic haben niemals Mühe, Geld und Zeit geschont, wem! es galt, ihrem Ideal neue Freunde zu werben: und dank ihrem unermüdlichen Eifer dürfen die deutschen Zionisten trotz aller inneren und äusseren Schwierigkeiten mit den Erfolgen des letzten Jahres dennoch zufrieden sein." Zionistischer Parteitag Die Eridcsgcfertigten berufen für Sonntag, den 1. Juli d. J., nach Krakau einen ausserordentlichen Parteitag mit folgender Tagesordnung ein: 1. Stellungnahme zur politischen Aktion und Schaffung chier politischen Organisation. 2. Beratung eines politischen Programmes der Österreich!- scheu Zionisten. 3. Diskussion der Wahlaktion. Diesen Parteitag zu beschicken, sind alle organisierten österreichischen Zionisten berechtigt. Die Dcicgicrtenwalileu sind nach § 2 in <1. Versammlungen vorzimclimcn, wobei die bei den letzten Parteitagen üblichen Normen gelten. Die Wahlen müssen bis 'längstens Mittwoch, den 20. Juni, abgcschlossen und bis längstens den 22. Juni an D r. S c h a 1 i t, W icn IX, Wah ri ngc rs t r ass0 3, gen:?11!.I s?:», worauf den Delegierten die Ein'.rff.lskirtc• lau! die dem Partc-Hage zu unterbreitende,! Vorlagen sofort ztigclicn werden. ״. D r. Schalit (Wien)* D r. Margulies (Wien), Fritz Low (Prossnitz), Doz. Dr. Mahler (Prag), Dr. Goldwasser (Krakau), Adolf Stand (Lemberg), Dr. B r a u d e (Stanislaii), Abgcordn. Dr. S t r a u c h c r (Czcrnowitz). Für Cs!וצו ג d!r־:r SU"?. r;:nV:mt Cs kJ J; k P.t!;!4!cn curd!5 ן rcargcseUHchs Verantwortlichkeit. - — - -.- - ....—-־ ——י Sehr geehrter Herr Redakteur! Als ich nämlich in persönlichem Gespräch mit Ihnen die Ansicht vertrat, dass die Unmöglichkeit, zurzeit politiscno Arbeit für Palästina zu leisten, für die meisten Zione-Zion der Ausgangspunkt für ihre Forderung praktischer Arbeit sei, bestritten Sic meine Auffassung liebenswürdig, wie immer, aber entschieden. Ich bin der RUNDSCHAU dankbar, dass sic mir in ihrer heutigen Nummer den dokumentarischen Beweis füir die Richtigkeit meiner Behauptung geliefert hat. Auf dem Delcgicrtentag sprach Herr Dr. Elias Auerbach mit klaren Worten aus. was mir längst als die psychologische Quelle des unheimlichen Palästinaeifers bekannt war. ״Heine, S. 315־. hat die politische Gruppe ihren Bankerott erklärt: Die diplomatische Arbeit .,steht vor einer Mauer“, die praktische soll verboten sein. Was bleibt da zu tun? Nichts, ausser vielleicht das magere Schlagwort der nationalen Volks־ erziehung.“ Herr Dr. Auerbach hat in der zitierten Rede Herrn Dr. Klee die Frage vorgclcgt. ob cs denn Irrtümer wären, die er so lange propagiert habe. Mir will scheinen, dass mit grösserem Recht die Frage an die Vertreter der angeführten Anschauung gerichtet werden könne. War denn die Ueberzeugung von der politischen Methode als dem einzigen Mittel einer wirklichen Erlangung bei denselben Herren, die sic heute verwerfen, ein Irrtum? Dann kann die praktische Arbeit, die man so lange auch auf dieser Seite als dem Endziele schädlich bezeichnet hat bloss dadurch heilsam werden, dass der politische Weg zur Zelt nicht gangbar ist? Oder ist die zitierte Anschauung nicht vielmehr — verzeihen Sie das harte Wort, cs ist die einzige sachgcmässc Bezeichnung — die politische Bankcrotterklärung ihrer Väter? Ich wäre Ihnen für Abdruck dieser Zeilen dankbar: vielleicht findet meine offene Frage eine Antwort. Ich verbleibe mit herzlichem Zionsgruss Ihr ganz ergebener; Moritz Bau m. Charlottenburg, dcu 8. Juni 06. An die Redaktion der JÜDISCHEN RUNDSCHAU Berlin NAV. In No. 23 geben Sic die von mir In Hannover gemachten Ausführungen in folgenden Sätzen wieder;