Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 24 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 357 lieber sind, als die Süsseren.“ Nach dieser Rede befahl der Regimentsadjutant: ״Die des Lesens und Schreibens Kundigen zw׳ei Schritt vorwärts.“ Aus den Reihen traten vkr Bauern und vierzehn Juden. ״Shidij?*' schrie der Adjutant. ״Hebräer“, antworteten die Soldaten. ״Ganz egal, schert Euch weg!“ Abends kam der Kompaniechef in die Kaserne und las den Soldaten einen Artikel aus den MOSKOWSKIJA WJKDÜMOST! vor. woran er folgende Worte knüpfte: ״Das ganze Unheil, worunter unser Vaterland leidet, kommt ausschliesslich von den Juden, die unser Biut aussaugen und dennoch so tun, als ob cs ihnen um den Muschik und den russischen Arbeiter zu tun wäre. Doch glaubt ihnen nicht. ״Moschka" — und er zeigte auf einen jüdischen Soldaten — ״ist Euer Feind. ich, ein Russe, ein Rechtgläubiger und Adeliger, warne Euch, den! ״Moschka“ zu glauben! Spuckt ihm ins Gesicht!“ Die Soldaten umringten den ״Moschka“ und begannen, diesen Befehl buchstäblich auszuführen. Schliesslich konnte ״Moschka“ sich nicht mehr beherrschen, und als der Stubenälteste sich ihtn näherte und ihm direkt ins Gesicht spuckte, fuhr ״Moschka“ auf und gab ihm zwei Ohrfeigen. Hierauf kam ״Moschka“ ins Mditärgefängnis und bald wird ihn ein Kriegsgericht wegen schwerer Misshandlung eines Vorgesetzten aburtcilcn. Üeberall dasselbe Wie die Lage der Juden im Innncren Russlands ist, zeigt der folgende Ausschnitt aus einem Privatbriet aus Kasan; ״Über die Verhältnisse hier in Russland wissen Sie wahrscheinlich alles ebensogut wie wir. Was ur.s die Zukunft bringt, kann niemand sagen. Jedenfalls gehen wir unvermeidlich blutigen, schrecklichen Ereignissen .entgegen, und die* können jeden lag ganz unerwartet eiutreten. Die Stimmung ist eine sehr - gedrückte, verzweifelte. Ob das ..Parlament“ zu irgend welchen Resultaten kommt, ist sehr zweifelhaft, da die Gegenpartei sich stark fühlt und hartnäckig ihre Rechte (oder das Unrecht) gelten lassen will. Wir Juden haben daselbst 12. vielleicht gar 14 Deputierte, darunter allein 6 Zionisten. Die Mehrheit des Parlaments tritt ja für unsere Menschenrechte ein, aber es wird noch mehr als ein Jahrhundert vergehen, bevor wir sie im Leben tatsächlich vielleicht erreichen, ln Polen w׳urdc so eifrig gegen die Juden agitiert dass kein einziger Jude gewählt wurde — und Polen wählte allein 32 Deputierte. Nur sind die mehr als 2 Millionen Juden unvertreten gehlieben. Die Lage ist sehr traurig.“ Polnische Poesie Aus Warschau wird berichtet: Der polnische Dramatiker Stefan Kozlowski hat den bekannten Roman, der sich zwischen dem Polcnkönigc Kasimir und der schönen Krakauer Jüdin Esther abgespielt hat. in einem fünfaktigen historischen Schauspiele verarbeitet, welches ״Kasimir der Grosse und die schöne Esterka“ betitelt ist und von der Direktion des hiesigen polnischen Nationaltlicaters zur Aufführung angcnommen wurde. In der jüdischen Bevölkerung ist das Gerücht aufgetaucht, dass das neue Drama antisemitisch angehaucht ist. Infolgedessen herrscht grosse Aufregung und macht man sich auf stürmische Demonstrationen seitens der Juden am Tage der Aufführung gefasst. Eine Webeschule Lodz. Bei der Israelitischen Handwcrkerschule^ (Talmud- Thora* wird eine spezielle Webschule errichtet. Zu diesem Zweck hat die JCA (Jewish Colonisation Association) 26000 Rubel gespendet. Die Baupläne sind bereits vom hiesigen Architekten Scligsohn angefertigt. Mit dem Bau des Gebäudes wird Mitte Juni begonnen. Die innere Einrichtung der Schule, sowie die nötigen Maschinen wrcrdcn von Fabrikanten gespendet. Das Gebäude wird auf dem Territorium der Handwerkerschule errichtet. ״Bezalel“, Kunstgewerbeschule in Jerusalem Demnächst soll die offizielle Eröffnungsfeier der Kunstgewerbeschule ״Bezalel" in Jerusalem stattfinden. Am Unterricht, der bereits anfangs März begonnen hat, nehmen 14 Schüler (5 aus Russland. 3 aus Galizien, 2 aus Bulgarien und 4 aus Jerusalem) teil. Die meisten Schüler haben bereits eine hinlängliche kiinstlerische Ausbildung genossen und manche sind von einer vielversprechenden Begabung. Es wird deshalb ganz leicht werden, einige von diesen Schülern zu tüchtigen Lehrern für späterhin an anderen Orten des Landes zu begründende Filialanstalten der Jerusalemer Kunstgewerbeschule auszubilden. Auch die praktische Unterweisung im Teppichkufipfen hat bereits begonnen. Es steht zu erwarten, dass man nach einigen Monaten an die eigentliche gewerbliche Produktion wird Herangehen können. Viele erwarten diesen Augenblick mit grosser Ungeduld, leider viel zu viele! Die Begründung des ״Bczalcl" ist von der Jerusalemer Bevölkerung mit grosser Freude begrüsst w׳crden. Man erhofft allgemein von diesem Unternehmen eine wesentliche Besserung der ökonomischen Verhältnisse. Alle gesunden, arbeitstiiehtigen, von der Chalukah nicht angekränkelten Elemente scharen sich um den ״Bezalcl". Einige hundert haben sich als Arbeitsbewerbei vormerkeu lassen. Leider werden nicht die Wünsche aller so rasch befriedigt werden. Sehr viele haben sich auch zur Teilnahme an den Abendkursen angemcidct, aber leider sind die jetzigen Räume noch .zu klein, um alle fassen zu können. Erfreulich 1'st es. dass dieses aussiclit&volle Unternehmen wohlwollende Förderer, insbesondere in Deutschland, gefunden hat. die die Begründung der Schule ermöglicht haben. Unter anderem sind dem Vereine 3 jährliche Schüler- Stipendien ä je 300 Mark und ein Jahresbeitrag von 1500 Mark zugegangen. — Die Stipendien sind dazu bestimmt, den bcgabtesten, aber unbemittelten Schülern Mittel für den Unterhalt zu verschaffen. Religionskongress in Tokio Der angebliche Rcligionskongrcss In Tokio war bekanntlieh aus den Fingern eine österreichischen Redaktion gesogen. In Tokio war von einem solchen Vorhaben nichts bekannt. Immerhin ist eine Bemerkung der DEUTSCHEN 1SRAELITI- SCHEN ZEITUNG in Regensburg, bemerkenswert, die an die falsche Meldung folgende Betrachtung knüpft: ״So viel scheint sicher zu sein, dass von Seiten des Christentums und des Islam stark an. der Gewinnung der Japaner für ihre Religion gearbeitet wird, wen!! auch ein förmlicher Kongress nicht stattfindet. Sollte das Judentum tatlos beiseite stehen?“ Ja. wenn man im Judentum eine Religion und keine Nation erblickt, muss man die Forderung einer Mission zur Bekehrung anderer Völker stellen. Das wäre eine Konsequenz, die man aber aus unbewusstem Nationalgcfiihl nicht zieht. Sprechsaal Sehr geehrte Redaktion! Einige jüdische Blätter haben aus Hannoverschen Tages- Zeitungen Berichte über gewisse Vorgänge in der Hannoversehen Synagogengcmeindc entnommen, bedauerlicher Weise, ohne meinen Vater, den hiesigen Landrabbincr. oder mich zunächst um Aufklärung zu bitten, obwohl Tonart und Inhalt der angezogenen Artikel auf’s Deutlichste erkemen lassen, dass es sich um gehässige und einseitige Darstellungen handelt. Ich beschränke mich, da es mit meinem Begriffe von persönlicher Würde unvereinbar erscheint, derartige anonyme und lügenhafte Angriffe irgendwie einer eingehenden Entgegnung zu würdigen, auf folgende kurze Erklärung: 1. Meine ganze Tätigkeit bestand lediglich darin, in mehreren Gemeindeversammlungen meinen Vater vor gegen ihn gerichteten Angriffen zu schützen und den meiner Ansicht nach unvollständigen Bericht über die betreffenden Vorgänge zu ergänzen. 2. Alles, was über die Beteiligung der Zionisten gesagt ist, ist barer Unsinn. Eine Anzahl Zionisten haben Lei dieser Angclegenheit allerdings das Wort genommen, aber mit der alleinigen Ausnahme meiner Person standen sic auf der anderen Seite. Die Zionistische Vereinigung hat mit der ganzen Sache nicht das Geringste zu tun. Das Hincinziehen des Zionismus ist nichts als eine agitatorische Mache von mehr als gewöhnlieber Unverfrorenheit. 3. Ganz besonders verblüffend wirkt die Hereinziehung der ausländischen Juden in die Debatte. Weder besteht unter den Zionisten noch sonst wo eine Bew׳egung zu Gunsten ihrer Aufnahme in die Gemeinde, noch haben sic mij. der*, Angelegenheit überhaupt das allergeringste zu tun. Es ist offenbar hiermit eine Denunziation zum Zwecke der. Aus- Weisung beabsichtigt und dürfte Herr von Oldenburg die ״auständigen Juden“, welche seihst für eine Ausweisung ihrer ausländischen Brüder sind, mit besserem Erfolge in Hannover' suchen. Die Gehässigkeit gegen den Zionismus, der Hass gegen die ausländischen Juden, der Hang zu Entstellungen bilden wertvolle Fingerzeige dafür. w׳as tür eine A!t Persönlichkeit der Urheber dieser Berichte gewesen ist, durch welche die der Sache fernstehenden Hannoverschen Zeitungen so erfindlieh düpiert worden sind.