Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 356 JÜDt SC HE RUNDSCHAU__Ha U christlichsozialen WIENER DEUTSCHEN VOLKSBLATT fffr vollen Ernst genommen und in diesem Sinne eine Notiz aufgcnonnncti. in der von dem Aufsatz Dr. Bernfcld als einem ״gemeiner“ und .frechen“ und von diesem selbst als einem ״Gemeinlrig“ gesprochen wird und die mit den Worten sclilicsst: ..Out gebrüllt. Itzig!“ Das BAYERISCHE VATER- LAND druckte diese Auslassungen des genannten Wiener Blattes ab. Deshalb zog sich der Redakteur des VATERLAND, Otto Schey, eine Klage des Dr. Bcrnfeld wegen Beleidigung zu. Redakteur Schoy erklärte sofort, der Artikel des Klägers sei ihm erst jetzt vollständig bekannt geworden, er sei der Meinung gewesen, die Stelle, die das Wiener Blatt abgedruckt, stelle ein abgesehlosscnes Ganzes dar. So. wie er den Dr. Bernfeldsehen Artikel jetzt kenne, könne er nur sagen, dass er mit dessen Tendenz übercinstimme, denn auch er verwerfe einen Glaubenswechsel aus rein eigennützigen Motiven. Angesichts dieser Erklärung empfahl der Vorsitzende eine gütliche Rege- Jung der Angelegenheit und so kam schliesslich ein Vergleich dahin zustande, dass der Beklagte unter Übernahme sämtlicher Kosten mit Rücksicht auf den ihm jetzt bekannt gewordenen Gcsanitinhalt des Berufeklschen Artikels, die von ihm aus dem WIENER DEUTSCHEN VOLKSBLATT übernommenen he- Icidigenden Äusserungen mit dem Ausdruck des Bedauerns zurücknimm{. Der Vergleich wird auf seine Kosten je einmal i... BTAYERISCHEN VATERLAND, der MÜNCH ZTO nd der ALLG. ZEITUNG DES JUDENTUMS pul.Iizie-t Wie man im Trüben fischt Hannoversche Tageblätter bringen übereinstimmend folgeude offenbar aus derselben trüben Ouclle stammenden Ausführungen, die wir im Wortlaut des HANNOVERSCHEN TAGE- BLATTS wiedergeben: ״Aus der Synagoßcngmelnde Hannover schreibt man uns: Streitigkeiten in Kirclicngemeinden aller Konfessionen gehören nicht zu den Seltenheiten, doch ist ein in der sonst friedlichen jüdischen Gemeinde ausgebrochener Konflikt fast ohne Beispiel. Seit etwa 10 Jahren drängt eine grosse Anjahl der Gemeinde- Mitglieder auf Anstellung eines zweiten Ortsrabbiners; vor 10 Jahren war es nur die bessere jüdische Bevölkerung. Inzwischen isf auch der Mittelstand hinzugetreten, soweit derselbe nicht der orthodoxen Partei angehört. Die Notwendigkeit der Anstellung ergab sich namentlich, weil der für die Hannoversche Ortsgemcinde angesteilte Rabbiner »deichzeitig auch noch das Amt eines Landrabbiners von drei Regicrungsbzirken. von mehr als 50 Gemeinden und die Seelsorge von mehr als 12 000 jüdischen Seelen zu versehen hat. Als der Landrabbincr vor mehr als 20 Jahren sein Amt antrat, zählte die Gemeinde Hannover kaum halb so viel Mitglieder als jetzt, und auch die sonstigen Amtsgeschäfte sowohl in der Verwaltung des Synagogen- und Schulwesens von 3 Regierungsbezirken, als in der Leitung zahlreicher Wohlfahrts-Einrichtungen haben sich fortlaufend bedeutend gesteigert, während der sehr pflichttreue Seelsorger alter geworden ist und an seiner Gesundheit bedeutend nachgelassen hat. Der Vorstand und das Repräscntanten-Kolicgiuni hatte nun mit dem Landrabbiner. der bis vor zwei Jahren sich der Anstellung eines zweiten Geistlichen widersetzt hatte, in friedlichster Weise schliesslich die Anstclluug eines demselben subordinierten zweiten Ortsrabbiners durch gemeinsames Abkommen vereinbart, und der Ansteliungsvcrtrag für den zweiten Ortsrabbiner hatte er in aller Form die Genehmigung des Landrabbiners gcfunden. Auf Antrag von 50 Gemcindcmitgliedern wurde nun zur Erörterung jener Anstellung ein״ Gemeindeversammlung einberufen und bei diesem Anlasse ereignete es sich, dass als einziger Opponent der eigene Sohn des Landrabbiners, ein hiesiger Rechtsanwalt, mit einer cinstiindigcn langen Rede erschien, durch die es ihn gelang, eine Anzahl Gemciudcmitglieder zu veranlassen, dem von seinem Vater angenommenen Vertrag die Zustimmung zu versagen. Nach wiederholten erregten Versammlungen und lebhaften Agitationen einiger Anhänger des in der Zionistenpartei agitatorisch wirkenden Rechtsanwalts und zufolge Lauheit vieler Oemeindemitglicder erschien nur ein Drittel der Gcmeindemitgiieder zur Ahsjimmuug, bei welcher Stimmengleichheit und bei Revision derselben eine differierende Stimme (weisser Zettel) festgestellt wmrde, so dass die für ungiltig erklärte Wahlhandlung am kommenden Montag wiederholt werden muss. Die Folgen dieses bedauerlichen Kirchenkonflikts sind Bereits durch Gründüng einer Separat-Gcmcinde in Erscheinung getreten, so dass der langjährige Friede in der Gemeinde gestört ist; auch haben mehrere Repräsentanten ihr Amt niedergelegt, und die übrigen auf ihrem Posten bislang ausgeharrten Vorsteher und Repräsentanten w-erden, wie mau hört, ihre Demission nehmen, falls die Gemeinde nicht zu dem Anträge •ihre Zustimmung gibt. Wie man hört, wird die Ziouisteiipartei, falls sie die Oberhand gewinnt, die in Hannover in grosser Anzahl! ansässig«! Galizier (denen bislang die Aufnahme verweigert wurde), die hier vier Bethäuser besitzen, als Mitglieder atifnchmcn. falls nicht die Königliche Regierung durch Ausweisung der Aus-!ander diese Absicht hindert.“ ״Über dieselbe Sache erhalten wir von anderer Seite folgende Mitteilung: Die Zionistcn-Partei innerhalb der Gerueinde hat nicht den grossen Anhang und Einfluss, um die gegen den Antrag des Vorstandes stimmenden Mitglieder zu beeinflussen. Es muss vielmehr festgestcllt werden, dass innerhalb der Gemeinde-Mitglieder wohl höchstens 15 sind, die der Zionislen-Partci angehören, und unter diesen 15 befinden sich sogar einige Mitglieder des Rcpräscntantcn-Kollegs, die sich doch gewiss nicht beeinflussen lassen, gegen ihre», eigenen Antrag zu stimmen. Übrigens sollen Bestrebungen im Gange sein, um einen allseitig befriedigenden Ausgleich zu finden und im Interesse des weiteren Friedens der Gemeinde ist diesen Bestrebungen voller Erfolg zu wünschen.“ Der unbekannte Herr, der die ״aus der Synagogengemeinde Hannover‘ schreibt, möge sicli merken: ״Der schlimmste Schuft In! ganzen Land, das Ist und blc'bt der Denunziantl“ Das Hinausspieleu des an sich recht glclcngütigen Synagogenstreites auf die Ausweisung der ausländischen Juden, sieht danach aus, als ob jemand im Trüben fischen möchte. Aus Südrussland Überall in Russland wird weiter gegen die Juden gehetzt. So heisst cs aus Odessa: Die Personen, denen der Schutz der ״Ruhe“ übertragen worden ist, haben nur den ״Stimmen der Presse“ die Redefreiheit gelassen, die es übernommen haben. Menschcnhass und Matsche,־tvcnnchümg zu predigen. Und man muss es ihnen lassen, ~ sie haben noch nie so ausgiebig von ihrem Recht Gebrauch gemacht als jetzt. Es vergeht kein Tag. an dem in der hiesigen ..Schutzpresse“ nicht etwas Neues, Sensation Erregendes, das gegen die Juden gerichtet ist, erscheint. ״Die Judenwähler haben die Stimmen für die Kadetten gekauft, und die erste Rcicl.sduma gehört ganz und gar den Juden. Den wahrhaften Russen und dem Väterchen Zaren droht eine grosse Gefahr." — Ganze Haufen von Aufrufen und Proklamationen, die zur schoni r.gslosen Vernichtung der Juden aufiordem. werden überall! verbreitet. Die Schuld an der Ermordung von Pogrcbnay, eifern der Haupthcldeu der Oktobergreucl. die von einem Sozialrevolutionär verübt worden ist (nicht von einem Juden), wrird in diesen Aufrufen den Juden zur Last gclv^t. an denen man für das unschuldig vergossene Blut Rache nehmen müsse. — Der Rabbiner der Stadt Tschemowitzy erhielt Briefe, die den Vorschlag enthalten, in den Synagogen zu verkünden, dass, wenn auch nur ein einziger Polizeibcamtcr erschlagen würde, dafür die ganze jüdische ■Bevölkerung der Stadt vom Kleinsten bis zum Grössten niedergemetzelt werden soll, und dass die Juden den Tod von Pogrebnoy mit ihrem Leben und Gut biissen sollen. Der Vertreter des Stadthauptinanns, Giers. hielt beim Begräbnis von Pogrebnoy eine sehr rührende Rede und Jicss sich unter anderem in bezug auf die Juden folgendennassen aus. ״Als ich und der Herr Stadthauptmaim au deinem Bette standen, fragtest du nur eins: ״Woiür?" Und als du im Sterben lagst, riefst du uns zu: ״Brüder, nehmt Rache!“ Dein .Vermächtnis werden war heilig erfüllen! Wir werden dich rächen! Wir werden dich rächen!“ — So sprach Giers, der jetzt infolge der Abreise des Generals Grijojew nach Petersburg die Stelle des Stadthauptma!u1s von Odessa vertritt. Es ist überflüssig, auszuführen, wie derartige Rede«! auf das Volk wirken. Antisemitismus in den russischen Kasernen In Warschau gamisoniert das 38. Tobolsker ■Infanterie- Regiment, dessen Kommandeur kürzlich folgende Ansprache an seine Soldaten hielt: ״Soldaten! schwere Tage inacht jetzt unser Mütterchen Russland durclu Aufwiegler und Sozialisten wollen unser Vaterland teilen und hetzen sogar unsere tapferen Soldaten auf. indem sic ihre Lehre unter den treuen Dienern unseres Väterchens Zar zu verbreiten suchen. Die Mehrzahl der Agitatoren sind Juden und Polen. Brüder! denkt immer daran, wer Eure Feinde sind und vernichtet sie bei jeder Gelegenbcit. Wenn Ihr bei der Verfolgung eines Aufwieglers diesen niedcrschiesscn wollt, aber irrtümlich einen anderen töten werdet, so wird Euch deshalb nichts geschehen. lut Gegenteil: man wird Euch für Eure gute Absiciit auszeichnen. Vergesst nicht, dass wir Kriegszeiten durchzumachen haben und je mehr unserer Feinde Ihr vernichten werdet, um so besser wird man Euch belohnen. Vergesst nicht, dass unsere inneren Feinde, die Juden. Polen und Sozialisten, viel gef!ihr-