Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 24 Seile 355 JÜDISCHE RUNDSCHAU gegriffen: möge Ihr Sieg ein vollständiger sein!“ Das war damals. Ist aber heutzutage einmal, wie hier, ein Unschuldiger verurteilt worden, dann bleibt er verurteilt und cingckcrkert bis ans Ende seiner Tage. So will es das moderne Prozessrecht mit seinen .unschätzbaren“ Bürgschaften gegen die Verurteilung Unschuldiger. Nein, sage ich. so will es Recht und Gesetz nicht. Es muss sich eine Lösung finden lassen, die auch hier Recht und Gesetz zu Ehren bringt. Soll wirklich das Schicksal dieses armen, gepeinigten Menschen von dem Zufall abhängig sein, der irgendwie ..neue Tatsache“ zum V0P schein bringt und so dem Formalismus des'Wiederaufnahme- Verfahrens entspricht? Ich kann es nicht glauben. Ich habe trotz des Prozesses Hilsner meinen Glauben an die Menschheit nicht verloren. Mag der Streit des Tages, die Foiderung des Augenblicks manchen vorübergehend seiner wahren Gesinnung entfremden haben. — das ewig Menschliche ist ja doch das Band, das uns schliesslich wieder zusanmicnfiihrt. Darum richte ich über alle Klüfte und Partejungen hinweg meinen Appell an die ganze gesittete Welt, an alle, deren Auge noch eine Träne beschleicht im Angesichte fremden Leides, darum möchte ich es hinausrufen in fernste Fernen, soweit Menschen sind, vom Mitleid mit menschlicher Kreatur zu Menschen geadelt: Höret! Es gibt ein furchtbares Unrecht zu tilgen! Helfet alle. alle, ehe es zu spät ist! Nachdem I)r. Elbogcn geschlossen hatte, machte der Vize- Präsident des Vereins. Oberinspektor Engel, die Mitteilung, dass die ..Ethische Gesellschaft“ eine Aktion zugunsten Hilsners anbalmen wolle: an die Spitze des Aktionskomitees seien der Abgeordnete Dr. Ofner und der Schriftsteller E. V. Zenker .getreten. Der Redner forderte die Anwesenden auf; diese Aktion nach Kräften zu unterstützen.“! Rundschau 1__i_I Nöldekes Nachfolger Strassburg. Als Nachfolger des berühmten Orientalisten Professors Nöldekc. der mit Ende des verflossenen Winter- Semesters von seinem Lchramte zurücktrat, ist nunmehr der ausserordentliche Professor au der Princeton-UnivcrsiU; in New Jersey (Vereinigte Staaten von Nordamerika) Dr. Enno Littmann zum ordentlichen Professor in der philosophischen Fakultät mit dem Lehrauftrage für semitische Philologie ernannt worden. Professor Littmann ist in Oldenburg im Jahre 1875 geboren, zählt also gegenwärtig 31 Jahre. Trotzdem wird er heute als einer der ersten unter den Semitisten angesehen. Schon seine erste Arbeit, über die neuabessinische Tigre- Sprache, war sehr vielversprechend. Er hat sich dann zu einem gründlichen Kenner des Altäthiopischcn entwickelt. In der letzten Zeit machte er eine Reise nach Abessinien zum Zwecke epigraphischer Studien. Früher hat er Palästina bereist, wobei er semitische Inschriiten sammelte und mit Erklürung hcrausgab. die heutigen arabischen Mundarten studierte Tuch kunstvoll tun ihre Beinkleider uiul aus dem reich gestickten Bolero fallen bei verheirateten Frauen bunte, bei Mädchen weissc Hctndärmel auf die wohlgcpflcgten Hände. Aus Frau Bubas beweglichen Zügen spricht heisscs Temperament, in ihren Blicken lodert kaum verhaltene Leidenschaft. Sie ist eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen. Ich sage es ihr und siq dreht sich blitzschnell suchend um: ״Hat es mein Mann nur auch dcut-!ich gehört?“ Alles an dieser orientalischen Jüdin ist Leben. Sie weiss nichts von den strengen Vorschriften, die englische Steifheit den Vornehmen aller europäischen Völker macht und die cinzuhalten den Südländern oft schwer genug fällt. Die nordische Sitte hat ihr noch nicht wie manch einer hcissbliitigcn Italienerin die Eigenart genommen, und weil ihr überstarkes, überquellendes Temperament unmittelbar die weichen, ausdrucksvollen Gesten hervornut, durch welche die österreichischen Goldgulden an ihrem Halse in leichtes Klirren geraten, wirken sie harmonisch, notwendig und schön. und neuarablschc Volkslieder sammelte. Auch mit dem Alten Testament hat er sich eingehend beschäftigt. So ist also der Lehrstuhl der Strassburger Universität, der durch Professor Nöldcke zu einer Art von Mittelpunkt der semitischen Philologie sich gestaltet hat. erfreulicherweise ncöcrdings mit einer angesehenen ־Autorität besetzt worden. Ein letztes Wort über das Schächten? Von denselben Leuten, die die Krebse durch Abkochen in heissem Wasser töten, nachdem man ihnen die Dünne herausgerissen hat. wird gegen das Schächten agitiert, weil es angeblich tierauälerisch sei. In letzter Zeit beteiliet sieb au dieser im Grunde antisemitischen Hetze das führende Blatt der Nationallibcralen. die KÖLNISCHE ZEITUNG. Jetzt schreibt sie ein letztes Wort über das Schächten, in dem sic schlicsst: ״־Es kommt uns lediglich darauf an. tatsächliche Vorgänge fcstzustellen. und diese sprechen, wie der Mitaibeiter der KÖLNISCHEN ZEITUNG auch bei der Schilderung des Kölner Schlaclithofes betont hatte, offenbar gegen das Schächten. Ucbcr das Ritual der jüdischen Religion haben wir kein zuständiges Urteil und vermögen deshalb auch nicht zu entscheiden, ob die daraus entspringenden Gründe gewichtiger sind als die zweifellos begründeten Einwände des Tierfreundes gegen das Schächten.“ Die KÖLN. ZEITUNG muss dann noch hinzufügen: Uber die religiöse Seite der Schüchtfrage bittet uns das Kölnei Rabbinat folgende Bemerkung zu veröffentlichen: ״Was die religiöse Seite des Schächtcns betrifft, über welche die Redaktion der KÖLNISCHEN ZETIUNG kein zuständiges Urteil abgeben will, so bemerken wir, dass sämtliche Rabbiner Deutschlands jeder religiösen Richtung in einem vor zehn Janren veröffentlichten Gutachten das Schächten als in Bibel und Tradition religionsgesetzlich begründet und für die Bekenner des Judentums verbindlich erwiesen haben.“ Eine ähnliche Erklärung sendet uns die .,Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums“, nur dass diese das Schächten auf ein göttliches Gesetz zurückfiihrt. Antisemitische Polemik (Eine Verhandlung Im Schöffengericht München I.) In No. 12 der ISRAELITISCHEN WOCHENSCHRIFT (Berlin) vom 23. März 1906 war ein von dem Schriftsteller Dr. S Bcrnfeld verfasster Artikel .,Die Taufe“ enthalten, der sich gegen den Übertritt von Juden zum Christentum wandte, soweit derselbe lediglich aus eigennützigen Motiven und niclu etwa aus Überzeugung geschieht. In der Einleitung des Artikels schreibt Dr. Bernfeld: ,.Jeder Jude, der sich taufen lässt, muss, wenn er sich anders auf seinen Vorteil versteht, gleich nachdem die Taufe an ihm vollzogen ist, einem Verein zur Erhaltung des Judentums unter den Juden beitrete» oder einen solchen gründen, wenn er noch nicht vorhanden ist usw.4 Diese Ein leitung. vom Verfasser satirisch gemeint, wie aus dem weiteren Text unzweideutig hervorgeht, wurde von dem Sie spricht vollendet italienisch und erwidert unsere Fragen mit schlagfertigem Geist. Fs beseligt sic, ungewohnlichen Besuch zu haben, sie lacht freudig, wenn wir ihre fremdartig schmeckenden Speisen loben. Ich sehe den selbstbewussten, iiberschätimenden Italiener mit den Gebärden eines römischen Imperators prüfend an, gedenke der sprühenden Buba, betrachte die steifen, schweigsamen Briten. Vor kurzem noch hätte ich diesen die unbedingte Vorherrschaft, wie auf der Erde, so auch in der Sitte zuerkannt, das widerspnichslosc Recht, ihre Lcbensregeln allen anderen Nationen aufzuzwingen. Afrika aber hat mich gelehrt, dass kein Volk die Sittengesetze eines anderen übernehmen kann, dass keines ob seiner Lebensäusserungen verachtet werden soll. Denn nicht vom menschlichen Intellekt werden die Rasse-Figentfimlichkeitcn geschaffen, sondern sic hängen von der Grösse des Winkels ab, unter denen die Sonnenstrahlen auf die Scheitel fallen. Schön aber ist nur, was echt ist, ursprünglich und angeboren.