Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 354 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 24 höher anschlägt als alle Bullen zahlreicher P.lpste. dem ist nicht zu helfen. Und wenn Regen die Dummheit bekanntlich selbst Götter vergebens kämpfen, was können dann gegen die von einer allmächtigen Propaganda organisierte Dummheit und Gemeinheit armselige Qesctzcsparagraphcn ausrichten? Oewiss werden, solange Menschen iehlbar sind, auch Richter irren, und wenn der Pall Milsner sonst nichts wäre a.s ein Justizverschon, so könnte man sich schliesslich mit der Unzulänglichkeit aller irdischen Hinrichtungen beruhigen Aber so steht cs um diesen Prozess nicht. Der Prozess Hilsncr stand unter dem Zeichen einer Schreckensherrschaft äusseier Mächte, die alle Verhältnisse unheilbar verirrte, die Geister vergütete, die önentliche Meinung in krankhafte Ekstase versetzte. Zeugen schuf und präparierte und die Geschworenen notwendigerweise in ihren Bannkreis zog. Schon am 28. April J899, also wenige Tage nach Auffindung, der Leiche der Agnes Hruza. brachte der wackere Schneider im niederösterreichischen Landtage eine Interpellation ein. in der es heisst: ״In Österreich werden Justizminister von Juden bestochen, um überwiesene jüdische Ritualmürdcr freizulassen.*‘ Und in diesem Tone ging es fort, eine Interpellation verdrängte die andere, eine unendliche Skala blutrünstiger Akzente. Nientals ward die Palamentstribiine. niemals die Abgeordneten- Immunität gewissenloser gebraucht. Und die geflügelten Worte dieses famosen Gesetzgebers flatterten hinaus, gierig angenommen von! Rachedurste Hunderttausender, wirksam verbreitet ׳von der unermüdlichen Betriebsamkeit eines sögenannten Rechtskomitees. Auch der Bürgermeister von Polna, Sadii. stand diesem Rcchtskomitcc nahe, um später förmlich in dasselbe cinzutreten. Der Mann verdient eine besondere Note nicht bloss wegen dieser Zugehörigkeit, sondern weil er seine Unparteilichkeit und Hochherzigkeit in einem Ausspruche offenbarte, der ihn den erhabensten Vorbildern seines Amtes anreiht. Der Herr Bürgermeister gab nämlich auf die Frage, ob Polna durch den Wegzug der Juden geschädigt werde, die Antwort: ״Es ist gerade so. als wenn der Mensch die Krätze los wird.“ Und dieser wackere Meister der Bürger von Polna wurde auch weiterhin' in Amt und Würden belassen, und man zuckte nicht mit der Wimper, als drei Geistliche Broschüren im Sinne des Ritualmordes veröffentlichten, und wusste sich massgebenderseits in wahrhaft indischer Rcsignation auch mit der Tatsache abzufinden, dass der fiij Polna zuständige Bischoi Brvnych von Königgrütz im November 1899 in dein bischöflichen Organ ״Obnova“ einen von ihm gehaltenen, geradezu blutrünstigen Vortrag abdruckte, der natürlich rasch in andere Blätter überging. Und aus der Mitte einer in solcher Weise bis zur Raserei erhitzten Bevölkerung wurden die Zeugen genommen, mit denen der Schuldbeweis hergestellt wurde, aus dieser Ätmo- Sphäre glühenden Hasses und systematischer Massensuggestion gingen die Geschworenen hervor, die Recht sprechen sollten. Natürlich kan» cs. wie es kommen musste. Was konnte es nutzen, dass der Oberste Gerichtshof das Kuttenberger Urteil aufhob und die neue Verhandlulng dem Gerichte in Pisck haben nur die Rechnung erledigt. Wegen dieser beachtenswerten Gerechtigkeit konnten wir nicht umhin, imsern Melatned ausserordentlich zu respektieren. (Fortsetzung folgt.) Von Tunis nach Tripolis In einem Feuilleton in de! nN. Fr. Pr.“ plaudert Alice Schalek auch über die Juden in Tripolis. Wir entnehmen demselben eine interessante Stelle: Es ist dreifacher Feiertag in Tripolis. Aussei dem christlichen Sonntag der Italiener das (leburtstagsfest des Sultans, das mit Truppenparade und Flaggengala auf Schilfen, Konsulaten und Strassen gefeiert wird, und das Laubhüttenfest der Juden. hu Judenvicrtcl herrscht tiefe Feiertagsstille. Jüdinnen aller Altersklassen sitzen in phantastischen Priinkgewändern in den Hausfluren, eine dicker als die andere; gilt doch Wohlbeleibtheit hier als erstrebeuswerte Frauenzier. — zuwies? Die gleichen Ursachen mussten gleiche Wirkungen hervorrufen, und den Piscker Geschworenen konnte billigerweise nicht zugemutcl werden, um eines von der allgemeinen Meinung verurteilten, mit allem Geifer. Hass und Hohn überschütteten hilflosen Juden willen ihre Kuttenberger Kollegen zu desavouieren. Die Vorgänge ausserhalb des Gerichtssaales. nicht über die Vorgänge im Gerichtssaale haben die Verurteilung Hilsncrs nach sich gezogen. Hiisners Schicksal war entschieden, noch die die Anklage verlesen wurde. Und wenn die blinde Wut der Massen einen andern in den üeriehtssaal gefordert hätte. — Ieder Jude wäre in dieser Verhandlung .schuldig gesprochen worden. Der Prozess Hilsuer war zugleich der volle Bankrott des Gesetzes. Wenn man eine Zeugin in Pisek cinspruelislos erzählen lässt, dass, einem Gerüchte zufolge, in Wiesnitz. dem Geburtsorte der Agnes Hruza. seit deren Krmordung das Wasser blutig flicssc und die Juden sich darin die Hände waschen: wenn gestattet wird, dass Zeugen ihre Aussagen mit den unflätigsten Beschimpfungen des Angeklagten cinlciten; wenn das Auditorium in einer vicltägigcn Verhandlung beständig mit lärmenden 7'jriifen in die Verhandlung eingreift, einer der antisemitischen Rädelsführer im Gerichtssaale eine Art von Diktatur anmasst, laut Befehle erteilt. Rügen erlässt; wenn der Staatsanwalt in seinem Plaidoycr, also in einem Zeitpunke. da jede Beweiserhebung unmöglich ist. mit der Mitteiiung ־,verblüfft, er habe soeben ein Telegramm erhalten. wonach einer der Entlastungszeuge:! soeben wegen versuchter Verleiümg zum Meineid verhaftet worden sei. wahrend er gleichzeitig verschweigt, dass er, der. allmächtige Staatsanwalt, es war. der diese Verhaftung veranjasste: wenn schliesslich Dr. Baxa. dem der Bürgermeister von Polna selbst die Vcrtretung übertrug, im Gcrichtssaalc eine Brandrede halten durfie. so sind alle diese und hundert andere ähnliche Vorgänge grobe Gesetzwidrigkeiten, aber alle zusammen kein einziger Nichtigkeitsgrund. So wurde das Recht gebeugt, das Gesetz gebrochen, die Verurteilung erzwungen, ohne dass gegen Sekeussüchkeiten dieser Art eine Remcdur möglich ist. Ist aber die Einsicht einmal gewonnen, steht es fest, dass unter dea wüsten Händen einer ausschweifenden Agitation das edle Antlitz der Gerechtigkeit zu einer mänadenhaitcn Fratze entstellt wurde, dann kann ich mich noch immer nicht mit dem Gedanken befreunden, dass erkanntes Unrecht für alle Zeit als höchstes Recht in Geltung bleiben soll, weil es die schablonenhafte Prägung eines unzureichenden Gesetzes gefunden hat. Als cs *Voltaire gelang, das Interesse des französischen Königshofes,.für den gefolterten und Hingerichteten Jean Caias zu wecken, da war es Ludwig XV.. der die Revision des Prozesses anordnete. Fünfzig Richter wurden mit der Überprüfung der Prozessakten betraut, die denn auch bald genug das gefällte Urteil als irrig und Caias für unschuldig erklärten. Und die Kaiserin Katharina von Russland schrieb an Voltaire einen Brief, der folgende Stelle enthielt: ..Sic haben die grossen Feinde der wahren Religion und״ Wissen- Schaft, den Fanatismus, die Dummheit und die Schikane, anl Wir treten bei einem reichen Scidenhändlcr ein. ln dem grossen, lichten Hof ist eine richtige Hütte Kezimmert, deren Dach frische Bambnsblätter und Granat- Spfel schmücken und die einen zierlich Kedcckten Tisch enthält, an dem die frommen Juden während des Laubhüttenfestes speisen. Freudig bewusst uns die Frau des Hauses. Ein junges, rassiges Weib mit blitzenden Feueraugen, einem verführerischen Munde, dessen schwellende Lippen uns. fröhlichen Willkomm znlächcln, und einer feinnüstrigen, edlen, römischen Nase. Pas wie von Künstlerhand gc- I formte Oval ihres Gesichtes wird von wirren, lockigen, I nachtschwarzen Haaren umrahmt, die sic mit koketter j Grazie immer wieder in das hellgrüne, malerisch ge-; raffte Kopftiiclilein zuriickstrciclit. 1 Ihre Tracht ist verschieden von der algerischer j oder tunesischer Jüdinnen. Während in Konstantine j kleine, spitze Zuckerhutformen aus Samt in allen Farben : am Hinterkopf befestigt getragen werden und schwarze, | weite Seidenjaeken zu langen, weissen, steifen Hosen,; in Tunis goldgestickte, hclmartige Hauben, rosa oder! blaue Allaskittcl und weite Pluderhosen, schlingt die i Tripolitaner Jüdin ein gold- oder silberdurchwirktcs