Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Mo. U JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 353 auch die Ansicht immer mehr Balm, dass eine erfolgreiche politische Tätigkeit nur dann ausgeübt werden kann, wenn man in wirtschaftlicher Beziehung die genügenden Vorarbeiten gemacht hat. Grosse Politik treiben heisst die Konsequenzen der politischen Lage ziehen, und die politische Lage ist nichts weiter als* das Resultat der vorhergegangenen, im wesentlichen wirtschaftlichen Tätigkeit. Der Sturm auf eine Festung kann erst dann Erfolg haben, wenn in langwieriger Vorarbeit die beherrschenden Positionen genommen sind, wenn man in mühevoller Tätigkeit die Laufgräben gezogen und alle Vorbereitungen für den Sturm getrofien hat; erst wenn i!1 Palästina das schwere Geschütz wirtschädlicher Vorbereitung Bresche geschossen hat, hat der.Sturm der hohen Politik Aussicht auf Erfolg. Natürlieh wird man auch die wirtschaftliche Arbeit durch parallel gehende politische Aktionen zu fördern vermögen, grosse Erfolge wird man aber aller Voraussicht nach erst, dann erzielen können, wenn man den Mächten zu zd:;m vermag, dass Palästina eine jüdische Interessensphäre nicht nur in der Zukunft werden könnte, sondern bereits tatsächlich eine solche ist. Früher wurde gewöhnlich gegenüber den praktisehen Bestrebungen in Palästina cingew.en det, dass unter den gegebenen Verhältnissen eine wirtschaftliche Tätigkeit in Palästina unfruchtbar bleiben müsse, ohne öfientlich-rechtliche Sicherung gäbe es überhaupt keinen Fortschritt In der Türkei. Die letzten Jahre haben aber ganz im Gegenteil so deutliche Fortschritte in der Türkei gezeigt, — man braucht hierzu nur die Konsularberichte zu studieren, — dass sich das Dogma der Unmöglichkeit wirtschaftlichen Fortschrittes unter den gegebenen Verhältnissen durchaus nicht mehr aufrecht erhalten lässt. Wenn in der Türkei nichts zu holen wäre, so wäre nicht ein solcher Wettstreit der verschiedenen Nationen denkbar, die sich alle bemühen, dort in wirtsclmftlicher Beziehung festen Fuss zu fassen, Bestrebungen, die zwar von den verschiedenen Regierungen aus politischen Gründen unterstützt werden, aber immerhin doch von Einzelpersonen, Syndikaten und Banken aus rein finanziellen Gründen eingeleitet und durchgeführt werden. Auf dem ganz entgegengesetzten Boden, auf dem der Anerkennung der Möglichkeit einer wirtschaftlichen Entwicklung in Palästina, wurzeln zwei andere Gründe, die Jetzt häufig gegenüber unserer Palästinaarbeit ins Treffen geführt werden. Erstens sagt man, man dürfe Palästina nicht wertvoli machen, weil dann der Sultan tim so weniger geneigt sein würde, das Land herzugeben. Dieser Einwand beruht auf der Autfassung, dass der Sultan Palästina verschenken solle, was doch von keiner Seite verlangt wird, noch erwartet werden kann. Es handelt sich für uns doch nicht uni Abtrennung Palästinas vom türkischen Reiche, sondern um die Erlangung gewisser Privilegien, um eine Art lokaler Autonomie. Wenn England der Südafrikanischen Gesellschaft oder der Niger-Compagnie einen Charter gibt,, so verschenkt es das Land ebensowenig, wie Deutschland Neu-Guinea und Ostafrika durch den Cnarter an die Neu-Guinea-Conipagnie und an die Deutsch-Ostafrikanisclic Gesellschaft verschenkt hat. Wenn man aber wohl mit Recht anninmtt, dass die jälirliehen oder wenigstens periodischen Abgaben einer Chartergesllschaft für den Fall, dass.es sich um ein wirtschaftlich entwickeltes Land handelt, grösser sein werden, als bei einem kulturell rückständigen, so muss man doch anderseits auch bedenken, dass ein wirtschaftlich hochstehendes Land sehr viel mehr zu leisten und aufzubringen vermag; dazu kommt aber, dass die wirtschaftlichc Entwicklung Palästinas auch ohne unser Zutun jedes Jahr Fortschritte machen würde, dann aber zu unsern Ungunsten. (Lebhafte Zustimmung.) (Schluss folgt.) Der Hilsnerprozess Über eine Versammlung in Angelegenheit der liilsneraffäre berichtet die NEUE FREIE PRESSE: *Im *Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ in Wien hielt Samstag Abend Hof- und Gerichtsadvokat Herr Dr. Friedrich Elbogen einen Vortrag, der sich mit der Rechtsprcvhung im Hilsnerprozess befasste. Dr. Elbogen sagte: Ich muss es mir versagen. hJer noch einmal alle die Argumente zusainmenzutragen. mit de :cn das alberne Ritualmordmärchen bekämpft wurde. Wer die Einilüstcrungen leitender Dummköpfe und perfider Demagogen oder jenes dem Gedächtnis entschwunden war, und — atisogieich begann die Tätigkeit des Pieifenrohrs sich nach rechts und links hin zu entfalten. Int Cltedcr erhob sich lautes Weinen und Zähneknirschen und wir kehrten braun und blau geschlagen und mit sonstigen Auszeichnungen bedacht nach Hause zurück. Am Freitag war die Beschäftigung eine ganz andere. Er begann gewöhnlich unter sehr günstigen Auspizien. Der Unterricht im eigentlichen Sinne des Wortes wurde an diesem Tage suspendiert; wir bereiteten uns nur zum Sabbath vor, lasen im Singsang den entsprechenden Wochenabschnitt aus dem Pentateuch und den Perikopen, wiederholten das Kidusch und die sonstigen Gebetsformalitäten. Dies alles war uns schon zur Genüge bekannt, so dass wir dabei keine groben Fehler begehen konnten; ausserdem aber war es uns angenehm, die Kraft und Geschmeidigkeit unserer frischen Stimmen zu erproben, — kurz, wir waren soweit ganz zufrieden. Aber gegen Mittag trat plötzlich ein Dekorations- Wechsel ein. Auf der Bühne erschien wieder das grausante .Pfeifenrohr und begann seinen Monolog mit den gliederzerschmetternden Hieben; als Thema und Motiv für diesen unverdienten Monolog diente unseres Mclanteds höchsteigene Schlussfolgerung, welche lautete: Da die Schüler fast für zwei Tage den Chedcr verlassen, so ist es, uni einem progranininiässigen Ueppigwerden vorzubeugen, notwendig, sie bei der Entlassung mit einigen Pieifenrohrprügeln auf Vorrat als Memento für den ganzen Sabbath zu versehen. ״Obwohl ihr bis dato noch keine Pfeifenrohrprügel verdient,“ erklärte uns der Melamed, ״so bin ich doch fest dawui überzeugt, dass ihr sie künftig verdienen werdet, — ich will sie euch daher auf Rechnung gehen!“ Ich muss gestehen, dass wir den uns eröffneten Kredit nicht missbrauchten: den ganzen Samstag bcfleissigten wir uns im Schweisse unseres Angesichts, der uns iitt voraus applizierten Pieifenrohrhiebe gerecht zu werden, und erledigten bis zur Verfallzeit das Kapital nebst Zinsen. So kam es, dass wir am Sonntag mit ״Hörnern“, int Cheder erschienen und den Melamed von allen Seiten mit zahlreichen Relationen über die am Samstag von uns verübten Heldentaten belagerten Aber er liess alle Anklagen unbeachtet und unterzog uns keiner Srtafe; ei erklärte vielmehr gleichgiltig Sei•