Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 352 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 24 wo anders als in Palästina eine lokale Autonomie winkt, oder wenn die politische Arbeit für Palästina zu geringe und langsame Erfolge aufweist. Hat diese intermittierende, auf der Judennot basicrende Quelle hauptsächlich ihren Sitz in den Ländern der Assimilation, also in Westeuropa und Amerika, so fliesst die Quelle der Palästinatreue überall, wo es fromme und wo es national denkende Juden gibt, also besonders in Osteuropa. Dort sind die Juden zu allen Opfern für Palästina bereit; in den Ländern der Assimilation hingegen interessiert man sich für Palästina ausserhalb der erwähnten, in diesen Ländern relativ eng umgrenzten Kreise einerseits nur aus einer gewissen Pietät, anderseits aber, weil man dort die Hoffnung hegt, im Orient resp. in Palästina den unglücklichen Osteuropaischcu Juden eine Heimstätte schauen zu können. Wollen wir, dass unsere Bewegung im Westen nicht ganz auf den trotz aller Anstrengungen noch kleinen Kreis derjenigen beschränkt bleibt, die dem Zionismus bereits voll ergeben sind, so müssen wir bestrebt seit!, auch den Gefühlen derjenigen Rechnung zu tragen, weiche, ich möchte sagen, die Jagdgründe des Zionismus bevölkern, d. h. derjenigen, dies bisher nur durch Pietät oder infolge der Judennot mit Palästina enge Fühlung haben. Es wäre zweifellos das Einfachste und Beste, könuten wir denen einen Palästina-Charter als Morgengabc bringen; aber es hängt nicht von uns ab, die Zeit zu bestimmen, wann dies erreicht sein wird. Bis dahin aber werden zweifellos viele, die lediglich mit der Aussicht auf diesen grossen Moment sich uns angeschlossen haben, von uus abfallen, und zwar mehr, als wir zu gewinnen vermögen; denn die leichter für unsere Ideen Zugänglichen sind schon in unseren Reihen, und die noch draussen Stehenden sind schwieriger zu überzeugen, soweit es sich nicht um den iungen Nachwuchs handelt. Ganz gewaltig würde aber unsere Bewegung wachsen, wenn sich für uns die Möglichkeit böte, auch weniger idealistische, d. 11. die nüchtern und praktisch denkenden Kreise für unsere Bestrebungen zu gewinnen; denn cs kamt einem Zweiiel nicht unterliegen, dass gerade in diesen Schichten des jüdischen Volkes ausserordentlich viel Energie, Wissen und daneben auch Kapital und Einfluss vorhanden ist. Diese Kreise sind blossen Das Schulgespenst (LLlK0J1060fl3m.) Humoreske aus der jüdischen Vergangenheit in Lithauen. Von Leo Lew and a. Aus dem Russischen übersetzt von WiUiamZeittin. (Fortsetzung) Was den Unterricht anlangt, so hielt er zwar fest an der damals allgemein gütigen Methode, nur in Disziplinarsachen erlaubte er sich mancherlei Abweichungen. So pflegte er z. B. anstelle der sonst üblichen Peitsche, Riemen oder Ruten ein Pfeifenrohr zu handhaben; wobei er behauptete, dass Peitsche oder Rute nur für Anfänger passend sei, für uns aber, die Tahnudstudierenden, diese Art der Züchtigung unwürdig wäre. Demgemäss sollten wir das Pfeifenrohr als eine Art Prärogativ betrachten, — infolge unserer Unerfahrenheit waren wir jedoch ganz anderer Meinung und verwünschten häufig genug dieses Pfeifenrohrprärogativ, indem wir es bald nach dem Oien, bald Ideengängen und Zukunftshoffnungcn nicht zugänglich, hingegen sind sie durch nüchterne Berechnungen und praktische Vorschläge zu gewinnen. Kann man ihnen solche Aufgaben vorlegen, deren Grundlagen schon er-, probt sind, so werden sic sich gewiss in grosser Anzahl daran beteiligen. Wir sehen dies z. B. am ״Bezalcl‘‘, welcher Verein, obgleich von Zionisten ausgehend, zum bei weitem überwiegenden Teil von Niehtzbnisten unterstützt wird. Wenn auch diese erwähnten Vereine durch solche Beteiligungen noch nicht vom Zionismus überzeugt werden, so kommen sic doch in Fühlung mit zionistischen Ideen, sie verlieren die Abneigung gegen die j ihnen früher als utopisch hingestellte Bewegung, bei vielen werden auch schlummernde Pietäts- und Synipathicgefühle erweckt, und manche werden schliesslich doch dahin gelangen, sich uns völlig anzuschlicssen. Besonders in Amerika, wo der nüchterne praktische‘ Sinn seit jeher die ideellen Bestrebungen mehr in den Hintergrund drängt, kann man nur dann grössere und dauernde Erfolge für den Zionismus erhoffen, wenn man die konkrete Palästinaarbeit in den Vordergrund riickf und mehr von Unternehmungen der Gegenwart als von Hoffnungen der Zukunft redet. (Referent belegt das durch einen von der amerikanisch-zionistischen Föderation empfangenen Brief.) ן Aber nicht nur aus Utilitütsgriinden ist die Palästinaarbeit, empfehlenswert, sondern — und das möchte ich besonders betonen — sie ergibt sich auch naturgemäss aus der inneren Entwicklung des zionistischen Gedankens. Wenn seit einiger Zeit der Ruf nach prak* tischcr Palästinaarbeit in der zionistischen Bewegung immer lauter wird, so darf man dies nicht, wie es von manchen Seiten geschieht, als Reaktion gegen den sogenannten ״politischen“ Zionismus ansehen, sondern es stellt eine Weiterentwicklung desselben dar. Der Wunsch, eine praktische Wirksamkeit ln Palästina zu entfalten, beruht zum Teil zweifellos auf dem nicht wegzulcugncnden Bedürfnis unserer Gesinnungsgenossen, ihre Tätigkeit nicht nur und ausschliesslich in den Dienst der Agitation und des Sammelns von Geldmitteln für eine ferne Zukunft zu stellen, sondern an einer greifbaren Sache, deren, wenn auch langsame, Entwicklung sich immerhin doch verfolgen lässt, mitzuarbeiten. Andernteils aber bricht sich doch in den von Schmutz starrenden ״See“ schleuderten oder sonst irgendwohin, fern vom Gässchen, verbargen. Wir mussten allerdings jedesmal einen Geldbetrag leisten, um zum Erwerb eines neuen Pieifcnrohrs beizutragen, weil man mit Rabbi Meir den Spass nicht allzuweit treiben durfte. Unser Gewinn bestand nur darin, dass wir jedesmal einige pfeifenrohrlose Tage hatten, was uns natürlich sehr amüsierte. Leider waren unsere Geldmittel üusserst knapp, so dass wir uns zu uuserm lebhaften Bedauern nur sehr selten den Spass erlauben konnten, das Pfeifenrohr zu entwenden. Durch diesen Umstand gelangten wir — allerdings nach bitteren Erfahrungen, schon in der frühesten Jugend zur lieber- Zeugung, dass die Armut, wenn auch kein Laster, so doch jedenfalls nicht besonders angenehm!st. Besonders schwer lasteten auf uns die Donnerstage und die Freitage, die wir deshalb von ganzem Herzen verwünschten. Es war nämlich in allen Schulen Usus, am Donnerstag eine Repetition und Prüfung über die Lektionen der Woche vorzunchmen. Gott Ist Zeuge, dass es unser aufrichtigster Wunsch war, alles ger.au zu wissen, was uns im Verlaufe der Woche eingepaukt wurde, es ereignete sich jedoch jedesmal, dass dies