Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1906)
- Date
- 1906-06-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 23 -«•**■׳ ״ ‘.**י! י'.«ע׳ «י־:■?- Seite 344 stellt Redner die Organisationen Oesterreichs, Russlands und Englands hin, in denen wirklich Positives geschaffen würde. Redner übt Kritik an der Brüsseler Konferenz, die nichts Positives gezeitigt habe. Die deutschen Zionisten schaden der Bewegung, wenn sic aus Aengstlichkeit Jeden demokratischen Geist innerhalb der Bewegung unterdrückten; seiner Meinung nach müssten ׳in der Agitation die demokratischen Schichten der jüdischen Bevölkerung besonders bearbeitet werden. Darauf allein beruhten die immensen Erfolge des Zionisinus in Oesterreich und Russland. Besonders die deutschen Juden zeichnen sich durch eine politische Schlaffheit nicht nur in der zionistischen, sondern auch in der allgemein-jüdischen Politik aus. Die Massen müssten geweckt und ihnen die Augen über ihre Lage geöffnet werden. Wir wenden uns nicht an die demokratischen Elemente im jüdischen Volke und das soi ein Fehler, der sich rächen müsse. Man beachte statt dessen die Erfolge der Poalö-Zion. Man solle nicht bloss von Ucbcrgriffen der Polizeibehörde sprechen, sondern sich bewusst sein, dass die Ausweisungen nur ein Ausfluss der ganzen antisemitischen Richtung der Regierung sei. Der folgende Redner, D r. Julius Citron, führte aus, dass der Delegiertentag vor einer völlig neuen Situation stünde. Eine andere Partei als bisher herrsche jetzt im Zionisinus, wenn auch die Beschlüsse nur negativ und die sicher erfolgende Abänderung der Bankstatuten bedeutungslos .sei. Der Weg, den man in Palästina einschlage, sei ein unrichtiger. Hcrzls Weg sei es nicht. Aber auch Herzls Weg sei jetzt unrichtig. Der Herzlsche Weg ist ungangbar geworden. Auch die Jto werde leider nichts erreichen. Nur aus Gefüh'sgrfindeii sehen wir davon ab, den Bankerott des Zionismus bereits öffentlich zu erklären. Es bliebe uns also nichts anderes als Tätigkeit übrig, als die Erziehung eines kommenden Geschlechts für die Idee, die im Zionismus stecke. Ucber diese Idee hinaus irgend etwas, und wäre es das Geringste, zu unternehmen, sei ausgeschlossen. Die Kolonisation müsse einfach■ aus dem Orunde zu einem Misserfolge führen, weil dazu die Geldmittel fehlen. Nationalfondgeldcr dürfen aber unter keinen Umständen für Landkauf in Frage kommen und eine Festlegung der Bankgelder darf nicht geduldet werden. Dr. Hans Mühsam -Berlin betont, dass der Delegiertentag keine grundsätzlichen Beschlüsse fassen könne, da er nur zu einer Exekutive der Kongressbeschlüsse befugt sei. Er legte dem Delegiertentagc einen Beschluss der Berliner Ortsgruppe vor, die den Delegiertentag hinwiese, darauf hinzuwirken, dass auf nationaler Basis von den einzelnen Landsmannschaften wirtschaftliche Organisationen ins Leben gerufen würden. Die Notwendigkeit dieser Inangriffnahme legt Redner ausführlich dar. Hugo Schachtel - Breslau beklagt, dass scheinbar auch unsere Leitung den positiven Teil der Beschlüsse des letzten Kongresses vergessen habe. Auch zur Ausführung des nach dieser Richtung gehenden Beschlusses der Brüsscler Konferenz ist man anscheinend noch nicht geschritten. Inzwischen hat sich die Situation verschlechtert. So wurden z. B. in Cypern Inzwischen die besten Ländereien von einer englisch-ägyptischen Spekulationsgesellschaft aufgekauft. (Zwisehen ruf: ״Aha, Cypern!") Oder gehört Cypern etwa nicht zu den Nachbarländern? Oder weniger als Rhodcsia? Neue Institutionen brauchen wir, weil die alten Institutionen zutn Teil so verbarrikadiert sind, dass von ihnen aus nichts gcschchen kann, auch vieles nicht, was die ,.Politischen mit Gänsefüsschen“ wollen. — Die wirtschaftliche Gcgenwartsarbeit. die Dr. Mühsam will, ist bereits auf dem IV. Kongress beschlossen, aber nicht ausgcfiilirt worden. Wäre das gescheben, so hätten wir auch die demokratischen und sozialdemokratischen Kreise, die Dr. Klee und Freunde plötzlich nicht haben wollen, obwohl grade sic sonst um ״Quantitäten“ bei der Agitation werben. Die Sozialdemokraten sind doch schliesslich auch Menschen. Dass diese Kreise plötzlich bei uns unerwünscht sind, steht im Gegensatz zu Beschlüssen verschiedener Kongresse, solch ״nationPl-liberalcr" Geist sollte schleunigst aus unseren Reihen verbannt werden..-־ Das Zentralbureau bittet Redner schliesslich, mehr noch als bisher sich nach der Richtung zu bemühen, dass zionistische Akademiker nach kleinen Orten gehen, nicht aber um dort bloss Gemeindevcrtretungs- und Stadtvcrordnctcu-Mandate zu übernehmen, sondern um zionistische Ortsgruppen zu leiten. Dr. Adolf Freedcmann weist die Angriffe zurück, dass unsere Agitationscrfolge minimaler Natur seien. In Wahrheit dürfen wir nur von fünf Jahren des Bestehens unserer Organisation sprechen. Trotz der erfolgten Lahmlegung unserer Agitation ist die Zahl der Schckelzahler keineswegs zurfickgegangcn und nimmt jetzt wieder in grossem Masse zu. Wolffsohn hat nach den Pogromen alles getan, was zu leisten war. In Cypern kann unter den jetzigen Verhältnissen nicht gearbeitet werden. Die Palästinaarbeit ist in der Marmorck- Ussischkinschcn Resolution klar und deutlich begrenzt worden. Von diesem Grundprinzip dürfen wir nicht abweichen, über Einzelheiten kann man diskutieren. Prof. War bürg teilt mit, dass das A.-K. wohl gute Gründe gehabt haben muss, wenn cs die von dem Hilfsvercin und der Jto in die Presse!anzierten falschen Angaben nicht dementiert habe. Das neue Komitee zur Erforschung der Auswandcrungsangelegenhcitcn vereinige Allianz. Hilfsvercin und Zionisten zu gemeinsamer Arbeit. Einstweilen seien Südamerlka und die südlichen Staaten Nordamerikas in Aussicht genommen. Er weist entschieden die Unterstellung zurück, dass die Palästinische Gruppe der Zionisten in Palästina Eam wanderungsschmuggel treibe. Ohne unsere Beziehungen zur englischen Regierung zu vernachlässigen, können wir so lange nicht weiter verhandeln, als noch die Jto ihre Bemühungen dort iortsetzt, um nicht unsererseits das Bild einer Konkurrenzhaftigkoit geben zu wollen. Die angebliche Tätigkeit in Palästina mit Nationalfondgcldern beruhe auf einem Experiment, das man mache, um die Aussichten festzustellen und die Möglichkeiten, die sich nach türkischem Rechte mit Pachtgut ergeben. Nachdem Dr. Israel Auerbach eine faktische Berichtigung gemacht hat, bespricht Dr. Dannenberg -Metz die Einsetzung einer fünfgliedrigen Kommission zur Prüfung der Frage der Neuorganisation des Zentralkomitees. L. E s t e r m a 11 n - Hamburg stellt fest, dass die ganze Aufregung unnötig war und nur auf einem Missverständnis beruhe, weil ein Rückfall in den Chowcwc-Zionismus nicht zu befürchten sei. Aber trotz alledem müsse dem A.-K. in seinem Widerstande gegen die utopistischcn Pläne der Rücken gcstärkt werden. Zu Landkauf und in Sicdclungen dürfen keinerlei zionistische Gelder festgelcgt werden. Ausserdem müsse ein späterer Kongress die einengenden Beschlüsse des siebenteil wieder aufheben. Julius Simon- Mannheim betont, dass Estcrinann leider nur in seinem eigenen Namen, nicht in dem seiner Gruppe gesprochen habe. Die Arbeit des Misstrauenssäcns müsse endlich aufhören. Man hat in Deutschland gegen uns gehetzt. Wir weisen die Unterstellung zurück, dass wir einen Rückschritt 7.11m Chowcwc-Zionismus gemacht hätten. Freilich durch Argumenfe werden wir Palästina nicht erringen. Es haben sich viele so weit vorgewagt, dass cs ihnen jetzt schwer wird, zuriTckzuk ehren. Wir fassen unsere politische Arbeit in anderer Weise auf. Es darf nicht bloss ein einziger Weg begangen werden, wenn wir Palästina erreichen wollen, und w enn das auch der diplomatische ist. Wir müssen das Land erwerben, uni cs zu besitzen. Dass aus Deutschland Palästinap'onicre nicht hervorgehen, ist als Symptom weniger heftiger Palästinatichc nur zu bedauern. Nicht bloss durch Ziiwarteu werden wir etwas erreichen. Uns politische Motive abzustreiteu, ist ungerecht.