Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1906)
- Date
- 1906-06-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seile 345 2. Sitzung. Montag, den 4. Juni 1906, nachmittags. Dr. Ernst Kalmus -Hamburg legt dar, dass der Im Berliner Zentralkomitee geschlossene Friede kein fauler Friede gewesen sei, wie das behauptet worden wäre. Von beiden Seiten sei freilich gefehlt worden. Der politische Standpunkt bleibt ungemindert bestehen. Vom Vcrhfdtiiis der J10 habe Dr. Citron bereits heute fcstgestclit, ״dass die Jto nicht ist *ud niemals sein kann, was sich ihre Freunde von ihr vorgestellt haben. Die Jto Ist keine nationale Bewegung.“ DerZionismus muss, wie das hier betont wurde, bei allen Judennöten eintreten und hat das immer getan. Die Brüsseler Konferenz hat den Zionismus rehabilitiert als die Organisation für alle Angelegenheiten des Indischen Volkes. Sic soll die Judennot lindern helfen und wenn cs auch in Südamerika sei. Die Friedensstimmung möge gewahrt bleiben. Nachdem die Herren . The i I h aber - München und Dr. Strauss -Heidelberg sehr interessante Anregungen zur Selbstbesteuerung für den Nationalfond gegeben hatten, ergriff Dr. Alfred Klee das Wort: Die Paliistinapioniere sind geeignet, uns bei der Türkei zu diskreditieren, da sic eine Plattform schafien. Wenn wir sis nicht hindern, nach Palästina zu gehen, so liefern wir sic einem Armcnicrschicksal aus. Wir wollen nicht das Verantwortlichkeitsgefiihl für diese Leute auf uns nehmen. Wir haben nicht einmal die Möglichkeit, auf diplomatischem Wege dort etwas zu erreichen, geschweige denn auf Wirtschaftliehen!, mit unzureichenden Geldmitteln. Es ist nicht wahr, dass man sich an die demokratische Masse der Juden zu wenden habe, eine solche gäbe cs gar nicht. Die obern Zehntausend zu gewinnen, das sei unsere Aufgabe. Dr. HaI per n-Hamburg weist gegenüber den Angriffen Klees auf die Palnstinaarbcit darauf hin, dass die jüdischen Pioniere, die heute aus Russland nach Palästina gehen, jede Gefahr zu fürchten verlernt haben. Die ersten Einwanderer arbeiteten unter den grössten Anstrengungen, sie haben die Kolonien geschaffen. Nie hat ihnen das Schicksal der Armenier gedroht, obwohl sic doch in wirklich unruhigen Zeiten tätig waren. Es ist traurig, dass man heute auf einer zionistischen Versammlung geradezu um die Duldung der Palästinaarbeit bitten muss. Eine genaue Unterscheidung zwischen Erforschungsarbeiten und Anfängen der Kolonisation sei schwer zu ziehen, Prof. Warburg ist der Mann des Vertrauens beider Teile und er sei es ja, der die Richtlinien ftfr die Palästinaarbeit zu ziehen berufen sei. Dr. Elias Auerbach: Diejenigen, die jetzt so energisch gegen jede, auch private, Palästina-Arbeit sind, sollten bedenken, dass alles, was wir bisher :11 Palästina haben, durch Privatarbeit geschaffen wurde. Sic selbst haben in der Agitation immer von den ״blühenden Kolonien“ mit Vergnügen gesprochen, jetzt aber soll cs .verboten sein, etwas zu tun. Wie denken sich die ״Politischen" die Erreichung Palästinas? Von Herrn Dr. Jeremias stammt der Aus- Spruch, wie uns H e r z I als ein Wunder in den Schoss gefallen Ist,' so müssen wir warten, bis uns auch Palästina einmal durch ein Wunder in den Schoss fällt. Und das soll ״politisehe" Richtung sein? Heute hat Dr. Jeremias den Herzl’schcn Weg, die Benutzung politischer Kombinationen, für eine vage und gefährliche Sache erklärt. — Von Herrn Dr. Klee haben wir dieselben Gründe gegen die Durchführbarkeit der Palä• stinaarbeit gehört, die unsere Gegner sonst i 11 m hundertmal cntgcgengelialtcn haben: Wenn der Sultan nicht will, geht die ganze Sache nicht. Waren es denn Irrtümer. was Dr. Klee 8 Jahre hindurch darauf erwidert hat? War er nicht überzeugt, dass wir trotz aller Schwierigkeiten ans Ziel kommen können? — Heute hat die ״politische" Gruppe ihren Bankerott erklärt: Die diplomatische Arbeit ״steht vor einer Mauer", die praktische soll verboten sein. Was bleibt da zu tun? Nichts, ausser vielleicht das magere Schlagwort der nationalen Volkscrzsehung. — Die Jto hat die von zionistischer Seite prophezeite Entwicklung genommen: Sie Ist weder national, noch hat sie etwas erreicht, wie Dr. Kalmus zugiebt. — Redner warnt vor der zu grossen Acngstlichkcit in betreff der Palästinaarbeit. Es klingt beinahe, als wäre es ein Verbrechen, dort etwas zu tun. Aber es muss gearbeitet werden. Wenn wir einmal in Palästina sein wollen, werden wir hingehen müssen. (Lebhafter Beifall.) D r. L i 11 in a n ״ beantragt namens des obcrschlcsischen Gruppenverbandes und begründet diesen Antrag, dass der Delegiertentag dagegen Protest erheben möge, dass eine Sondergruppe, die in einigen Ortsgruppen ihren Sitz habe, sich den Namen politische Zionisten, der allen Parteimitgliedern gemeinsam sei. als eines ihnen allein /!!kommenden Sondernamens bediene. D r. Dannenberg- Metz bedauert, dass die Zionisten sich nicht darum bemühen, den notwendigen Einfluss auf die Alliance Israölitc Universelle, insbesondere auch durch den Eintritt in sie zu erreichen. Was in der jüdischen Volksseele liegt, sehnt sich nach Palästina. Wer etwa einmal wankend gewesen,!misse um so fester am Baseler Programm klar und unzweideutig festhalten. fehler seien selbstverständlich von allen beiden Seiten gemacht worden. Der hochgespannte fdealismus der Palästinaplonierc verstosse nicht gegen den politisehen Charakter der Bewegung und sei bewundernswert. Nervös sind wir leider geworden. Der Zionismus hat bereits viel geleistet. Die kräftige Erstarkung des jüdischen Geistes in Deutschland sei sein Werk und mit ihm in Wechselwirkung. Dr. Citron hat ein Gleichnis für den Zionismus hergcholt von dein sterbenskranken Kinde des Königs David. Aber das Kind Ist gestorben und der Zionismus werde niemals sterben. (Grosser Beifall.) Dr. Theodor Zlocisti meint, dass die Ocgensätz'e niemals einen persönlichen Charakter gehabt hätten. Aber wir dürfen gewisse Illusionen nicht zulassen. Gewiss. Klees Ausführungen führen zum Stillstände. Aber viel schlimmer wäre es, wenn wir uns einbilden wollten, dass durch die Palästinaplonierc irgend etwas geleistet würde. Auf das A.-K. solle offenbar eine Pression ausgeflht werden, seine Mittel und seine Verantwortung für diese sogenannten Pioniere herzugeben, die hinausgeschickt werden. Wir haben uns nur schwer und schweren Herzens von Bambus losgemacht. In Palästina kan!! nichts geschehen. Wir brauchen nicht zu zweifeln. Diese realen Faktoren sind unwahr. Bel uns ist die zionistische Idee der Faktor, der für die Lösung in Betracht kommt. Zum Schluss beantragt der Redner folgende Resolution: ״Der Delegiertentag sieht in der Begünstigung der Zuwanderung nach'Palästina durch das Aktionskomitee eine Gefahr und lehnt die Verantwortung dafür ab.“ Damit schliesst die Debatte. Dr. Heinrich Loewc beantragt, da es sich um einen ganz neuen Antrag handelt, der bisher nicht Gegenstand der Diskussion gewesen sei. zuerst eine neue Diskussion über den neuen Antrag zu eröffnen. Ein Antrag Halpcrn, diesen Antrag im Zusammenhang mit der Palästinadebatte zuerst zu diskutieren, findet Annahme. Dam\ resümiert D r. B 0 d c n h e i m e r die Debatte. Er wünscht, dass dem Zentralkomitee die Kompetenzen gegeben werden, die ihm die Arbeit für den Zionismus möglich, machen. Er stellt zugleich fest, dass die von uns unterstützte Selbstwehr nicht Identisch ist mit der Bewaffnung von Revolutionären. Sein Schlussappell zur Weiterarbeit wird mit Beifall entccgengenonmien.