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Jüdische Rundschau · 1906-06-01 · Heft 22 (1.6.1906) · page 18

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 22 (1.6.1906)
Date
1906-06-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 330 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. öffentlichen Meinung auf sich ziehen. Die Feinde der freiheitHehen Bewegung in Russland sind noch stark genug und ihT0 Tätigkeit verdient aus dein Grunde, dass man ihr eine grössere Beachtung schenkt. Aus Petersburg wird uns darüber geschrieben: Petersburg. 22. Mai. Die Schrecken der Kontrcrevotution werden wieder fühlbar, ln vielen Orten wurde in den letzten Tagen Blut vergossen, in vier Städten haben sich die Strassen mit unschuldigem Blute friedlicher Einwohner. Kinder und Greise, gefärbt. Im Publikum zirkulieren schon Gerüchte über den immer , grösser werdenden Einfluss des Polizcigencrais Trenow auf deu Zaren, über seine neuen Pläne, der oppositionellcn Stimnumg der Duma und der provinziellen Bevolkc* rung. den Terrorismus der organisierten ״schwarzen Bande" /Jitecgcnzusteltcn. um die öffentliche Meinung irrezufiihren und die Aufmerksamkeit der bisher indifferenten Zuschauer von dem immer wachsenden Misstrauen zu der Regierung auf einen . anderen Gegenstand zu lenken. Wenn man die schon stattge- •fundeucn Pogroms mit der unter hohem Druck geführten Agitation zur Vcranstaltmig reaktionärer Kundgebungen gegen die Duma zusainmenstcllt, und wenn man beachtet, dass das offizielle Rcgicrur.gsorgan alle diese Kundgebungen, die häufig von nur 2—3 Personen ausgehen, mit der peinlichsten Genatügkeit wiedergibt, dann scheint cs keinem Zweifel zu unterliegen, dass der ganze Feldzug' der schwarzen Bande von obenher. iiauguricrt wird. Der grösste Pogrom der letzten Tage fand in Woiogd:» statt. Die־ Urheberschaft ck/r örtlichen /Gcncdarni’eric :00; diesem Pogrom ist genau festgestelif. Der Gouverneur von Woiogda stand gliicWicher'wcisc mit der Gendarmeriever- *va'dung schon längst auf gespannleni Fasse und hinderte des-!סייגי nicht, die Beteiligung der Gendarmerie an dein Pogrom anzuzcigcn. Der Pogrom wurde schon seit langem vorbereitet, und die letzten Ereignisse — die Eröffnung der Rcichsdutna und der 1. Mai — wurden dazu benutzt, um Ilm in der Praxis .durchzuführen. Der Tag der Dumacröffnung ging ohne jegliehe Störung hin. Aber schon am Vorabend des 1. Mai wusste die ganze Stadt, dass ein Pogrom geplant war. Einige bcsonders einflussreiche Mitglieder der schwarzen Bande veranstaltetcn Versammlungen, gaben Versprechungen ab. Wodka zu spenden, was sie auch nachher, vor dem Pogrom, getan haben. Ihre Agenten bereisten die umliegenden Dörfer und forderten die Bauern auf. zum!. Mai in־ der Stadt zu erscheinen. Sic behaupteten dabei, dass die Juden und andere Fremdlinge die Duma auscinandercejagt hätten, und dass d;e zurückgekchrten Deputierten am 1. Mai dem Volke darüber Rechenschaft geben wollten. Dadurch wurden die Bauern gegen die Juden, die Intelligenz und die Revolutionäre aufgcstachelt und es blieb nur übrig, d e Stimmung der versanunclten Menge entsprechend auszunutzen. Dies wurde auch glänzend durchgeführt. Verkleidete Geudarme leiteten die schwarze Bande, die ..Landwächter“ schossen auf das von der Bande in Brand gesteckte ..Volkshaus“ und verhinderten die Feuerwehr, das brennende Haus zu löschen. Die Polizei war plötzlich verschwunden, die Soldaten blieben ausser Aktion. Der Gouverneur, der längst zu de« Liberalen gezählt wurde, ,’und der unbed net gegen den Pogrom war. wurde auch äugegriffen und durch einen Stein verwundet. Im Ganzen wer׳1׳•• - etwa 50 Ermordete und Verwundete gezählt. Misshandelt wurden alle Schichten des Volkes ohne Unterschied. ־Unter den Verletzten und Ermordeten befanden stell z. B. Seminarschülcr. ein Staatsanwaltsgehihc. ein Setzer usw־. Etwas ähnliches fand auch am Tage der Dumacröffnung in Simbrisk statt. Eine Menge Manifestanten, die sieb vor dem Gefängnis versammelten und dann friedlich auseinandergingen, wurden plötzlich von detn . Schwarzen Hundert" überfallen und arg zugerichtet. Etwa 50 Personen waren so stark misshandelt, dass sie .sieh nicht erheben konnten. Einige sind tödlich verletzt. Man schlug alle ohne Unterschied des Alters . und Geschlechts mit Naga'kas und Stöcken, man trat sie mit Füssen, man licss die Pferde filier die Gefallenen laufen* Unter den Misshandelten befindet sich eine grosse Anzahl Kinder und Schüler. Die Anteilnahme der Polizei ist auch hier zweifellos festgestellt. Es kamen z. B. solche Fälle vor: Ein von der schwarzen Bande Verfolgter nähert sich einem berittenen Wächter. Dieser entfernt sich sofort demonstrativ und der Ungliickl'che wird vor den Auge» der Polizei auf das schreckliebste misshandelt. Man hob ihn mehrere Male noch auf und warf ihn. aufs Pilaster. - Das erti'che Komitee der K--D.־ Partei hat hier eine Untcrsuclnmgskommission aus Juristen gebildet, die aas einschlägige Material sammelt, wobei cs ibr schon gelungen ist. sehr interessante Tatsachen festzustellcn. ln anderen Orten -- so in Muroumi (Goiiv. Wladimir) und hu Gouv. Mohilcw —ך■ hat die Polizei seihst Angriff auf friedliehe Bürger gemacht Ohne jeglichen Grund und oluie jegliche Warnung zog sic blank und schlug und schoss, tötete und vc* wunde tc.! Angesichts dieser Ereignisse ist man berechtigt zu gl.r cs hier mit den ersten Vorboten der Schreckenstaten z un zu haben, die die Polizcibnrcaukratic dem Volke bereit ln der Presse zirkulieren Gerüchte über einen bevorst!.Un jüd'Schcn Pogrom in Odessa, wo.■ wie noch crinnerl'c‘ .n den Oktobertagen einige tausend Juden ihr Leben cingcbiisst haben. Soweit unser Korrespondent, fu der provinziellen Presse findet man jetzt öfters Beschreibungen polizeilicher Heldentaten. Nach (fiesen Berichten hauste die Polizei in Kasanj und Ekaterinodar nicht weniger grausam als in den oben angcgebend! Orten. Auch hier wurden ohne ernsten Anlass uii-J ohne jegliche Warnung cino grosse Anzahl völlig unschuldiger Bürger misshandelt. Polizeiliche dudenhetze Der DAILY TELEGRAPH meldet aus Petersburg: Seitdem die Amnestiefragc erörtert wird, haben siel! die politischen Verbrechen in Russland vermehrt; Fast alle Banken in! Lande werden von Truppen bewacht. Die Polizei begünstigt überall Gewalttätigkeiten gegen die Juden, welche von Panik betroffen, aus Odessa. Minsk. Kiew und anderen Städten flüchten. Die schwarzen Banden werden überall mobilisier{, um in Aktion zu treten. . . : ־ dudenheize in der Kaserne Warschau, 12. Mai. Über die w ütende Judenhetze, welche unter den Augen der Behörden, mit deren Zustimmung, ja sogar unter ihrer Mitwirkung in den Kasernen nach wie vor betrieben wird, ist wiederholt berichtet worden. Das bisher stärkste Stück, das auch nach allem, was vorgegangen, unglaublich klingt. aHr buchstäblich Wahrheit ist. hat sich hier zugetragen und auch in nichtjüdischei! Kreisen tiefgehende Entrüstung wachgerufen. Der Kommandeur des hier garnisonierenden 38. Tobolskcr Infanterie-Regiments *hat vor einigen Tagen seine Soldaten mit folgender Ansprache ’•!!arauguiert: •״Unser Vaterland macht jetzt schwere Tage durch. Aufwie gl er und Sozialisten wollen unser Vaterland teilen und hetzen sogar unsere tapferen Soldaten auf. indem sie ihre Lehrt unter den treuen Dienern unseres Väterchens Zar zu verbreiten suchen. Die Mehrzahl der Agitatoren sind Juden und Polen. Brüder, denkt immer daran, wer Eure Feinde sind lind vernicktet sie bei jeder Gelegenheit! Wenn Ihr bei der Verfolgung eines Aufwieglers diesen n!cäer$cl!K:%cn wollt, aber irrtümlich einen andern töten werdet, so wird Euch deshalb nichts geschehen. Im Gegenteil: mau wird Euch für Eure gute Absieht auszeiclinen. Vergesst nicht, dess wir Kriegszeiten durchzumachen haben, und je mehr unserer Feinde Ihr vernichteil w erdet, nrn so besser wird man Euch belohnen. Vergesst nicht, dass unsere innerer. Feinde, die Juden, Polen und Sozialisten, viel gefährlicher sind als die äusseren.“ Nach dieser Rede befahl der Regiments-Adjutant: ״Die des Lesens und Schreibens Kundigen zwei Schritt vorwärts!“ Aus den Reihen traten vier Bauern und vierzehn Juden. ״Juden?!", schrie der Adjutant. ״Israeliten“, antworteten die Soldaten. ״Ganz egal, schert Euch weg!“ Abends kam der Kompagnieclicf in die Kaserne, las den Studenten einen Artikel aus dem MOSKOWSKIJA WJFDOMOST! vor und knüpfte daran folgende Worte: ״Das ganze Unheil, unter dem' unser Vaterland leidet, kommt ausschliesslich von d־n Juden, die unser Blut aussaugen und dennoch so tun. als ob cs ihnen um den Muschik und den russischen Arbeiter zu tun wäre. Doch glaubt ihnen nicht. ,.Moschka." — er zeigte auf einen jüdischen Soldaten — ..ist Euer Feind: ich. ein Russe, eirf Rechtgläubiger und Adliger. warne Euch, dem Moschka zu glauben. Spuckt ihm in’s Gesicht!“ ••־.*־־ Die Soldaten umringten den ..Moschka“ und begannen, den Befehl buchstäblich auszufiihren. Schliesslich konnte ״Moschka“ siel! nicht mehr beherrschen: als der' Stubenälteste sich ihn! näherte und ihm direkt in’s Gesicht spuckte, fuhr er auf und gab ihm zwei Ohrfeigen. Hierauf käni...Moschka“ in’s Militärgefängnis. und bald w ird ihn. ein Kriegsgericht wegen schwerer Misshandlung eines Vorgesetzten aburteilen. Die jüdischen Abgeordneten in der Duma Am ■1. Mai veranstalteten die Petersburger Zionisten im Saale der ״Freien ökonomischen Gesellschaft" eine Versammh׳ug in ucr sie zu deu Ereign'sseii der letzten Tage. d. 11. zu den Beratungen der Duma. Stellung nahmen. Es wurde folgemfe Resolution angenommen: ..Angesichts der Tatsache, dass die russischen Juden eine eigene Nnn<׳:r.;!ität bilden, dass die die jüdische Nationalität ihre eigenen ökonomischen. politiNcliei: und kulturellen Interessen hat. dass ferner an die aus diesen Interessen folgenden eigenartigen nationalen Aufgaben mir dann » r.

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