Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 323 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 22 der Meinung?, dass die Kolonisten in zehn Jahren fähig sein werden, die Vorschüsse, welche ihnen gemacht wurden, zurückzuzahlcn. . Die Versuche, welche während des Jahres 190-4 mit Baum* WolikUltur in Palästina gemacht wurden, waren ziemlich zufriedensteiiend. Diese Versuche wurden jedoch nicht nach oiiom passenden System geleitet. Infolgedessen waren die Ergebnisse nicht* so günstig, als sie gewesen sein könnten, Die Saat wurde im Jahre 1904 zu spät ausgesäet. und natiirlichcrmassen fiel die Ernte nicht, wie cs beabsichtigt war. zu Ende September. Viele der Pflanzen waren überdies zwischen junge Orangenbäume gesäet w orden, Und als man 111m herausfand dass sie das Wachstum dieser Orangenbäume hinderten» schnitt mau sie nieder, noch bevor die Baumwolle gereift war. Einige hmgegen. welche durch ihren günstigen Platz zur Reite gelaugten, produzierten schöne Rohbaumwolle. Dadurch fassten einige Ansiedler den Beschluss, hn folgenden Jahre (!900) die Versuche auf einer etwas sorgfältigeren und kostspicicrigcn Basis wieder auizunehmen. Die . besten Resultate wurden, wiü ims berichtet ward. in .der deutschen Kolonie Wilbeliha erzielt, wo inan die Säat einfach pilanztc und daun das Versuchsfeld der Natur überlicss. Der Boden \var dort geradezu iilisscrst günstig für Baumwolienzucht. Auf Grund Von Sachverständ'genurtcilcn ist das Jordantal wegen .des Wasserreichtums und des Schönen Klimas der geeignetste Teil von Palästina für Gäuipwollaikullur; lind es ist beabsichtigt wordeit, das g'aiize Laitü iii der Nachbarschaft von Jericho für Uicsei! ZWeck zu verwenden. Sollte die Baumwolleukultur in Palästina eventuell Erfolg haben, so wird zu gleicher Zeit auch durch den grossen Handel, den der Export von Orangen schon jetzt licrvorgcrufen hat. eine beträchtliche Entwicklung der Kaufmannschaft des Landes wahrscheinlich in d:e Ersclieinuug treten. Hinsichtlich eines etwaigen Miiieralienreichtums muss gesagt werden, dass bis jetzt Palästina in dieser ,Beziehung noch ganz unerforscht ist. Dass der tote See grosse Margen Asphalt enthält, und dass die ganze Gegend ringsum ein schier unerschöpfliches Lager von Salz. Phosphor. Schwefel und Petroleum enthält, ist ia allgemciii bekannt. Trotzdem ist bis jezt noch gar nichts getan worden, um diese Schätze in Süd- Palästina fcli heben; Da Geschäfte und Handel sich in den letzten Jahren sehr entwickelt haben, und die Zahl der Reisenden in Palästina in bemerkenswerter Weise im Steigen begriffen ist — was durch das Zeugnis einiger grosser Dampfschiffahrtslinien, die jetzt von Touristen, welche Palästina besuchen wollen, bedeutend mehr, als früher in Anspruch genommen Werden, bewiesen werden־ kann — haben zwei oder drei sehr bekannte Bank- Institute beschlossen. In Jerusalem Zweigbüros ndt Unteragenturen (Oepositenkasscn) in Jaffa zu errichten.^ Im letzten Jahre wurden von zwei Bankhäusern Zwcigbiiros in Jerusalem gegründet; gegenwärtig gibt Cs dort eine britische, eine deutsche, eine französische und eine türkische Bank. Ausserdem haben sich noch mehrere Privatbankiers daselbst niedergelassen. Durch die Eröffnung von drei fremdländischen Postanstaltcn in den letzten sechs Jahren in Jerusalem. hiilziigcrechnet zu.eiier bereits bestehenden und einer türkischen Postanstalt. ist eine Korrespondenz mit allen Teilen der Welt eröffnet worden. Es ist jetzt eine tägliche Ankunft und Abfahrt der Posten von und nach Europa hergestcllt worden. lieber öffentliche Bauten ist für das Jahr 1904 eigentlich wenig zu sagen. Die Errichtung eines neuen Zollhauses in Jaffa -־ worüber bereits im vorigen Jahre berichtet wurde ~ ist letzt beschlossene Sache geworden. Die Ankunft von Gütern, ebenso wie die Verschiffung derselben von Palästina wird sieh dadurch sehr beschleunigen lassen. Die Erbauung einer Desinfektionsanstalt südwestlich von Jaffa ist ebenfalls schon im vorigen Jaffacr Konsulatsbericht erwähnt worden. Dieser Bau wird es ermöglichen, dass sich die Einwanderer schon in Jaffa einer Desinfektion unterziehen können, und nicht erst nötig haben, sich zu diesem Zwecke nach Beirut zu. begeben. Da aber das Gebäude sich an einer offenen und [eisigen Küste befindet. w׳ird cs noch nötig sein, einen starken nafendamm zu erbauen, um eine Landung ohne beträchtliche Unbequemlichkeiten, ia sogar bei hohem Seegang, zu ermöglichen. L r- L Rundschau Zum Schulfall der Ausweisungen I’AOhBLATT schrieb in seiner Numi vom ia. Mal 1906; ..Nochmals der Fall Schöne-Brockhusen. Den in gestrigen Morgenausgabe mitgetciltai Ausführungen NORDD. ALLO. ZTG. Zum Fall Scliöne-Brocklitisen widmet der Rechtsanwalt K. Liebknecht eine längere Entgegnung, die er uns kurz vor Schluss der Redaktion übermittelt. Wir ent* nehmen den! Schriftstück das Nachstellende. Herr Liebknecht schreibt: . Die NORDDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG wirft mir vor, ia niemer Erklärung den wichtigsten Satz aus der Rede des Ministers v. cggelasscn zu haben. Tatsächlich handelt cs sich — die Markierung ist übrigens mir infolge eines Diktatfehlers unterblieben — um einen für meine Erklärung ganz nebensächi.elien Satz. Ich habe die Erklärung in! Namen des russischen Kaufmanns erlassen. Eiir mich als den Vertreter dieses Kaufmanns kam cs nur auf die gegen meinen Klienten, erhobene ,Bezichtigung an, ur.d diese Bezichtigung ist buchstäblich richtig und erschöpfend wiedergegeben. Dieselbe NORDDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG aber, die mir aus der Weglassung eines Satzes atis der Rede des Ministers einen Vorwurf machen will, verschweigt meine Erklärung, gegen die sie polemisiert, vom ersten bis zum letzten Wort, übergeht die schweren kriminellen Beschuldigungen gegen Kommissar Schöne und v. Brockluiseii mit völligem Stillschweigen und wiederholt damit die Taktik des Ministers des linieren. der sielt, wie gerade die Auslassung der NORD- DEUTSCHEN ALLGEMEINEN .ZEITUNG erweist, im Abgeordnetenhause nicht zur Aufgabe gemacht, hatte, dem russischeu Kaufmann, der unstreitig unter Mitwirkung praiSsischcr Beamte:׳ hier in schwere Bedrängnis geraten ist, Genugtuung und Sahne zu verschaffen, sondern den Kriminalkommissar Schöne, dessen strafbare Handlungen erwiesen sind, nach Möglichkeit zu decken. Dieselbe NORDDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG, die mir jenen Vorwurf machen zu dürfen glaubt, erwähnt auch nicht mit einem Wort, dass meine Erklärung, wenn auch 0111:0 ausdrückliche Polemik gegen den Mildster, den Kommissar Schöne gerade noch einer viel schlinunercn Handlung als jener nie behaupteten Verleitung zum Sphmageangebot überführt, nf.:: l'cli eines eigenen entsprechenden Aigelmts an den Kaufmann, einer unmittelbaren Anstiftung' des Kaufmanns durch Schöne. Sic sucht durch vier Worte jede Schuld Schönes an der Spienagcanare einfach aus der Welt zu leugnen. Die NORDDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG iährt fort: ..Der Minister habe es unterlassen, filier das Hmeintragen der Spionageaffärc Mitteilungen zu machen und sich darauf beschränkt in der vorsichEgstcn W'eise cuie Vermutung filier die von der Privatperson hierbei gespielten Rolle aufzustcUen.“ Das ist in doppelter Hinsicht unrichtig. Der Minister hat nach d.-m Stenogramm gesagt! ״Wie es scheint, hat diese dritte Person den russischen Kaufmann bestimmt.dem Kriminalkommissar Schöne .... das Angebot zu gewissen Diensten zu machen. Kurz darauf ist der russische Kaufmann anderen Saut cs geworden." Wenn das keine Verdächtigung ist, dann ist cs auch keine Verdächtigung, wenn mau äussert: ״Wie es scheint, hat Müller die Uhr gestohlen, er hat sie aber später zuriiekgegeben." Die Aciisserung des Ministers bedeutet auen nicht bloss, wie der Ofrizicsus behaupten will, eine Vermutung über die von der Privatperson hierbei gespielte Rolle, sie trifft vielmehr in allererster L:n!e ausdrücklich meinen Vollmachtgeber. Der zweite?atz ,kurz darauf ist der russische Kaufmann anderen Sinnes geworden“ enthält sogar eine direkte und bestimmte Bezicht gung meines Vollmachtgebers. Die NORDDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG sucht schliesslich die ministerielle Auslassung durch vorhandene ,.Er- Klärungen bte'ligtcr Personen“ zu entschuldigen. Diese betcHigtcu Personen sind natürlich' der Kriminalkommissar Schöne und Freiherr v. Brockluiseii. Kriminalkommissar Schöne — der in der erwähnten Konferenz vom 22. April die jetzt von ihm anscheinend geübte Taktik durch die an den Kaufmann gerichteten Worte ausdrücklich ankümUgte: ..Merken Sie sich. Sie haben mit mir nichts zu tun, wT keimen uns nicht. Sie stehen rur mit Herrn v. Brockbusen in Verbindung", und der schlicssüch. als der Kaufmann zu einer späteren Konferenz nicht wieder crscheaien wollte, ihn durch die telephonische Drohung: ״Dann werden w־׳ir andere Schritte ergreifen“ in höchste Angst versetzt hat. — und Herr v. Brockluiseii. der bereits 50 Mark Vorschuss auf sein Teil erhalten hat. Ich konstatiere: Die Erklärungen dieser Herren haben den! Minister, der die Aussage der El.eirau 11.s Kaufmanns bereits in Händen batte oder haben konnte, genügt, den hilflosen russisehen Kaufmann, einen unbescholtenen verzweifelten EamTei־׳ vatcr. \uii der Triliiinc des Landtages herab der Bereitwilligkeit zun» gemeinsten Verbrechen zu zeihen."