Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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;JÜDISCHE RUNDSCHAU__ No, 22 Seite 326 Vorsteher Wöllstein verspricht wohlwollendste Epwägung der Vorschläge, man solle aber nicht den tiir die Ah- Zahlung angcsetzlen Betrag kürzen. Repräsentant Schlesinger zieht daran! die Anträge zurück. Kr werde ater mit seinen Ideen so lange wre.derkommen, bis der Vorstand an die Ausführung schreiten werde. Der Vorstand beantragt, die jetzige unterste Stcucrstufe. Einkommen von 9001050-־ Mark, von der Steuer frei zu lassen, wodurch allerdings statutcngeinäss die betreffenden Gemeindemitglicder ihres Wahlrechts verlustig gehen, Wer indes das Wahlrecht nicht verlieren will, muss sich bereit erklären, auf die Steuerfreiheit zu verzichten. Vorsteher Pringsheim empfiehlt sehr die Vorlage des Vorstandes, die ihm sozial sehr wertvoll erscheine. Denn inan habe im vergangenen Jahre H mal Stcucrexekutloncn vornehmen müssen, und 19 Steuerpflichtige hätten erst auf Maliming gezahlt. Repräsentant Badt wendet sich mit aller Schärfe gegen diese sozial scheinende Massnahme. Wenn man keine Exekution vornehmen wolle, was er gewiss billige, so solle man diesen M ebenso die Steuern erlassen, wie» man CvS bei 156 anderen Stcucrpflchtigen getan. Es haben aber immer noch 2-lSi, aus dieser Klasse gezahlt. Dass den Leuten noch nach dieser Vorlage freistehe, zu zahlen, sei sehr schön, aber das ist zu viel verlangt, dass die Leute erst sich zur Steuerzahlung melden müssen. Das heisst das Wahlrecht erkaufen.!Dieses Wahlrecht noch dazu, für 3 mal 6 Mark in 3 Jahrenll Redner macht• alle möglichen anderen Vorschläge, wie man sozial handeln keime, ohne d,n armen Leuten noch ihr letztes Recht das Wahlrecht, zu nehmen, so könne inan ihnen die Bc'׳aWm1g des Religionsschulgeldes erlassen oder ihnen ireie Tempelstellen geben oder s'c wohl statutcngeinäss chischätzem eben nur einen Tc'lbetrag erheben. Dann zahlen sie immerhin noch Steyern und können wählen. (Es ist im Statut vorgesehen, dass alle (lemeiudemitgliedcr nach demselben Satz eingeschätzt werden müssen.) Vorsteher Wöllstein, der zugibt, dass hier eine Entrechtuug vortege. findet alle diese Vorschläge uudurchiührbar bezw. stauitenwidrig. Das Reügionsschulgeld wird ohnedes auf Gesuch erlassen. [Und die kostenfreien Tempelstcllcn?| Repräsentant Justizrat 0 11 c ti d 0 r'fT? Prof. Leopold Cohn gehen auch die Härten der Vorlage zu und machen Vermitthmgsvorschläge. Vorsteher Pringsheim macht etwas unverständliche Einwendungen und hebt nochmals die soziale Bedeutung der Vorlage hervor. Rcpräscntanten-SteUvertrete.r Dr. Alexander: Was kann der Vorstand mehr tun. als den Leuten die Freiheit lassen, zu zahlen, *wenn sic wollen? Repräsentant D. N. Schlesinger: Eine solche Entrcclitung widerstrebe ihm durchaus. Der Vorstand müsse einen anderen Ausweg finden. Und wenn er selbst das Statut ändern müsste: aber diese Entrechtung dürfe nicht geschehen. Bei der Abstimmung' stimmen nur die' Herren Prof. B a d t und D. N. Schlesinger gegen den Antrag, der somit angenommen wird. Selbst eine Resolution des Vorsitzenden, des Juslizrat Ollcndorff, die den Vorstand bittet Möglichkeiten der Milderung des Beschlusses zu suchen fin<M keine Majorität. Und d'esc Ablehnung Ist das Charakterh. '־stc für die Herren Liberalen. Der zum ersten Mal als Stellvertreter einberufene Herr Dr. Alexander fragt an. warum die Friedhöfe an Sonnabenden nur von 11—2 Uhr geöffnet seien. Es kannm doch um 2 Uhr, besonders aus Oberschlcsien. noch Züge am und Leute, die etwa mit diesen Zügen zum Besuch des Friedhofs ankämeii, fänden denselben dann verschlossen. Vom Vorstand wird erwidert, diese Bestimmung sei so konform mit der Berliner Gemeinde getroffen worden. Herr Dr. Alerander bittet darauf, der Vorstand möge die Zeit verlängern, damit auch die am Sonnabend Nachmittag hier eintreffenden Friedhofsbesucher nicht unverrichteter Sache wieder abreiseu müssten. Kcinet der übrigen Repräsentanten würdigt den Herrn einer Erwidcrung oder wagt ihm beizupflicliten. Herr Dr. Alexander aber ist Schrift- und Wortführer des .,Liberalen Vereins der Synagc-gengemeinde Breslau“. Hillel. Berichte aus Palästina li. Die jüdischen Kolonien. Diese sind völlig landwirtschaftlicher Natur und sind einzig mit der Absicht gegründet worden, Juden, welche genötigt wurden, aus gewissen Ländern Europas auszuwanderu, als Bauern in das Land zi. führen, das ihnen durch religiöses Gefühl und nationales Empfinden geheiligt ist. Die Leichtig- י keit. mit welcher sich in ganz Palästina Weinbau betreiben! lässt, hat schon eine ganze Anzahl Kolonisten in das Land I gebracht, die alle in der Wollindustrie beschäftigt sind. Diese :st heilte die wichtigste des Landes geworden. a) Die Kolonie Mu leb bis. oder wie sie im Hebräischen genannt wird. ״Petach Tikwoh“ (die Pforte der Hoffiiuug). liegt ungefähr 9 englische Meilen nordöstlich von Jaffa, nahe den Quellen des Flusses Anja, des biblischen Me-Jarkon. Im Jahre 1879 kauften einige Juden aus Jerusalem und Jaffa di.s Dorf Mulcbbis, das von den eingeborenen Bewohnern ganz verlassen war. Durch das Klima, das sich wegen der Nähe einiger Moräste welche durch Ucbcrschwcmnuingen des Flusses Auja entstanden, ats ungesund erwies, wurden die Kolonisten genötigt, einige Morgen Land in der Nähe des nicht weit entfernten Dorfes Ychüdiyeh zu erwerben, wo sie sich einige Häuser erbauten. Im Jahre 1882 siedelten sich als Erste russische Emigranten mit klonen Mitteln in Mulcbbis und Yehüdijeh an. Diese ersten Kolonisten, unter welchen sich eine Zahl russisch-jüdischer Studenten befand, die als Tagelöhner arl>citeten. brachten einen denkwürdigen Euthusiasmus mit. und so schlugen s:c mutig mehrere Angriffe, die aui sie von den Arabern gemacht wurden, zurück: sie waren aber!••!•erfahrene •Bauern, und ihr Kapital war für das Unternehmen, an dein sie nun arbeiteten, nicht genügend. Sie gerieten iniolgcdesseu in schwierige Verhältnisse und musste:׳, die jüdischeu Philanthrupen um Beistand bitten. Baron Edmund von Rothschild antwortete generös auf ihren Appell, und so konnte das Kolonisationswerk in Palästina weiter fortgesetzt werden. Er leistete den Kolonisten von Mulcbbis. aber auch den jüdisehen Ansiedlern in anderen Orten pekuniäre Hilfe, bis die Werte, welche er in dieses Land gesteckt hatte, viele Millionen Francs erreichten. Der Hauptzweck dieser Wohltätigke t, nämlich der. die Kolonien selbständig und unabhängig zu machen, wurde indessen nicht erreicht, ];in grosser Teil der enormen Summen, die oben erwähnt, wurde für ICäufe von Land ausgegeben uud zur Gründung neuer Kolonien verwendet’ aber die Kosten der Verwaltung standen in gar keinen! Vcrhältnis zu den Einkünften, und kostspielige und unnütze Experimente — wie z. B. die Errichtung einer Glashütte in einer der Kolonien in Nord-Palästina'— verschlangen ebenfalls grosse-Summen. Die Kolonie Mulcbbis ist jezt eine grosse blühende Niederlassung. Beträchtliche Strecken der Nachbar- Schaft der Moräste wurden mit Eucalyptus-Bäumen bepflanzt, welche das Klima günstig veränderten, und viele Orangengärten sind infolge der dauernden Nachfrage europäischer Märkte nach Jafiacr Orangen angelegt worden. Die Kolonie zählt jetzt (1901־) ca. 820 Ansiedler, denen 3000 Morgen LanJ gehören. Wegen der Verbesserung des Klimas sind auch kürzlich die provisorischen Häuser in Ychüdiyeh verlassen worden. b) Rischon-lc-Zion. früher Ayoun Ka r a gcnannt. wurde im Jahre 1882 gegründet und liegt ungefähr 8 englische Meilen südöstlich von Jaffa. Das Land, welches zu dieser Kolonie gehört, ist ungefähr 1500 Morgen gross. Zirka 700 Leute wohnen in dieser Kolonie. Man findet dort schöne Gebäude, wie z. B. die Wohnhäuser der Kolonisten, eine Synagoge und eine Schule. Es ist auch ein schöner Park vorhanden, der jedoch meistens vorsichtshalber geschlossen gehalten wird. In Rischon-le-Zion gibt es grosse Weinkcllerelen. welche mit den schönsten Frankreichs konkurrieren können. Diese Kellereien enthalten nicht nur die Trauben von Rischon-te-Zion. sondern auch diejenigen aller benachbarten Weinbau treibenden Kolonien. Das Wohlergehen dieser und einiger anderer Weinbau treibenden Kolonien hängt hauptsachlich von der Nachfrage europäischer und amerikanischer Märkte nach den Weinen und Spirituosen dieser Kolonien ab. Unter dem Namen ..Carmet Company" wurde vor kurzer Zeit eine Aktiengesellschaft in Russland gegründet welche sich mit dem Verkauf dieser Weine befasst.. Zu diesem Zwecke wurden in den grösse ren Städten dieses Landes, wie auch in den Vcreinigten Staaten von Amerika Depots errichtet, die bis jetzt günstige Resultate erzielten. Die Weine von Rischon-le-Zion sind von vorzüglicher Qualität; trotzdem waren bis vor kurzer Zeit die Konsumenten nur Leute jüdischen Glaubens. Der gute Name, welchen der Wein jetzt bekommen hat. breitet sich zusehends aus. Viel dazu tragen auch die grossen Vor- rate in den Transit-Keilereien Hamburgs bei. da d»r Wein in