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Jüdische Rundschau · 1906-06-01 · Heft 22 (1.6.1906) · page 13

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 22 (1.6.1906)
Date
1906-06-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 22 J Ü D j SGHEs “RUN D SCH AU Seite 325 . . Ziehung.' auf die־ jüdischen Schankwirte .in den östlichen Ländern hin. wo vom Alkohoüsmus nichts bekannt sei. Ich w׳c!ss nicht, ob L c v 11 c hier über genaue Statistiken verfügt, die allein massgclnnd sein würden. Ich will ihm jedoch gern zugeben, dass die jüdischen Schankwirte in den östlichen Lftudem sehr viel weniger dem. Alkoholistnus verfallen sind, als ihre christlichen Berufsgenossen. Aber die Juden l'cben in diesen Ländern unter Ausnahmezuständen. Sic leben abgcschlossen von dem gesellschaftlichen und öi.'en!!:ehest Leben ihrer Wirtsvölker im Ghetto. w0׳ die Sitten resp. Unsitten der •־Oojims*‘ verachtet und verpönt sind. Sie leben in treuer Auhänglichkcit an die Tradition und an das ״Gesetz“, welches die Unmüsslgkeit verbietet. Und trotzdem glaube ich. dass so mancher jüdische Schankwirt in diesen Gliettoländcrii .sich allmählich an das Trinken gewöhnt, besonders wenn er auch die ..vornehmeren“ Getränke. Bier und Wein, vcrschänkt. In Polen soll übrigens das Schnapsen unter den Juden gar nicht so selten sein. Nun möge sich aber Lcvitc einmal unter den jüdischen Restaurateuren, Gastwirten und We'nhümilcru in Deutschland und in den übrigen westlichen Ländern umsehen, wo die Ghettomauern gefallen sind und die Juden in mehr oder weniger bewusster Assimilation an dem öffentlichen Leben tcclnchmen. Ich glaube, er wird da selten einen finden, der vom Alkohoüsmus frei geblieben ist. Von denen, die ich kenne, sind die meisten mehr oder weniger starke Alkoholiker. Lcvitc meint nun. dass die Juden, welche Bier brauen und Branntwein brennen, ihre Produkte nicht selbst zu verzehren brauchen, sondern auf den n'cksjiidischen Markt bringen können. Ist dieser Standpunkt richtig, vorausgesetzt, dass die Juden gegen die Gefahren des Alkoliol smus gefeit 'wären? Wie!misst es doch in der Schrift: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst (III. Mos. 19,IS). Auch den Fremdling in Eurem Igmdc sollt ihr nicht bedrücken, er soll euch sein gleich dem Einheimischen (III. Mos. 19. 33). Deines Nächsten Gut schütze ebenso sorgfältig wie dein eigenes, und die Ehre deines Nachstcu sei eben so teuer wie deine eigene (Pirkc Abbotli 2. 15, 17). Was du nicht w illst, dass man dir tu, das füg' auch keinem andern zu; das ist die ganze Thora, alles andere ist Fr- Klärung (Sabbath 30 1.). Meint Lcvitc. dass er sich mit diesen Grundsätzen, welche die QinUessenz der jüdischen Ethik bildet, dass cs sich mit der jüdischen Nächstenliebe (die allerdings von der christlichen Nächstenliebe, wie sie gegenüber den Juden erst kürzlich im Reichstag und im Abgcordnetenhaus verkündet worden ist und nunmehr bereits seit zwei Jahrtausenden geübt wird, himmelweit verschieden ist), vereinigen lässt, was er den Juden anrät? Sic selbst sollen sich vom Alkohol, weil er wohl auch nach Lcvite’s An- 'sicht ein gefährliches Volksgift Ist. fernbaltcn und seinen Gcnass meiden, aber dem Nichtjuden können sie ihn ruhig zuführen. ..Die Hafenstädte Syriens mit ihrer gemischten Einwohnerschaft und zu den Tausenden und Abertausertden zählenden Pilgerscharen Aegyptens usw. werden die Konsumcnteil sein,“ die können das Volksgift trinken und sich daniit^ ruinieren. Mit Recht empört sich unser Gefühl über den 01111-" lieben Standpunkt, den England in seiner rücksichtslosen Gewinnsucht in der Opiumt'ragc gegenüber Indien und China einnimmt, indem es den Anbau der Molmpilanze. den Opiumvcrbrauch und die Opiumsucht möglichst begünstigt. Ist der Alkoholismus wirklich ,eine solche Gefahr für den Bestand der Völker, für welche ihn auch Lcvitc unzweifelhaft hält, so dürfen wir nicht aus lener Gewinnsucht andere?kichgültig in diese Gefahr bringen. Wenn wir mit Recht unser eigenes Haus vor Fcuerbrand bewahren, dürfen wir ihn auch nicht in andere Häuser tragen. Das ist che jüdische Ethik, wie sic uns die Schrift lehrt. Oder sollten wir uns vielleicht auf den Standpunkt steilen: Nun. wenn die andern sich mit dem AIkohol gefährden und zu Grunde richten wollen, so ist das doch ihre Sache, warum selten wir den Verdienst nicht mitnehmen und ihnen das Gift verkaufen, nach dem sic Verlangen tragen? Nun könnte man vielleicht auch sagen: Wenn wir ihnen das Gift nicht befern. so liefern cs eben andere und nehmen uns den Verdienst fort. Mit ähnlichen Erwägungen kennte man aber auch den Diebstahl verteidigen (wenn ich es nicht nehme, nimmt cs ein anderer). Mögen andere immerhin so denken und handeln, wenn sic eine so niedrige Ethik haben. Das alte Kulturvolk der Juden aber, welches der Welt das Stttcngesefz gegeben hat. hat aber die Verpflichtung einer höheren Sittlichkeit. Noblesse obüge. Der zw'eitc Punkt, auf den Lcvitc hinw'clst, dass das Produkt der »Brennereien, der Spiritus, ja gar nicht als Genussmittel verwendet zu werden bnmeht, sondern eine ausgezeichnete Verwerlimg in der Technik lind Industrie als Heiz- und Brennmaterial finden kann, hat eine grössere Berechtigung. Dieser Punkt ist mir. da ich mich seit 15 Jahren aut* das intensivste mit der Alkoholfrage« beschäftige, durchaus nicht entgangen. Ich glaubte aber, in meinem Aufsatz deswegen nicht näher auf diesen cingchcn zu brauchen, weil der Zusammenhang mit dm Brauereien. In dem Prof. Warburg den Betrieb vm Brennereien empfohlen hat, mir deutlich zu bcweisen sehen, dass Prof. Warburg bei seinem Vorschlag vorzugsweise den Spiritus als Gcnussmittel im Auge gebäht hat. Ich gebe Lcvitc vollständig zu. dass der Spiritus in der Tat als Heiz- und Brennmaterial speziell für Palästina sehr werivoll ist. und dennoch halte ich die Errichtung von Brennereien in Palästina für sehr bedenklich, weil der effektive Nutzen, den der Spiritus als Brennmaterial bringen würde, weit iibertroffen würde durch die Gefahr, welche die damit stets untrennbar verbundene Verwendung' des Spiritus zu Geuusszu'cckcn über das Land bringen würde. Wie will Levito diese Verwendung, die er doch sicher auch nicht für zweckmässig hält hindern? Hätten wir bereits die autonome Heimstätte in Palästina, wie wir s׳c erstreben, so Hesse sich dies vielleicht durch Prohibitionsgesetze, wie sic in einer Reihe von amerikanischen Staaten bereits bestehen, in denen der Verkauf alkoholischer Getränke verboten ist sowie durch eine Bestimmung, w'onacli aller produzierter Spiritus sofort de-!׳?.tariert werden muss, erreichen. Aber unter den heutigen Verhältnissen, wo wir keir.c Bestimmungen in Palästina treffen können, halte ich es im Interesse Palästinas und der Juden für geboten, die gefährliche, fluchbeladene Industrie der Spiritusbrennerei nicht erst im Lande festen Buss fassen zu lassen, jedenfalls aber unter kt inen Umständen diese Industrie zu empfehlen und zu begünstigen. ,t.tuO J r z די* g %J und ״Libora uvi U Ci 150!ya . ß 40 f <*. r1 118׳ Aus der Sitzung vom 22. Mai 1906. Der Etat der Gemeinde weist einen grösseren Uebcrschuss auf. Der Vorstand beantragt, aus diesem Ucberscliuss jäbrlieh •10 0־'*) Mark zur Abzahlung von Hypothckcnscliuldeu zu verwenden. Diese betragen noch 295 000 Mark auf einem Grundstück, aller andere Grundbesitz der Gemeinde ist schuldemTci. Repräsentant IX N. S c h I e s i n g e r. einer von den nur 2 Nicht-Jasagern der Repräsentanz, findet die Amortisationsquoie, die ca. 16-18 Prozent betrage zu hoch. Koniniunen amortisieren nur mit 1—2 Prozent. Die Gemeinde solle etwas weniger Schulden bezahlen und lieber aus ihrer Mitte heraus mit eigenen Mitteln etwas Soziales, etwas Grösseres schaffen . Die vielen vorzüglichen wohltätigen Institutionen der Gemeinde seien bisher nur von Privatem Vereinen gcschaffen worden, nichts aber von der Gemeinde. Er wolle aber dieses Mal noch nicht so weit gehen und beantrage nur: der Altcrsvcrsorgnng’sanstalt die bewilligten 5000 Mark auf 10 000 Mark zu erhöhen und dem Verband zur Erziehung hilfsbedürftiger Kinder anstatt 600 Mark 5000 Mark zuzuweisen, und nur 30 000 Mark zur Hypothckcnabzahluiig zu verwenden. In der Altersversorgungsanstalt sei wohl genügend Raum., aber die vielen, in den Gemeinden vorhandenen Bedürftigen können nicht angenommen werden, da die Anstalt weht genügend Mittel habe. Der Verband zur Erziehung hilfsbedürftiger Kinder brauche nötig ein eigenes Heim, habe auch das zur Erbauung nötige Kapital, könne aber doch, nicht bauen, da dann das Geld für die übrigen Bedürfnisse fehlen würde. Vorsteher Stadtrat Pringsheim bezeichnet diese Vorschlüge als sozialpolitische Experimente (!). er wisse eine bessere Wohltätigkeit, die noch zur Beratung stehende Bcfreitmg der untersten Steucrstufcii von der Gemeindesteuer. 2. Vorsteher. Landgerichtsrat W oll st ein. befürchtet, wenn man 2 Institutionen so bevorzugt, würden die anderen das Gleiche beanspruchen. Dann aber müsste man ilic Steuerschraube etwas anzichcn. Wenn auch die Gemeindesteuer bisher sehr gering sei (60 Pig. fiir 100 Mark Einkoniiiien) würde das wenig angenehm empfunden werden. Im übrigen seien im Etat 56 000 Mark für wohltätige Zwecke aiisgcworfen, das sei nicht zu wenig. . Repräsentant D r. Reich, Führer der Liberalen, regt an.• die Gemeinde solle lieber ein eigtxcs Neues schaffen־, conform der städtischen Krankcnkiiclic eine solche mit koschc* rer Verpflegung. (Die Auguru lächeln. Sie denken: ein feines Mittel zum -Stimmenfang bei der nächsten Wahl.] Vorsteher Stadtrat Pringsheim erklärt sich nochmals gegen die Vorschläge. Er erinnere nur noch, wie viel die Gemeinde auch für die auswandernden Russen ausgeben müsse, viertausend Mark!! [Schrecklich; nämlich 50 Pfg. bis 1 Mark pro Person!1

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