Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1906)
- Date
- 1906-05-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 310 1 * * JÜDISCHE R U N D S C H AU No. 21 hatten bei den meisten jüdischen Wäldern den gewii; <chten Erfolg. In letzter Stunde gingen die jüdischen Wähler zur Urne und stimmten, wenn auch mit Widerwillen, für Bcnickv. So erlangte dieser eine Majorität von 103 Stimmen, nachdem 170 jüdische Wähler unter unerhörtem Drucke für ihn, den Antisemiten, gestimmt hatten. So sieht es mit den unter Posauncnschall verkündeten ..freien W׳ a h I c 11“ in Ungarn aus. Vor dem Kadi im Magyarenlande Ern interessanter Prozess hat vor dem Appcllgcricht in Szegedin seinen bemerkenswerten Abschluss gefunden: Das Budapcster Organ der antisemitischen Volkspartei ALKOT- MANY besudelte in einem Artikel wieder einmal die Juden und spielte hierbei, wie schon oft, auf die Möglichkeit eines ״Kischincv in Ungarn“ a״. Der jüdische Redakteur der in Szabadka erscheinenden BACSORZAü. I)r. Karl Csilag. griff wegen dieser Flegeleien den ALKOTMANY ln heftiger Weise an und betonte, dass die antisemitische Volkspartei trotz ihres Beitrittes zur Koalition ihren Antiscmitismus nicht aufgegeben habe, denn, wie das ungarische Sprichwort sagt, ״aus einem Hund wird niemals Speck.“ Der ALKOTMANY klagte wegen Verleumdung und Ehrcnbcleidi־• gung. Der Gerichtshof in Szabadka sprach als erste Instanz den Angeklagten frei, und die Appellationsinstanz schloss sich diesem Urteile an. mit der Begründung, dass Dr. Csilag. der es als seine Pflicht erachte, seinen Stamm gegen jeden Angriff in Schutz zu nehmen, in den Artikeln des ALKOTMANY einen berechtigten Grund zur Empörung erblicken durfte. Die französischen Juden , und das Trennungsgesetz Für die indischen Gemeinden Frankreichs hat das mit dem 1. Januar 1906 in Kraft getretene Gesetz über die Trcnnung der Kirchen und des Staates zunächst die Aufhebung der durch Napoleon I. cingeffihrten Verwaltungsorgane, der Konsistorialbezirke, des Zentralkonsistoriurns und der Grossrabbiner. zur Folge und ferner den Wegfall der bisher im Kultusbudgct vorgesehenen staatlichen Unterstützung von jährlich etwa 200 000 Franken. Um nun die Isolierung der einzelnen autonomen jüdischen Gemeinden zu verhindern und dein daraus drohenden Zerfall' des jüdischen Kultus in Frankreich vorzubeugen, hat das bisher bestandene Zentralkonsistorium Musterstatuten für die Bildung jüdischer Kultusverbändc entworfen und an die einzelnen Gemeinden verteilt, um sic von diesen begutachten zu lassen. Diese Statuten sehen einen ״Zentralvcrband der jüdischen Kultusvereine“ mit einem leitenden Vcrwaltungsrate an der Spitze vor. In ihr ordentliches Budget haben die einzelnen Kultusvereine einen Beitrag an den Zentralverband einzustellen, sowie die Unterstützungen, die sie an andere Kultusvercine zahlen können. Der Rabbiner soll von einer aus Mitgliedern des Verwaltungsrates des Zcntralverbandes und einer gleichen Zahl von erwählten Vertretern des betreffenden Kultusvereincs ernannt werden und seine Besoldung soll der Genehmigung durch den Verwaltungsrat des Zentralverbandes unterliegen. Im allgemeinen stehen die französischen Juden dem Trennungsgesetze günstig gegenüber. Die grossen Gemeinden, meint man, werden unter dem Wegfall des Staatszuschussea nicht leiden und die kleinen Gemeinden können sich mit einer grösseren Gemeinde oder unter einander verbinden, und im Falle eigener unzureichender Mittel werden sie das Nötige aus der Zentralkasse erhalten. Was dann weiter, von dieser materiellen Frage abgesehen, die geistige Seite des neuen Zustandes betrifft, so hoffen viele Juden auf eine lebendigere Betätigung des französischen Judaismus. Andererseits wiir־ den unter der Herrschaft völliger Glaubensfreiheit alle Farben des religiösen Regenbogens“, wie sich ein französischer Rabbiner in der Halbmonatsschrift L’AVANT-GARDE ausdrückt, Gelegenheit und Macht haben, sich zu betätigen. Es hat sich denn auch bereits eine Gruppe von angesehenen Pariser Juden zusammengefunden und die Grundzüge für einen ״liberalen" Kultusvcrcin entworfen. Dieser Verein wird seine eigene Organisation und seinen eigenen Rabbiner haben. Er wird einen Gottesdienst am Sonntag Morgen abhaltcn. wobei die Mehrzahl der Gebete in französischer Sprache gesprochen wird. Neben dem ständigen Prediger wird jede geeignet hefundene Person das Wort nehmen können. Der Unterricht wird sich den als .,wahr erwiesenen" Ergebnissen angeblicher moderner Forschung anpassen. Zugleich aber will sich dieser Verein nicht absondern von dem Zentralvcrhand, und seine Mitglieder beabsichtigen, zu den gemeinsamen Ausgaben und zu den gemeinsamen Werken beizutragen. Der uhrer dieser ..liberalen“ Bewegung ist Rabl). Louis Gennain Levy ut Dijon. . 'י.■’’׳ i . z '1 ( Die Duma und die Juden Petersburg, den 16. •Mal. Für die 6 000 000 Köpfe starke jüdische Bevölkerung des russischen Reiches ist es *eine Lebensfrage, wie s:ch ,die erste russische Volksvertretung zu der Frage der Befreiung der Juden von dem auf ihnen lastenden Joch verhalten wird. Der vermeintliche Hass des russischen Volkes den Juden gegenüber war im Munde unserer Bureaukratcn ein Vorwand, der die Befreiung der Juden unmöglich machte. Besonders oft und geschickt hat diesen Vorwand ins Licht gezogen der bekannte .,Judenfreund“ Grat Witte. Als die Vertreter der Jüdischen Gesellschaft sich im Herbs: des vorigen Jahres an Witte mit der Forderung der Gleichberechtigung wandten, wies er darauf hin. das könnte nur in ccm Fall Aussicht auf Erfolg haben, wenn die russische Gesellschaft ihre Stimme in diesem Sinne erhebe. Als man itt der Erwiderung darauf hitnvics. dass der Kongress der Scmstwovertrcter sich bereits im November 190-4 für Gleichbcrechtigung aller Nationalitäten und Bekenntnisse ausgesprechen hat. meinte Witte, das habe gar keine Bedeutung, da in dieser Erklärung nicht ausdrücklich von den Juden gesprachen sei. Seitdem ist in einer unzähligen Reihe von Erklärur.gen verschiedener russischer Konferenzen. Parteitage etc. die Forderung der Gleichberechtigung für die jüdische Bevölkerung aufgestcllt worden. 1 die Gleichberechtigung für 1;nn1ü;:licl liassc und ihre Gleichstellung ein Blutbad hcrvorrufeii werde. Nun b sowohl die Intelligenz wie das Voll sprechen. Wir körnten die Tat Schichten, wie überall in borcuen Antisemitismus 'rotzdeni erklärte Witte :. ck! ck. s Volk di: : Juden schreck 1!dies dir:« ,‘!neincs 1at sich letzt י:: er Zeit “.׳in di;;er Frage ausge3 :ich: Iw- .;nen. (!,,.ss grosse der :lg Welt, von instinktivem, r׳.r!:1־ .! Ahe r nirgends ist dieser Antisemitismus doch so wenig verbreitet, wie!der. :ave! eia senr ,.en P.ulei gedurchdrungen d Als den besten Beweis können wir die Wahl des Abgcorclneun Rechtsanwalt Winawer hier in Petersburg anführen. Winawer ist seit vielen Jahren als Führer des jüdischen ..Verband:5 zur Erreichung der Gleichberechtigung“ in weitesten Krei:!.i1 bekannt und ist oft energisch und schroff aufgetreten, wer.!! cs galt, in der 'russischen Gesellsclun't die Interessen der Ji denheit zu verteidigen. Zugleich ist V.'i tabues nlitg.icd der konstUiitioneü-uc.7!ukratisc wesen lind die Partei hat tim als einen der 6 Kar: b'daten für Petersburg anfgestellt. Der Umstand, dass die Idesiv.nz einen Juden als ihren Vertreter in die Duma schickt, muss doch wrkrEch als ein Beweis bet rach •:et werde:, dass wir hier keinen ausgesprochenen Aniiscniistismus haken. (Winawer ist mit 1-17 gegen 12 Stimmen gewählt worden.) In den letzten 'lagen haben wir einen noch wichtigeren Beweis in dieser Richtung erhalten. Wie Sic bereits wissen, teilt sich diw Bauernvertretung in dmer Duma in 2 Gruppen, in Progressive und Parteilose. Die Gruppe der wrogressiven Bauern umfasst ungefähr 130 Mitglieder. Vorgestern kam in den Vorberatungen die Stellung zur Gleichberechtigung der Juden zur Sprache. 3 Bauern sprachen sich gegen die volle Glcichbercehtigung aus. von dem Standpunkte ausgehend, dass die Juden fähiger und klüger seien und die Konkurrenz mit ihnen dann unmöglich werde. Eine Gruppe von 10 Bauern enthielt sich der Abstimmung, so dass die Frage von 107 Bauern ballotiert wurde, die sich mit 101 gegen 3 fiir die volle Gleichbcrechtigung ausgesprochen haben. Die Judenfrage und die Bauernabgeordneten Der bekannte Publizist A. Nowikow. der frühere Bürgermcister von Baku, schreibt in der NASC11A SCHISN: ״Die Erwartungen der Reaktionäre, dass die Bauern sich ultraradikal in der Frage der Verteilung des Bodens, dafür aber ultrakonservativ in den politischen Fragen benehmen werden, sind zu Wasser geworden. 1!1 ihren Vorkonferenzen besprach die Bauernfraktion des Parlaments die erste Frage sehr gemässlgt und gab zu, dass die Agrarverhältnisse nicht auf einmal geändert werden können, dafür gehen sic in de!! politisehen Fragen sehr weit und schwärmen fiir ein wirklich freies Russland, Ut dem ledern seine bürgerlichen Rechte durch Ge• setze gewährt sein sollen. Nicht ohne starke Befürchtungen sah ich aber, schreibt Nowikow. der Besprechung der natio nalen Frage und besonders der Judenfragc entgegen. Und wirklich haben hier auch einige Bauern begonnen, über die Juden zu schimpfen. Bald wurde cs al>cr anders. ״Wenn wir heute die Juden preisgeben und ztilassen. dass die Adtnk nistration eine Schicht der Bevölkerung entrechten kann.