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Jüdische Rundschau · 1906-05-25 · Heft 21 (25.5.1906) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 21 (25.5.1906)
Date
1906-05-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Seite 309 No. 21 ־ JÜDISCHE RUNDSCHAU Gegen die russische Anleihe Im Teatro Fenice zu Triest sprach am Sonntag. dem 6. Mai die bekannte Arbeiterführerin Dr. Angelika Bela* bariofi über ״Maria S|)iridonow;a und die Schandtaten des Zari.smu s“. Das Theater w.»r bis auf den letzten Platz, von Arbeitern besetzt und die dichtgc• drängte Mepgc folgte mit atemloser Spannung den grausigen Bildern, welche die Rednerin aus der schrecklichen Revolution ihres Geburtslandes aufrollte. Mit hinreissender Beredsamkeit, welche die lapidaren Schilderungen des Schrift- Stellers Koroleuko in seinem berühmten offenen Schreiben an den Tyrannen Siäatsrat Filonow erreichte, charakterisierte Ür, Ang. Belalumoit die verruchte Grausamkeit der Tschinowniki gegen die" gelangt, neu Opfer der Autokratie unu die harrsträübvndcn p.Gai^, w elche sie aus dem Tageuuch ihrer unglücklichem Genossin" iV.aria' Spiridonowa über die vom Kosakenniüzier A b r ע in o,w an ihr begangene Vergewaltigung vorlas. peitschten das Oeiiihl des italienischen Arbeiter- Publikums zu leidenschaftlichen Aeusserungcn des Abscheus und der Entrüstung auf, Ihrer eingehenden Darstellung, welche auch die furchtb a r e n J u d c 11 m c t z c I e i c n in ganz Russland ebenso anschaulich schilderte, wie sie Tschi rikow in seinem Drama ergreifend vorführt, entnehmen wir folgende, besonders bemerkenswerte Schlusssätze: ״Und diesem Zarismus mit allen seinen tierischen Schandtaten gegen seine unschuldigen und wehrlosen Opfer, dieser Tyrannei, deren Gewissen' die furchtbarsten Verbrechen an Gesittung und Menschlichkeit belasten, welche die Geschichte seit Jalirtauscuden kennt, hilft'die demokratische Republik in Frankreich und die Reglerung in Österreich-Ungarn zu neuen Anleihen. J)as reiche Oesterreich, dessen eigene Landeskinder alljährlich zu Tausenden über die Häfen von. Triest und F i 11 m e — die fremden Aiiswandcrerhäien ganz ungerechnet — ilire Heimat verlassen, um sich nur. vor dem Verhungern zu retten, dieser reiche Staat kann sich natürlich die finanzivile Unterstützung des Zarismus leisten! ־- — ..Und die österreichischen Juden, welche hier noch Ritualmordprozessc erleben und also gut wissen, welches Schicksal erst ihre russischen Glaubensgenossen heute wieder erwartet, schrecken nicht •vor dem Blute zurück, welches vom Profite dieses schändlichen russischen Arieihegeschäftcs trieft, von dem Blute jüdischer Kinder, die von Kosaken Jebcnd entzweigerissen, ver dein Blute geschändeter Juden- Jraiten und Mädchen, vor dem Blute elender Greise, die der- 5elbe Zarismus scharenweise hingemordet. ״Ja. in diesem Ocsterreicli fanden sich j ü d i s c h e K a• pHalisten, welche dieser von der gesamten zivilisierten Menschheit gebrandmarkten Schreckensherrschaft neues Ocid geben zu neuen Schreckenstaten gegen ihre Jüdis sehen Brüder! . . . Bis der Brand in den elenden Jude n- Kassen Russlands neuerdings auflodert, bis neue Hekatomben von jüdischen Opfern den mordenden und plündernden schwarzen Rotten unter Anführung?.arischer Kosaken amd Polizei in den Judenquartiercn zur Beute fallen werden, dahn sterbet nur ruhig, Ihr russischen Juden, denn Eure Wiener und österreichischen Glaubensgenossen haben Ja die Rubel hergegeben, für die Eure Mörder geworben werden. Und bis neue Züge des schrecklichen russischen Aiiswandcrcrelends hier in Triest die Flcndsiicrbergen mit den unglücklichen Opfern russischer Tyrannei wieder füllen, bis die Auswandererquartiere i1׳ Triest wieder Tausende jüdischer Flüchtlinge aufnehmen. die zitternden Schafen gleich, den russischen Mördern, entfliehen-— dann wird die Humani• tät“ dieser selben jüdischen Kapitalisten wieder zu Tränen gerührt werden und sic werden den rus- •sischcn Flüchtlingen-- warme Suppen und alte Kleider .geben .... Doch wir sprechen es hier laut und offen aus: Jüdische Kapitalisten waren es. die Millionen russischer Juden neuerdings den zarischen Henkern ans Messer gcliefert haben!" Diese Ausführungen übten einen ungewöhnlich tiefen Eindruck auf die nach lausenden zählende Menge. Tosender Beifall unterbrach ihre donnernden Anklagen. Der Sekretär der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, Herr Valent. Pittoni. konstatierte später ausdrücklich, die russische Anleihe habe hier Fiasko gemacht. Wie der OESTERREICHISCHEN WOCHENSCHRIFT von glaubwürdiger Seite versichert wird, haben sich die Triestine'r Juden (bis auf wenige Ausnahmen) an der russisclien Anleihe überhaupt nicht beteiligt. Massgebend hiefür war das Beispiel eines der führenden Finanzmflnner von Triest. Adolf Brunner, der seinem Börsenagenten auf die Vorschläge zur Beteiligung am russischen Anleihensgcscliäfte entschieden und würdig antwortete: ״Ich bin Jude, und damit Ist für einen Mann von Ehre alles gesagt. — Auch der Rabbiner Herr Doktor U. B r c 11 h o l z ermangelte nicht, seinen Einfluss überall möglichst geltend zu, machen, um seine Gemeinde vor der Schmach zu bewahren, welche die Arbeiterfiihrerin Dr. Angelika Belabanofi so schonungslos gc» geisselt hatte. Rücktritt des Kultusvorstendes Ritter von Taussig Der Generaldirektor der Bodenkreditanstalt bat im Wieuer Kultusvorstand schriftlich seine Demission übergeben mit der Begründung, dass die aufgeklaiiten Gegensätze in der Gcmeinde aus Anlass der russischen Anleihe nicht zu überbrücken seien. Die Gerechtigkeit, welche unbeugsame Wahrheit nach allen Richtungen verlangt, veranlasst uns zu der Anerkennung, dass der Inhalt des Schreibens des Ritter v. Taussigs Beachtung verdient. Er hätte cs ganz leicht gehabt, sich mit dem Achselzucken eines reichen Mannes zurückziiziehen. Er hätte mit einigem Trotz überhaupt keine Kon- Sequenzen aus den Anklagen zu ziehen brauchen, denn er. war' als Vc rtrcter der Höchstbestcucrtcu von der öffentlichen Meinung unabhängig. Aber, er zog es vor. mit Anstand von der Bühne abzutreten, auf welcher ihm ein schwerer und unverzeihlicher Fehler das Verweilen unmöglich gemacht hatte, und gab damit das Zugeständnis. dass die politische Gerichtsbarkeit im Volke sitze. Trotzdem viele engere Kollegen im Streite aut seiner Seite standen, respektierte Ritter v. Taussig das cncntliclie 151 ieü. das nach wie vor in einer Tätigkeit zu gunsten der Anleihe, für die Judenschlächter vom November k e i n ein i I d c r n d c n Umstände finden konnte. Es ist keine Verbeugung vor Macht und Besitz, wenn man dem gewesenen Kultusvorstand zagesteht, dass er mit Würde das Feld geräumt bat. Ungarische Wahlen Die ungarische Volkspartei hat zwar von den 70 Kan-’ didaten kaum 30 ins Parlament bringen können und auch' diese nur dadurch, dass in vielen Bezirken (Baan. Kubin) die Juden aus Patriotismus gegen den oanslavisclicn für den magyarischen Kandidaten stimmten, trotzdem dieser der autisemitischen Volkspartei,angehörte. Von den psetido-jiidischen Kandidaten aber sind die meisten wiedcrgewählt worden, wällreud die antisemitisch e Hetze Männer wie V i s 0 * t a i in ihren ־ bisherigen Bezirken zu Falle gebracht hatte. Nicht weniger als 17 (nach den Stichwahlen •vielleicht ausserdem noch 2 bis 3) werden im neuen ungarischen Abgeordnetenhause sitzen. Nur wäre cs zu wünschen, dass sie sich auch als Jude dort zeigen und für ihr Judentum cintrcten.!,Freie“ ungarische Juden Ueber den ״dominierenden" Einfluss der. Juden in Ungarn kann man in der antisemitischen Presse zuweilen die uglaublichstcn Schauergeschichten lesen. Wie cs in Wahrheit damit bestellt ist, zeigt die etwiirdigedne Rolle, die die Juden in manchen Wahlkreisen bei den letzten Wahlen spielen mussten. Der PKSTER LLOYD veröffentlicht zu. dem Kapitel der J r e i e n Wahle n" folgenden Beitrag: hn Wahlbezirk Roscahegy (Rosenhain, im oberen Waagtale) traten als Bewerb*.•! atu uas Abgeordnetenmandat der Slowakisch-Nationale Dr. Sclirobar. der zur Volkspartei gcliörige Mitarbeiter des ALKOTMANY. Edmund und Bcnicki־. in dmie Schranken. Der Letztgenannte war der offizielle Kan* didat der Koalition. Der Kampf wurde vom ersten Momer.t an beiderseits mit der grössten Vehemenz geführt. Di® in d i s c h c n W ä hier erklärten als treue ungarisch® Pat r iöten. die inmitten einer slowakischen Bevölkerung stets für die ungarische Sache gekämpft haben, dass sic für den Nationalitäten- Kau didaten in keinem Falle stimmen würden. Ebenso wenig dürfte es ihnen aber zugemutet w erden, dass sic mit ihren Stimmen einem Kandidaten zum Siege verhelfen sollten, der sich offen zum Antiscmitis• mus bekenne. Gar bald war es evident, dass der ..Kandidat der Nationalitäten" durchdringen würde, falls die Juden bei ihrer ..passiven Resistenz" verharrten. Und nun begann ein wüster Terrorismus. Die Spitzen der Behörde!! und Aemtcr setzten den Juden mit allen Mitteln der Pression zu. damit sie für den Antisemiten stimmten. Es wurde mit der Entziehung der Schank- und Trafiklizeiizen. den Fabrikanten mit adminiötrativen Schikanen gedroht. Alle möglichen Verfolgungen wurden in Aussicht gestellt, falls der koalitioaistlschc Kanddiat nicht siegen sollte. Diese und ähnliche Pressionen und Drohungen

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