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Jüdische Rundschau · 1906-05-25 · Heft 21 (25.5.1906) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 21 (25.5.1906)
Date
1906-05-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 304 # JÜDISCHE gewiss .־wunderbare Forderung rr der Fremde soll menschlich und gerecht behandelt werden. Dem Landiremden* wird sogar in‘diesem Gesetze eine bevorzugte Stellung eiiigerMimt, denn ״Du •'selbst bist ein Fremdling gewesen im Lande Mizrajim“ und!misst driun also wissen, wie einen! Fremden zumute ist,• der der Humanität eines Kulturvolkes auf Gnade und Ungnade ausgcliefert, ist. . Das Jüdische Volk schmachtet nach Gerechtigkeit, wie der Verbannt(?, den Tücke und 1 rüg nach Jcr Tetnelsiuse! trieben, um fremde Schuld auf ihn um so besser ablagern zu können. Nach Wahrheit Schmachtefimd lechzt das Jüdische Volk, denn es gibt der Lügen und Verleumdungen über Juden und Judentum mehr, denn jemals Wahrheiten gesagt worden sind. Aber es gibt, auch Juden, denen dieses eingeborene Gefühl der Gerechtigkeit abhanden gekommen ist und die es gegen Karriere und Titel und gesellschaftliche Ehren ein■^ tauschen, Juden, die das Unglück ihres Volkes zum \11lass genommen haben, aus der semitischen Rasse auszutreten. Sie geben damit durch die Handlung selbst dem Antisemitismus Recht, denn man entäussert s;el1 nur einer Vergangenheit, die man für schändlich und beschämend hält. Diese Juden sind daher die Todfeinde der Juden und des Judentums. Denn indem sie rieh selbst der Feindschaft entziehen, die sie den andern Jude!! zusehaiizeii, geben sie zu der Behauptung Anlass, dass die Juden, wenn sie nur reich genug sind, für äussere Ehren die frmere Ehre verkaufen. In dieser Richtung gibt es unendlich viel im Jüdischen Volke zu bessern. Aber wir glauben an das Wort des deutschen Dichters, das er seinem polnischen Juden in den Mund legt: . ״Mein zugcwogcncs Gliickstcil. das ist die Liebe mein. Zu meinem Volk, mein Glaube zu bessern muss es sein'; Mein Hoffen mitzuwirken dazu mit Gut und Blut: Du nennst die drei zusammen,׳ das ist mein froher Mut!" Mit frischem, frohem Mute sind wir erfüllt. Die Gerechtigkeit wird doch einst siegen. So finster sich das Gewölk am Himmel des Jüdischen Volkes zusammenzieht; aus Blitz und Donner glauben wir die Stimme zu vernehmen, die uns das Gesetz der Gerechtigkeit gab, als ein Unterpfand, dass uns das Land Das Schulgespenst (UJK0a060H3l!b) Humoreske aus der jüdischen Vergangenheit in Litbauen. Von Leo Lewanda. Aus dem Russischen übersetzt von William Z e i 11 i n. (Fortsetzung) Dazwischen sangen sic zuweilen ihre Lieblingslieder: ״Auf der Strasse, auf der Chaussee“ oder ״Wir Helden, zum Ruhm geboren" — oder sie schnarchten mehr oder weniger grässlich, jenaclidem, In welchem Masse sie sich mit Genüsse vollgepfropft hatten. Beim Beziehen ihres Quartiers suchten die Soldaten in der Regel zunächst die anderen Bewohner gänzlich zu verdrängen," wobei sic jede Gelegenheit benutzten, alle Wände und Ecken mit Beschlag zu belegen, in den gemeinsten Ausdrücken zu schimpfen, die Hauswirtin mit der geballten Faust zu bedrohen und den Wirt zum Quartiermeistcr zu schleppen. Kurz, die Soldaten tobten und wüteten zuerst wie in einem soeben unterworfenen Lande. Nach und nach aber lebten sie sich in die Verhältnisse ein, steckten das Rasen gänzlieh ein und schmälerten allmählich ihre Ansprüche, in- RUNDSCHAU ________%_NoViH? ' % ־ Israel zuteil wird, so langender •Himmel über der Erde steht. . ־ : ' ׳' j *- ‘ Die Schekcitage, die wir feiern, geben dem Wochenieste zeitlich voraus. Denn wenn die Gerechtigkeit Jiervorbrcchen soll wie die Morgenröte und die Wahr- *licit wie der helle Tag, so müssen'wir uns zusammenschiiesscn als ein einig Volk von Brüdern, das der Wahrheit zum Siege verhelfen will. Gewiss soll der Friede unser Ziel sein, aher nicht jener faule Friede, dessen Untergrund die Unwahrheit und Unaufrichtigkeit ist. Was der Mund bekennt, muss der Ausdruck des Herzens sein. Und so wie der ärgste Feind einer Sache der ist, der sich mit dem Munde dazu bekennt und mit seinen Taten dauernd daran arbeitet, sic zu stören, so. muss die Wahrheit und Ehrlichkeit die Grundlage aller unserer Taten und Forderungen sein. Zum Frieden müssen wir kommen, aber wir müssen wissen, dass es keinen Frieden gibt ohne den Kampf gegen die Lüge und Ver-' Ictimdtmg und dass wir gegen die Unduldsamkeit nicht duldsam sein dürfen. Scliabuötli ist das Fest der Freude, dass uns Jas• Gesetz gegeben wurde, das Gesetz der Gerechtigkeit. Wir dürfen uns seiner freuen, denn auch das Gesetz, das wir uns freiwillig aufgelegt haben, um der Wahrheit und Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen, haben wir getreulich beobachtet. ״Wir kämpfen für die Wahrheit, wir kämpfen fiir das Recht!“ Die Wahrheit ist es, dass unser Volk, das einst glücklich und gross war wie kein zweites, ein Volk der Kultur, dessen Weisheit in den Augen der Völker das Gesetz der unbeugsamen Gerechtigkeit war. Wahrheit ist es, dass dies Volk unter dem Unrecht bittcrsch ver seufzt und dass es eine Hoffnung fiir dieses,'Volle gibt, zu Frieden zu kommen, wenn ihm sein Recht gegeben wird. Nie verjähren die Rechte der Völker, und es hat ein unveräusserliches Recht auf das Land, das ihm äugestammt ist, ein Recht, das jedem Kulturvolkc klar ist und das nicht erst erwiesen oder gar von der Liebe geschenkt zu werden braucht. Wir wollen von Geschenken nichts wissen, wo wir unser Recht zu verlangen haben.* dem sie siel! die miserable Lage ihrer Wirtsleute vergegenwärtigten. Schliesslich siedelten sie freiwillig nach dem Fussboden über und waren eifrig bedacht, nienumd zu belästigen. Alsdann herrschten zwischen Soldaten und Einwohnern vollkommene Eintracht und die besten Beziehungen, welche durch gegenseitige Dienstleistungen nur noch an Macht und Tiefe gewannen. Prochor und Iwan wurden als legale Hausgenossen betrachtet; jeder verabreichte ihnen gern Speisen, soweit es seine materiellen Verhältnisse nur immer erlaubten, man hörte teilnahmsvoll ihre Klagen über das barte ^01dätengcscbick an, kochte ihnen Lindenblütentee, wenn sie sieb unwohl fühlten, und wenn die Zeit der Standquartiere ablief, war der Abschied gewöhnlich sehr riihrend. Prochor und Iwan weinten, umarmten und küssten sämtliche Hausgenossen — inklusive Dienstmagd und Kater —, alle begleiteten sie mit den aufrichtigsten Segenswünschen, die Kinder klammerten sich an ihren Rockschössen fest und liefen ihnen bis 2\nn Sammelplatz nach. Das ganze Haus grämte sich einige Zeit um die giften Quartiergäste, wie um eben verreiste nahe Verwandte. Daraus folgt, dass nur das Fremdsein schuld ist, wenn Leute einander meiden oder gar ihren unbekannten Nächsten Unannehmlichkeiten bereiten wollen;

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