Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1906)
- Date
- 1906-05-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Jahrgang V/ochenfest und Schekeltage Unmittelbar vor dem Woclienfest feiern wii in diesem Jahre zum ersten Male allerorten, wo Juden wohnen, die Schekeltage. Gewiss gibt es noch immer viele, gar zu viele Juden, die sich dem Zionismus nicht angesclilossen haben. Aber kaum eine Gemehide dürfte . cs ' auf'Erden geben, wo der Zionismus nicht schon begonnen hätte, seinen Einzug zu halten. Der Zionismus ist nicht etwa eine Partei im Judentu nie, die mit irgend einer andern Partei oder Richtung verglichen werden könnte. Er ist vielmehr das sich selbst wiedergebärende Judenvolk. Der Zionismus ist nicht etwa eine Sondcrriclitung im Volksgeiste, er ist vielmehr der wicdererwachendc Volksgeist selbst. ’ Er ist nicht etwa eine Hilfsaktion, sondern er ist das Volk selbst, das sich' selber hilft. Darum aber hat wohl der Zionismus viel an sich von einer Partei, er erinnert auch an eine gewisse Sonderrichtung, wie noch immer das neue Leben als Sondcrrichtting erschien, er hat auch das Aussehen einer Hilfsaktion, und doch ist er so unendlich viel mehr ais alle diese Eintagserscheinungen. Er ist das Bleibende in dem Judenvoikc, und selbst die neueste und jüngste Partei im Judentum, ist er zugleich den Wurzeln am nächsten, aus denen der mächtige Stamm des Juden- Volkes erwächst. Der• Zionismus ist das wiedererwachende Volk, er ist die .kommende Generation. Aber weil er die Zukunft bedeutet und doch mehr als irgend etwas anderes in der Vergangenheit wurzelt, weil er an die ältesten Anfänge des Volkes ankniipfend für die fernste Zukunft baut, darum wirkt er wie Scheidewasscr' auf alle Elemente, die im Judentume nach aussen streben. Er ist das Gegenteil der seit Jahrtausenden zentrifugal wirkenden Kräfte und steht daher der Assimilation ebenso fern wie der Mischehe, die etwa diese als Kompromiss mit dem nationalen Geist des Judentums schlicssen möchte. Er Ist der Erbe des Mosäistmis, dessen Fest wir in der nächsten Woche feierlich begehen. Denn mehr als ein anderes Fest ist Schabuoth der Tag, der dem siegenden Mosaisnuis geweiht ist. Es Ist das der Tag, der an das unter Donner und Blitz geborenc Gesetz erinnert, in dem sich der Geist der Gerechtigkeit, der dem jüdischen Stamme immanent Ist, krystallisicri hat. Die ausgleichcnde Gerechtigkeit, die Sich durch keine angebliche Humanität oder vermeintliehe Liebe von der gradeii Linie abbringen lässt, sie ist vorgezeichnet durch das Wahrheitsbedürfnis, das dem jüdischen Gcniüte innewohnt. Sic allein vermag ein Damm gegen Unrecht sein. Keine Humanität und keine Liebe vermag so ein schreiendes Unrecht zu verhindern oder auch nur zu mildern, wie es wiederum siebentausend des verfolgten Stammes mit einem einzigen Federstrich angetan worden ist. Wir wollen keine Liebe! Wir haben ihrer genug und übergenug! Aber ein ganz klein wenig Gerechtigkeit wollen wir haben. Der Zionismus ist auch insofern echter, reiner Mosaisnuis, als er ein Ausfluss des heissen Verlangens nach Gerechtigkeit ist. Zweitausend Jahre bitteren Unreclitleidens haben das Jüdische Volk nur noch mehr empfänglich gemacht für den Geist und die zwingende Notwendigkeit der Gerechtigkeit, so dass der Zionismus gewissermassen ein. Angstschrei aus verzweifelter Seele ist. Er'ist der Ruf nach Gerechtigkeit, der Schrei nach der Wahrheit. Darum aber kann und muss der Zionismus nur •Jas •Ziel vor Augen haben, das allein auf Gerechtigkeit sich gründet, die Wiederherstellung dessen, was man zu Unrecht dein Judenstamme entrissen. Das Judenvolk würde an die Liebe appellieren, wenn es etwas anderes verlangen wollte, als was ihm rechtlich zusteht. Und es sollte doch in den zweitausend Jahren bitterschwerer Verbannung gelernt haben, dass es von der Liebe nichts zu erwarten hat. Seine ganze Hoffnung muss es sein, dass der Gerechtigkeit genügt wird und dass ihm kein Deut Humanität und Liebe mehr zuteil wird, als die strenge Gerechtigkeit verlangt. Aus diesen Gründen glauben wir an keine endgiltige Lösung der Judenfragc in irgend einem Lande der Verbannung, sondern nur Im Lande der Freiheit, das uns gegeben wurde zugleich mit dem Gesetze der Gerechtigkeit und das uns zugeschworen wurde als ewiges .Eigentum, so lange der Himmel über der Erde stellt. Wir bedürfen für unser Volk einer öffentlich-rechtlich. gesicherten Heimstätte, in der es seine ganze reiche Volksseele ausleben, seine so reichen Geistes- und Gcmiitsgabcn voll und ungehemmt entfalten kann. Das Gesetz der Gerechtigkeit, das uns unter Donner und Blitz zuteil wurde, ist ein Gesetz des Lebens, ein Gesetz des Fortschrittes und der Entwicklung. Aber es verlangt eine Entwicklung, in der der Schwache gestüzt, nicht aber unterdrückt wird. Reich und .Ami sollen gleich vor dem Gesetze sein und sogar, -- eine im zwanzigsten •Jahrhundert