Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1906)
- Date
- 1906-05-18
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 295 No. 20 ¬י PJL1 SCHE RU N D SCHAU .Da Mitglieder der hies. israelitischen Gemeinde ..koscheres"! Fleisch habe» sollte», hat Herr Schlächtermeister Erkrath. »»־ bekümmert um seine übrige Kundschaft, all sei» \ieh, das geschlachtet wurde, »ach jüdischem Ritus geschlichtet. so dass in letzter Zeit ehe» jeder ״koscheres“ Fleisch csscji musste. Die Mitteilung dieser Tatsache, die nur wenigen bekannt war, rief i» der Versammlung allucinclnc Entrüst»»« hervor, und Herr Erkrath, der zugegen war. wurde vor die Wahl gestellt, entweder auf das Schächten oder auf seine christlich». Kundschaft zu verzichten. Natürlich entschied sich Herr Erhrath für seine grössere alte Kundschaft und versprach be־ stimmt dass fernerhin auf seinem Schlachthofe kein Stück Vieh g e s c h ä c h t c t werden sollte." Ist das nicht cm neuer Erfolg der deutschen Kolonisation? Heiliger Putkammer i Aus Argentinien Der soeben erschienenen amtlichen Statistik über die Einwanderung in Argentinien für das Jahr 1905 entnehmen wir folgende Daten: Die Gesamtemwaiiderung betrug im Jahre 1905 177 117 gegenüber 125 577 im Jahre 1904. Au erster Stellen stehen die Italiener mit 88 95!). Es folgen dann die Spanier mit 53 029. An dritter Stelle die Juden mit 7519. Die Nachricht von dem Schächtvcrbot soll falsch sein. Eine grössere Anzahl cingewainlcrtcr russischer Juden hat ein Territorium für 400 00" Pcsas in Baradcro. Provinz Buenos- Aires angekauft und eine landwirtschaftliche Kolonie unter dem Namen Max No rda» begründet. Eine ״Neuschaffung von Chafdän“ wird von britischen Ingenieuren, in erster Linie Sir William Willcocks. geplant. Man will die T;iler des Euphrat mul Tigris. die einst die ersten und reichsten Kulturländer der Welt waren und die heute Wüsten oder unwirtliches Sumpflaud sind, durch' ein «ross angelegtes Abdümmungs- und Bewässerungssystem, wie es in Aegypten mit so grossartigem Erfolge durchgetiihrt worden ist. in ein fruchtbares Ackerland verwandeln, das Millionen einbringen soll. Eine begeisterte Schilderung von der Zukunft des Landes cutwirft Ernest H. Short im Aprilheft der BROM) VIEWS: 1250״WO Acres besten Landes warten heute nur auf Wasser, und um sic damit zu verstirben, müssten gegen 12 0001)00 Mk. für die Wasserwehre des Tigris ausbebehen werden. Der Wiederaufbau des Haiipt-Nahrwan-Kanals wird 6U Millionen Mk. kosten, die kleineren Kanäle weitere 80 Mill. Mark. Im Ranzen werden also 160 000 000 Mk. eriordcrlich sein. Jetzt ist das weite Landgebiet wertlos; als Ackerbauland kann cs jedoch tuiRCfähr auf 600 Mk. pro Acre Reschäzt werden, bei 140 Mk. Unkosten für den Acre kann man also den 1280000 Acres jetzt wertlosen Landes einen W'ert von 768 000 000 Mk. Reben. Die ״Ncuschöpfimg Chaldüas“ aber schlicsst auch den Wiederaufbau der Hauptbewässerungs- Systeme in sieh, die vor dem Einfall der MoiiroIcii und Tataren bestanden. Ein crfolbreieher Versuclt zcibt. dass mau der Wüste und dem Sumpf Millionen Acres Land abgewinnen kam«, wobei die Ausbaben noch nicht 25 Proz. des zu erwartenden Gewinnes betrüben werden, und dabei ist das wahrscheinliche ständige Steiften des Bodenwertes nicht in Auschlab gebracht. Ausser dem Wüstenland am'Tigris können dem Sumpflandc zwischen Tigris und Euphrat nach Sir Williams Schätzung 1 500 0140 Acres abgewonnen werden. Jetzt finden sieh in den dürren Ebenen und den sumpfigen Dschungeln nur wenige angebaute Flüchen, und diese können von den periodischen Ucberseliwemmungeu zu jeder Zeit fortgescliwemmt werden. Hier müssten zwei grosse Deiche, einer am Ostufer des Euphrat und der andere am Wcstufcr des Tigris angelegt werden. Die Kosten können auf HO Mk. »fr den Acre voranschlagt werden: wenn man das so gewonnene Land 11u! sehr niedrig schätzt, würde einer Kapitalsausgabc von nur 260 000 000 Mk. eine Einnahme von 440 000 000 Mk. gegenüberstellen. Es wäre,“ so schlicsst Short seine Ausführungen, ..jammerschade, wenn die gründliche Prüfung der Ausführ• barkeit von Sir William Willcocks Plänen und der Bau der Eisenbahn von! Mittelmeer zum Persischen Meerbusen nicht zustande kommen können." -- ■ -. - « Bl l. - ,.» ..- ־ --־. ין Briefkasten der Redaktion!יי״ין^ . M. M. in M. 1. Wir kennen die Richtung, in der sich die Anträge gegen die Palästinaarbeit bewegen. Die Einzelheiten werden wir auf dem Dclegicrtentage ja noch früh genug erfahren; wir haben weder die Kenntnis noch die Absicht, hier Näheres mitzuteilen. 2, Briefe dieser Art bitte stets direkt an das Zcutralbfir״ richten zu wollen. •3. Gumpcl sagt: ״Nut der Jude kriegt es fertig, sich schmadden zu lassen." 5. Chamisso — nicht Lenau. Zionsgruss. Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums »Nach Schluss der Redaktion eingetroffen.) Berlin, 10. Mai. Am 8. d. M. fand hier im Altstädte* lieücine öiieutli. he Versammlung des neu begründeten ..Vereins zur Erhaltung des überlieferten Judentums'• statt. Nachdem Herr S. Wcdell die zahlreich erschienenen Damen und Herren hegriisst hatte, erteilte er Herrn Dr. Bauet!! das Wort zu dem angekündigteu Vortrage über Ziel und Zwecke des Vereins. In etwa halbstündiger Rede führte dieser ungeiähr Folgendes aus: ״Die Berührung mit der christlichen Kultur hat gegen linde des 18. Jahrhunderts in vielen Köpfen eine unheilvolle Verwirrung angerichtet, deren Folgen noch heute nicht ganz überwunden sind. In wenigen Jahren war damals ein anschnlieber Teil der Berliner, jüdischen Gemeinde zum Christentum ühcrgetrctcii. Seitdem ist vieles besser geworden. Man hat inzwischen erkannt, dass im Judentum nicht alles Schatten, in» Christentum nicht alles eitel Lieht und Sonnenschein ist. Man weiss heute schon, dass das Beste, was die Evangelien enthalten, rabbinische Weisheit •:st, die sich ebenso lauter i;1 dem verlästerten Talmud findet. Nichtsdestoweniger ist die schwere Krisis noch immer nicht fiberstanden, wie die erschreckende Zahl von Taufen und Mischehen beweist, d:e w'r jahraus jahrein zu bklagen haben. Um dem Abfall zu steuern, haben unsere liberal gesinnten Brüder, die am meisten unter dieser Zersetzung leidem sich längst eine Organisation geschaffen, weiche die Erhaltung des Judentums zum Ziele hat. Leider gilt von ihnen, was Jude hal-Lewy eine Engelsstimme dem Chazarenkönige sagen lässt: ״Deine Absicht ist auerkennenswert, aber die Mittel sind es nicht, die du zu ihrer Verwirklichung wählst. Erst vor kurzem hat die lebhafte Agitation für den Sonntagsgottesdieust die tiefe Kluft, die zwischen und unseren und ihren Grundanschauungen gähnt, wie ein greller Blitz beleuchtet. Nach unserer Aufiassuug liegt der Schwerpunkt des Judentums nicht in der Synagoge, sondern im Hause. Die Worte .,Wie schön sind deine Zelte. Jakob, deine Wohnungen, Israel!“, die in grossen, goldenen Buchstaben über den Pforten unserer Gotteshäuser prangen, beziehen sich in Wahrheit aui unsere Wohnräume, die auch tatsächlich ein Heiligtum des Herrn gewesen, so lange sie noch so klein und eng waren, wie im Ghetto. Als jedoch unsere Häuser immer grösser wurden, da war mit einem Mate in ihren Mauern kein Raunt mehr für das Judentum. Es wurde aus den Wohnungen verdrängt und in die Synagogen verbannt, in deren kalter!,rächt cs zu criricreu droht. ״Da Israel seines Schöpfers vergass. baute cs Tempel“ (Hasea 8,14). Das war ein verhängnisvoller Fehler, der sich bitter gerächt hat, leider aber im liberalen ״Milieu nicht wieder gut zu machen ist. Das altjiidische Heim ist ihnen zu enge geworden, sie fühlen sich als Fremdlinge im Vaterhause — was bleibt ihnen übrig, als seine starken Wände niederzureissen, um auf den alten Fundamenten einen bequemen Neubau aufzurichten, leichtgefügtes Meuschcnwerk, das in einer Frühlingsnacht entstanden, in einer Winternacht verschwinden kann? Jetzt schon bedarf es fortwährender Reparaturen, cs lässt sich auch je nach de1 Launen der Mode und dem Wechsel des ״Zeitbcwusstscins“ schnell renovieren und bietet so die Hoffnung, dass es seine Baumeister sogar um etliche Jahre überleben w׳ird. Wie sagte d«>eh König Hiskla? ״Wenn nur zu meinen Lebzelten wenigstcns Friede und Treue ist!“ — Wir aber, die wir uns glücklichcrweisc in den) alten Hause, das die Jahrtausende hindurch allen Stürmen getrotzt hat, noch wohl und heimisch fühlen, wir wollen in ihm wohnen bleiben; wir wollen cs schützen tinJ verteidigen, wie es uns bisher Schutz und sicheres Obdach gewährt hat. Wir erblicken in dem überhandnehmenden Abfall, den nicht einmal der Antisemitismus aufzuhalten ver-