Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1906)
- Date
- 1906-05-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2651447-2651467--03552-2660485- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
/ Seite 290 JÜDISCHE RUNDSCHAU ־ No. 20 tuting zu vcrsdufxi!. Noch ein Wort an die DRESDENER GERICHTSZEITUNG. das zugleich für den Berliner Polizei* Präsidenten Kilt: Wir sind bereit, für jeden jetzt misKewiescucn russischen Juden, der ein Dieb oder ein Eälscher war. fünfzig russische Juden aimiiühren. die man ausgewiesen hat, olinc dass ein anderer Grund vorlaK. als dass sie Juden, eben rus• sische Juden sind. Wenn uns das Polizeipräsidium auch noch seine Akten zur Verfügung stellen würde, so würden wir tnser AriKebot vervielfältigen. Die Zukunft Palästinas Einer der genauesten Kenner Palästinas, Oberst Couder, der wiederholt latiKc Zeit in Palästina geweilt, an der kartographischen Aufnahme desselben und an der• Herstellung der meisterhaften Karte des Westjordai.landes, welche wir dem Palestine Exploration Eund danken, hervorragenden Anteil genommen hat und seit länger als einem Meiiselicnalter sich der Palästinaforsclnmg erfolgreich widmet — dieser berufenste Beurteiler hat in einer Versammlung der Zionistisclieu Federation in London, wie bereits früher wiederholt, seine Ansicht über ״D i c Zukunft Palästinas" dargelegt. Die in der Tat bedeutsamen Ausführungen des nicht jüdischen Redners verdienen über den Kreis der Murer hinaus Aufmerksamkeit und Beachtung. Nachdem er einleitend das Ostafrikaprojekt gestreift, dessen Ablehnung durch den Ziomstcnkongress durchaus zu billigen sei, fuhr Oberst Conder fort: ״Ich werde ersticht, über die Zukunft Palästinas zu sprechen. Aber, meine Herren, es ist. wie der Vorsitzende, Herr Ben t wich, mit Recht erinnert, Ihr eigenes Land, und die Schwierigkeit, über Palästina sich zu äussern, bestellt darin, dass ich über dessen Zukunft nicht mehr wissen kann, als Sie selbst. Es muss also die Eragc erörtert werden, was unter der Zukunft Palästinas zu verstehe» ist. ob die unmittelbare politische Zukunft oder die fernere, das messianisclic Zeitalter. Diese muss natürlich uncrörtert bleiben. Das mir gestellte Thema ist die unmittelbare praktische Trage: wie sich voraussichtlich die Verhältnisse in Palästina wfihrcnd der Lebensdauer der gegenwärtigen Generation gestalten würden, und ich schlug selbst vor, das Vortragsthema hierauf zu beschränken. Das einzige Mittel für die Beurteilung der Zukunft bestellt gemeinhin in der Betrachtung der Gegenwart und in der Erforschung der Vergangenheit, in der Prüfung der verschiedenen geographischen und ähnlichen, die Zukunit irgend eines Landes betreffende» Eragen. Ich beabsichtige deshalb, zuerst über Palästina zu sprechen, wie es jetzt ist, sodann von seiner Vergangenheit und schliesslich, so weit ich dazu imstande bin, von den gegenwärtige» politischen Verhnltnisscn. woraus dann eine vernünftige Schlussfolgerung am die wahrscheinliche politische Zukunft des Landes gezogen werden kann. Viele der Anwesenden dürften in Palästina gewesen sein und wissen, wie dasselbe aussieht. Mir ist es ein in allen seinen Teilen sehr genau bekanntes Land, mir war dasselbe bereits in jenen Tagen vertraut, wo cs noch ein rein orientalisches Land gewesen ist und von der modernen ievautiuischen Zivilisation noch nichts existierte. Wohl ist; seither manches anders geworden: aber in den physikalischen Verhältnissen, im Klima und in den verschiedenen Gesichts, punkten, unter denen die Trage zu untersuchen sein wird, ob Palästina ein für die Besiedelung durch eine moderne, dichtere Bevölkerung geeignetes Land sei. ist keine Änderung eingetreten. Sie wissen alle, dass Palästina ein sehr kleines 1 Land ist, nicht grösser als Wales, und dass ein gewöhnlicher! Schnellzug von Dan bis Beeischeba etwa drei Stunden brajieben würde. Es umfasst nur 601)0 Qtiadratmeilcn (ä ca. 15,6 Quadratkilometer) westlich. TMU Qiiadratmeilen (ä ca. lü,־t : Quadratkilometer) östlich des Jordans, *KM) Quadiatmeilcn in j Syrien und im Libanon-Gebiet. Das sind unbestreitbare, unbe- ן strittene Tatsachen: aber Palästina ist nicht, kleiner ge- I worden: cs hat heute genau denselben Umfang, wie in jenen! Tagen, wo es von giiter grossen Bevölkerung Ihrer Väter be- | wohnt war. Wenn man deshalb mit gutem Grunde die Ani gaben der Heiligen Schrift für wahr hält, muss mau beipflielitcu, dass Palästina eine zahlreiche Bewohnerschaft aufnehmen und 1 erhalten kann, es sei denn, dass inzwischen eingetretene, | klimatische Veränderungen dies zur Unmöglichkeit machen, i Augenblicklich ist seine Bevölkerung nur sehr gering: ' etwa j 63׳K11jü Seelen im Lande, respektive! 000 000, wenn inan i Syrien im Norden hinzureclmct. Bei meinen Besichtigungen : des ganzen Landes und der Untersuchung der alten Ruinenj Städte schätzte ich die Bevölkerung in jenen Tagen des Ge-! deihens auf mindestens 10 009 000 Seelen tu ehr, als gegen-! wärtig. Ich bin den verschiedenartigsten Ansichten über I’a-; lästina begegnet. Die einen meinen, es bestellt nur aus Saud , und Palmciibätimeu. andere, cs seien nichts als Steine vor- flau Jen. Wenn diese Leute im Herbst nach Palästina gegangen ‘ sind und Jerusalem und Hebron besuchten, dann haben sie 1 Palästina von seiner schlechtesten Seite kennen gelernt und I den u n f r c u 11 d I i c 11 s t e n Teil des ganzen Landes be- I slchtigt. Wären sie aber im April oder März dorthin gereist, j dann hätten sie ein völlig verschiedenes Palästina vorgeiundcu: j in dieser Jahreszeit ist die ganze Ebene von Saron mit Gras lind den sogenannten Saronrosen, Narzissen, rotem E'ingerlmt, j Ecdtruelketr usw. bedeckt, und wenn.sie das Jordantal aufwürts oder im Osten das Gilead-Gebirge liinangcsticgcn wären, dann würden sie einen ganz anderen Eindruck von den!and-! schattlichen Schönheiten Palästinas gewonnen haben. Sic j waren in England an grüne Eeldcr und Hecken gewöhnt und I dachten, jedes Land mit Eclscnbildung sei unfruchtbar. Sizilien! und Griechenland waren ebenso felsig und sahen ebenso un- 1 fruchtbar aus. wie Palästina: aber man konnte ihnen gegenj über nicht dieselben Einwfmde erheben, wie in den ersten j Tagen der zionistischen Bewegung, wo ausdrücklich betont wurde. Palästina sei ‘!!!!bewohnbar. Der Krossartige Erfolg der | palästinischen Kolonien liess erkennen, dass dieses Land von { einer beträchtlichen, ackerbautreibenden Bevölkerung bewohnt 1 werden kann. (Nach eingehender Schilderung der physikalischen iiir sic obligatorisch. Wenn nun Helena auch sonst fast ungestört ihren religiösen Neigungen huldigen konnte, so schlug doch die Politik des alten Felix und die seiner Frau der Tochter gegenüber eine ganz andre Richtung zur Zeit des grossen Fastens ein. Religiöse Skrupel quälten die beiden Alten und gewannen die Oberhand über die sonst geübte Nachsicht. Die sonst so friedliche Lehmhütte verwandelte sich dann zuweilen in eine Arena ausserordentlich hartnäckiger Religionskämpfe. Obwohl die Bewohner des Gässchens stets die strengste Neutralität beobachteten, mussten sie doch weit mehr als die Eltern unter dem Eigensinn des Mädchens leiden. Denn da bekanntlich das gesamte Leben und Weben des Gässchens von Felix und seiner Frau abhängig war, so waren selbstverständlich diese Rcligionskämpfe, welche die Zeit dieser unersetzlichen Faktota über Gebühr beanspruchten, nicht ohne Einfluss auf die Interessen der Gässchenbewohner. In allen hausliehen Angelegenheiten trat eine vollkommene Stockung ein: die Oefen rauchten, von der Zimmerdecke tropfte es herab, das schmelzende Eis ward nicht weggeschafft, an den Haussehwellen bildeten sich infolgedessen grosse Pfützen, die Eisschollen des auigcbrochcncn ״Sees" drohten, das ganze Gässchen zu überschwemmen — und der ״gute Genius“ wollte von alldem nichts wissen, weil die Angelegenheiten des häuslichen Krieges sein ganzes Wesen absorbierten. Die Sachlage wurde noch erheblieh durch den Umstand erschwert, dass das grosse E'astcn gerade in diejenigen Wochen fällt, welche den! grossen Passahfeste vorangchcn, wo die Juden doch alle Hände voll zu tun haben, um das Fest gebührend feiern zu können. Es blieb schliesslich den guten Leuten niclits übrig, als in derselben Weise auf diplomatischem Wege zu intervenieren, wie etwa ein neutraler Staat, der zunächst fest entschlossen war, dem Kampf seiner Nachbarn nur von der Ferne zuzusclicn, endlich aber, in der Erkenntnis, dass seine eigenen Interessen mit der Zeit unter solchen Vcrhühvnssen leiden müssen ,sich entschliesst, den streitenden Parteien seine Vermittlung anzubieten. Genau so machten es die Gässehenbewohner nun und zwar mit bestem Erfolg. Es trat sehr bald ein Waffenstillstand ein, Helena ging zur Beichte — und Friede, Reinlichkeit und Ordnung zogen wieder in das anonyme Gässchen ein bis zum Beginn des nächsten grossen Fastens. IV. Welch eigentümliche Zustände herrschten in dem geräumigen Häuschen, dessen eine Ecke unser Cheder