Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1906)
- Date
- 1906-05-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651447-2651467--03551-2660484- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
10. 20 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 289 ji deutschen Altertum in Wirklichkeit eine ausserordentlich mßünstigc. Für den erschlagenen Fremden wurde nicht einmal sonst übliche Wcrp.cld gezahlt. die Verwandten des Er- *hlagencn konnten keine Genugtuung verlangen״ und der Totschläger wurde nicht friedlos (Vcstgotalog). Eingcwandcrte Bernde wurden, wenn sich ihr Aufenthalt über Jahr und Tag ißsdchntc. ohne weiteres Unfreie, und nur das Salische Gesetz jiachtc hiervon eine Ausnahme. Eine wirklich ..geheiligte‘* Gastfreundschaft war nur den durchreisenden Fremden gewfihrt. es war aber Sitte, diese Gastfreundschaft nicht übet drei Tage auszudehnen. Soweit die Phrase von dem alten heiligen .Gastrccht für eingewanderte Fremde. Was nun die Duldung von Ausländern an sich im Deut* Mhcn Reiche betrifft, so darf man ganz bestimmt nicht den Vorwurf des Mangels an Humanität erheben. Wie aber sieht U mit den russischen Juden aus? Es gehört in der Tat schon eine ungewöhnliche Dosis Verblendung dazu, in ihnen eine anjenehme Bereicherung der deutschen Einwohnerschaft erblicken zu wollen. In Wirklichkeit sind es die russischen Juden, die in ganz unqualifizierbarer Art das auf nicdrigei Kulturstufe stellende russische Landvolk ausgesogen und ausgeplündert haben. Der Hass und die Verfolgung der Juden in Russland sind in der Tat nicht rein zufällige Erscheinungen, die durch die politische Rechtslosigkeit der Russen provoziert worden wären, sondern die Empörung des russischen Land- ■Tolkcs gilt den Juden, die in unverantwortlicher Weise gc virtschaftet, den Leuten Haus ur.d Hof gegen Empfang von Branntwein abgetrieben und deshalb absolut kein Recht haben, die Rolle der gekränkten Unschuld zu spielen, wenn das Landvolk aus dem Schnapsduscl erwacht isf und sich gegen diese Blutsauger empört. Vorzügliche Kenner der russischen Verhältnisse haben schon lange darauf hingewiesen, dass das Treiben der russischen Juden für das Land ein Fluch sei. Nun kamen diese Juden nach Deutschland, arm, schmutzig und verkommen, zum grossen Teil als Diebe und Fälscher, fast ohne Ausnahme, aber erfüllt von revolutionären Ideen, die vielleicht für Russland eine gewisse Berechtigung haben könnten, wenn sic von anderen Personen ausgesorochen würden. die aber sicherlich ein sehr ungeeignetes Mittel sind, sich in einem anderen Staate das ..Recht“ auf gastliche Aufnahme ru erwerben. Damit aber noch nicht genug, die Efmvanderei erlauben sich auch. In prütenslöser Welse über unsere deut* ichcu Verhältnisse zu schimpfen. Soll da immer noch nicht mindestens die Frage der Erörterung wert sein, ob cs sich empfiehlt solche Gäste zu beballen? Kein Staat der Welt lässt sich wehrlos von sehr una illkomnicticn Gästen überfluten. Nicht einmal das als frei überall gepriesene Amerika, das ja bekanntlich sogar ziemlich energisch Fremde von seinen Eingangspforten zurückweist, venu auch nur die Vermutung gerechtfertigt erschein♦, dass sic zur Last fallen könnten. Wenn man da^, alles recht sorgfähig erwägt, dann wird man doch wohl zu einem etwas anderen Resultat gelangen müssen, als zu einer blinden Partei- An dieser Stelle kann ich es nicht unterlassen, auch über ihre Tochter Helena einige Worte zu sagen. Sie war ein sonderbares Mädchen, ein merkwürdiges Produkt dieses merkwürdigen Gässchens; sie lebte sich in die Verhältnisse der Juden so gut ein, dass sie Klaubte, nur infolge eines Irrtums als Christin getauft worden zu sein, über welchen Umstand sie sich ernstlieh abhärmte. Ihr gleichzeitiges, bisweilen sogar ver- *leidliches Benehmen gegenüber der Religion ihrer Väter musste bei jedem uneingeweihten Fremden Staunen und Anstoss erregen. Sie trug sich beständig mit dem Gedanken, sich dereinst als Jüdin öffentlich zu erklären, trotzdem' ihr die Juden hiervon aufs dringendste abrieten. Sie sprach so vollkommen jüdisch, wusste sämtliche Satzungen von ״Koscher“ und ״Trcfa“ auswendig und konnte alle Morgen-, Abend- und Tischgebete, ja sogar jüdische Legenden und Volksmärchen so genau und ausfUhrlich, dass sic den echten Jüdinnen als Vorbild dienen konnte, denn deren Kenntnisse blieben häufig hinter den ihrigen bedeutend zurück. Wiederholt hatte sie schon den Wunsch geäussert, hebräisch lesen zu lernen, aber die Juden wiesen sie entschieden ab, indem sie erklärten, sic solle doch kein dummes Zeug schwatzen. Sie fürchteten nämlich, durch das sonderbare Gebaren nähme für diese russische Bereicherung unserer Bevölkerungs- Ziffer. ״ י , Dass sich kein vernünftiger Mensch für eine polizeiliche Willkürherrschafi begeistern kann, das braucht wohl nicht besonders betont zu werden; aber man soll sich hüten. Mass* regeln, die im Interesse der gesamten Einwohner notwendig sind, als einfache und nicht zu verzeihende Willkürakte zu bezeichnen. Wenn nun gar gesagt worden ist, Deutschland könne In Kriege verwickelt werden, weil man In Preussen die russischen Juden, die kein einziger Staat haben will, ebenfalls nicht bebaken möge, so ist das mehr als kindisch. Wenn verschiedene Herren im Reichstag wieder einmal allzugrossc Humanitätsanwardlungen haben sollten, dann möchten \yir ihnen dringend raten, sich zunächst der vielen hllfsbedürftigen Deutschen anzunchmen. Invaliden, die hungern müssen, weil sic dem Vaterlandc Ihre gesunden Glieder geopfert haben, und tausend und abertausend andere Personen sollten uns doch näher stehen als die russischen Juden. Da aber schwelgt des Sängers Höflichkeit oder — Grobheit.“ Soweit die DRESDENER GERICHTSZEITUNG! Was die hier wiedergepekene Lehre von dem Manecl der Gastlichkeit bei den alten Germanen betrifft, so Ist tatsächlich kein Wort zuviel gesagt. Im Gegenteil, es ist bekannt, dass die Redensarten von der Gastfreundlichkeit der alten Germanen ebenso hinfällig und wurmstichig sind, wie die von ihrer Keuschheit. Die alten Gemmen. die dem Biutaberclaubcn und dem Menschcnopfer huK'rten — nicht bloss die Gefangenen wurden geopfert, die Schweden opferten sogar aus purer Frömmigkeit bei Hungersnot einmal ihren König — lösten Morde mit Geld ab und Hessen den Fremden vogclfrci. Soweit kernen und müssen wir dem deutschen Blatt durchaus zustinuueii. Es Hat seine eigene Nation nicht falsch beurteilt. Daueren ist es ganz auf detn Holzweg, wo es über die russischen Jaden schreibt. Denn wir nehmen UnwPsenheit an, wenn er schreibt. d־»ss d׳e russischen Juden die Russen ausges•1 ־en und auspcplü'ndcrt haben. Es hat dabei die russischen Juden offenbar m׳t den deutschen baltischen Orundberren verwechselt, eine für die Juden wirkFch nicht schmeichelhafte Verwechslung. Fs ist unwahr, dass ein ganz Heiner oder winziger Teil der nach. Deutschland gekommenen rus Aschen Juden sich irgend etwas h;"ti<* m Schulden kommen lassen. Wer aber wider besseres V/ls«״n bcbaunfet. d*ss s;e Diebe oder Fälscher sind, der macht sich elender Verleumdung schuldig! Die Juden, die hier aus Berlin vertrieben werden, haben sich ledi״lich dadurch lästig gemacht, dass sie Juden sind. Das ist ein Verbrechen, das nur durch den meineidigen Au'fr׳'t♦ aus der ..Rasse“ gut gemacht werden kann. Wer gebildet und reich gpnug ist. um sich die Tarne leisten zu können, der wird feierlich von dem Verbrechen Incgesnroehen. mit dem er geboren ist. Dass die Deutschen nicht gastfreundlich sind, bestätigt die Tatsache, dass man flehsiven Arbeitern, ehrlichen Leuten, nützl'chcn Menschen nachrufen kann, dass sie ..Diebe und Fälscher" sind, ohne dass sich ein Finger regt, um den Verleumdeten Genug• des christlichen Mädchens die Aufmerksamkeit der Obrigkeit auf sich gelenkt zu sehen und damit ins Elend zu kommen, und gaben daher den F.ltern Helenas den guten Rat. sie möglichst bald zu verheiraten. Aber sobald die Alten ein Wort über diesen Punkt fal’en Hessen, begann sie bitterlich zu weinen, und schlu^h- 7,end schwor sie hoch und teuer, sie werde lieber siet in den Teich stürzen oder auf hängen, als einen ״G01“ heiraten. Felix und seine Frau, welche gute, eifrige Ka*lnliken waren, grollten natürlich ihrer einzigen Tochter ob dieser eigentümlichen Verblendung, leider vermochten sie aber nicht, sie zur Vernunft zu bringen, umsoweniger. als sie wegen ihrer Milde, Bescheidenheit und Emsigkeit, sowie durch ihr in jeder Beziehung mustergiltiges Betragen überall beliebt war. Sie fassten sich daher in Geduld und drückten ein Auge zu, wenn Helena den ganzen lieben Tag in jüdischen Häusern wirtschaftete, die Kinder wartete, sic jüdische Gebete lehrte, ihnen jüdische Märchen erzählte und sie mit jüdischen Liedchen einlullte, ״Koscher“ und ״Treff“ beobachtete und am ״Rosch Haschana“-Festc mit ihren Altersgenossinnen zur Synagoge ging, um das Geläute des Widderherns zu hören, als wären diese Gebote auch