Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1906)
- Date
- 1906-05-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 288 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 20 ständigkelt mit Russland schmachvoll konkurrierte. Oraf Posadowsky, der in Vertretung des kranken Reichskanzlers Aber die letzten Heldentaten der Polizei interpelliert wurde, die ihre Hennfß-BIamage 1!.!t einem billigen Lorbeerkranze bc• decken wollte.- ״All dies kann sich Preussen jetzt erlauben und noch mehr. Denn cs handelt sich bloss um die kleinste Scheide• münze. um ein Nichts der Politik, um die Juden. Was zufällig im grossen Rummel mit erwischt wurde, hat bloss Malheur gehabt wegen des verdächtigen Familiennamens oder einer Nachlässigkeit der Registraturbeamten. Gemeint waren und bleiben aber bloss die Juden, wie der Polizei» prfissident einer vermittelnden Deputation rund heraussagte. Alles, was er 2ugcstand, war die rechtzeitige, humane Verständigung der Hilisvereine. damit rechtzeitig Hilfe geschaht werden könnte. Der Gute! So erspart er menschenireundliehst die Schubkosten. Das ist keine geringe Ersparnis bei den 6000—7000 Köpfen, um die es sich handelt. Der grösste Teil davon sind Arbeitet, dann gibt cs viele Studenten, wenig Kaufieute. Diese Leute sind nicht nur völlig schuldlos, sondern der preussischc Staat könnte sich nur gratulieren, wenn er lauter solche Bürger hätte. Der Dünkel der betreffenden Würdeträger hat sic das prachtvolle Wort vergessen gemacht, dass der Mensch das kostbarste Kapital des Staates sei. Ein Minister des Innern, der sein״ Pflicht gewissenhaft erfasst, muss freudig Leute begrüssen, die sich musterhaft aufiührcn und direkte und indirekte Steuern bezahlen. Dass dies der Fall sei und dass eine schreiende Ungerechtigkeit In Berlin im Gange ist, nachdem sic wahrscheinlich in irgend einem hinterpommer• sehen Jagdschloss von einem Donkosaken an der Weichsel angeregt wurde, hat der Abgeordnete Bebel in einer gross angelegten Rede bewiesen. Es ist bezeichnend, dass die 111tcrpellation von Sozialdemokraten eingebracht und verteidigt wurde, trotzdem diese Partei im Judenpunkt sehr vorsichtig ist. Das ist ein Beweis, dass nur das blanke Recht zu verteidigen war. -— ״Ungeheuchelte Brutalität also auf der ganzen Linie, die Polizei als Vollstrecker der Gesetzlosigkeit unter dem Beifall von konservativen Junkern und anderen Antisemiten. welche nie die Gelegenheit versäumen, ihre Rückständigkeit zu beweisen.“-*■ ״Wieder einmal zeigte es sich so, dass die Antisemiten aller Schattierungen ihren Launen und Gelüsten viel eher Rechnung tragen, als der Ehre und dem Interesse des Staates, und dass sie ihren Patriotismus heucheln. Auch ihre Religiosität, wie ihnen Bebel mit höhnischen Worten zurief. Indem er sie am Moses III. 19 erinnerte: ״Wenn ein Fremder bei Euch wohnen will, sollt Ihr ihn nicht schinden.“ Die Gegenüberstellung glänzender indischer Ethik zur germanischen ha* das deutsche Soztalistenorgan VORWÄRTS schämig unter den Tisch lallen lassen. Fürchten etwa die jüdischen Redaktcure des VORWÄRTS, die sozialdemokratische Partei- Polizei werden ebenso vorgehen wie die staatliche Berliner? F.in solches Ehrenzeichen der eigenen Kultur darf man schon beherzigen, und es ist geradezu ein Misstrauensvotum für die Genossen, wenn man sich nicht traut. Es ist aber auch die richtigste Antwort für den Abgeordneten Lattmann, der im Anwachsen des jüdischen Geistes eine Gefahr für sein Volkstum sicht. Die einzige Gefahr besteht aber nur für die Juden.“ ---— — ״ Die preussischc Polizei behält ilire absolutisclie Gewalt im Reiche der Denker und Dichter und gibt über ihre Ukasc nicht einmal Auskunft. Der einzige richtige Weg wäre wie immer nicht die Bittstellerei einzelner gewesen, sondern das einheitliche, politische Vorgehen der Gemeinden und Korporationen. über vielen ihrer Mitglieder hängt ja das Damoklesschwert. Sie hätten Versammlungen und Resoiutionen aufzeigen und die jüdischen Vertreter Im Landtag hätten nach dieser Unterstützung das Wort ergreifen sollen. Letztere haben das versäumt. Daraus sieht man wieder einmal. was jüdische Vertreter mit fremder Partcizugchörigkei: wert sind. Vielleicht ist diese Lehre der karge Gewinn, der. uns die traurigen Berliner Vorgänge bringen." Judenaustreibung in sächsischer Helligkeit Die DRESDENER GERICHTSZE1TUNO. ein Blättchen, dis seinen ersten Jahrgang erst begonnen hat und ihn kaum fortzusetzen in der Lage ist. nimmt in einem Artikel ״Die Massen; ausweisu.ug russischer Flüchtlinge" ebenfalls zu der neuesten Massenausweisung zu der neuesten Berliner Judenverfolgung das Wort. Wir drucken den Artikel hier wörtlich in extenso ab. damit unsere I.eser einen Begriff davon bekommen, was dort echt deutsche Gesinnung heisst: ״Der Reichstag hat sich mit einem in letzter Zeit v!;! behandelten Thema, der Massenauswcisung russischer Jude!! durch die Berliner Polizei, befasst. An sich wird man es cts - einen Akt der Humanität zu bezeichnen haben, dass Angehörigen fremder Staaten, die ihre Heimat verlassen mussten, weil sie dort iitres Lebens nicht mehr sicher waren, gastfreie Aufnahme gewährt wird; aber es ist dringend geboten, dass diese Frage, ebenso wie jede andere, nicht oberflächlich und einseitig behandelt wird, sondern dass unter Ausschaltung aller Phrasen der Sache auf den Grund gegangen werden muss. Wer auf einem Kübel Flüssigkeit einige Fettaugen entdeckt, wird noch nicht behaupten dürfen, dass der ganze Inhalt Bouillon sei. Im öffentlichen Leben licht man es leider, sich hübsch an der Oberfläche zu bewegen und danach Urteile abzugeben, die etwa ebenso richtig sind wie das Bouillon- Gutachten. Es ist da als besonderes Argument von der Helligkeit des Gastrechts die Rede gewesen, ein Beweis, dass digses Gastrecht denen, die sich darauf berufen, überhaupt nicht bekannt ist. Sie haben von einem mageren Fcttäuglcin auf die Bouillon geschlossen. Die rechtliche Lage des Fremden war _ — Felix, mein Schornstein raucht! — Felix, die Tür schliesst nicht ordentlich! — Felix, Brochka hat Zahnweh! — Felix, bändige meinen Wildtang, er heult schon wieder! — Felix, es ist mir schwer unts Herz was soll ich dagegen tun? Und Felix antwortete jedem, folgte überall hin und besorgte alles nötige. Niemand wies er zurück und schlug keine Bitte ab, so dass die Bewohner des Qässchens fest davon überzeugt waren, dass es für den alten Felix nicht unmögliches gab, und indem sie ihn so als eine Art Schwarzkünstler ansahen, fürchteten sie ihn und hüteten sich, durch irgend welche unbedachte Handlung seinen Zorn zu erregen. Eigentlich war er sehr sanftmütiger Natur, dienstfertig und gehorsam, zugleich aber im höchsten Grade empfindlich in Dingen, die er mit ״Honneur" bezeichnete. Diese gefährliche Seite im Wesen des alten Felix suchten denn auch die Leute mögliehst nicht anzuschlagen, was ihnen im allgemeinen auch stets gelang. Einen tätigen, hilfreichen Handlanger und Gehilfen besass der Alte bei seinen verschiedenartigen Professionen in der Person seiner Konkubina Mariana, einem emsigen, gewandten und noch nicht sehr alten Weibe. Sie war so gut geschult, dass sie auf seinen blossen Fingerzeig schon wusste, was sie zu tun und ihm zu reichen hatte, und wie sie ihm unterstützen sollte, damit die Arbeit gehörig von statten ging. Aus diesem Grunde war sie beständig an der Seite ihres Mannes und folgte ihm bei seinen häufigen Exkursionen überall auf Schritt und Tritt. Er nannte sie ״Mein Gefreiter“ — indem er sich selbst wahrscheinlich als Feldwebel ansah, obwohl er in seinen Legitimationspapieren einfach als ״Gemeiner" figurierte. Abgesehen von der untergeordneten Rolle einer Handlangerin ihres Mannes hatte Mariana eine selbständige Spezialität: sic galt merkwürdigerweise als erfahrene Hebamme. Dieser Ruf genügte, dass sie die Bewohnerinnen des Gässchens ihr Ins Ohr lispelnd stets um Rat und Hilfe angingen, sobald sie sich Mutter werden fühlten. Obwohl nun dem alten Felix diese Spezialität seines ״Gefreiten" in der Seele zuwider war, so konnte er doch nichts dagegen machen, denn der ״Gefreite" widersprach ihm nur in diesem Punkte, leistete aber im übrigen unbedingt Gehorsam.