Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1906)
- Date
- 1906-05-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 20 Seite 287 JÜDISCHE RUNDSCHAU Was er erklärte, war zuui Teil selbstverständlich, zum Teil nicht׳ ganz c?nwrrdsfrci. Erfreulich war es. dass er hervorhob. bei den allgemeinen Best'׳«׳innigen über die Zuiassme frc1rdlnut:cer Arbeiter müsse es sc n Bew enden behalten. Ebenso war 1 s. wenn auch selbstverständlich, so doch immerhin erfreulich, dass er grundsätzlich hei sorliob, die seit 1901 in Berlin clneewander.cn russischen Juden dürften auf die Erlaubnis dauernder Niederlassung kencsialls rechnen, auch dann!־teilt, wenn s:e politisch tmvwrüächtig u.!d in»!Besitze genügender Mittel seien. Es würde dem Gerechtigkeitsgefühle sicher widersprechen, wenn mittellose Personen ausgewiesen würden, während den Bemittelten die Erlaubnis zu dauernder Niederlassung gewährt würde. Das Zugeständnis, dass den bemittelten Personen, die politisch unverdächtig sind, keine bestimmte Frist gestellt werden soll ist ja vom Standpunkt der Menschlichkeit nielit zir bekämpfen.. Wir halt. 11 es aber für nicht 2w־eckmasslg. dass der Minister d escn Grundsatz als solchen den Abordnungen der jüdischen Vereine initgctcilt bat. In diesen Dingen muss die Regierung sielt ireic Hand Vorbehalten. Sie' darf nicht die Möglichkeit bieten, dass ihre Massnahmen einer Kritik unterzogen werden. w׳cil sic mit gewissen, von ihr bekannt gegebenen Grundsätzen nicht nbcrtxnstimmen. . Sachlich haben wir gegen die Vermeidung von Härten und gegen eine gewisse Kottziliaiiz. soweit sie am Platze ist. nichts cinzuw׳enden. Der Minister kann aber wohl in die Lage kommen, schliesslich auch den russischen Juden, die bemittelt lind politisch unverdächtig sind, eine bestimmte Er ist zu stellen: dann wird sich ein Geschrei erheben,; dass der von ihm aufgestellte Grundsatz durchbrochen worden sei. und dann wird er vermutlich seihst einsehen. Hass cs nicht ganz zweckmässig war. von diesem Grundsätze Leuten die gar nicht befugt waien. ihn zu interpellieren. Kenntnis zu geben. Ebensowenig zweckmässig erscheint 1ms die Zusicherung des Ministers, dass den vereinigten jüdischen Hilfsorganisationen von Polizei wegen d i c N amen der Personen ge- 11 a n 111 w c r d tu soll e n . denen das Verlassen des Staatsgehictes ohne sofortige Ausweisung empfohlen wird, damit die Hilfsorganisationen Unterstützungen gewällten und dazu heitragen können, dass de Abwanderung sich tunlichst ohne Härten vollziehe. Wenn die jüdischen Hilfsorganisationen dahin streben, so ist das gewiss Phi ich und ihr gutes Recht. Erkundigen sic sich im einzelnen Falle nach den besonderen Verhältnisscn und der Absicht der Polizeibehörden, dann wird niemand etwas dagegen haben, wenn iimem eine Auskunft erteilt wird. Die allgemeine Uebermittlung der Namen halten wir aber für bedenklich, da den Organisationen damit die Möglichkeit einer Kontrolle geboten wird, die vielleicht den» Staatsintcressc. das hier doch allein ausschlaggebend sein muss nicht entspricht. Die Prägen, um die es sich hier handelt, sind ausscrordentlieh heikel; deshalb muss der zuständige Staatsministor ganz besondere Vorsicht walten lassen. Es liegt uns vollkommen ferm eine besondere Härte befürworten zu wollen. Im Gegenteil, es soll dort, wo <s möglich, zulässig und unbedenklich ist. jede Härte vermieden werden. Dpr Staat ist cs aber sich selbst sc h u I d ig . da ss er v011 k o m - men freie Hand b c h ä 11. dass er sich nicht selbst bindet, und dass er eifersüchtig über der Wahrung seiner Rechte wacht. Man 11־ag über die russ'sclien Juden denken, wie man will: eine erfreuliche und gedeihliche Vermehrung der dcutsehen Bevölkerung würden sie keineswegs sein, mögen sic mm arm oder reich politisch verdächtig oder unverdächtig s.in. Wir haben genug und übergenug daran zu tun. die relchsppvchcriccii Juden dein deutschen Vclkskörper zu *asslnil־ Icrcn“. Nach unserer UcbcrzcuRunit wird das nie gelingen. Umsomehr müssen wir uns gegen weitere jüdische bin Wanderungen schützen, deren Bedenklichkeit Svlbst ven gewisser jüdischer Seite zugegeben wird. Wenn die Juden, die aus irgendwelchen politischen oder sonstigen Gründen sich veraitlasst gefühlt haben, ihr Heimatland zu verlassen, eine andere Stätte ihres Wirkens suchen wollen, so mögen sie vielleicht die Vereinigten Staaten von Amerika ins Auge fassen, deren Präsident ja vor einigen Jahren die rumänischen Juden so warm verteidigte und für sie gewissennassen seine Autorität entsetzte. Wir in Deutschland haben kein Bedürfnis, den heimflüchtigen russischen Juden!ärgeren Unterschlupf oder eine neue Heimstatt zu gewähren. Mit rührseliger Allcrweltstümelel ist in diesen Prägen nichts getan. Hier hat der gesunde \clkische Egoismus sein Recht, und der verlangt unbedingt, dass wir sülche Stammes- und rassenfremde Eindringlinge nicht heimisch werden lassen. Ein jüdisches Blatt im Ausland In einem Leitartikel der ÖSTERREICHISCHEN WOCHEN- SCHRIET schriebt Julius Uprimny 11. a. über die ..Massenaus• Weisung russischer Juden in Berlin“: ״Das Junkertum ist die prcussische Form des Grössenwahns? Von Zeit zu Zeit gerät er in einen wilden Ausbruch. Ein solcher hat jetzt staltgvfundcn und ein paar Hundert armer Schlucker,*) ein paar Wohlhabende dazu. die. thimm genug, hinter den Adels• titeln a u c h de!1 Adel v e r in u t c t hatten, die nicht etwa um Groiismut und Gastfreundschaft ersuchten, sondern das kleinste und allgemeinst•• Recht des Aufenthaltes mit rechtliehen Mitteln in Anspruch nahmen, wurden nicht anders als schmutzige Hunde von einem Kulturstaate tief beleidigt, verjagt und zum grössten Teile ins Elend getrieben. *Sadistische Launen“, hat der Abgeordnete Bebel die Massenausweisungen russischer Staatsbürger aus Berlin genannt, die im Einverständnis des Polizeipräsidiums mit dem prcussischen Minister des Innern erfolgten.“--- -- . *Ohne den geringsten Grund. Das muss festgehalten werden für den Beweis zukünftiger GeschichtsschreiBer. dass Prcusscu im zwanzigsten Jahrhundert an kultureller Rück- •) Bisher sind schon weit über 2000 Personen hinausgejagt worden, und im kleinen dauert diese Jagd ausserdem schon seit laugen Jahren an. sehen von Krebsen, Fröschen, Würmern und sonstigen Amphibien, in diesem Teiche keinerlei Lebewesen gcdeihen konnten. Sollte aber der geneigte Leser, angekränkelt von der modernen Stubcngclehrsamkeit, zu der Voraussetzung gelangen, dass dieser Teich — richtiger gesagt, diese Zcntral-Miillgrube — giftige Ausdüustungeu, Miasmen, Krankheiten und Epidemien in seiner Umgebung verbreite, so würde er sich bitter getäuscht haben. Allen Biologen und Hygienikern zum Trotz konstaticrcn wir, dass die Anwohner sich sehr gut und gemächlich in dieser Teichatmosphüre einlebten, ein hohes Alter erreichten urid ihr frugales Mahl mit gutem Appetit verzehrten, wenn sie irgendwie zu Lebensmitteln gelangten. Hatten sie keine Konsumniittel, so Hessen sie in stoischem Gleichmut ihre Zähne ruhen; sie gerieten nie in Erregung, verzweifelten nicht, sticssen keine Gotteslästerungen aus und leimten sich nicht gegen die herrschende Ordnung auf •״• kurz, sie waren körpcrlicli und geistig vollkommen gesund und verdankten ihren Tod'lediglich der Gnade Gottes, keineswegs aber den eifrigen Anstrengungen der Herren Acrztc. Fürwahr, lieber Freund Hippokratcs, cs gibt viele Naturgehcimnissc, von denen sich weder die alten, noch die jungen Schüler Aeskuiaps träumen Hessen. III. Gleich am Eingang des Gässchens stand das saubere, geräumige und im Vergleich zu den übrigen sogar schöne, mti Lehm übertünchte Häuschen des alten Felix, den man den guten Genius 'dieses namenlosen Gässchens nennen konnte. Dieser ergaute Veteran der ehemaligen polnischen Armee — dessen Haar bleich wie das Mondlicht war und dessen Atigc seinem Gesicht den Ausdruck der Gutmütigkeit, bisweilen aber auch den der Schlauheit verlieh —- war den Bewohnern des Gässchens ein wahres Kleinod. Willig diente er ihnen als Wasserträger, Holzhacker, Ofenheizer am Samstag, als Erdarbeiter, Zimmermann, Böttcher, Schlosser, Schornsteinfeger. Wächter, Feuerwehrmann, Zauberer und sogar als Popanz und Bezähmer ihrer störrischen, ungezogenen Kinder. In seinem Schrein befanden sich die verschiedensten Werkzeuge für jedes nur denkbar Handwerk und Gewerbe. Vom frühen Morgen bis spat am Abend war er bald in diesem, bald in jenem Hause beschäftigt, hobelte, sägte, nagelte, fegte, kletterte auf dem Dache herum, gab Anordnungen, befahl, schimpfte — Kurz und gut. er arbeitete rastlos. Ueberail hörte man nach ihm rufen: