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Jüdische Rundschau · 1906-05-11 · Heft 19 (11.5.1906) · page 20

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 19 (11.5.1906)
Date
1906-05-11
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 282 JUDISC!tlf RUNDSCHAU No. 19 Die Lage im Judentum und die Pflichten des jüdischen Studenten Von W i 11 i U n n a (Hasmonäa) * (Schluss.) Und wo soll diese Lösun g Besucht werden? F:s ist bekannt, dass England. aus wohlverstandenem Eigenintcrcssc und hochherzigem Edelmut unserem .Voikc aus seinem unermesslichen afrikanischen Cjchiet ein Stück Land zur Ver- •ffijruuK gestellt hat. und. da jenes sich als unbrauchbar erwies, vielleicht i» einiger Zeit ein neues Anerbieten machen wird. Sie wissen icrncr. dass auch in Kanada und Argentinien Versuche mit jüdischer Ackerbaukolonisatiou gemacht werde:«. Aber die Lösung der J 11 d c 11 i r a g e i s t das nicht und kann es nie und nimmer werden. Der werc ein schlechter Arzt, der seinen Patienten, weil er die StadPuft nicht länger ertragen kann, einfach nach dem Schema ץ aufs Land hinausschickte, ohne sich wieder darum xii bekümmern, ob auch das Klima grade dort dem Leidenden zuträglich sei. ja ob es vor allem für ihn die Heilung bcdeute, die er sucht. Das hat auch der sehr eingehend zu berücksichtigen, der sich mit dem Gedanken der Uebcrsicdching von Massen beschäftigt. Und was wir als notwendig zur Losung der Judcmragc erkannt haben, verlangt ja weit!!;ehr noch, als nur die Ucbcrfiihrung in ein anderes Land, verlangt ja auch noch die Zurückiührutig eines Teiles der Massen aus den hauptsächlich der Kopfarbeit angehörenden Berufen in die harte, körperliche Anstrengung verlaugende Tätigkeit des Landbaucs. Man würde irren, wollte man aus meinen Ausführungen über unsere biologische Minderwertigkeit nun den Schluss ziehen, dass dazu unsere körperliche Beschaffenheit ja überhaupt nicht mehr ausreichc. Die R e g e 11 c r a t i o 11 s i ä 11 i g k c i t eines Volkes ist bei richtiger Inangriffnahme erstaun lieh gross! Das Mcnschenmatcrial Deutschlands nach dem 3ujahri, .:1 Kriege war in keiner Hinsicht dem unsrigen \on heute überlegen und hat sich doch noch zur Höhe einer ganz stattlichen Kulturmacht wieder zu erheben verstanden. Noch ist cs auch iür uns. wenngleich schon recht spät, so doch nicht zu spät. Nicht das ist es, was uns Bedenken machen müsste. Sondern was sich unserem Rettungsplan als ein nicht zu unterschätzendes Hindernis in den Weg stellt, ist die recht wohl begreifliche, tief wurzelnde Abneigung jedes Menschen dagegen, aus einem gewohnten Beruf in einen ungewohnten übergehen zu sollen. Solch ein Gefühl der Unlust ist nur durch ein noch stärkeres Gefühl der Lust zu überwinden! Nicht statistische Berechnungen, sondern allein grosse, begeisternde Ideen haben deshalb von jeher die Weltgeschichtc gemacht, weil nur sic die Massen mit sich fortzureissen vermögen. Fahnen braucht das Volk und jubelnde Schlachtenmusik, un» sich wie die Soldateutruppc, ungeachtet der Unbequemlichkeiten und Gefahren des einzelnen, freudig in den heissen Kampf ums Dasein stürzen zu können Und eine solche Fahne, um die die Judenheit sich scharen soll und wird, hat uns der Zionismus aufgcpflanzt! ״Zion“ ist der Stern, der mit seinen Hoffnungsstrahlen unseren Massen den Weg durch ihre lange Leidensnacht gewiesen und sic nicht gänzlich am Leben hat verzweifeln lassen. .Zion“ lautet das Zauberwort, das noch heute. 2000 Jahre nach dem Verluste unserer Heimat, unsere Massen zu begeistern, sie zu Taten anzufeuern vermag, die allein die Tore ihres Kerkers werden sprengen können. Und darum erstreben wir, als die einzige Möglichkcit der Rettung aus den, unserem Volke drohenden Gefahren ״die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte' in und um Palästina — und nur dort! Pa$ ist heute «die Lage im Judentum!“ Und nun ״die Pflichten des Jüdischen Studenten?“ Sollte es wirklich noch nötig sein, auch diese noch weitspurig zu erörtern? Ich glaube nicht! Es ist ja nicht Pilichtvergessenlieit. was noch so viele jüdische Akademiker ausserhalb unseres Lagers sehen lasst. Gerade weil sic den Drang in sich fühlen, im Dienste der Menschheit sich zu betätigen, hielten sie das Wirkungsfeld, das ihr eigenes kleines Volk ihrem Tatcnliungcr zur Verfügung stellen konnte, iür viel zu eng für sich. Aber sic werden sich der Einsicht nicht länger verschliessen können, dass es nichts Schöneres, nichts Grösse, «s geben kann, als daran mitzuarbeiten. aus Millionen gedrückter Sklaven Millionen freier Menschen zu machen. Fs ist ja nicht ein Versorgungshaus für Schwache und Krüppel, das wir errichten wollen, sondern eine Kuluirwerkstättc für kraftstrotzende Arbeiter wollen wir bauen! Keine Isolierzelle für unheilbare Chauvinisten ist der Staat, den wir erstreben, sondern ein neues Rad. passend eingefügt dem kunstvollen Räderwerk des Kulturweltgetricbc.! Denn das muss man begriffen haben: Kulturgeschichte heisst Staateiigeschichtc. heisst der Kampf der Völker um den für ihr spezifisches Eigenleben und ihre Entwickelung unbedingt erforderlichen Raum! Das Leben eines jeden Organismus braucht zu seiner Entwicklung Boden, und der gesellschaftliche Organismus hat nicht minder Ansnrucli auf ihn als das Individuum. Organisiert sich aber die Gesellschaft, um den Boden festzuhalten, auf dem und von dem sie leben soll, so wird sic zum Staate. So erhöht wieder jeder neue Staat den Wettbewerb unter den Völkern, und mir durch diesen Wettbewerb' ist der Fortschritt der Mensch!!.!: gesichert. Und auch nur. wenn eine jede Nation Herr im eigenen Hause ist — so lehrt ja schon Friedrich Engels, der Vater des Sozialismus — ist der Völkerfriedc verbürgt. Das ist auch die Idee vom Kosmopolitismus, für die unser Nationalismus, unser Zionismus in die Schranken tritt! Für diese Mcnsclihcftsidec möchte ich die Kommilitonen bcgeistern! Wir sind ja noch jung: haben mehr Müsse und darum auch mehr die Pflicht als alle anderen, unsere jugendstarken Kräfte in den Dienst grosser Ideen zu stellen. Und wie für den kühnen Bergsteiger die Lust nur um so grösser und der Stolz nur um so erhebender wird, je steiler die Anhöhe ist, die er erklimmt — so wird auch uns die Grösse und die Schwierigkeit unseres Werkes nicht schrecken können, sondern uns im Gegenteil nur noch grösser und kraftvoller machen! Theodor Herzl. der uns die Fahne gab. um die wir uns im grossen Kampf ums Dasein scharen sollen, hat uns ein heiliges Vermächtnis hinterlassen: Er nannte!;ns Stedentcr seine ..Garde!" Dies Wort des toten Eiihrers sei unser Sto!/.. sei uns der Ruf zur Pflicht! Die jüdische Studcntenschni: darf nicht hinter anderen zuriickstchen, sondern muss in erster Reihe der Kämpfer ihren Mann stellen, wenn es gilt, unser Volk frei zu machen iür die Dienste der Menschheit! Zum deutschen Delegiertenie.g; Soeben l>ci Schluss der Redaktion fliegt auf den Redaktionstisch das folgende Zirkular. Um des Zionismus willen sehen wir uns gezwungen, es zu veröffentlichen. Posen, den *I. Mai 1906. י Vertraulich! Sehr geehrter Herr Gesinnungsgenosse! Der bevorstehende Delegiertentag wird aller Voraussicht nach nicht nur für den deutschen Zionismus, sondern auch für den Gesamtzionismus von grosser Wichtigkeit werden. Während bisher die Dclcgicrtenmaiidate im wesentlichen nach äusseren Gesichtspunkten vergehen wurden, haben wir politische Zionisten diesmal besondere Veranlassung darauf zu halten, dass der Delegiertentag ein getreues Bild der Stimmung in Deutschland abgebe. Deshalb legen wir den grössten Wert darauf, möglichst viel Anhänger der politischzionistischen Richtung auf dem Dclcgicrtentag zu sehen. Wir richten nun an Sic die dringende Ritte möglichst umgehend uns folgende Fragen zu beantworten: 1. Wieviel Mandate fallen auf Ihre Ortsgruppe event. benachbarte Ortsgruppen (welche?), soweit Sie auf diese Einfluss haben? 2. Wieviel zuverlässig politische Zionisten Ihres Kreises wollen sich verpflichten, zum Deligierterdagc nach Hannover zu reisen( Angabe von Namen und Adressen)? 3. Welche von diesen Herren werden dort selbst Mandate erhalten? Bei rechtzeitiger Information wären wir in der Lage für diejenigen politischen Zionisten, die in ihren eigenen Ortsgruppen keine Mandate erhalten können bei anderen politischen Ortsgruppen Mandate zu schaffen.

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