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Jüdische Rundschau · 1906-05-11 · Heft 19 (11.5.1906) · page 16

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 19 (11.5.1906)
Date
1906-05-11
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 278 JÜDISCH E R U N!) S C H A U No. 19 schlauch, *mul dann nicht 7u knapp. Das würde ansserordent- ’ lieh helfen! Ich bedaure solche Versammlungen. weil ich e!:1 Freund unseres deutschen Volkes bin und ganz genau weiss. wie t.as Volk empfindet. (Zuruf von den Sozialdemokraten.» Icii hat c mein ganzes Leben lang weiter nichts getan als mit dem Volke zu leben! (Stürmische Heiterkeit bei den Sozialdemokraten ) — Ich werde Ihnen das detaillieren: ich bin auf dem Lande aufgewachsen, ich habe dort mit den Dorfjtingcn gcspiel•.: ich bin Soldat gewesen, ich habe die Söhne des Volkes exerziert, und. meine Herren, Ich kann meinen Rekruten ruhig Ins Ge■! sicht*) sehen: cs wird keiner von ihnen sich über eine ungej rechte Behandlung meinerseits zu beschweren Italien. Ich lebe . seit 22 Jahren mit dein Volke in Stadt und Land, allerdings : nicht mit einem Volke, das Sic aufgehetzt haben, sondern mit dem monarchischen, gottesfürehtigen Volke, welches in Deutschland Gott sei Dank noch die Majorität hat! (Bravo! rechts. ■— Grosse Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Ich bcdiure, dass solche Versammlungen gestattet sind (Lachen J>ei den Sozialdemokraten), weil sie geeignet sind, dem Volke ucn Trost aus dem Herzen 711 reissen. auf den Millionen und Mililardcn seit 1900 Jahren gestorben sind, den gekreuzigten Gottessohn, und weil Sic in den Versammlungen und auch ausserhalb derselben weiter nichts an die Stelle zu setzen wissen als das. was wir gestern vom Herrn Abgeordneten Hoffman!» gehört haben. (Sehr richtig! rechts.) Und well Ich ein Christ bin. wie der Herr Abgeordnete Bebel mir vorhin zugerufen hat. deswegen bin ich ein Feind davon, dass derartiger Unfug dauernd im Königreich Preusscu geduldet wird. (Lebhaftes Bravo rechts.) Diejenigen, die solche Vcrsammhingen abhaltcn und die sie dulden, machen sich schuldig des später dann unvermeidlich eintrcteiulen Blutvcrgicsseiis. Was nun den Fall Brockluisen anbelangt —, darauf lasse ich mich nicht ein; das ist ein Spczialfall. — (Aha! bei den Sozialdemokraten.) Ach. meine Herren, das wissen Sic doch: der Herr Abgeordnete Bebe! hat das Material, ich nicht Da müssen Sic gerecht sein. Den Fall können wir , doch nicht beurteilen. In allen Sachen muss erst die (legenj Partei gehört werden; die können wir hier nicht hören.; Dieser Fall ist uns unbekannt, ich kann darauf also auch nicht f eingchcn. Meine Herren, ich wiederhole es: bei den» Ausweisen von Armen oder von unkompromiUierten Leuten, wenn wir auch nicht den Wunsch haben, dass sie sieb dauernd hier j nicdcrlasscn. mag milde vorgegangen werden*): bei dem Ausweisen solcher Elemente aber, die die 'Unverschämtheit haben, obwohl sic Ausländer sind, hier unsere pr.cussische Verfassung kritisieren zu wollen, und sich an den bezüglichen Vcrsamm־ lungen beteiligen, ist mit der äussersten Schärte zu verfahren, und der prcussischc Herr Minister des Innern und der Berlincr Polizeipräsident werden allezeit bei solchen Massnahmen Rückhalt finden bei den preussischen Konservativen. (Bravo! rechts.) _ Das deutsche Volk hat für solche Witze, für Liebcns־ Würdigkeiten gegen derartige Elemente kein Verständnis. (Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Wir sind ein Volk, ein knorriges; das weiss auch Herr v. Borries. (Grosse Heiterkeit und bravo! rechts.) Vizepräsident Dr. Graf zu Stolbcrg-Wernigerode: Der Herr Abgeordnete Pohl hat das Wort. Abgeordneter Pohl: Meine Herren, ich weiss nicht, oh die Worte meines Herrn Vorredners auf der rechten Seite mit ungeteilter Sympathie aufgenommen worden sind. Ich glaube bemerkt zu haben, dass von Herren auf der Rechten bei einzetnen Ausführungen des Herrn v. Oldenburg recht verlegene Gesichter gemacht wurden. (Widerspruch rechts.) Inshcsondqre ist es in! höchsten Grade deplaziert, wenn Herr v. Oldenbürg hier von Gottesfurcht und von dem Gottessöhne gespro* ehe» hat. um ein Verhalten einer preussischen Staatsbehörde zu rechtfertigen, das irgend einer Kritik vom Standpunkt der Menschlichkeit und des Christentums aus unbedingt nicht standhaiten kann. (Sehr wahr! links.) Meine Herren, mein Herr Vorredner hat aber die ganze Streitfrage vollständig verreckt. Ich we.ss ganz genau, welches der gegenwärtige Zustand der Gesetzgebung ist. und nach den» gegenwärtigen Zustande der Gesetzgebung, der allerdings kein erfreulicher ist. sondern dringend der Abänderung bedarf, wird man dem preussischen Staat und seiner Polizei nicht das Recht absprechen dürfen. Ausländer, die ״lästig“ ge- •) Gewiss, mit eiserner Stirn! */n Tage, nicht drei Tage oder ohne Frist, wie bisher? (Red.) fallen sind, auszuweisen. Es handelt sich aber bei der ganzen Interpellation darum, ob' die ־Auswcislmgcu crb'lgt s׳::d - Vizepräsident Dr. Graf zu Stolbcrg-Wcrnlgcrode: Icii bitt: uni etwas mc!1r Ruhe. Abgeordneter Pohl: -־ -•* mit Grund oder ohne GrünJ. Meine Herren, darin liegt dasjenige, was wir beklagen, und darin liegt dasjenige, worüber wir uns beschweren, weil wir die feste Überzeugung haben, es ist hier gesetzwidrig vorgegangen worden. Es sind eine ganze Masse Ausweisungen erfolgt, ohne dass die Ausgewiesenen der Polizei und dem preussichen Staat Irgendwie lästig geworden sind, und ohne dass sic irgend welche Veranlassung zur Ausweisung gegeben haben. Meine Herren, wenn ich von polizeilichen Ausweisungen höre, dann übermannt mich immer ein bitteres Gefühl. Ich habe als Obcrschlesier schon eine Zeit der Ausweisungen in Obcrsclilesien erlebt, und ich utiss sagen: es ist das Gefühl der tiefsten Schani, mit dem ich an jene Ausweisungen zu* rfickdcnkc: denn es muss in jedem Patrioten ein bitteres Ge fftlil der Scham Hervorrufen, wenn er sicht, dass im eigenen geliebten Vaterland Dinge getrieben werden, die geradezu unser Vaterland verächtlich machen können. Meine Herren, dies habe ich erlebt Anfang der neunziger Jahre in Obcrsclilesien. Ich habe damals bei meiner Rechts- Währung gegen grausame Ausweisungen Unterstützung bei einem Amtsvorstcher, einem Baron v. Duranl in Langendors. und bei dem damaligen Landrat in Taruowilz. einem Herrn v. Varnbiilcr. gefnndeas es hat aber alles nichts genutzt. Ls sind Ausweisungen erfolgt, die grausam waren und töricht dazu, bei denen kein einziger vernünftiger Grund dafür sprach, die Leute, harmlose, brave, wirtschaftlich tüchtige Familien־ vätcr. des Landes zu verweisen. Meine Herren, ich bin der Meinung, dass auch jetzt in vielen Fällen Ausweisungen erfolgt sind, die ohne Einsicht an* geordnet worden snd. die infolgedessen sich als Akte der Dummheit charakterisieren und der BrutafUät. (Sehr richtig, links.) Ich habe hier eine ganze Anzahl Korrespondenzen, welche dies erweisen. Meine Herren, der eine Fall ist iiieltn.tcli erwähnt worden. Fs hat ein deutscher Reichs::!]gehöriger eine Köchin, die 15־ Jahre hintereinander bei ihm in Stellung ist. Eine solche Person hätten wir überall als Muster eines treuen Dienstboten öffentlich loben und preisen und den anderen Dienstboten als Vorbild Vorhalten müssen! Und solche Köchin, die 45 Jahre in derselben Familie gedient hat. wird ausgewiesen, obgleich sie schon länger als 20 Jahre auch liier in Deutschland bei einem Deutschen in Stellung war. Ich habe hier die Auswcisunesvcrordmm״. Die Polizei־ Verwaltung hat cs nicht einmal für nötig befunden, darin zu erklären: du bist lästig geworden, — sondern cs heisst nur: du hast kein Recht zum dauernden Aufenthalt; mach, dass du hinauskommst! in vierzehn Tagen werden dir sonst 100 Mark Geldstrafe auferlcgt! Meine Herren, woher soll die arme alte Frau die 100 Mark nehmen? Sic lebt ja vom Gnadenbrot. Soll sie die betreffende Geldstrafe in eine Haftstrafe um wandeln lassen und absitzeu? In jedem Falle muss sie. da sie kein Reisegeld besitzt, die Verwaltungsexekution absvarten. durch die sic über die Grenze gebracht wird. 111 enetn anderen Fallc war eine Frau vor den Unruhen in Russisch־P01e11 hier zu ihren Eltern geflüchtet, die deutsche Reichsaiigchörige sind. Ihr Mann war ihr demnächst nachgereist. Nun ist sie hier geblieben, weil sic einem freudigen Ereigns entgcgensali. Bevor dies eiutritt, kommt der Auswcisungsbciehl. Die Dame bittet, mit Rücksicht auf ihre Niederkunft, ihr wenigstens die Frist zur Abwanderung zu verlangem. Es werden ihr noch vierzehn Tage gewährt. (Hört! hört! links.) Meine Herren, jede Magd bekommt 6 W o c h c n Zeit, sich nach der Niederkunft zu erholen, und wenn man solche Schonung einer Dame versagt, die gemüssigt wird, eine grosse Reise nach Russland mit ihrer ganzen Familie und allen! Hab und Gut auszuführen, wenn man sic zwingt, diese weite Reise so kurze Zeit nach der Niederkunft anzutreten. so verlangt man etwas Unmenschliches. (Sehr richtig! links.) Und meine Herren, wer mit dem Namen des ..Gottessohnes" und mit ״Gottesfurcht" solche Sachen zu beschönigen versuch{, weiss nicht, was Christentum ist*) (Sehr richtig! links.) Meine Herren, es sind dann weiter eine ganze Anzahl Leute, ausgewiesen worden. Gelehrte. Techniker, weiche zu Studienzwecken herübergekommen sind. Meine Herren, wenn wii den Austausch der Wissenschaft und der technischen Erfah- *) Im Gegenteil, eben Herr von Oldenburg Ist der wahre Christ! (Red.)

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