Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 276 JÜDISCHE F.xistenzvernlchtiing clnzusch'ichtcrn. um alsdann diese Aus-!ander ihren verbrecherischen Zwecken dienstbar zu machen (hört!־ hört! bei den Sozialdemokraten), um den Ausländer zu einem Verbrechen zu verleiten. U-cbliaite Rufe: Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Daty ist auch iriiher schon oitcr geschehen. Wir haben unter dem Sozialistengesetz erlebt, wenn sich einer!reiner Parteigenossen - es sind ia solche fälle in jeder Partei vorgekommen mal ein > ergehen hatte zu Schulden kommen lassen, dessen Rnchbarkcit er um jeden Preis vermeiden musste — kein politisches, ein gementes —. und wenn die Polizei das erfuhr, dann hat sic au Berlin, in Elberfeld und in anderen Städten diesen Umstand wahjvcnoiu* men. um den armen Teufel in die Zwickschere zu nehmen und ihn zu zwingen, ihr Dienste zu leisten, indem sc jeden lag das Damoklesschwert der Denunziation bei der Staatsanwaltschaft über seinem Halipte hielt. Sic sagte dann: warn du uns nicht Dienste leistest und du an deiner Partei und deinen Parteigenossen nicht zum Verräter wirst, dann melden wir dich be. der Staatsanwaltschaft. (Hört! hört! bei den Sozialdcmokraten.) Nun. meine Herren, hier liegt ein Pall ähnlicher Art vor. Ich erkläre Ihnen: die Akten dieses Falles Stehen mir Im vollsten Masse zur Verfügung: ich bedauere, dass von den Herren der Regierung keiner mehr am Platze ist. ich würde ihm sonst mein einwandsfreies Material auf einige Augenblicke zur Verfügung" stellen. Es lebte in Schöneberg bei Berlin ein Russe, dessen Namen ich nicht nenne, ein Kaufmann. Derselbe kam Ende Februar 1905 hier an und wohnte im Hotel Janson; vom 15. März 1905 bis 31. März 1906 wohnte er in Steglitz. Zimmermaimstrnsse I, seitdem in Schöneberg. Hauptstrasse 107. Der Mann zahlte 1200 Mark Miete und hatte im Vertrauen darauf, dass er als ruhiger Bürger, der sich um nichts kümmert und keinerlei Politik treibt, ruhig hier leben könne, einen Mietsvertrag abgeschlossen, der bis 31. März 1907 läuft. . Der Mann ist wie gesagt. Kaufmann, er hat Agenturen und Kommissionen für Grosshandelshäuser hier in Berlin, er vermittelt Verkäufe und Waren nach Russland, er ist also im Sinne der bürgerlichen Gesellschaft ein ausserordentlich nützlicher Staatsbürger. Dieser Mann — das mag für den Umfang seines Geschäfts sprechen ״ hat jährlich ’3tX*0 Mark Spesen, einen Privatverbrauch von 8000 Mark. Er hat eine schwcrleidende Frau und einen Knaben von 9 Jahren, der die Vorschule des Steglitzer Gymnasiums besuchte. Am R April d. Js. erkundigt Sich bei den! genannte;! Kaufmann ein Schutzmann nach seinen Verhältnissen; dein Manne fällt das auf. er fragt seinen Hausverwalter, der ebenfalls Schutzmann Ist was das zu bedeuten habe. Darauf erklärte ihm dieser, er wolle seine Personalien der Polizei übermittetn. Am anderen Tage, am 15. April, teilt er ihm mit. er habe auf der Polizei erfahren, dass seine Ausweisung in Aus• sicht stehe. Das war ihm schier unbegreiflich. Er hat einen;Bekannten, einen Herrn v. Brockliusen. also einen der Edelsten der Nation (Heiterkeit), mit den! spricht er am 17., April über den Fall. Dieser Edelste gibt an — ob es wahr ist, wefss ich picht, weiss auch der betreffende Kaufmann nicht —, er sei ein Neffe des verstorbenen Staatssekretärs v. Richthofen und auch ein entfernter Verwandter des Staatssekretärs der Marine von Tlrpltz. Auf jeden Fall war er aber ein Agent der Polizei. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Der Russe hat den Mann kennen gelernt in dem Bureau der Aktiengesellschaft Wegelin und Hübner. Brockliusen versprach ihm auf Grund seiner ausgezeichneten Verbindungen, alles zu tun und seine Ausweisung zu verhindern. Am 18. April erhält der Russe eine polizeiliche Verfügung des Sehönebergcr Polizeipräsidenten, datiert vom J7. April, von demselben Tage, wo er mit Brockhusen über diesen Fall gesprochen hätte, in der es heisst: Nachdem Sie und Ihre Familienangehörigen hier in Schöneberg Aufenthalt genommen, wird Ihnen mitgeteilt, dass Ihre sowie Ihrer Familienangehörigen Niederlassung und Ihr und Ihrer Angehörigen dauernder Aufenthalt in Schöneberg bei Berlin und in Prcussen nicht zugelasseu werden kann; es wird Ihnen daher empfohlen, das Gebiet des preussischcn Staates binnen längstens drei Monaten zu verlassen, da sonst Ihre Ausweisung würde erfolgen müssen. (Hört! hört! links.) Gründe — nicht angegeben. An demselben Tage erhielt sein Dienstmädchen Marianne Kudelka die Aufforderung, binmn H Tagen den preussischen Staat zu verlassen, da ihr als Ausländeriit ein gesetzlicher Anspruch auf Gestattung d<$ Aufenthalts Im Gebiete des preussischen Staats nicht zustche. An demselben Tage nachmittags, am. 18. April nachdem unser Russe die eben verlesene Order erhalten hatte; geht er zu v. Brockhusen und klagt dem soln l.eid. Darauf nimmt ihn Brockhusen — die Sache scheint schon von BrockhUfSn vorher abgekartet zu sein, er nahm offenbar an, dass der Rasse sicher RUNDSCHAU_____ No. & zu ihm kommen würde wegen der Ausweisung ־ mit nach Wilmersdorf. Kaiserplatz 5. in die Wc!!!pmI1:e־׳st1;be. Dortselbst wird ihm der llavptmann a. D. und Pcllrclkommissar Schöne vorgcsteHt. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Nachdem Brockliusen dem betreuenden russischen Kaufmann vorher gesagt hatte. Herr Schone werde allerdings für seine Gefälligkeit, die Ausweisung zuriickzimchmcn. wohl einige Gefälligkeiten verlangen als Gegenleistung, begann die Unterhandlung. Man kam aber au dem Tage nicht zum Ziele, sie dauerte den 1819 ״. und 20. April. Am folgeud.cn Tage, den 19״ erklärte Polizcikomnüssar Schöne; leider sei cs ihm bis jetzt nicht möglich gewesen, die Ausweisung rückgängig zu machen: aber er habe gehört, wenn er. der Russe, sich Verdienste in staatlichen Angelegenheiten erwerben werde, so solle, so habe sein Vorgesetzter erklärt, der Herr hier gut aufgehoben sein. (Hort! hört! bei den Sozialdemokraten.) Meine Herren, um Ihnen das hier nicht im einzelnen ausc'nanderzusctzen, erkläre ich. dass die Unterhandlungen den Zweck hatten, dass der russische Kaufmann in seiner Zwangsläge, das Damoklesschwert der Ausweisung über seinem Haupte, sicli herbeilussen sollte, landesverrälcrlsclio Dienste gegen sein eigenes Vaterland zu Gunsten Deutschlands zu leisten. (Lebhaftes hört! hört! bei den Sozialdemokraten. Grosse Bewegung.) Er wurde also zu einem Verbrechen aufgefordert! Meine Herren. Herr Schöne gilt als die geriebenste Polizeinatur hier in Berlin, der für derartige Dinge die Hay^tdienste zu leisten hat. Er hat im vorliegenden Falle emo geradezu unglaubliche Kopflosigkeit bewiesen. Man sollte cs nicht für möglich halten, dass, che er des Mannes vollständig sicher war. dem er übrigens versprach, es werde nicht allein ein schöner Verdienst ihm Zufällen, er könne jährlich auf zirka 16 000 Mark rechnen, er stellte ׳ihm auch weiter in Aussicht 11:an werde ihn nachher naturalisieren, allerdings sei alsdann nötig — der Russe war nämlich Jude —. dass er sich taufen lasse (hört! hört! und grosse Heiterkeit links), er siel: in dessen Hände gab. Meine Herren, welch’ eine feine Actjulsltion für die evangelische Landeskirche, die einen Landesverräter nach gcleisteten Diensten als Täufling aufnehmen soll, damit wahrschcinlich durch die Taufe alle Sünden und Verbrechen ab״ewaschen werden. (Sehr gut! und lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Meine Herren, ich habe hier in meiner Hand die Weisungen, die vom Kommissar Schöne dc:n Russen übergeben wurden. In Rücksicht auf die dcutsch.cn Staatsinteressen unterlasse ich es. diese Weisung öffentlich vorzutragen: denn ich bin nicht sicher.' ob nicht ähnliche Angaben an Spitzel und Polizeispione in anderen Ländern, vielleicht auch in Russland, schon herausgegeben wurden, und dass, wenn ich jetzt diese Tatsachen hier öffentlich bekannt machte, ich Leute ins Unglück stürzen könnte. Ferner unterlasse ich die Veröffentlichung in Rücks׳'cht auf die Regierung, von der ich sonst nichts wissen will; ich werde, um ihr die Scham zu ersparen, nicht die Einzelr.eitcn dem Hause vortragen. Es handelt sich also, kurz gesagt, um landcsvcrrüterischc Handlungen. Es sind Stichworte angegeben, unter denen der Betreffende die militärischen und sonstigen Staatsgeheimmsse. die er in Russland ausbaldowern sollte, hierher zu melden hatte. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Aber da eine solche Spionage für ihn als russischen Untertanen nicht gut angängig war. sollte der Anschein erweckt werden, dass er ein Deutscher sei. und so. meine Herren, hat das Berliner Polizeipräsidium diesem russischeu Kaufmann auf den deutschen Namen ..E r n s t F i e d 1 c r“ einen falschen Pass ausgestellt. (Lebhaftes Hört! hört! bei den Sozialdemokraten und grosse Bewegung.) Ich habe hier in der Hand das Faksimile, die photographische Wiedergabe dieses Passes. Er sollte also als deutscher Geschäftsreisender Ernst Fiedler nach Russland gehen und dort seine landcsvcrräterischen Unternehmungen ins Werk zu petzen suchen. Da er aber zu der Reise nach Russland nicht kommen konnte, ohne ein Visum der russ:schcu Botschaft für den deutschen Pass zu haben, und da er obendrein als Jude in Russland nicht zugelassen wurde, so hat das ,Berliner Polizeipräsidium diesem russschen Juden, also dem angeblichen Deutschen Ernst Fiedler folgende falsche Bescheinigung ausgestellt: Dem Inhaber des Passes Nr. 83S II. Geschäftsreisenden Ernst Eiedler, wird aui Grund amtlicher Feststellungen behufs Erlaugung des Visums seitens des Kaiserlich russischen Konsulats hierdurch bestätigt, dass er — Christ ist. (Lebhaftes Hört! hört! bei den Sozialdemokraten und stürmische Heiterkeit.) Auf Grund dieser falschen Urkunde der Berliner Polizei, wodurch die Berliner Polizei ein Amtsvcrbrcchen begangen hat. und auf Grund der zweiten falschen Urkunde, worin sie lügt-(Glocke des Präsidenten. Stürmische Zurufe von den Sozialdemokraten.)