Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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•No. 19 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 273 Auch sie beschwerten sich; doch war dieses ebenfalls nutzlos. Die Angabe von Gründen wurde verweigert. Der Mann erklärte, er müsse der Denunziation eines böswilligen Menschen zum Opfer gefallen sein; er habe sich nie um Politik gekümmert. auch habe er sonst nichts getan, das ihm seine Aus- Weisung erkläre. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Des weiteren handelt es sich um den Pianisten Alex ander Führer. *Dieser kam im Dezember des letzten Jahres nach Berlin, um seine Gesundheit hcrzustcllcn. Er begab sich in die Behandlung des Professors Oppenheim. Der Pianist hatte infolge seines Berufes Krämpfe in beiden Händen. Er ist der Sohn eines kaiserlich-russischen Notars in Otschakow im Gouvernement Cherson; der Vater ist vermögend. Auf Beschwerde wurde dein Ausgewiesenen das Entgegenkommen bereitet, dass seine Ausweisung mit Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand vom I. auf den 8. April verschoben wurde. (Hört! hört! Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Das geschah also mit Rücksicht auf den Gesundheitszustand eines Mannes, der• an beiden Händen Krämpfe hatte, in angesehener sozialer Position sich befindet und die nötigen finanziellen Mittel bcsass und sich um Politik nicht gekümmert hat. Genau so ging cs seiner Schwester Fräulein Führ c r, die seit dem September 1905 hier war und zwecks musikalischcr Studien bei dem Professor *l uzenkow am Sternschen Konservatorium Unterricht im Klavierspiel nahm. Auch diese ist ausgewieseu worden; warum, das wissen die Götter, — vielleicht weiss cs die Berliner Polizei selbst nicht. Eine Auskunft hat sic nicht erhalten. Ganz ähnlich ist cs dem Handelsmann Griinberg ergangen, der seit 1901 in Berlin lebte und nur mit Rücksicht auf den hochschwangeren Zustand seiner Frau mit Miihc und Not erlangte, dass ihm der Aufenthalt bis zum 1. Juli ds.' Js. verlängert wurde. Auch liier liegt keinerlei materieller Grund für die Ausweisung vor; die soziale Stellung ist durchaus gcsichert, und politische Tätigkeit hat er keine ausgehbt. Fin anderer Fall, den ich erwähnen möchte, betrifft den Schlosser \V. S t e i n b e r g'mit Familie. Dieser ist sogar seit 1901 hier und als Arbeiter in ganz vorzüglichen Stellungen gewesen, zuletzt als Maschinenmeister bei Bernstein & Schwarzmann, nachher noch als Monteur bei Borsig. Der Mann hat nachgewiesen, dass er eine Spareinlage von 2000 M. hat; er hat vorzügliche Zeugnisse seitens der Unternehmer, aber auch eine kränkliche Frau und zwei Kinder. Er ist politiscii indifferent; — gleichwohl muss er als lästiger Ausländer. als gefährlicher Mann, den preussisclien Staat verlassen. Meine Herren, fühlt das Berliner Polizeipräsidium gar nicht, wie erbärmlich kleinlich cs selbst den von ihm repräsentierten Staat hinstellt, das es solche Leute als staatsgefährlich ausweist? (Sehr richtig! hei den Sozialdemokraten.) Aber dafür hat dasselbe offenbar kein Gefühl. Es ist eben dfc Rückslchtsloslgkcit, die Brutalität, ich möchte sagen, die sadistische Freude am Ruinieren von Existenzen, die allein derartige Dinge erklärt. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Weiter ist der Fall Palaschnik zu erwähnen. Hier handelt' cs sich um Mann. Frau und drei erwachsene Söhne. Dieselben flohen aus Simfcropol infolge der furchtbaren Judenvcrfol* Rungen, denen sie entgehen wollten; sie kamen im September an und mieteten eine Wohnung. Palaschnik ist kein unbe» mitteltcr Mann; er weist ferner durch Ouitnmg der Diskonto, bank nach, dass er 1000 Mark als Depot hei dieser liegen hat, also in keiner Notlage ist. Er selber wollte ein Handelsgewerbe beginnen. Die Frau näht Hemden für die Firma Baer & Hauff und verdient wöchentlich 12 Mark; mehr verdient eine Hemdcimähcrin in Berlin nicht, auch wenn sie 16 Stunden arbeitet. Der älteste Sohn ist Schriftsetzer bei Lenz & Co. und verdient den Lohn eines Schriftsetzers von 36 Mark; nebenbei erwirbt er durch Uebcrsetzungen pro Woche 15 bis 20 Mark. Der zweite Sohn ist Tiegeldruckc! und verdient 12 Mark, der jüngstö ist Lehrling in der Lcwentsehen Druckerei und erhält 10 Mark wöchentlich. Also ohne den Verdienst des Vaters, der sich ein Geschäft gründen wollte, verdient die Familie, Frau und 3 Kinder, wöchentlich 80 Mark. Die Familie befindet sich also in sicherer Stellung; es besteht keine Gefahr für Not und Elend. Aber das alles hilft nichts, sic wird ausgewiesen, und da Palaschnik geglaubt hatte, nachdem er Beschwerde erhoben hatte, er könne bis zur Entscheidung der Beschwerde hier bleiben, es sei während dieser Zeit die Ausweisuugsordcr sistiert, so wurde inm von der Polizei klar gemacht, dass das nicht der Fall sei, und er wurde wegen Zuwiderhandlung eegen die Ausweisuugsordcr mit 100 Mark Busse bestraft. (Hört! hört! bei den Sozialdemok raten.) Ich komme nun zu einem politischen Fall. Dieser betrifft den In Paris lebenden Schriftsteller — ich will hinzufügen: sozialdemokratischen Schrftstellcr — Semenow. Dieser kam Ende Januar nach hier und wollte in einer Versammlung seiner russischen Freunde einen Vortrag halten über die russischc Freiheitsbewegung und die öffentliche Meinung Frankreichs. Kaum erfährt das die Polizei, so wird ihm Order gegeben, binnen 24 Stunden den Staub von den Pantoffeln zu schütteln und den preussisclien Staat zu verlassen. In der Ausweisungsorder heisst es: Da Sic als Ausländer ein Recht zum Aufenthalt in Prcusscn nicht besitzen, so werden Sie hierdurch ausgewiesen. Nun mache ich Sie mit folgendem bekannt: Semenow hatte bis dahin in Paris und zwar als sozialdemokratischer Schriitsteiler gelebt: er war auch in Paris als Redner öffentlich aufgetreten. Nach seiner Ausweisung aus dem preussisclien Musterstaat ist er wieder nach Paris gegangen und lebt bis heute ungehindert dort. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Frankreich ist bekanntlich der Bundesgenosse ״Väterclicns“. Frankreich nimmt alle möglichen Rücksichten auf Russland; aber, meine Herren, das ist in Frankreich, diesem ״wilden Lande“, nicht möglich, dass dort ein Mann, weil er sich öffentlich als Sozialdemokrat bekennt, in sozialdemokratischen Versammlungen spricht und sozialdemokratische Artikcl verfasst, ausgewiesen wird. Das kann nur im preussischdeutschen Kulturstaate geschehen. (Sehr wahr! sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Nur hier bringt man dergleichen fertig! Ich frage: was wäre passiert, wenn der Mann vor Russen in russischer Sprache den erwähnten Vortrag gehalten hätte, den kein deutscher Staatsangehöriger verstand, dem auch kaum einer beigewohnt hätte? Und dass er nicht so einfältig gewesen wäre, hier in Berlin die russische Revolution proklamieren zu wollen, darüber brauchen wir wohl nicht zu reden! Ich komme nun zu einer Anzahl von Fällen, die Studierende der hiesigen Universität betreffen. Ich mache darauf aufmerkkam: bei näherer Erkundigung waren die Tatsachen,, die Grund zur Ausweisung gegeben haben sollen, zum Teil nur dadurch zu erfahren, dass bei persönlicher Vor spräche auf dem Polizei- Präsidium der eine oder andere Beamte im Laufe der Unter* haltung sagte: ״Hören Sie, Sie sind in einer sozialdemokra* tischen Versammlung gewesen, Sic waren am 21. Januar da und da!“ Bei einem anderen war es der IS. März, dass er in einer sozialdemokratischen Versammlung gewesen sein sollte. Das hat dann genügt, um die Leiitc ohne weiteres auszuweisen- (Sehr richtig! rechts.) — Ja. Herr v. Oldenbürg, wenn es nach Ihnen ginge, wären wir allerdings in Deutschland noch weit hinter Russland zurück; Sie sind fa russischer als die Russen selbst! (Heiterkeit und sehr wahr! links.) Sie haben — das ist. wasjcli bei Ihnen anerkenne — aus Ihrem Herzen niemals eine Mördergrube gemacht; aber ein Mörder wären Sie uns gegenüber, wenn Sic es sein könnten (Heiterkeit links. Zuruf rechts.) — Das müssen Sic erst abwarten!;•״ Da sind weiter der Student Katzmann und Frau, die als lästige Ausländer Ende April ausgewiesen wurden. Die Ausweisung erfolgte von der Abteilung VII, das ist diejenige, welche die politische Polizei repräsentiert. Genannte waren seit einem Jahre hier; Katzmann wollte in diesem Semester in sein Doktorexamen gehen. Der Vater ist ein vermögender Kaufmann; er und seine Frau erhalten monatlich von citerlicher Seite 100 Rubel Zuschuss. Ihm wurde auf Befragen nach dem Grunde seiner Ausweisung gesagt, er sei ein politisch tätiger Mann. Er protestiert auf das energischeste dagegen, dass er seine politische Gesinnung in irgend einer Weise bemerkbar gemacht habe. Es half nichts: er wird ausgewiesen! Da ist ferner der Student Simon Belctzki; dieser wurde am 17. Apiil als ״Politischer“ ausgewiesen. Auf dem Polizeipräsidium wurde ihm gesagt, er sei vor einigen Wochen in einer sozialdemokratischen Versammlung gewesen. Bcletzki .erklärte: ״das ist einfach nicht wahr; wer das sagt, der lügt: ich bin niemals in einer Versammlung in Berlin gewesen!“ Nachher hört er, er soll sogar in einer sozialdemokratischen Versammlung geredet haben. Darauf antwortet er: das sei ganz unmöglich, denn er verstehe so wenig deutsch, dass er auch nicht einen einzigen Satz korrekt aussprechen können die Beschuldigung sei nicht wahr, auch das sei gelogen, man denunziere Ihn falsch. Es hat alles nichts geholfen! Er wurde ausgewiesen, obgleich er vom Untcrrlchtsmiuistcr. vom IN. April datiert, ausdrücklich die Aufnahme in die Technische Hochschule zu Berlin erhielt, mit der Berechtigung zur Diplomatenprüfung. Der Vater ist Grossgrundbesitzer im Gouvernement Moskau, und dieser gab seinem Sohne, als er nach Berlin zu Studienzwecken reiste. 500 Rubel Reisegeld mit und hat in jedem Monat 200 Mark Unterstützung geschickt. Meine Herren, das sind doch alles Fälle .in denen kein Mensch den