Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 268 No. 19 JÜDISCH K mann mit demselben Genuss und Wohlbehagen, das die Antisemiten empfunden haben, als sic den unglücklichen Leopold Landau, der in seinem Wahnsinn ihnen zustimmte, für ülrc Lügen aiisschlachteten. Aber viel wichtiger war es, dass Froelich und sein antisemitischer Kampfgenosse Lüttmann sieh auf jenen 11״ ervor• ragenden jüdischen Führer” berufen konnten, ״der sich geigen diesen Zuzug aus Kussland ausgesprochen habc“, der ״diesen Zuzug der eigenen S t a 111111 e s g c n o s s e!1 für unerwünscht halt e.” Alle unsere Leser wissen, dass der Repräsentant der Berliner Jüdischen Gemeinde, der ״liberale” Professor Ludwig Geiger cs ist, auf den hier die antisemitischen Abgeordneten als ihren Gesinmmgsgenossen anspielen. Die Berliner Jüdische Gemeinde wird freilich in liberalem Liier dafür sorgen, dass der Mann ihr als Repräsentant erhalten bleibt, der ein so wertvoller Kronzeuge für die deutschen Kämpfer int Reichstag gegen die ■ausgewiesenen russischen Juden ist. Wir, die wir nicht liberal sind, die wir an dem alten historischen Judentum fcsthalten, grade weil wir nicht so ״religiös“ sind wie die Herren Liberalen, weisen aufs Entschiedenste zurück, dass wir in irgendwelcher Form eine Gewalttat billigen, die in Russland oder Pretissen gegen.unsere Brüder aus dem Osten geschieht. Während man in England aus menschlicher Rücksichtnahme nicht weiss, wie man die deutschen Zigeunerbanden los werden soll, die ihr arisches Stanunestmn dort in unangenehmer Weise zur Geltung bringen, indem sie als Angehörige der Herrenrassc glauben, dass fremdes Eigentum ebenfalls ihrer Herrschaft unterläge, weist man in Preussen jüdische Arbeiter aus, nachdem man versprochcn hat, dass mit der ausserordentliehsten Rück• sichtnahme vorgegangen werden soll, Arbeiter die hier in guten Verhältnissen leben, als flcissigc Bürger• ihr Brot verdienen und durch nichts lästig werden, als dass sie freilich dem alttestamentarischen Glauben angeboren. Dieser alttestamentarischc Glaube ist ihr Unglück. Denn da der wesentliche Unterschied des durch Paulus timgestalteten Christentums vom Judentum der ist, dass zu gunsten der Liebe das Gesetz, das alttestamentarischc ן Gesetz, aufgehoben ist, so ist natürlich die Verbindlichkeit der mosaischen Sätze in Wegfall gekommen, die dem Fremden Recht und Schutz gewähren wie dem Einheimischen. Das steht eben im mosaischen Gesetz der Juden, und dieses Gesetz ist durch und seit Paulus aufgehoben. Die Aufhebung des mosaischen Gesetzes ist ja der wesentliche Fortschritt des Paulinischen Christentums gegenüber dem alttestamcntarischen Judentum wenn wir auch diesen Fortschritt nicht zu würdigen verstehen. Herr von Oldenburg hat aber gemeint, dass wenn es auch nicht anständig, so doch verständig von den deutsehen Juden wäre, die russischen Juden von sich abzuschütteln. Und das ist ein grosser Irrtum. Denn es ist unverständig, einen Volksteil so abscliüttcln zu wollen, der uns keine Schande, sondern alle Ehre macht. Es sind keine Hennigs darunter, was sich schon daraus klar ergibt, dass es der Polizei gelingt, die armen Kerls zu fassen. Es sind keine Dietrichs und keine Wredes darunter. Aber es sind Leute, die produktiv schaffen und nicht Fremde für sich arbeiten lassen, um möglichst hohe Zinsen aus ihren Gütern herauszuschlagen. Die russischen Juden haben in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts eine Kulturkraft gezeigt, wie sie nur ein Volk beweisen kann, das trotz aller Unterdrückungen sich ein aufrechtes Rückgrat, einen RUNDSCHAU graden Sinn für alles Hohe und Edle und eine unvcrwfistliehe Lebenskraft erhalten hat. Wir haben uns der russischen J u de n nicht zu schämen! Sie haben keinen Verrat geübt. und es wäre doch so leicht für sic, nicht ausgewiesen zu werden, wenn sic an ihren! Stiefvaterlande oder an ihrer Religion und Nation Verrat üben wollten. Der Ruf ergeht ja an sic: ״Lass Dich taufen und verwandeln; ״Mancher tats und mit vier Rossen ״Hornkiang kommt er mm geschossen, ״Der einst umrief nicht zu handeln.“ Es wäre unklug von uns, die russischen Juden von uns abschüttehi zu *wollen, und dadurch den Feinden 1111sercs Volkstums die wahrheitswidrige Möglichkeit zu geben, zu behaupten, dass jene nicht ein durchaus anständiges Volksclemcnt sind, viel beser als so mancher echte tcutschc Mann der sich rühmt, dass er einem Volke angehört, das ein knorriges wäre. Es wäre unverständig, wenn wir das täten, — denn erstlich wäre cs eine Lüge, dann aber versteht man in Preussen solche windelweiche Bittgesiiimmg nicht zu würdigen. Die Poseuschen Juden sind loyale Deutsche und werden deshalb überall von den Deutschen national bekämpft und wirtschaftlich verdrängt. Man verstellt da viel besser den Geist des Widerspruches zu würdigen, als die fromme Rücksichtnähme der Hilfsorganisationen, die mit müder Bitte sich an die Instanz wenden, die ihnen eine doch nur zu deut• liehe Absage gegeben hat. Verständige Juden geben nicht ihre Zustimmung einer Verfügung, die mit den! Menschenleben und der menschlichen Existenz so unispringt, dass sic uns unverständig erscheint. Herr von Oldenburg sollte doch seine Gewährsmänner unter dui Juden mit Namen nennen, und wir zweifeln nicht mehr, dass er solche hat. Wir möchten gern diese Juden kennen lernen, denen ein Christ von den Qualitäten des Herrn von Oldenburg solche Anerkennung zuteil werden lässt. Wir selbst sind borniert genug, um unserer Befriedigung darüber Ausdruck zu verleihen, dass wir in den Augen des Herrn von Oldenburg weder zu den verständigen noch zu den anständigen Juden gehören. Das ist — Herr von Oldenburg wird uns das gewiss nachfühlen — ein Erfordernis dessen, was er sicher jüdische Ueberltebung nennt. Wir nennen ös Selbstachtung. Eljäqi m. Deutscher Reichstag 93. Sitzung Stenographischer Bericht. Donnerstag, den 3. Mai 1906. Präsident: Wir treten in die Tagesordnung ein. Erster Gegenstand derselben ist: Interpellationen der Abgeordneten Albrecht und Genossen betreffend Ausweisung russischer Staatsangehöriger (No. 36S der Drucksachen). Die Interpellation lautet: An den Herrn Reichskanzler richten wir die Anfrage: Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, dass der Polizeipräsident von Berlin mit Billigung des preusslschcn Ministers des Innern Im Widerspruch mH Art. 1 des deutsch - russischen Handels- und Schlfiahrtsvcrtragcs, vom 28. Juli 1904 russische Staatsangehörige In Massen des Landes verweist? Und was gedenkt der Herr Reichskanzlcr gegen diese ungesetzlichen Massnahmen zu tun? Ich habe zunächst die Frage an den Herrn Vertreter der verbündeten Regierungen zu richten, ob und wann derselbe die Interpellation beantworten will.