Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Seite 259 0.J8 _ __ JÜDISCHE RUNDSCHAU gebotener. als andere Staaten, die finanziell weitaus kräftiger sind als Österreich, wie Deutschland. Italien, ihre Beteiligung an der Anleihe ganz oder in erheblichem Masse verweigert haben, andere, wie zum Beispiel Frankreich und Belgien*, die aus politischen und anderen (Minden die gewohnheitsmässigen Geldgeber Russlands sind, durch Spcrrvorschriften und Rücktritt von der Beteiligung im letzten Augenblicke ihr tiefes Misstrauen gegen die Kreditfähigkeit Russlands zum Aus• drucke bringen. Es scheint nun allerdings, dass der Finanz-, minister einen Augenblick selbst von diesen Bedenken berührt wurde. Darauf deutet seine Anfrage.an die russische Regierung. ob in den nächsten Jahren eine weitere Anleihe aufgenommen werden solle. Wie wenig glaubwürdig die Zusicherung der russischen Regierung ist. sie werde während zweier Jahre keine neue Anleihe im Auslande aufnehmen, geht aus dem Geständnis des russischen Finanzministers hervor, dass das russische Budget heuer ein Defizit von 4SI 000 000 Rubeln zu decken habe, eine bei der gewohnheitsmässigen Bilanzfälschung der russischen Regierungen zum Zwecke der Dupiertmg des curo- Däischen Finanzpubiikmns zweifellos . zu niedrig gegriffene Summe, sowie aus dem weiteren Bedürfnisse von 150 000 000 Rubeln zur Tilgung von Schatzkosten. Fs wird somit im heurigen Jahre, allein Russland 27 000000 Rubel über sein Ordinarium brauchen, das heisst, es wird beinahe die ganze neu.* Anleihe im heurigen Jahre aufgcbraucht werden Ist cs mm auch begreiflich, dass die beteiligten osterreichischen Banken, die aus dem Siibskriptionsgcscliäftc allein die respektable Summe von 10 OOOOUO Kronen im Haudinndrehen einhcimscu werden, fiir die Anleih.oneration begeistert sind, so ist um so grösser und ernster die!,flicht des Finanzininisters. sich nicht zum Mitschuldigen zu machen, dass das J österreichische Publikum zu Gunsten dieses Bankgcwinncs j einem ungeheuerlichen und beispiellosen Betrug zum Opfer J gebracht v erden soll. Frwägt man. dass die »,ciigcwählle! russische Duma dem neuen Stantsanlchen wie iiberhaunt der Regierung Witte mit offenkundiger Feindseligkeit gegenübersteht, dass die russischen grundbvsitzendcn Klassen selbst mit ihrem Gclde ins Ausland flüchten, dass eine Steiger.ng de! Steuern oder doch ihrer Ertragsiähigkcit bei den Wirtschaftliehen Zuständen in Russland völlig ausgeschlossen ist dass ferner die russische Revolution zweifellos von neuem ihr Haupt erheben wird, so unterliegt es keinem Zweifel, dass Russland in wenigen Jahren zur Ansagung des offenen Staatsbankcrotts wird greifen müssen und damit trotz aller Zusicherungen das österreichische Geld verloren sein wird. Die Kotierung der russischen Anleihe aber ist um so unbegreulicher, als der Finanzministcr soeben eine österreichische Anleihe im Betrage von 130.9 Millionen Kronen naturgemäss zu einen! weit höheren Kurse und bloss zu vier Prozent begeben hat und sich somit durch Jene Kotierung selbst eine gejährliche Konkurrenz erzeugt bat. Bezeichnend ist die Haltung des Generalsekretärs der österreichisch-ungarischen Bank, der von der russischen Anleihe eine Hinaufsetzung oder mindestens Fcsthaltung des schon letzt hohen Bankzinsfusses befürcht.t. wodurch die Interessen der österreichischen Industrie, der angeblich unter die Arme gegriffen werden soll, ausserordentlich ״eschädigl werden. Bedeutet somit die Kotierung des russischen Anlehens eine gewissenlose Auslieferung des österreichischen Publikums, der österreichischen Industrie in finanzieller Beziehung, so ist sie in politischer Hinsicht geradezu ein Verbrechen, denn sie bedeutet nichts weniger als die Bezahlung der durch den rusisschen Absolutismus verübten Massenmorde mit österreichiscliem Gclde. Der österreichische Finanzministcr, offenbar veranlasst durch den Minister des Ausserii. Grafen Goluchowski. fordert die österreichische Bevölkerung auf. der Regierung Durnowo-Wittc Geld zur Niederschiessung von Freiheitskämpfern, zur Veranstaltung von Judenmassakrcs. zur Fortfristung ihres unhaltbaren, korrupt;», kulturfeindlichen und blutbefleckten Absolutismus zu schenken. Die Interpellanten /ragen, ob es richtig Ist. dass der Finanzminister trotz allen diesen unleugbar feststehenden Tatsachen die Absicht habe, die rusissche Anleihe zur Notierung au der österreichischen Börse zuzulassen. Die Abgeordneten Dr. Ofner und Genossen stellen eiuö Interpellation an die Gesamtregierung in der gleichen Auge- Jegenheit. in der ausgefiihrt wird, dass die Bcdingungct, unter welchen die russische Regierung die neue Anleihe autnimmt, zur Zahlungsunfähigkeit führen müssen, Diese droht bei dem russischen Staate auch durch die• Umstände, unter denen die Anleihe genommen wird, und zwar nicht nur durch die politischen und sozialen Umstände, obwohl auch darauf Wert gelegt werden müsse, dass Staaten ein moralisches Empfinden betätigen sollen, und dass eine Regierung schon dann die Bevölkerung des Landes abhalten soll. Geld zu geben. wenn dieses Geld zu frevelhaften Zwecken vcrwejdet werden soll. in Russland zu dem Zwecke, alle Hoffnungen des Volkes aut eine freie Entwicklung zu zerstören und den nur durch Meuchelmord gemässigten Zarismus unversehrt zu erhalten. Aber auch die wirtschaftlichen Umstände kommen liier in Betracht. Von den 2’־£ Millionen Francs werden die 800 Millionen Francs der früheren französischen und die 500 Millionen Mark der früheren deutschen Anleihe bezahlt. Für die rassische Regierung verbleiben also nach dem Fmissionskursc der neuen Anleihe und nach Abzug der offenen und geheimen Agenten und Subagenten — Profite gegen 600 Millionen Francs. Nun weist der Budgetvorschlag des Jahres 1906 im Extraordinarium ein Defizit von «181.1 Miüioucn Rubel “ 1039 Millionen Mark auf. Das Defizit der nächsten Jahre wird kaum geringer sein. Russland tritt in die Periode ein. welche Österreich in den 1850er Jahre!! durclnnachtc. und man weiss. wie zerstörend die Reaktion auf alle wirtschaftlichen Werte — die ethische,: nicht gerechnet — gewirkt hat. Schon Jetzt kann Russland seine Zinsen nur durch neue Anleihen decken. Endlich aber muss der Faden reissen. der schon Jetzt, wie die Bedingungen der neuen Anleihe zeigen, kaum mehr hält. Mag man auch von den unermesslichen Schätzen sprechen, das russische Volk ist arm. ausgesogen bis ins Mark durch eine verschwenderische Regien:! g und bestechliche Beamte. Und wenn die Bauern der Duma es vorzieheu ,die Ausländer ihre Torheit büssen zu lassen, als sich durch noch weitere unerhörte Steuerlast an Jedem Emporkommen selbst zu liiudcrn, so wird selbst der grösste Ethikcr sich scheuen, sic zu verurteilen. Es wird dann auf das Vorgehen der deutschen Regierung verwiesen und bemerkt. Öster reich habe noch mehr Grund zur Zurückhaltung, denn wir sind viel ärmer und brauchen selbst mehr Geld. Fs sei daher unvcraiiwortlich. dass die Regierung ruhig zu sieht, wie das Geld unseres Volkes in eine waghalsige auswärtige Spekulation verrannt wird, während der Finanzministcr schon im Begriffe steht, selbst wieder efne Kronenanleihe auf den Markt zu werfen und dass sie der rusisschen Anleihe bei so gefahrvollen Umständen die Kote bewilligen will. Fs wird die Anfrage gestellt: Wie vermag die Regierung ihre Untätigkeit zu entschuldigen? Ist sic bereit, noch derzeit aufklärend und warnend cinzurrcifcn und Insbesondere auch die Kotierung der rusisschen Anleihe zu verhüten? Protestvorsammfung gegen die russische Anleihe Namens der Einberufcr eröfincte Herr Gross die Ver- Sammlung und sagte, sie habe den Zweck, zu zeigen, dass die Masse der Wiener Juden der Meinung ist. dass ein Mann, der den Mördern von Kischinew Geld verschaffe, mindestens in der Repräsentanz der Judenschaft, in der Kultusstubc nichts weiter zu suchen habe. Das Volk hat keine Gemeinsamkeit mit den Erwählten der Grossgruudbesitzerkuric in der Kultusgemeinde. Und damit werde die Kundgebung gleichzeitig ein Protest gegen das Rrivilegienwahlrecht in der jüdischen Gemeinde. Der Referent Dr. Paul W c i s c!1 g r ü n sagte, er wünsche, dass viele Nichtjuden heute davon Zeugen wären, dass hier laut protestiert wird gegen den Grundsatz: ״Geschüft ist Geschäft.“ Es wurde gesagt, dass die Ruhe in den heurigen Ostern eine Folge des Anleiheabschlusses״ist. Werden also jetzt alle Ostern ein paar Milliarden nach Russland wandern müssen, wenn Judenverfolgungen unterbleiben sollen? Kein Jude dürfe sich nach diesem Streich auf die Strasse trauen, weil jeder ihm sagen dürfe: Du gibst ja Geld denen, die dich prügeln. (Tosender Beifall.) Abgeordneter O f 11 e r sprach In scharfen Worten von den Pflichten grade des jödisehen Bankiers. Schliesslich gelangte iolgcnde Resolution zur Annahme: ״Die heutige Massenversammlung der Wiener Juden gibt ihrer ticistcn Entrüstung über das unerhörte Vorgehen von jüdischen Kapitalisten Ausdruck, die nicht davor zurückgeschreckt sind, der blutbefleckten russischen Regierung durch Vermittelung einer Anleihe die Inszenierung neuer Judenmassakres und die Unterdrückung der Freiheitsbewegung in Russland zu ermöglichen. Als besondere Schmach empfindet es die Wiener Judcnschaft. dass gerade ein Kultusiat der jüdisehen Kultusgcmcindc In Wien cs ist. der den russischen Juden in ihrem Frcihcitskanipfe gegen eine Henkerrcgierung lim schnöder Prozente willen verräterisch in den Rücken fällt. Die Versammlung fordert den Wiener Kultusvorstand auf. den Kultusrat Theodor Ritter von Taussig zur sofortigen Nieder* legung seines Mandates zu zwingen. Mit Rücksicht darauf, dass diese Wahl nur infolge des Bestehens eines reaktionären Kuriensystems möglich wurde, verlangt die Versammlung die rascheste. Einführung des allgemeinen Wahlrechtes lür die Kultusgcmcindc. um würdige Vertreter wählen zu können. Reichratsabgeordneter Dr. Ofner konstatiert, dass jüdische