Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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als nicht sehr wünschenswert erachten. Es ist also vollkommen begreiflich, dass wir diese Leute los zu werden trachten, und das einfachste wäre gewesen, sic über die Grenze nach Russland zuriickzuschicben. da andere Staaten diese mittellosen Einwanderer jedenfalls nicht angenommen haben würden. Dass in einer solchen Massregcl eine grosse Härte gelegen hatte, ist indessen nicht zu verkennen, und deshalb macht das Polizeipräsidium gegenwärtig den Versuch, diese Leute allmählich abzuschiebcn. und zwar u! ׳ Beteiligung! des Jüdischen U n t c r s t ü t z u n .י a u s ־ Schusses,',der wohl in der Lage ist. kleineren Transporten die Auswanderung nach überseeischen Ländern zu ermögliehen, dessen Mittel aber nicht ausreichen, um den ganzen Schub auf einmal zu befördern. Es geschieht also lediglich aus moralischem Interesse, wenn man die Rückgängigmachung der unerwünschten russischen Einwanderung nicht auf einmal, sondern in zeitweisen Abständen ausführt, und wenn das jüdische Hilfskomitee sich bei der Regelung dieser Angelegenheit mit dein Polizeipräsidium ins Envcrnelnncn setzt, so gewinnt cs damit lediglich Anspruch auf die Dankbarkeit seiner Glaubensgenossen. Dadurch, dass die Ausweisungen nicht auf einmal verfügt werden, wird den Auszuweisenden auch noch die Möglichkeit geboten, sich in der Zwischenzeit etwas z r verdienen (in drei Tagen? Red.), um nicht ganz mittellos in ihrer neuen Heimat cinzutrcffcn. Es handelt sich also bei diesem ganzen Vorgehen keineswegs um eine Brutalität, sondern vielmehr um ein durchaus schonendes Vorgehen, was auch von den wirklich unterrichteten jüdischen Kreisen anerkannt wird. Wer frclicli auf dem Standpunkt steht, dass das Deusche Reich gegenüber einer missliebigen Massencinwanderung von seinem Ausweisungsrechte keinen Gebrauch machen soll, wird sich auch damit nicht befreunden, doch wird das an dem Verlauf der Sache nichts ändern.“ Gegen solche Beweisgründe ist schw-.r zu streiten. Es handelt sich ja um Russen ״v o r n e h m 1 i c h jüdischen Glaubens“. — Und das ist das Ausschlaggebende an der Sache. — Unsere Stellung in dieser Frage haben wir schon geäussert. Wo bleiben aber die . Deutschen jüdischen Glaubens“? Ist denn diese Schmach nicht ihre Schmach? Nicht Russen werden ausgewiesen, und nicht um Politik liandelt cs sich hier. Juden werden ausgewiesen, weil sie Juden sind. Das sollten die Herren vom Zentralverein wohl beachten. Die KÖLNISCHE ZEITUNG rechnet es der Preussischeti Regierung als Humanität an. dass dem jüdischen Hilfsverein grossmütig erlaubt wird, die Unglücklichste״ vor dem Tode zu retten. So werden Anarchisten und Deutschenfeinde gezüchtet. Alles aus der Absicht, uns die Macht der ״Liebe“ erkennen zu lassen. Wir aber sind halsstarrig genug, dort nicht a!1 ״L i c b e“ zu glauben, wo wIr keine ״G e r e c h t i g k c i t“ sehen. Zu de״. Ausweisungen ruslsscher Staatsangehöriger aus Berlin wird den» BERLINER TAGEBLATT mitgeteilt, dass der aus der Rcichshauptstadt ausgewiesene Rigaer Kaufmann Boris Berlin für sich und seine Familie hier eine Wohnung zum Preise von 2-100 Mark jährlich bis Oktober 1909 gemietet hatte und dass ihm behufs zollfreier Einiuhr seines Mibiliars von demselben Polizeipräsidenten, der ihn Jetzt auswics. bescheinigt wurde, dass er sicli hier du dauerndem Aufenthalt niedcrlassen könne. Einige weitere besonders kennzeichnende Fälle sind die folgenden: Frau M. Bodik aus Kiew, Ehefrau des dortigen Kaufmanns erster Gilde Bodik. ist. trotzdem sic der Schöneberger Polizeidirektion ein bei der Diskonto^cscllschaft deponiertes Vermögen von 80 000 Mark nachweiscu konnte, ausgewlesen worden, ebenso der Ingenieur Brodski, der sich zwecks technischer Ausbildung hier aufhielt und bei der Deutschen Bank ein nachgcwiesencs Guthaben von 20 000 Mark besitzt. Ferner sind ausgewiesen: Kaufmann Dworkind aus Mariapol (Guthaben hei der Deutschen Bank 10000 Mk.), Frau M. Ironimus. die aus Russland eine monatliche Revenue von 1000 Mark bezieht. Frau Ljubowa Mogilcnskaja. deren Gatte ein F.xportgeschäft in Hamburg besitzt, und die eine monatliche Revenue von 300 Mark bezieht. Die reichen Leute können es freilich ertragen; für die Arbeiter und flcissigcn kleinen Leute bedeutet die Austreibung den völligen Ruin. Seit *i• Jahren hat der. aus Finnland eingewanderte Jüdisehe Drechsler Z. lohnende Beschäftigung in Berlin Da wird er eines Tages zu seinem Malheur von seinem Schlafburschen bestohlen; Voll Vertrauen auf den Rechtsschutz, den er in Deutschland genicsst, wendet er sich mit einer Anzeige an die hochwohllöbliche Polizei. Es erfolgt auch prompt — die Festnahme des Diebes — ach nein, die Ausweisung des Drechslers! Vivat Justitia, sic pereat mur.dus! Ein nettes Seitenstück zu dieser, ..russischen" Zuständen erzählen russisch-jüdische Zeitungen, von dem man ohne das vorhergehende annchmen würde, dass es eben nur in Russland möglich ist. Ein Jude, der bestohlen wird, rennt voller Verzweiflung dem Diebe nach. Der Schutzmann, den er veranlassen will, mit ihm die Verfolgung aufzunehmen, verhaftet den Juden, da dieser (ein Verbrechen in Russland) auf der Strasse sein Käppchen trägt, und lässt den Dieb laufen Wie herrlich weit stellt doch Deutschland vor Halbasi'en in der Kultur! Deutsche unter sich In der WAHRHEIT vom 21. April finden wir folgende Briefkasten-Notiz: In eigener Sache. Der Herausgeber der STADTLATERNE Joachim Gehlsen. hat cs sich zur Aufgabe gemacht, mich seit mehr als einem Jahre entweder persönlich oder durch seine Helfershelfer mit Schmutz zu bewerfen. Ich hatte Ursprunglieh nicht die Absicht, darauf irgendwie zu reagieren, weil die Beschimpfungen dieses Herrn nicht an mich heranreichen können. In der letzt.״־ Nummer der STADTLATERNE nehmen diese Angriffe eine Ausdehnung an. die mich veranlasst, einmal ein Excmpcl zu satuiereii und gegen die Urheber und Verbreiter all dieser verleumderischen Verdächtigungen klagbar vorztigehen. Die Herren Dr. Paul Bötticher. Joachim Gehlsen, Plack-Podgorski. Paul Werner und andere werden vor Gerieht Gelegenheit finden, den Beweis fiir ihre Beschuldigungen zu erbringen. W i i h e I m B r u h n M. d .R. Arische Kulturbi'der Aus dem Städtchen Biecz wird vom 28. April gemeldet, dass dort am zweiten Osterfeiertag Judenexzesse ausbrachen, deren Epilog sich atu 6. Mai vor dem Strafgericht abspielen wird. Die dortige Ecucrwchr erhielt vom Abgeordneten P. Pastor als Geschenk ein Fass Bier. In betrunkenem Zustand wurde disputiert, dass wahrscheinlich die dortigen Juden die vor einigen Jahren in Biecz atisgebroehenc Fcuersbrunsl verursacht hatten. Während des Gelages schien cs einem!־'euerwchrniann, dass in einem jüdischen Geschäft!*euer ausgcbrochen sei. Dies erwies sich jedoch als Einbildung, worauf die ganze Gruppe der jüdischen Häuser durchsucht wurde, oh nirgends!־'euer ausgebrochen sei. Als die Durchsuchung sich als erfolglos erwies, wollten die Feuerwehrleute nochinals die Wohnungen durchsuchen; die Juden Hessen sich jedoch diese Schikanen nicht gefallen, worauf die betrunkenen Feuerwehrleute mit den Rufen: ״Schlaget die Juden, sie wollen uns Feuer legen!" mit Aexten die Jiidenhäuser attackierten und grossen Schaden anrichteten. Die erschrockcncn Juden telegraphierten um militärische Assistenz. Einige Feuerwehrleute wurden wegen öffentlicher Gewalttätigkeit angeklagt. Interpallation gegen die russische Anleihe Die Abgeordneten Dr. Ellenbogen (Soz.-Dem.) und Oe flössen richteten in der Dienstag-Sitzung des Abgeordnetenhauses eine Interpellation an den Finanzminister. betreffend die russische Anleihe, in der ausgeführt wird, dass in den letzten Tagen von dem grössten Teile der österreichischen Fresse zur Subskription einer russischen Staatsanleihe aufgefordert werde. Da das der österreichischen Regierung zustehende Kotierimgsrecht die Verpflichtung in sich berge, ausländische Geldnehmer auf ihre Vertrauenswürdigkeit zu prüfen, um eventuell das subskribierende österreichische Publikum, die österreichischen Staatsfinan7.cn und die österreichischc Industrie vor Schaden zu bewahren, war cs schon wegen der für den Uneingeweihten äusserst verlockenden Form, in der das Anlehen angeboten wird, augezeigt, die hinter diesem ganz ungewöhnlich günstig erscheinenden Verkaufsangchote sich verbergenden Motive zu erforschen; denn schon die scheinbar ausserordentliche Verzinsung der russisehen Anleihe musste den Verdacht des Finanzministers erwecken. In Wahrheit sind die Geheimnisse der russischen Staatsfinanzeu allen Fachleuten zu gut bekannt, als dass gerade der österreichische Finanzminister davon nichts wissen sollte, überdies ist vor kurzer Zeit von einem genauen Kenner des russischen Budgets, vom konservativen prenssischen Regicrungsrat Martin, eine graue Darstellung der vollständig zerrütteten finanziellen Verhältnisse Russlands erschienen. Die Berechnung Martins, dass Russland in den nächsten sechs Jahren 15 Milliarden neue Anleihen nufzuncluncn gezwirngcn sein werde, sei völlig berechtigt. Diese Finanz- Wirtschaft, die alle Merkmale der Verzweiflung an sich trage und zweifellos unmittelbar vor dem Bankerott stehe, sollte dem österreichischen Finanzminister zu Bedenken bezüglich der Zulassung de׳ neuen Anleihe zur Notierung an der österreichischen Börse veranlassen. Dieses Bedenken ist um so