Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 18 J ÜD]SCHy U N DSC H AU Seite 257 verurteilt wurde, deren Dauer er durel! seine Demut und t seine Reue verkürzen kann. I Nirgend wird der Name Mnimonkk-s in so hohen Ehren! gehalten wie in Yemett, wo man in dankbarer Erinnerung seines berühmten Bricies an die Verneinten gedenkt, die man hebräisch ״igeret Tcman" nennt. 8ein Yad gilt heutzutage noch bei ihnen als das einzige religiöse Gesetzbuch; sie machen daraus ihr Liebtingswerk und betrachten cs als religio« massgebend. Den Talmud ignorieren sie fast vollständig. 3! die gelehrtesten Rabbiner verstehen ihn schwerlich. Dagegen haben sic ein lebhaftes Interesse für die kabbalistischen Schriften. Ihre Sitten sind w׳ic diejenigen der Araber, unter w'clchen sie leben, patriarchalisch geblieben; die Vielweiberei ist z. B bei ihnen die Regel. Es darf ein Mann so viele Frauen heiraten, wie er nur will. d. 11. wie cs ihm seine Mittel erbesseren Familie angehört und sich durch ihre physischen Eigenschaften auszeielmet. Die Lage der Fratt ist übrigens keine beneidenswerte. Der Mann kann sic zu jeder Zeit und ohne ihre Zustimmung verstossen. Im Haushalt werden ihr die schwersten Arbeiten auferlegt. Nicht nur dass sie das Korn mahlt und das Brot bückt, sic muss noch für den Iferd eitlen besonderen Brennjitofi bereiten, der aus dein verdorrten Kot der Tiere bereitet wird. Dass die Frau endlich keinen Unterricht erhöh, *braucht nicht einmal hervorgehoben zu werden. Dip Männer scheinen der Arbeit nicht zu widerstreben. ,Sie üben alle Handwerke, die meisten von ihnen sind aber Maurer. F.s wurde nur versichert, dass die Stadt Aden beinahe nur von Juden gebaut wurde, feit konnte selbst zusehen, wie zahlreiche Juden diesem Handwerk oblagen. Auch sind eine ganze An za 111 als Gnldarbeiter tätig; andere fabrizieren Puh er. Als Schreiner und Schmiede leisten sic wenig ,Gutes, cs ist daher zu beiürchte», dass sie in diesen Fachern von den Muhamcdastern, die eine gewerbliche Erziehung ge- •wessen haben und sic in dieser Hinsicht bei weitem übertreifen, •yöljig zurtickgedröngt werden. Endlich hausieren viele Juden in den Dörfern; der Grosshaudel ist ihnen aber nicht zu- :gänglieli. Selbstverständlich stellen die ycmenitischcn Juden, dh?reine eigenen Schulen haben und in Landesschulen küinp Auf-;nähme finden, auf einem niedrigen kulturellen Niveau. Abgesehe« von dem religiösen Unterricht, der ihnen in den Talmud Torah und zwar von unwissenden Rabbinern erteilt wird, ist ihnen jede weitere Bildung fremd. Aus allem Vorhergehendem folgt, dass die Lage unserer Glaubensgenossen in Ycmen eine überaus schmerzliche und missliche, und darutn noch eine beklagenswertere als die ׳der Juden Persiens ist, weil sie ganz ausserhalb der Kulturweit lebend, keinerlei Verkehr mit ihr pflegen können und;folglich jede Sympathie wachznrufcn ausserstande sind. Darum eben ist cs eine dringende Aufgabe steh ihrer anzunchmen. Die Tätigkeit der Alliance erwies sich in Persien als eine segensreiche; warum sollte sie sich nicht in Ycmen geltend machen und sich ebenso crspriesslicli erweisen, umsomehr, als Ycmen dicht bei Ägypten liegt und zu jeder Zeit in Verbindung mit diesem Lande stehen kann. Wollte man jährlich ungefähr 30 000 Erattcs zu diesem Zwecke verwenden, so Hesse sich hinsichtlich der moralischen Hebung einer Bcvölkerung viel leisten, die unter den jetzigen Verhältnissen, und wenn man sic ihrem traurigen Schicksal überlässt, teilweise verschwinden w־ird. Es handelt sich hier nicht um die Gründung von kostspieligen Schulen und Werkstätten wie sie in Persien existieren; cs würde dies ungeheure Spesen zur Folge haben, die mit den zu erhoffenden Resultaten in keinerlei Verhältnissen stehen und übrigens gegen die dort cingewnir-;.eiten Sitten und Begriife verstossen würden. Ich stelle mir die Tätigkeit der Alliance in -Ycmen als eine ganz aridere vor. Nach meiner Ansicht wäre sie darauf zu beschränken, den dort bestehenden Organisationen allmählich ein neues Gepräge zu verleihen, und die Bevölkerung auf die Wahl von Handarbeiten hinzuweisen. Es ist dabei von der Eröffnung von Schulen, in denen der Unterricht programmniüssig zu erteilen wäre, keine Rede; infolge der wirtschaftlichen Lage des Landes wären solche von vornherein zwecklos. Ich bin aber der Meinung dass folgendes erzielt werden kann: den Rahbinern soll man eine Direktive geben, sie auf ihre eigentliche Rolle hinweisen und sic zu einer Umgestaltung des von ihnen erteilten Unterrichtes veranlassen. Ferner muss erstrebt werden, dass das Studium des Arabischen, wie auch der Rechenkunst im Lehrplan Zutritt finden. Endlich sind tüchtige Handwerker hcranzubildcn. denen man die Mittel 7.u ihrer Ausbildung, also zu einen! sicheren Broterwerb, verschaffen w ird. l Rundschau ר £%fJT Die ״Ausweisungsschmach“ Über die Ausweisungen von russischen Juden aus Berlin bringen d«e Oppositionellen Blätter, besonders aber der VORWÄRTS, täglich neue Berichte. Neulich wurden wiederum über 21.1) ..Küssen*־, darunter Leute, die seit längerer Zeit in Berlin wohnen, ausgew iesen. Die Polizei gewährte den Ausgewiesenen bloss eine dreitägige Frist und verweigerte ihnen sogar die Bescltw erdefrist. Die ,.bürgerliehe n‘* Blätter sch w eigen darüber. Nun lässt sich auch ״O f i i /. i ö s e s“ vernehmen. In der KOELNISCHEN ZEITUNG wurde in voriger Woche ein offenbar inspirierter Artikel unter der Spitzmarke: ..Die A u s w c fs u n g s - schmach*־ veröffentlicht. Es heisst dort: ..Unter dieser Ucbcrschrift bringt seit einigen Tagen dei י VORWÄRTS bewegliche Klagen über die Ausweisungen, die vom Polizeipräsidium gegen Russen, vorwiegend jüdischen Glaubens, verfügt werden. Ganz besonders empört ist er über eine Notiz des BERLINER TAGEBLATTS, das zu dieser Angelegenheit erfahren hat. dass die meisten der Ausweisungen im Einvernehmen mit dem jüdischen Unterstiitzungsausschusse eriolgcn. und cf spricht daraufitin von einem Boykott ,deutscher Waren in Russland. Audi in diesem Falle ist der ״VORWÄRTS wieder einmal über die wirklichen Verhältnisse recht schlecht unterrichtet. Infolge der Ereignisse in Russland hat eine Einwanderung von ungefähr 5000 Russen, zumeist Juden, nach Berlin stattgefunden. die hier zum grossen Teil ganz mittellos angekommen sind. Man mag in sozialdemokratischen Kreisen darüber anderer Ansicht sein, aber die grosse Mehrheit der Deutschen würde einen solchen Bevölkerungszuwachs tagspclzmiitzc (Streiincl) gerade zwischen die Homer des in diesem Gässchen häufig flanierenden Gemeinde- Ziegenbocks fiel, der vermöge der ihm angeborenen Dummheit über diese ungewöhnliche Kopfbedeckung in Verwirrung geriet und aus allen Kräften die Flucht ergriff. Nur den vereinten Bemühungen und Anst*cngütigen der gesamten Bevölkerung des Gässchens gelang cs, den Ziegenbock auf einer entlegenen Strasse cinzuholen und zu ergreifen. Als man ihm aber den Kopfputz abnähm, blökte er verzweifelt, stampfte mit den Beinen und stiess seine Angreifer mit den Hörnern rach -allen Windrichtungen braun und blau. Mancher trug sogar eine Wunde davon. Es war, als ob der Ziegenbock seine eigene Haut zu verteidigen hätte. Es fanden -sich Leute, welche diesem Ereignis noch eine besondere Bedeutung bcittiasscn. Sic behaupteten nämlich in diesem Ziegenbock stecke die ungeläutcrtc Seele eines ־Sünders, welche unter der Obhut der Pelzmütze — dieser obligaten Kopfbedeckung aller frommen Juden, die unter ihr am Samstag hundert Segensspriichc dem Herrn zu Ehren verrichten -־ Ruhe und Rast vor den höllische» Qualen suchte.- - Wie dem min auch «;ein mag, diese ausserordentliche Begebenheit steht ganz vereinzelt da in den Analen unseres Gässchens und sie verfehlte daher auch nicht, den tiefsten Eindruck auf seine Bewohner zu ,machen• sodass letztere, namentlich das schöne Geschlecht, begannen, von ihr aus die Lokalgeschickte zu datieren. Nicht selten hörte man später Gespräche wie das folgende: — Wie alt Ist Ihr Enkel? fragte jemand eine Grossmutter. — Dass will ich Ihnen gleich berechnen, lautete die Antwort. Mein Chazkel ist ein Jahr vor dem Bock (d. h. der Bockgesichichte) geboren. Wieviel Jahre ilnd seit der Bockgeschichte vergangen? — Fast sechs Jahre. — Also steht mein Chazkel in seinem siebenten. (Fortsetzung folgt.)