Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 256 J Ü D IS C HE RU N DS C11 AU No. 18 aber die Zionisten prinzipiell keinen Getauften wollten, so; einigte man sich aut Tschepkin. Wir stellten zucr:»t die Be-! dingung, dass wir als Deputierten einen Juden haben wollen.! Die Konstitutionellen Demokraten hatten ursprünglich mul : prinzipiell nichts dagegen und baten unsern Kandidaten zu nortnicrett; wir!nannten Rechtsanwalt Alorgtilis und Achad Haani. Morgulis lehnte cs aber wegen Altersschwäche ab und gegen Achad Haani war ein grosser Teil der jüdischen Bevölkerung (die Assimilierten), weil sie ihm seine Petersburger und Odcssacr Reden, wo er die Juden ״Knechte der Revolution“ nannte und überall betonte, dass diejenigen, welche die Kastanien aus dem Feuer für andere holen, keine Helden, sondern Sklaven sind. Er ging sogar so weit, sie Ma-jofis-Revolutionäre zu!!cnneii (..Euere Väter tanzten ן Ma-Jofis vor dem polnischen Pan, weil er damals der Starke [ ־war und Ihr tanzt Ma־jofis vor der gesellschaftlichen Mcinung"). Ausserdem wurde gegen ihn ein Komitee der K. D. intrigiiiert von Juden (speziell Gerschou ben Gcrschon), die selbst Hoffnungen hatten. Auch Sapir lehnte cs ab. Es blieb uns also nichts übrig, als im Block zu gehen und uns auf Tschcpkin zu einigen. Das Resultat ist folgendes: 79 unsere, darunter 31 Juden (fast ausschliesslich Zionisten) und 1 Rechter. Die Wahl Tschcpkins ist also mit 79 gegen 1 Stimme gesichert. In Witcbsk wurde unser Bruck gewählt. In Kowuo Bramson. In Wilna sind sämtliche SO Wahlmämicr aus der jüdisch-nationalen Partei. Der Wilnaer Kandidat ist Sch mar ja 11 Lewln, der sämtliche SO Stimmen bekommen wird. Die Wahl Winawers in Petersburg ist sicher. (K. D. wählen ihn). Ausserdem sind noch 3 mir unbekannte Juden gewählt. Was Kischincw sagen wird, ist noch unbestimmt. Es sind ausserdem sehr viele Autonomsten aus der Partei der K. D. durchgekomnien. In Ekaterinosiaw gingen die Juden allein und fielen durch. In Nikolajew wurden sie von ihren Vei bündeten verraten. In Elisawetgrad kamen Tcmkin, Stein, Elidsclicw und 6 Christen als Wahlmanner durch; der Kandidat für diesen Wahlkreis ist noch nicht normiert. In Odessa vereinigten Sapir, Lilienblum, Lewinskj־, Dr. Dorl• mann und andere Zionisten SO^ aller Stimmen auf sich. Allerdings waren die letzteren in einem Vororte, wo 60 % Juden wohnen, aufgestcllt. Sapir dagegen kandidierte im Zentrum der Stadt und bekam 3500 Stimmen, während alle anderen vereinigten Parteien 500 Stimmen zusammen bekamen. Heute versammeln sich die jüdischen Wahlmänner, um nochmals für sich zu beraten, ob doch die Wahl eines Juden möglich wäre (event. Dr. Bardach oder Ing.Weinstein). Mit einem Worte, wir können uns zur Wahl Winawers, Lewins, Brucks und Bramsons sicher gratulieren. Wir können ganz sicher sein, dass die Judenfrage nicht mehr totgcschwlcgen werden kann, dass das russische Volk von den wahren Judenleideii erst jetzt einen richtigen Begriff bekommen wird. Winawer ist die Seele des ״Woskhod", der ihm bis heute 60 000 Rubel kostet. Er war die Seel־.• der Verteidigung im Kischincwcr und Hoinmeler Prozess und ist heute Präsident des jüdischen Verbandes zur Erreichung der Gleichberechtigung der Juden. Einer unserer Besten. Juden in Yemen (Schluss.) Die jemenitischen Juden lassen sich ebensowenig wie Juden anderer Länder auf einen einzigen Typus zurückiühren. Die, die sich auf dem Lande angcsicdclt habet: und Ackerbau treiben — ihre Zahl ist übrigens eine sehr geringe sind kräftig und energisch; sic sehen ferner offen und entschlossen aus. Die Einwohner der Städte sind dagegen klein und schwächlich, misstrauisch und furchtsam. Hinsichtlich der Unwissenheit stehen sic sich aber einander gleich. Als ich ihr ffommes Wesen zu beobachten Gelegenheit hatte, dachte ich. sie seien wenigstens mit der hebräischen Sprache resp. Literatur vertraut. Daher war ich nicht wenig überrascht, als ich gewahr wurde, dass ihre Kenntnisse nicht über das mechanische Lesen der Bibel liiiiaiisgingen. Es war keiner von ihnen imstande nur einen einzigen hebräischen Buer,staben zu schreiben Dasselbe dürfte übrigens von den Jude:: in Aden gelten, die, obgleich .sie sich, unter englischer Herrschaft, einer vollständigen Freiheit erfreuen, noch jeder Schule entbehren; es hat nicht den Anschein, als ob sie sich nach'der Kultur sehnen Sohren. Von der arabischen Sprache haben sie auch nicht die ge* ringsic Kenntnis. Aus dieser Lücke in ihrer Bildung erfolgte, dass sic von der übrigen Bevölkerung abgesondert leben mussten; aus ihrer ungenügenden hebräischen Bildung ergab sich ferner, dass sie das Leben nur vom materiellen Stand- Punkt zu betrachten pflegen. Ihr ganzes Wesen, ihre Aut• lassuug des Lebens legen davon Zeugnis ab. dass sie jedem den .Ytenseiieu hebenden Ideal fremd sind. Die Verfolgungen und die Ausnahmegcsetzgebungen lähmen den Willen und erniedrigen den Charakter; das Elend und die täglichen Besorg nissc tragen auch nicht wenig dazu bei, den Menschen vollständig nicctcrzubeugcn. Den jemenitischen Juden erkennt man leicht an seinem Bart, an seinem blassen und mageren Gesicht, an seiner einfachen Tracht, die aus einer langen herabhängenden schv. arz.cn Jacke besteht, an seinem Talct, den־ er nie verbisst und den er als Halsband trägt. Eigentümlich ist, dass er ihn überall im alltäglichen Lehen herumtrfigt. Im allgemeinen geht er barfuss. was der mosaischen Religion geradezu entgegenspricht und nur in Trauerfällcn statthaft ist. Auf welche Ursache diese Sitte der Yemcniten. die doch die religiösen Vorschriften streng halten, zurückzuführcn ist, war mir nicht möglich festzustellen. Vielleicht dürfte sic damit zu erklären sein, dass der Jude in Yemen mehr denn irgendwo sonst von dem Gefühl seiner Sonderstellung und seiner Unsicherheit durchdrungc!! ist. Ihm schwebt immer der Gedanke vor, dass er infolge seiner Uniröimmgkcit •zu einer Art Gefangenschaft Thesen lind Antithesen der Ehe- und Scheidungsgesetze hervorgehe? In diesen eigentümlichen Traktaten finden wir doch wenigstens eine Kasuistik, eine Art geistiger Seiltänzerci, — im Homer dageegn nur Mythen und Sagen, — bei Cicero nichts als Worte, Worte und abertnals Worte! Doch nun zur Sache! II. Mein Cheder befand sich in einem engen Gäss'hen, welches sehr günstig, nämlich am Markt, gelegen war. Am andern Ende des Gässchens war eine Pfütze, die sogar im schwülsten Sommer nicht austrocknete. Die hölzernen Häuschen waren symmetrisch ancinandergebaut, so dass man von einem Hause aus nicht nur das bequem beobachten konnte, was im gegenüberliegenden geschah, sondern auch das, was in dessen Nachbarhäusern vorging. Diese eigenartige Bequemlichkeit ersparte den Bewohnern des Gässchens alles mühselige Spionieren, Auflauern, Horchen und Klatschen, da das Tun eines jeden allen Nachbarn bekannt war. Es konnte also gar eine Veranlassung zu Klatschereien geben. Ausserdem hatte diese Einrichtung noch den Vorteil, dass sie dem weiblichen Teil der Bevölkerung ermöglichte, sich rasch und bequem gegenseitig in der Wirt- Schaft behilflich zu sein. Wollte 7. B. eine Frau Fische reinigen oder Pfeffer stossen oder sogar das Häuschen ausfegen, und sie hatte nicht gleich die erforderlichen Geräte zur Hand, so hatte sie nur nötig, aus voller Kehle: ״Bassie, Chasie, Sosie, könnten Sie mir für einen Augenblick ein Messer, einen Stössel, einen Besen leihen?“ zu schreien und — sofort flog ein Messer, Stössel eder Besen über die Strasse herüber und in das Haus hinein, aus dem die Forderung erscholl. Nur zuweilen kam es vor, dass die durch die Luft beförderten Objekte mit einem Passanten der Gasse kolidierten, da diese Jongleurstückchcu infolge beständiger Uebung mit einer gewissen Kunstfertigkeit und Zielsicherheit ausgeiührt wurden. Nur au! ein einziges Mal kann ich mich besinnen, als die aus einem Fenster geschleuderte Fest-