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Jüdische Rundschau · 1906-05-04 · Heft 18 (4.5.1906) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 18 (4.5.1906)
Date
1906-05-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 18 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 25S herrn und’ seinem Gencralstabe vorbei marschiert, erhobenen Hauptes: denn er tat seine Pflicht. Auch an diesen Tagen sitzt der Jude noch von Dornen ׳umrankt und von Ottern umziingelt, aber er sieht in der Feme die Friihlingssonnc atifgehcn ,über den leuchtenden Höhen eines befreiten Jerusalem. Heinrich Sachse. Weil sie nicht Christen sind! Vom Deutschen Bureau der ״Alliance*' wird uns geschrieben: ״Am Dienstag, dem 1. Mai, vormittags, hatten Vertreter der Berliner Jüdischen Gemeinde, der Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Israölite Universelle und des Hilis- Vereins der Deutschen Juden eine Besprechung bei dem Minister des Innern. Gegenstand der Besprechung war die Handhabung der von der Staatsrcgierung angeordneten Aus- Weisung der russischen Zuziiglinge. Der Minister des Innern erklärte, dass er bei der Ausführung der von ihm als notwendig erkannter. Massrcgel jede humane Rücksicht walten lassen wolle, dass cs sich bei den Ausweisungen insgesamt um etwa 5500 Personen jüdischen Glaubens handle, die sich seit dem Jahre 1934 in Berlin neu angesammelt hätten. Von unmittelbarer Ausweisung sollten nur mittel- und ausweislose, sowie politisch verdächtige Personen betroffen werden. Die Zahl der zu dieser Kategorie gehörigen Personen betrage , etwa 700. Bezüglich der andern Personen sollte jetzt keine 1 Ausweisung verfügt, sondern es sollte den Betreffenden von I der Behörde mitgeteilt werden, dass sic auf die Erlaubnis dauernder Niederlassung liier nicht rechnen dürften und sich deshalb vorbereiter. müssten, das Staatsgebiet wieder zu verlassen. Diesen Personen werde eine bestimmte Frist nicht gestellt. Wegen der russischbürtigen Personen, die vor dem Jahre 190*1 hierher gekommen seien, solle es bei der bisj hörigen Praxis verbleiben, sofern sie sich nicht lästig machen. Den vereinigten jüdischen Hilfsorganisationen sollen von Polizei wegen die Namen der Personen genannt werden, denen das Verlassen des Staatsgebietes ohne Ausweisung empfohlen werde, damit die Hilfsorganisationen, ihrem Zweck entsprechend, Unterstützungen mit Rat und Tat gewähren und dazu beitragen könnten, dass die Abwanderung sich ohne Schwierigkeiten und tunlichst ohiie Härte im einzelnen Falle vollziehe. Der Herr Minister behielt sich vor, über den ihm ferner vorgctrager.cn Wunsch zu entscheiden, ob und wie weit etwa die sei: dem Jahre 1904 hier zugezogenen russisehen Arbeiter, die liier ausreichenden Unterhalt gefunden und sich einwandfrei geführt hätten, unter die Kategorie der hier zu belassenden fremdbürtigen Personen j ufzunelimer! wären. Gegenüber der Anregung, es möchten die russischjüdischen Arbeiter hier belassen werden, deren Verbleiben im Interesse mancher einheimischen, und an Arbcitcrmangel leidenden Industrien liege, erklärte der Minister, dass es bei den allgemeinen Bestimmungen über die Zulassung fremdbürtiger Arbeiter sein Bewenden behalten müsse. Der Minister sagte ferner bereitwilligst zu, dass etwaige Irrlümcr, die bei der Handhabung der ministeriellen Vorschriften in einem Berliner Vorort vorgekommen sein möchten, Korrektur finden sollen. Die Vertreter der Hilfsorganisationen, die prinzipiell die Rücknahme des ganzen Vorgebens dringend erbeten hatten, sprachen die Hoffnung aus, dass die Handhabung der ministericllcn Vorschriften gemäss den Intentionen des Herrn Ministers vom Geiste des Wohlwollens getragen sein möchten.“ Wie unendlich beschimpfend filr die deutschen Juden Ist dieses Vorgehen des Herrn Ministers! Man schafft durch dieses Vorgehen tausende von Aposteln, die in alle Welt hinausgejagt werden, um den Hass und die Verachtung des Deutschen Volkes zu predigen. Der Minister des Innern arbeitet sehr gegen den Minister des Acusseren, auch wenn cs nur Juden und noch dazu meist arme Juden sind, die der Federstrich des Herrn Ministers zum langsamen Tode verurteilt. \Yie wir erfahren, ist in vielen rubsischcn Jadenstädten beschlossen, deutsche Bahnen und Schüfe unter keinen Umständen zu benutzen. Russischjüdische Fabrikanten wollen ihr deutsches Arbeiterpcrsonal baldigst durch polnisches. Httauischcs und jüdisches ersetzen. Von den russischen Wahlen Von einem Freunde unseres Blattes erhalten wir folgende zuverlässigen Nachrichten über die Wahlen in Russland: In Odessa konnten die Juden nicht allein gehen, weil die rechten Parteien einen Block schufen. Wie schlossen daher einen Block mit den konstitutionellen Demokraten und einigten uns auf 34 jüdische von 80 Wahimänncrn. Als Kandidaten galten: Prof. Tschepkin, der während des Pogroms Tag und Nacht herumfuhr, die Sclbstwehr aufmuntertc und sic mit Patronen versorgte. Er verwandelte die Universität in eine Zentralstelle der Selbstwehr und organisierte nach dem Pogrom die weitgellendste Hilfeleistung. Sein Programm lautet: Autonomie für Juden, Polen ctc. Als zweiter Kandidat galt: Rechtsmvalt Pergament, der sich in seiner frühesten Jugend taufen liess, aber immer behauptet, er sei ein Jude. Er war in allfcn Pogrom- Prozessen und zeichnete sich besonders in Hommel aus. Da in einen säuern Apfel beissen. Meine Stirn furchte sich bisweilen in unmutigen FaUen, ich räusperte mich, spuckte umher und ärgerte mich über meinen Melamed, weil er mir keine mundenderen geistigen Genüsse vorsetzen wollte. Es schien mir, als verfolge er mit die Absicht, mich zu ärgern. Erst später gewann ich die Ueberzeugung, dass dieser Verdacht unbegründet war; der Lehrer war keineswegs in der Lage, frei über die geistige Fütterung seiner Zöglinge zu verfügen, er war vielmehr nichts als der Sklave einer hergebrachten Crdnung, die er weder erfand noch cinfiihrte, ja, die er vielleicht sogar von ganzem Herzen verwünschte. Weshalb also sollte man gerade ihm die Schuld in die Schuhe schieben? Wann und wo in aller Welt würde nicht die liebe Schuljugend mit jenen idiotischen Kombinationen, die man gewöhnlich mit Programme bezeichnet, drangsaliert? So hatte denn auch das Chedcr trotz seiner anscheinend vollkommenen Lehrfreiheit sein zwar eigentümli<;hes aber obligatorisches Programm; wer es erfandv wissen die Götter allein, sicher ist dagegen, dass es mit solcher despotischer Gewalt durchgeführt wurde, wie cs höchstens einer Staatsschule zukoinmt. Jedenfalls lässt sich die Existenz eines solchen Programms Im Chedcr nicht leugnen und was einmal obligatorisch ist, dagegen ist nichts zu machen und so blieb dem armen Melamed nichts andres übrig, als getreu dem Programm die seiner Obhut anvertrauten Zöglinge in die Geheimnisse der ״Kcduscliin“ und ״Gitin“ (Heirats- und Ehcscheidungssatzungen) einzuweihen, was er ״uch gewissenhaft tmd nach Kräften zu erreichen suchte. Wenn man übrigens die Sachlage bei Licht besieht, so darf man ob dieses Programms weder erstaunen, noch sich empören. Erst in neuerer Zeit haben doch gei.Trte Männer endlich die grosse Wahrheit entdeckt, dass unsre Jugend ohne Studium des Homer und Cicero rettungslos verloren sei. Kann man sich dann wundern, wenn die altiüdischen Weisen davon überzeugt waren, dass das wahre Heil nur aus dem eifrigen Erlernen der

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