Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2A\ JÜDISCHE RU^NDSCHA_U No. 17 tvrer. in angstvoller Sorge um unscc unglücklichen Brüder, rufen wir die Mächte an. »ich. wie sie es wiederholt bei anderen Anlässen getan haben, im Namen der Zivilisation, d.s Rechtes und der Gesittung zu gemeinsamer Aktion zu •erciriRcn und die russische Regierung mit ullcui Nachdrucke an ihre Pflicht Zu mahnen, dem wahnwitzigen Treiben, welches die schreckliebsten Vorgänge niittclV.terlichcr Barbarei »n den Schatten stellt. Einhalt zu gebieten." Die Resolution ward einstimmig angenommen und zum Zeichen der Trauer die Versammln!!־.: geschlossen. B.e Anklagen gegen die europäische Diplomatie wesen ihrer Passivität gegenüber de׳! russischen Greueltaten erscheineu aber deplaziert, wenn die Finaiizmäimer nicht auigebort haben, das russische Blu!regi1ne mit finanziellen Mitteln aktiv zu fordern. _ 111 der Londoner Konferenz vom H. November 191ר.י unter dem Vorsitz Lord Rothschilds erklärten die anwesenden hervorragendcii englischen Fiiiaiiz.inänncr. dass iiir längere Zeit an die Unterbringung einer russische.! Anleihe nicht zu denken sei. Auch die anwesenden Vertreter aus Russland, Frankreich und Deutschland stimmten darin überci.i. dass auf die russische Regierung ein Druck unbedingt dadurch ausgeiibt werden werden müsse, dass, soweit jüdisches Kapital in Betracht kommt. Ihr eine Anleihe in Zukunit unmöglich gemacht wird. Dieses Prinzip wurde unter stürmischem Beifall zum Be- Schluss erheben. Aber es gibt reiche österreichische .luden, denen der Piennie. au denen das Blut ihrer gemordeten Brüder klebt, lieber ist. als die Ehre. Demi was wissen denn die von Fine ausser j jener greifbaren. die mau ins Knopfloch steckt? Sie sind eben z!׳ selir von dem idealen Ariertum ..assimiliert'■! Und der Wiener (i e m e i 11 de v o r s t a n d? •-־•-— ״Ich Klaube auch garnicht. dass es zu einem Konflikt kommt. Sehen Sic. die Bauern werden durch die Lösung der!.and trage beruhigt, und wie s׳c gegen die Autonomie sein werden, so werden sie zun! Beispiel auch gegen die Bef! e i u n g der J u d e u stimmen!“ ..Die Judenirage kann doch mir von der Regierung aus gelöst werden: die Regienmg scheint mir die Aufgabe zu haben, die Judeiigeset/.e selbst gegen den Will.11 der grossen Masse auizuheben." ..N ein. diese A n! g a b e hat d i e R e gier u 11 g 11 i c 11 t. Ich persönlich st e h e d cji Juden s e h r sympathisch gegenüber und wünsch׳.•, sie völlig frei zu sehen, aber die J 11 ü 111 ־ sind s e i b s t schuld, w eim sie jetzt nicht befreit werden. S.i e ,stehen überall in der Revolution a n erster Stell c." ..Aber, Herr Graf. das ist doch ganz, natürlich!" ״Gewiss. theoretisch, es wäre ja auch ganz hübsch, auf dem Monde zu wohnen, aber die R e g i e r u n g d a r f jetzt nichts in der J 11 d c 11 i r a g t gegen den Wille n des Volkes tun. Die Massen würden sagen, die Juden sind frei geworden, weil sie Minister mul (imiverneure gemordet haben. Wenn wir Russen also etwas erreichen wollen, müssen wir auch Revolution machen und ״Minister morden.'' ..Da die Regienmg aber im stände ist. jedem Aufstande j zu begegnen, ist es doch gleicligiltig. ob er aus nationalen, sozialen oder wirtschaftlichen Gründen entstand׳:. Die Haupt- Sache wäre doch erreicht durch die Beseitigung der Ursache iiir die revolutionäre Stimmung unter den Juden!" ..Ja. die Ursachen .... (legen den Willen des Volkes kann und wird die Regierung nichts iiir die Juden unternehmen. Dieser Ansicht ist auch Se. Majestät der Zar." Der erste Protest Wien. Der Vorstand der Österreichischen Israelitischen Union beschloss eine Resolution, worin er erklärt, cs sei ein 7. will gen des Gebot der Fl! re. dass die Judeiischaft die Solidarität mit lenen jüdischen l'ina izniäimeru öffentlich ableime, welche unter Zurückstellung der ethischen Pflicht hinter das Geschäft die Beteiligung Österreichs an der russischen Auleihe vermittelt habe. Die Österreichische Israelitische Union erwartet vom V o r s t a n d d e r Wiener Israelitische 11 K u 11 u s g c in e i 11 d e. dass er gleichfalls durch eine klar«״ Manifestation die Solidaritäät mit diesem die Ehre der osterrcichischen Judeiischaft schwer schädigenden Vorgehen öt'ientlieh ablclmeu w ird. Die Israelitische Union ist ein Verein gegen den Antisemitismus um starker jüd'schnationaler Färbung; sie besteht ans Ärzten. Advokaten Kaufleu.en ur.J Industriellen. Wahlen in Polen X Warschau. Unter dem Eindrücke des glänzenden Sieges der ״Kadetten" in Russland haben die hiesigen fortschrittlichen Parteien, die bisher die Dumawahlen boykottiert hatten, beschlossen, nunmehr an ihnen teilznnehmen. Die Agitation dafür ist iim vollen (lange. Hauptsächlich die Juden suchen sich massenhaft au den Wahlen zu beteilige;! und organisieren sich musterhait mit der Disziplin, die sie har bisher auf politischem Gebiete gezeigt haben. Die Natiorial-Dcmokratcn. die bisher unbeschränkte Herren der l^tge waren, sind in der Provinz, z. B. in Lublin, bereits aus dem. Fe'Je geschlagen worden, iühlen sich sehr unbehaglich und schlagen Lärm. Der Ton ihrer Oriritnc verrät eine heillose Angst. Der KURJFR W'ARSZAWSKJ. der allerdings keinen Einfluss mehr hat, ist plötzlich judenfcindlieh geworden und fordert zun» Kampfe gegen die jüdischen Umtriebe auf. — Alle hiesigen Niederlagen der Seheiblerschcu Fabriken in Lodz sind geschlossen und werden militärisch bewacht. Gestern abend erfolgte in der Küche einer Wohnung im dritten Stock an der Ecke der Wronia- und der Luckastrasse eine sehr starke Explosion. Die Ursache konnte nicht ermittelt werden. Militär und Polizei!!:•setzte sofort die Strasse und suchte die sich ansammclndeu Neugierigen zuriickzudrüngen. Das Publikum leistete anfänglich Widerstand, begann aber dann bald sich zu zerstreuen. Einen Augenblick später ertönten ־zwei Schüsse und ein Mann fiel tot mit zerschmettertem Schädel zu Boden. Kaum war dies geschehen, als sich von de mcntgegengesetzten Ende der Strasse ein zweiter Schuss hören liess und auch dort fiel ein zweiter Mann tot nieder. In den Taschen der Getöteten fand man Legitimationskarten, die sie als A'geu'ten der Geheimpolizei kennzeichneten. In Lodz siegten bei den Wahlen die polnisch-deutschen KompromisskamUdateu über die jüdischen. Witte und die Juden In einem Interview hielt Graf W itte es wieder einmal für geboten, den Juden Mora! :׳u lesen: 1 Juden in Finland Helsingfors. Es ist im Ausland zu wenig bekannt, dass die Jud_.11 in Einkmd noch heute völlig rechtlos sind. Im Jahre I75J, somit zu der Zeit, wo Finland noch eine scliwedische Provinz war. wurde infolge einer Resolution des schwcdisclieii Reichstags vom Jahre 1779 den Juden gestattet, in den drei Städten Stockholm. Gothenburg und Norrköping zu wohnen, und die Betreffenden wurden dann mit einem ״Schlitzbriet" versehen. Auch nachdem Finland •ich als autonomes Grossfiirstentum dem Russischen Reich angcschlossen hatte, dauerte es viele Jahrzehnte, bis die Juden Aufenthaltsrecht erhielten. Frst im Jahre 155b wurde früheren russischen Soldateii und Matrosen jüdischer Herkunft, sowie ihren Hinterbliebcne״ gestattet, in Finland zu wohnen, wenn sie sich von den russischen Behörden die erforderlichen ״Freibriefe“ verschaffen konnten. So bildeten sieb allmählich jüdische Kolonicu in Helsingfors, Abo und W iborg. Die Lage dieser Juden war aber und ist noch beute eine für das kulturell s״ hochstehende Finland beschämende. Sie waren gezwungen, sieh jedes halbe Jahr bei dem betreffenden Gouverneur einen Auiemhaltsschein der Gnade des Gouverneurs ab ob der Schein erneuert Werden sollte oder nicht: auch wurde den Gouverneuren dann und warn! vom Senat empfohlen, keinen zu spärlichen Gebrauch von dem ihnen zustelienden Recht der A u s w־ e i s u n g yoii Juden zu machen. Ferner w urde jüdischen Kindern nicht gestattet, finisclie Schulen zu besuchen, und der einem jüdischen Familienvater ausgefertigte־ Auienthaltsschein hatte für die Kinder keine Giltigkeit, wenn sie das väterliche Haus y*. r licsscu. Der bekannte Senator Leo Mechelin. der unmittelbar auch der glücklich durchgeführten Oktoberrevolution vorigen Jahres aus der Verbannung zurückkehrte und an die Spitze der lieimischei: Regierung trat, w iU jetzt die Gleichstellung der Juden mit der übrigen Bevülkcrimg des Landes befürworten. ״Vor Tische las man anders“ Poitawa. Die RUTSCH zitiert aus der POl.TAW SK-DFLO U.11 Brie! eines vom Kriegsschauplatz zimickgekehrten Soldaten. des Gefreiten Ssorochowitsch, der bei General KondrutcnkO'in'Port-Arthur als Ordonnanz fungiert hat. Der Soldat tritt iiir seine jüdischen Kriegskameraden ein und itihrt eine Reihe von Belegen dafür an. wie tapfer sie sich in Port- Arthur gehalten, wie sie an dem Giessen der Geschosse teilgenommen, in den Laboratorien, am Telephon gearbeitet hätten. ״Wer hat." iragt der Soldat, ..mit den anderen Ausfälle gemacht? Welcher Konfession waren die Kanoniere aut der Solataja Oora. auf der Tiger-Halbinsel, in den Batterien der Land- und Marinetruppeu? Mau behauptet, die Juden hätten sich .dun I heust entzogen. Schade, dass unser u:1vergessliclier, teurer Chef, unser Vater, der General Kondratcnko. nicht mehr am Lehen ist. Hätte er gehurt, wie man die Juden schmäht und verleumdet, er hätte die Wahrheit gesagt. Sagt, wer wird unter den Helden Port-Arthurs genannt?