Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 17 ׳ v JÜDISCHE RUN DSC HAU Seite 237 Kauimannschait, sowie unter den Grundstücksspekulanten bcfänden, die Leuten anuehören, deren Almen schon am Berge Sinai den Tanz utn das goldene Kalb mitgemacht hätten. Eine sich gegen das Ältestenkollcgiutn richtende Resolution wurde einstimmig von der Versammlung angenommen. Dass hierüber in diesem Blatte so ausführlich gesprochen wird, hat ei besondere Gründe. Einmal dringt die Erkenntnis von der Gefährlichkeit der Bodenspekulation in immer weitere Kfeise des deutschen Volkes, das in den Terraingcsellschafteu und grossen und kleinen Grund- Mücksspekulanten seine wirtschaftlichen Hauptfeinde siclü, Die gesamten deutschen Studenten- und Bcaintenvcrcinc, grosse nach Huuderttauscnden von Mitgliedern zählende Haudlungsgehilfen- und Arbeiterorganisationen haben sich bereits auf diesen Standpunkt gestellt. Hierdurch kann aber dem Antisemitismus ein für die deutschen .luden sehr gefährliches Werbemittel entstehen, denn es würde ihm sehr leicht sein.; in dieser Bcwegung die Eiihrerschaft zu übernehmen und ihr hauptsächlich eme antisemitische Tendenz zu geben. Wie dieser Gefahr begegnen? Hier!;online ich zu dem zweiten d]runde, aus dem ich über die genannte Versammlung gesprochen habe. Tatsächlich hat die grosse Masse des jüdischen Volkes, die den eiwerbstatigen Kreisen des Handels, der Industrie und des Handwerkes augehört, ja selbst das lebhafteste Interesse an der Durchführung energischer Massnahmen gegen die Boden Spekulation, die bei dem Monopolcharakter des Grund und Bodens durch fortwährendes Steigen der Wohnungs- und Gescluiftsmieten gerade die Lebenshaltung der mittleren und unteren Kreise auf ein immer niedrigeres Niveau hcrabdriiekt und somit durch die sinkende Konsumkraft der Massen Handel lind Gewerbe au! das schwerste schädigt. Es ist nun unbedingte Pflicht jener Organisationen, die als Vertreterinnen des Judentums gelten wollen, frühzeitig zu dieser!־rage Stellung zu nehme», um die sicher auitauchenden Versuche der Identifizierung des Judentums mit der Bodenspekulation schon im Keime zu ersticken. Dazu ist daun notwendig ein energisches Eintreten für die moderne Bodcureformbcwegung. die die weisen Bestimmungen der alten mosaischen Landgcsctzgcbung. in ein modernes Gewand gekleidet, in der Gegenwart in einer Weise Geltung verschaffen will, die den Vorzug hat, dass ihre Durchführbarkeit in Theorie und Praxis als unbedingt erwiesen gelten kann. Der Bund der deutschen Bodeurciormer (Vorsitzender Adolf Damaschke), der auf ganz neutralem Stand- Punkt stellt, und jede politische und religiöse Meinungsäusserung unter seinen Mitgliedern ausschliesst. der auch der Vater der vorhin genannten SteuervorschlögeNst, eignet sich zur Unter- Stützung gerade jüdischer Kreise umsomehr, als er bereits in seinen Reihen, auch im Vorstände, jüdische Mitglieder zählt. Speziell für die deutschen Zionisten würde sich liier eine glänzende Gelegenheit zur Ausübung einer praktischen Sozial- Politik, einer wirklich vernünftigen Gcgenwartsarhcit bieten. Es würde nicht nur hierdurch einen Teil seines Programms erfüllen, sondern vor allen Dingen, noch etwas anderes Grosses tun: Eine schwer drohende Gefahr von der deutschen Judenlieit abwenden! Zeebh. Juden in Persien über ernste Unruhen,” die in Shiraz im Lauic des Monats November 1905 entstanden, berichtet ein Korrespondent an das Zentral-Komitec der Alliance Israelite Universelle folgendes: Unsere Glaubensgenossen in Schiras waren jüngsthin einer ernstlichen Gefahr ausgesetzt. Die Muselmänner, durch die Priester gehetzt, überfielen das jüdische Stadtviertel, zerstörten und plünderten das schönste Haus und einige Juwelengeschälte. Sobald er davon horte, begab sich Herr Vcncziani zum General-Gouverneur, der den jüdischen Stadtteil von Kosaken und Soldaten bewachen licss. Der englische Konsul, Herr Graham, und der lokale Gou* vemeur Saiar-cs־SuUan stellten die Ordnung wieder her. Es geschah dies am 15. November. Am folgenden Tag fing es aber wieder au. Die Menge wart mit Steinen auf die Juden. Herr Graham eilte herbei, und dank seinem tatkräftigen Auftreten, wurden die Aufwiegler ztiriickgedrüttgt. es waren aber inzwischen 3 Juden verwundet worden. Da die Lage immer noch eine bedrohliche war, wandte sich Herr Vcncziani wiederum zum Oeneral-Uouveriieur, der sofort das jüdische Stadtviertel durch Truppen sperren licss. Am anderen Morgen stürzten über 21«' Personen in das Stadtviertel. Die Kosaken und die Soldaten konnten aber diesmal der Meuterer nicht Herr werden. Die Truppenbcfehlshaber schritten, den Koran in der Hand voran und schwuren, dass sie den Befehl erhalten, falls die'Muselmänner näher rücken sollten, auf sie zu feuern. Jedoch waren letztere derart aufgeregt, dass sie immer weiter vorwärts schritten. Dann feuerten die Soldaten aut sic ab. Unglücklicherweise wurden dabei 3 Muselmänner erschossen und mehrere verwundet. Herr Gaham und Salar-es-Sultan wohnten dem Kampfe l>ei. Da die Priester gewahr wurden, dass sie gegen unsere Glaubensgenossen nichts vermochten, so wollten sie wenigstens den Muselmännern verbieten, ihnen Lebensmitte! zu verkaufen. Nach einem Tag wurde das Verbot aufgehoben. Der General-Gouverneur war so ineiisclienfreundlieh und verschaffte der jüdischen Bevölkerung Brot. Auch wurden von diesem Tage an auf den Wunsch des Herrn Graham die!־rauen und die Greise in der Schule »!Hergebracht, und die Schule wird seitdem von Kosaken und Soldaten bcwacht. Der Herr Konsul brachte selbst drei Nächte in der Schule zu. Am Sonntag, den 19. November, schloss Herr Vcncziani die Schule iiir eine Dauer von 10 Tagen. Am 30. November erliess S. E. Mucliirad-Daula dank der Vermittelung der Minister Frankreichs und Englands einen Erlass, laut dessen die jüdischen Schüler nicht belästigt und vergewaltigt werden dürfen. Seither herrscht Ruhe in der Schule. Jedoch wagen ״ist denn der Prophet Elijjahu dein Feind, oder Ist er der liebevollste väterliche Freund, der nur darauf wartet, dir freundlich entgegenzutreten? Kehre zurück bei Zeiten! Glaube nicht, dass es je besser wird! Ich aber werde diese Unglücklichen begleiten, bis der letzte Mann unscres elenden Volkes sein müdes, abgehetztes Haupt in der Grube birgt. Kehre zurück, Jüngling, kehre zurück!“ In diesem Augenblicke war ein neuer langer Zug ciiigefahren und es erscholl der Ruf: ״Einsteigen nach Hamburg!'* Ein wilder Knäuel von Menschen hatte sich auf dem Steige vor dem Zuge gebildet, der sielt dadurch auflöste, dass aUnvähUch die Leute mehr und mehr im Inneren des Zuges verschwanden. Der Bahnsteig hatte siejt entleert. Ein schriller Piifi deutete an, dass der Zug sielt in Bewegung setzte, ln diesem Augenblick bestieg der ewige Jude den Wagen. Erst •langsam, dann allmählich schneller entrollte der Zug dem Bahnhöfe. Als er endlich weit, weit dort drattssen kaum noch grösser als ein schwarzer Punkt aussah, da konnte Bcn-Jekutiel nicht mehr an sich halten. Heisse Tränen entströmten seinen schwarzen Augen, als er krampfhaft seinen Wunder ring ergriff und ihn zurück-; drehte mit den Worten: ״Zurück, zurück, nur fort aus! dieser entsetzlichen Zeit!“ I | In eitlem blühenden Garten unter dem tiefblauen | Himmel Palästinas fand sich Bcn-Jekutiel wieder. Es war sein Garten, der ihn begrüsste, und sein Palmenbannt, der ihm freudig mit dem schlanken Wipfel zunickte und sagte: .״Bist du endlich wieder da, Herr? Nicht wahr: in den Landen, wo die Sonne nicht so warm und lieblich scheint, da ragen auch keine Palmen, und da sind auch die Herzen nicht so warm, wie in unserer sonnigen Hei-! mat. —- Hast gut getan, dass du so bald wieder zurückgekommen bist.“! Und der Weinstock sagte zu ihm: ״Es war hier nicht i schön, als du uns verlassen hattest, obgleich es gar-