Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 223 No. 16 JÜDISCHE RUNDSCHAU Ferner schreibt dasselbe Blatt an anderer Stelle: Dem Anschein nach ist das Verbrechen nicht hier verübt worden, sondern in Galizien, und man neigt der Annahme zu, dass Kalizische Heujuden die in zwei Säcken untcrKcbraehten Lciclientcilc im Heu versteckt und beim KcstriKen Wochenmarkt hier unbemerkt aut die Strasse Kcworfen haben. Der Gcsiclitsbildung nach zu schlicssen ist der Ermordete ein Galizier oder Pole (Nichtjude). Inzwischen crKab die gerichtliche Obduktion völlige Haltlosigkeit dieser ״nmssigen Kombinationen‘‘. Der amtliche Berieht besagt: ״..Auch die Annahme eines Ritualmordes isk,nach dem Gutachten der obduzierenden Arzte ausgeschlossen, die Leichenteile waren keineswegs blutleer.“ ** Der heftigen Polemik, die mehrere liberale Blätter hierauf gegen die OBERSCHLES. ZEITUNG cröfineten. begegnete sie in folgenden: . .... Wir werden von ähnlichen Hillen, die sich in Schlesien abgespielt haben, eine besonders ins Auge springende Anzahl von Fällen, in denen das Volk aus Ritualmord schloss, veröffentlichen, damit die jüdischlibcralcn Blätter sehen, dass der Glaube an die Ritualmordidecn, der im Volke ist, sehr entschuldbar ist, wenigstens viel entschuldbarer als die von der GRENZZEITUNG und der anderen jiidisciiiiberalcn Presse verbreiteten Märchen über katb. Klm>t01Tebcn. katii. Lehren und Gebräuche usw. Letztere sind als Unsinn lär.gst aufgeklärt. Die Idee des Ritttalmordes ist aber niemals amgeklärt worden; es sind lediglich Vermmugiimde, kein einziger Beweisgrund, die gegen die Annahme des Ritualmordes sprechen. Das Blatt, welchem die diejährige Rituahnordlcgcnde ihr Entstehen verdankt, ist eine Gründung des deutschen 'leiles des oberschlesischen Klerus und steht unter dem Protektorate des Stadtrats Moschailik, des offiziellen Zcntrums-Kandidatcn für die Reichstagscrsatz-Wabl in Beutlicu—Tarnowitz. Die wüste antisemitische Campagne, die im Zeichen des Kierikaiismus in Oberschlesien geführt wird, beweist nicht, dass das 20. Sacculum bemüht ist, die ״Schmach des 19. Jahrhunderts' auszulöschen. Aus Russland Eine Kundgebung russischer Schriftsteller Der ״Bund der russischen Schriftsteller“ hat aus Anlass der von reaktionärer russischer Sehe mit Unterstützung der russischen Polizei in vielen Städten Süd- und Nordwest־ russlands getroffenen Vorbereitungen zu Exzessen gegen die Juden in den Petersburger Blättern R ETSCH und ST RA NA einen Aufruf an die russische Gesellschaft erlassen, in welchem gegen die sträfliche Veranstaltung von Judenhetzen auigefordert wird, alle ihr zu Gebote stehenden Mittel anzuwenden um das für die Osterfeiertage vorbereitete Judenmassaker zit verhindern und so von Russland eine neue Schmach abzuwenden. Das in Moskau unter der Redaktion des bekannten russisehen Novellisten Nikolai Kraschenitmikow erscheinende Journal NOWOJE SLOWO veröffentlicht Daten und Belege über die unter behördlicher Assistenz getroffenen Vorbereitungen zu neuen Judemnassakers, welche die Kundgebung der russischen Schriftsteller nur allzusehr begründen. Danach ist cs ein hohe» Eunktionär im russischen Ministerium des Innern. Staatsrat Lawrow, welcher die Vorbereitungen zu den Judenmassakers leitet. Er hat mit Genehmigung der russischen Zensur in der Druckerei der Stadthauptmannschaft Proklamationen bergestellt, in welcher die ״wahren Russen“ zur Ausrottung der Juden aufgefordert werden. Ebensolche Aufrufe an die Soldaten wurden in der Druckerei des Stabes des Odessacr Militärbezirkes gedruckt und in Tausenden von Exemplaren unter den Soidaten verteilt. Diese Tatsache im Vereine mit der Freisprechung der Veranstalter der Judenmassakers von Odessa und Minsk, des Generals Ncidhardt und des Gouvcrncurs Kurtow. haben unter der jüdischen Bevölkerung eine grosse Panik hervorgerufen, und die russischen Schriftsteller veranlasst, den obenerwähnten Aufruf an die russische Gesellschaft zu veröffentlichen. Im christlichen Russland Aus Minsk wird der Zeitung STRANA berichtet: Vor einigen Tagen verbreitete sich unter der christlichen Bcvölkt rung das widersinnige Gerücht, dass die Juden ein christliches Mädchen zu religiösem Zwecke ermordet haben. Die Tatsache, durch die gewisse Agitatoren das Blutmürchen unterstützen und es zum Ausgangspunkte einer neuen Judenmetzelei machen wollen, ist die. dass man nach dem städtischen Krankenhausc ein Mädchen gebracht hat. das eine Halswunde aufwics. Die Wunde hat es während eines Streites mit ihrer Familie davongetragen. . Aber die Hetzer und behördlich geschützten Agitatoren benutzen jede Gelegenheit, um einen neuen Pogrom vorzubereiten. Von den Wahlen Wie frei und ungestört die jüdischen Wähler wählen konnten, ergibt sich aus der Meldung aus Jekatcrmr.slaw über den Ausfall der Walilmännerwahlen. Es wurden insgesamt mir 15 jüdische Wahlmänner gewählt, welche Zahl in gar keinem Verbältnisse zu der der jüdischen Einwohner stellt. Die Ursache ist die Terrorisierung der Juden seitens der Christen, die mit‘ einem Pogrom drohten. Immerhin ein politisches Wahlmanöver. Vor Christen sind 5U Konservative und nur 15 Progressive gewählt worden, während die Juden und die revolutionär Gesinnten die grosse Mehrheit der Bevölkerung bilden Dieselbe Erscheinung tritt in vielen anderen Städten zutage. »Gerechtigkeit Schemjakas In Mobile w ist der Prozess wegen der Judenmassakers zum Abschluss gelangt. Sechs Angeklagte wurden zu anderthalb J a h r cn S t r a i a r b c i t und zum Verluste der Bürgerrechte und ein Angeklagter zu acht Mona ten Gefängnis verurteilt, drei Angeklagte wurden frage- Sprüchen. Die E n t s c 11 ä d i g u n g s a n s p r ii c 11 e der geplünderten Juden wurden a b g c w i c s e 11. Furcht vor üudenhetzen Kiew. Die Freisprechung des Generals Ncidhardt hat unter der hiesigen jüdischen Bevölkerung grosse Beunruhiguug hervorgenifeu; der Ausbruch neuer Judenhetzen wird zu dem russischen Osterfeste befürchtet. Odessa. Die M a s s e n ו I u c h t der Juden aus Odessa, Moskau. Proskurow. Kiew, K i s c 11 i n e w etc., wo zahlreiche Flugschriften aufreizenden Inhaltes anlässlicii der Reichsdumaw alilen und der herannahenden Os'teritiertagc verteilt werden, hat jetzt wieder begonnen, Pogromgefnhr und offiz ose Verlautbarungen Petersburg, 2. April. Infolge der eben aus verschiedenen Teilen des Reiches eingehenden Nachrichten darüber, dass demnächst gegen die Juden gerichtete K u n d g e b u u - gen ausbrtehen würden, hat sich die Petersburger Tclegraplienagciuur an die höchste zuständige Behörde gewendet, um die Wahrheit über diese Nachrichten zu erfahren. Es ist ihr dort initgeteilt worden, dass man in Regierungskrisen die Überzeugung habe, dass derartige Unruhen, wie die angckündigten, unmöglich Vorkommen könnten, denn es seien die kräftigsten Massnahmen getroffen worden, um eine Wiederhoiung solcher Unruhen .zu verhindern. Der Minister des Innern habe gestern auf Befehl des Ministerpräsidenten Grafen Witte durch Soldaten ein Rundschreiben an die Gouverneure der Provinzen mit jüdischer Bevölkerung verschickt. Sollten dennoch irgendwo Unruhen ausbrechen, so würden die lokalen Behörden dafür verantwortlich gemacht und der Gerichtsbarkeit überliefert werde. Wenn diese Massrcgein ernst sind, so ist der ״Dalles“ riesengross, noch grösser, als man ihn schon kennt. Hungersnot in Marokko Nach Berichten, die das Zentral-Komitee der Alliance Israelite Universelle neuerdings erhalten hat. ist die Lage der Juden im Süden und Südwester! Marokkos gegenwärtig besonders beklagenswert. Zu der chronischen Anarchie, die infolge der Schwäche des Maghzeu im ganzen Lande herrscht, und zu den bewaffneten Einfällen der aufrührerischen Stämme ist eine wirtschaftliche Krise schwerster Art hiiizngekommeu, die Tausende von Familien mit Vernichtung bedroht. Die Hungersnot wütet im gesamten Innern Marokkos als Folge der Trockenheit und der schlechten Ernte. Die unglücklichen Juden machen sieh in der Furcht vor plündernden Araber- Stämmen verzweifelt auf die Eiuelit. suchen in den Küsten- Städten Mogador. Mazagan. Azemur. Casablanca Asyl und kommen selbst bis Tanger. Die Hilfe der begüterten marokkanisehen Juden, deren Wohltätigkeitssinn zu rühmen ist, reicht nicht entfernt aus. Die Alliance hat seit mehr als einem Jalirc für die notleidende Bevölkerung in den verschiedenen Zentren, namentlich in Marrakescli. bedeutende Summen aufgewandt. Des Weiteren hat die Alliance angeordnet, au den Speisungen in ihren Schulen alle bedürftigen Kinder ohne Ausnahme teilnehmen zu lassen. Zur Fortsetzung diesek Liebeswerkes sind beträchtliche Mittel notwendig, die hei der Ausdehnung des Unglücks gar nicht reich genug zur Verfügimg gestellt werden können. Das ״Deutsche Bureau" der Alliance (Berlin N ‘-M Oranieiiburgcrstr. •12) nimmt gern Gaben iiir dieses Hilfswerk an. Von Maxim Gorkjj Russische und europäische Zeitungen veröffentlichen einen Aufruf Maxim Gorkijs mit der Überschrift: .Gebt!