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Jüdische Rundschau · 1906-04-20 · Heft 16 (20.4.1906) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 16 (20.4.1906)
Date
1906-04-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 222 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 16 auf Grund seiner Erfahrungen eine Serie von orientierenden Schriften für die Emigranten herauszugeben. Die wichtigsten *und hüufiKSteii Widerwärtigkeiten, mit denen die Auswanderer zu kämpfen haben, betreffen die Schädigung durch falsche Ratschläge, durch die Unbekanntschaft mit den Einrichtungen für Verkehr und (jepäck. und die Ucbervorteiiiing durch gewissenlose Herbergs־ wirte. Deshalb sind unter den Uebcrschriften f) Wen frage ich um Rat? 2) Was mache ich mit meinem Gepäck? 3) Wo finde ich ein Gasthaus? 0־ Wie fährt man weiter? die wichtfgsten Angaben »md Adresse״ z.usammeiigesteilt. Herr stud. Isidor \Vo 1 if hat mit grossem Geschick die Ratschläge bearbeitet und sie auf einen so kleinen Raum zusainmengedrängt, dass die Emigranten sie. ohne dadurch belästigt zu werden, schon .vor oder spätestens gleich nach dem Grenz- Übergang cingchändigt erhalten; und wir versprechen uns einen grosse״ von ihnen. — Bei dieser Gelegenheit möchte ich junge Männer und Mädchen bitten, sich für die Bahuhofswache dem ״Jüdischen Volksvcrcin" zur Verfügung zu stellen. Die Zahl unserer auf den Bahnhöfen tätigen Mitglieder nimmt durch die steigenden Ausweisungen immer mehr ab. so dass wir gezwungen sind, auch für diese Tätigkeit deutsche Juden cinzustellcn. Meldüngen sind an unser Bureau: Sonhienstr. 20. zu richten, welches auch jede gewünschte Auskunft erteilt.- D r. H ans M ii h s a in. Riesser als Gesellschafter Gabriel Riesser. dessen Name der W'iedcrkchr seines 100. Geburtstages (2. April) wieder lebendig geworden ist, war im geselligen Verkehr ein viel begehrter Gast. Er war stets heiter, angeregt und anregend. Frauen gegenüber war Ricssers Benehmen, wie sein Biograph, Dr. M. I s 1 e r von ihm erzählt, von der zartesten Ritterlichkeit bestimmt; in ihrer Gesell- Schaft lebte er mit Vorliebe, bei ihnen bewegte er sich mit Freiheit. Sein Gespräch war stets erfreulien, geistreich, zuweilen auch witzig, obwohl Witz nicht eine hervortretende Seite seines Geistes war. ״Wäre ich witzig", sagte er einmal, ״so brauchte ich nicht halb so grob in meinen Schriften zu sein.“ Jedoch traf er meist den Nagel auf den Kopf. Als er noch ein vierzehnjähriger Knabe im Hause des Dr. W ürtzer in Hamburg war. nahm er' an einer Tanzstunde teil, die Würtzcrs Tochter Rosa mehreren Schülerinnen, erteilte. Sei es aus Ungeschick oder aus Mutwillen, er brachte dieChaiiic immer in Unordnung, so dass die Dame in Unwillen ihm eine Ohrfeige gab. Bald darauf aber tat cs ihr leid, sie ging auf ihn zu und sagte: ״Du bist mir wohl recht böse wegen der Ohrfeige.“ ״Ach,“ sagte er. ״was von Rosenhänden kommt, schmerzt nicht!" Auf den Heidelberger Studentenbällen war er während seiner Studienjahre, obwohl kein Tänzer, doch ein gern gesehener Gast. Er suchte und fand dort die Unterhaltung mit Damen und gab sich der Jugendlichen Heiterkeit mit Unbcfangehheit hin. Als er auch einmal Im Gespräche in der Frohlichkeit seines Herzens hell aufgelacht hatte, trat gleich hernach ein fremder Student mit der drohenden Frage auf ihn zu: ״Warum lachten Sie soeben, als ich tanzte?" ״Ei, warum tanzten Sie eben, als ich lachte,“ erwiderte Riesser, und alle weiteren Folgen waren abgewendet. In Karlsbad machte er einmal mit mehreren befreundeten Kurgästen einen Spaziergang, der endlich ins Wirtshaus führte. Dort war alles mit Fegen und Reinigen beschäftigt, um das Haus für den nächsten Tag, einen Sonntag, in Stand zu setzen. Der Wirt hat nach der oberen Etage zu gehen, die aus einem weiten Gemach mit geweissten Wänden, an denen sich hölzerne Bänke'hinzogen, bestand. Die Ermüdeten nahmen — das einzige, was sic nehmen konnten —־ Platz. Eine Weile ward geduldig geharrt. Als sich jedoch niemand zeigte, schellte man solange bis die Klingcischuur riss. Von gutem Humor war schon bei den meisten keine Rede mehr, als Riesser in die Worte ausbrach: ״Es scheint, man bewirtet uns hier nur mit Raum und Zeit!" Und an diesem Schlagwort tröstete sich die Gesellschaft. DIE POST schreibt: ... ♦.Als ״Gesindel" kennzeichnet das zionistische Orgar JÜDISCHE RUNDSCHAU gewisse jüdische Elemente, die e: gern.von seinen Rockschössen abschiitteln möchte. Ausgebern von der Erzählung vom Auszug der Kinder Israel aus Ägypter wird an die Sjolle erinnert: .und viel Gesindel zop herauf mit ihnen ־־-" und dazu bemerkt, dass dieses Gesinde bis zum heutigen Tage den Fahnen Israels nur ״efolgt Ist um ihnen bei passender Gelegenheit untreu zu werdn, da c׳ niemals für eigene Ehre und ״für Ehre überhaupt" gekärnpf habe, es sei denn ״für die äusserlichc Ehre, ein Bändchen in Knopfloch zu tragen und seine Töchter einem verarmten un< verlotterten Adel zur Neuvergoldung des verblichenen Adels- Schildes zu geben." Gegen diese allerdings recht drastische Ausdrucksweise und Aufiass׳-nß kan״ man ja. abgesehen von ihrer historischen Schlussfolgerung, kaum etwas ein wenden, auch dagegen nicht, wenn das Blatt weiter erklärt, dass man heutzutage das Juden:!׳.׳!! nicht aus religiösen Gründen ״verfolgt", sondern dass man sich gegen den im jüdischen Volkstum begründeten Geist wehrt, weil die Juden den ״Geist des Kapitalismus und des .Materialismus zugleich vertreten.“ Das Blatt nennt das ״Gründe der Rasse" und eifert nun dagegen, dass man aus solchen Gründen das ganze Volk bekämpft, statt sich nur an das ״Gesindel'■ zu halten, das ״uns" — den jüdischen Schreibern des Blattes und ihrem Anhang — ״noch viel unsympathischer ist als ihnen" — den Judengegnern.“ Es ist eine Fälschung elendester Art, wie es nur in cliarakterfesten Blättern treuester Gesianutigslieuchclci möglich ist, in unsern vorigen Leitartikel dies hineiuzulügen. Ungefähr das Gegenteil haben wir geschrieben. Auch wollen w i r keineswegs die ״gewissen Elemente“ von unseren Rockschössen a b s c h ü 11 e I n. Denn w i r haben cs nicht nötig, da sie an den schwarzen Röcken hängen, mit deren H i 1 fe sie aus der semitischen Rasse" ausgetreten sind. Ein feines Blatt — die POST! —- ^י\ן6^^ז^\^>חו31ו18601ח6סח ״Das 8. Württembergische Infanterieregiment 126 zu StrasslnuR i. Eis. stand bis März 1905 unter der Führung des Obersten von Löffler. Dieser Offizier konnte zwar auf die Beförderung jüdischer Einjähriger zu Offizieren der Reserve keinen bestimmenden Einfluss ausübcri; immerhin aber tat er, was er konnte: er beförderte seine jüdischen Einjährigen nach Verdienst, wie die übrigen Einjährigen. So kam cs, dass, als dem antisemitischen Obersten von Gerok das Regiment 126 übertragen wurde sich folgender schrecklicher Zustand vorfand: Ein ehemaliger jüdischer Einjähriger hatte es bis zum Oifiziersaspiranten und Vizefcldwebcl d. R., zwei andere eben falls zu Oifiziersaspiranten und Unteroffizieren d. R. gebrächt: die vorhandenen 7 jüdischen Einjährigen mussten, da der ״verflossene" Oberst bereits alles geregelt hatte, von dem neuen Kommandeur zu Gefreiten ernannt werden. Aber der Herr Oberst'Vusste Rat: die beiden jüdischen Unter- Offiziere, die am Anfang seines Regimes die Hebung antraten, wurden nicht befördert — die übrigen Unteroffiziere s ä m 11 i c h: dem j ü d i s c h c 11 Vizcfcldwebel. der d e l’ebung B machte, wurde die Qualifikation nicht erteilt - ־ den übrigen s ä 11111 i c 11. Die jüdischen Einjährigen wurden aus dem Oifizicrsunterrcht entfernt und keiner zum Unter- Offizier befördert. Dagegen durften sie Unteroffiziers d i e 11 s t e leisten. Einer der Einjährigen, den man aus dem Ofiizicrsunterrieht atiszuschliessen vergesset! hatte, wurde unmittelbar vor dem Ausriickcii zur Prüfung am Kasern en t o r auf höheren Befehl zurück beordert. Man bestreitet bekanntlich offiziell, dass die jüdischen Einjährigen ״wegen ihrer Konfession“ fit der Beförderung zurückgesetzt werden. Wie die Sache liegt, glauben wir. dass auch der geschickteste Diplomat im vorliegenden Fall den Versuch vergebens machen würde, den Obersten von Gerok von der Anschuldigung' rein zu waschen, dass er bei jüdischen und nichtjiidischcn Einjährigen eine» verschiedenen Massstal) anlege. Das glaubt kein Mensch, dass gerade zu der Zeit, als Herr von Gerok das Regiment übernahm, die ihm zugewiesenen jüdischen Offiziersaspiranten und Einjährigen plötzlich nichts mehr taugten. Oberst von Gerok hat wohl geglaubt, mit eiserrer Hand in die durch die konfessionelle Vorurteilslosigkeit seines Vorgängers geschaffenen Zustände hineinfalireii zu müssen. Und trotz aller gesetzwidrigen Behandlung in der Beförderung haben es bekanntlich die jüdischen Einjährige!! noch golden gegenüber den jüdischen Zweijährigen, die dem Antisemitismus von Unteroffizieren, nicht der ״abgeklärten" ludenfeindschaft von Offizieren ausgeliefert sind. Blutlüge 1906 In Beuthen O/Schles. wurde am 3. April eine zerstückelte Manncslcichc aufgefunden. In das mystische Dunkel, das um die Persönlichkeit des Ermordeten, den Mörder und die Motive zur Tat schwebt, bemühte sich die QUERSCHLES. ZEITUNG einiges Licht zu bringen: Der Körper selbst sowie die einzelnen Teile waren irr! allgemeinen blutleer. Der Ermordete war ein sehr gut ge• iiührter Mann, der besonders auf dem Rücken ein ausscrordentlieh starkes Fettpolster aufwies. Auf dem heutigen Jahrmarkt ist das Gerücht verbreitet, dass polnische Juden die Säcke anlässlich des Jahrmarktsbesuchcs in ihren Heuwagen mitgebracht und in der Nacht an den bezeichucten Stellen abgcladcn hätten. Allgemein wird von einem Ritualmord gesprochen. Die Erregung in der hiesigen Bevölkerung ist gross.

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