Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2651447-2651463--03454-2660383- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seilt; 220 JÜDISCHE Ein Todesurteil Durch die Zeitungen läuft die Notiz, das die Polizei int Begriff steht, 7000 Russen — darunter 6500 Juden aus Berlin auszuweisen. Dieselbe Massregel soll den in Königsberg und Breslau weilenden Flüchtlingen drohen. Nehmen wir die Zahl derselben nur gering an, so handelt es sich um mindestens 3000 weitere Individuen, im ganzen also um 10000 Personen, denen durch einen Federzug der Regierung das Todesurteil --- denn etwas Anderes bedeutet die Ausweisung nicht — bevorsteht.*) Wo sollen die armen Menschen hin? Nach England und Amerika können sie nicht; es fehlen ihnen hierzu die Mittel. Hier in den deutschen Grosstädten, wo sie einmal sind, wünschen sie nichts sehnlicher, als sich mit der Kraft ihrer Hände eine, wenn auch noch so kümmerliche Existenz, zu gründen und sich zu dem umzubildcn, was die deutschen Juden sind: ruhige, ordnungsliebende, patriotische Staatsbürger. Die Gründe, die für ihre Ausweisung angegeben werden, dass sic bei ihrer Mittellosigkeit der Armenpflege zur Last fallen könnten, und dass cm Teil von ihnen sich allerhand Schwindeleien und Diebstähle habe zu schulden kommen lassen, sind nicht iin entferntesten stichhaltig. Gewiss sind sie nicht alle Engel, aber wo wären unter 10 000 Menschen nicht stets einige unlautere Eiemente? Uns deutschen Juden liegt offenbar die Pflicht ob, gegen diese grausame Massregel, die eine direkte Schädigung des Deutschen Reiches durch Vergeudung einer Fülle nützlicher Arbeitskraft in sich schliesst, auf das Energischste zu protestieren. Die Indiehandnahme dieser Protestbewegung dürfte vor allen Dingen Sache des Zionismus sein. Oeffentliche jüdische Volks-Ver- Sammlungen, die die Unrichtigkeit der Massnahme — speziell vom deutsch-patriotischen Standpunkt aus — erweisen, dürften das geeignete Mittel sein, Remedur zu schaffen. Die Leitung unserer zionistischen Vereine sollte die Einberufung solcher Versammlungen in Berlin, Breslau, Königsberg etc. schleunigst ins Auge fassen. Man denke sich einmal die Sache umgekehrt: Angenommen, Deutschland wäre ein jüdisches Land, in Berlin würden 2 Millionen Juden und daneben nur hunderttausend christliche Deutsche leben. Aus Russland wären nun 10000 flüchtige christliche Deutsche nach Berlin, Breslau, Königsberg gekommen lind die jüdische Regierung würde sie ausweisen. Wie ein Mann würden sich die 10000 deutsche Christen erheben und mit nachdrücklicher Tüchtigkeit und bewundernswerter Einmütigkeit die 'Zurücknahme einer solchen Massregel in kürzester Zeit erzwingen. Sind wir weniger, wie sie? Können wir das nicht auch? Wir würden die jämmerliche Behandlung, den Schimpf und Spott, den man täglich auf uns häuft, r. noch verstärkterem Masse verdienen, wenn wir bei. einer solchen Gelegenheit nicht laut und energisch im Namen der eigensten Interessen des Deutschen Reiches für unsere Stammesgenossen eintreten würden. Mit Leisetreterci ist hier niemanden — am wenisten uns selbst — gedient. Dr. Ludwig Löwe. *) Dieser Artikel konnte in vorder Nummer, für die er •einginK, leider nicht inehr gebracht werden. * RUNDSCHAU No. 16 Orientferienkursus * am Städtischen Friedrichs-Polytechnikum zu Cötlion 25.—28. April 1906, veranstaltet von der Kommission zur Erforschung Palästinas. ״ Nähere Auskunst erteilt der Akademische Ver.m1 ״Tchioh“ in Cötlicn, der auch Wolinuiigen nachweist, die Teilnehmer am Bahnhof empfängt etc. Die Lebcnsverhältuisse in Göthen sind billig, die Eisenbahn- Verbindungen vorzüglich. Der Orientkiirsus umfasst iolgende Vorlesungen; 1. Rektor Eberhard!. Zarrentin (Mecklenburg). 2 Std. Die S c h 111 v c r h ä 11 n i s s c in Pa- I ä s t i n a. 2. D r. L. K a h n, Wien. 4 Std. Rechtliche Verhältnisse des türkischen Orients. 3. A; Kaisc r, Charlottenburg. 2 Std. Die phys i s c h c n und wirtschaftlichen V e r - II ä i 111 i s s e des S i n a i. 4. D r. A. K I c e, Berlin. 2 Std. Zur S t a a t s v c r - i a s s 11 n g des 0 s in a n i s c h e n Reiches. 5. D r. Franz Oppenheimer, Berlin. 2 Std. Genossenschaftliche Kolonisation. 6. Said R11 ete, Berlin. 2 Std. Die wi r t - s c 11 a f 11 i c h - p 01 i t i s c 11 c n Verhältnisse in Babylonien (Süd-Mcsopotaniicn). 7. D r. A. Sandler, Breslau. 5 Std. Die e p i d e ־ mischen und endemisch cn Seuchen des vorderasiatischen Orients. 8. Dr. S. Soski 11, Berlin. 4 Std. Palästina in w i r t s c 11 a f 11 i c 11 e r B c z i e h u n g. 9. Prof. D r. O. \V a r b u r g , Berlin. 4 Std. Kleina s i e n und Syrien als K o 1 o n i s a t i o n s ־ gebiet. Ausserdem finden, vom Rektorat des Polyteclmikums veranstaltet, Vorlesungen über K 01 c - n i a 1 e Technik, Kolonialpolitik, Kolonia1 wi rtschaft und die einschlägigen Fragen statt, die bereits am 23. April beginnen und von bekannten Fachleuten gehalten werden. Es sind zusammen 25 Vorlesungen. Das Gesanithonorar beträgt 10 Mark. Rundschau Perverse Zuneigung ״Wenn die urteutschcn Jünglinge in letzter Zeit des öfteren eine deittsch-preussisclie Hilfsaktion für die baltischen Adeligen angeregt haben, so darf das nicht wundernehmen. Die Herrschatten wissen, dass sie es selber fertig bekämen, durch ihr Gebühren den Zorn des Volkes einmal derartig zu erregen, dass sie unter Umständen die Gegendienste der von ihnen begönnerten ausländischen Gesinnungsgenossen recht gut gebrauchen könnten. Also -- wie gesagt — die Baltcn-Liebe der deutschen Antiscmiterichc ist allenfalls noch verständlich. Wenn aber den baltischen Adelssippen, die durch ihre geschichtsnotorische Brutalität gegen Bauern und andere Prolctarier das Jetzt über sic hereingebrochene (zum Teil übertriebene) Unheil selbst verschuldet haben, wenn diesen Herrschatten von Jiidisch-deiitschÜberaler Seite eine Fülle des Mitleids entgegengebracht wird, so ist das weniger verstündlich. Das BERLINER TAGEBLATT begrüsst mit helljubclnde! Freud׳*, den Plan, lenen ״abgebrannten" Deutsch-Balten mit einer preussischen Staatshilfe unter die junkerlichen Arme zu greifen! Erstens sollen den; hoffnungsvollen Nachwuchs der Edelsten deutsch-baltischer Nation an. den preussischen Universitäten und technischen Hochschulen alle nur erdenklichen Erleichterungen gewährt, zweitens sollen sie — nach Be* fragnng des preussischen Dreiklassen-..Parla!nents•‘ — mit reichlichen Geldunterstützuncen bedacht werden! —