Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahrgang Akademische Freiheit « Studentische Korporationen als solche pflegen gewohnlich nicht in öffentlichen Versammlungen auizutreten. Der Verein Deutsclier Studenten findet dabei nichts. Kr tritt zwar nicht offiziell in coporc dabei auf, lässt aber doch die Reklametrommel durch seine Freunde und Gesinnungsgenossen, die antisemitischen Handlungsgehilfen, recht kräftig für sich rühren, wo cs nur angeht. So geschah cs auch in einer öffentlichen Versammlung des neuen freisinnigen Jugendbundes, die von antisemitischen Handlungsgehilfen überschwemmt und gestört wurde. Der antisemitische Wortführer iurderte die Studenten auf, dem V. D. St. und die Kaufleute, dem ״Dcutschnationalcn Handlungsgehilfenverbände“ beizutreten. Wahrlich; ein edles Brüderpaar, das da geschlossen vor die Schranken der Ocffentliehkeit tritt. ♦ * * In den H0CHSCHULNACHRICJ1TFN, die als ofiizielles Organ verschiedener Hoeliscliulbehörden gelten müssen, sagt der Herausgeber Dr. v. Salvisberg das baldige Hude des Hocliscluilstreites voraus. Interessant ist, dass er den Hetzereien der Vereine Deutscher Studenten die Hauptschuld an dem gespannten Verhält•• nis zwischen Behörden und Studenten zumisst. Die Vereine Deutscher Studenten waren die Leiter der konicssioiiellen Hetze, trotzdem wiegelten sie für den Kpilüitiserbtmd in zwölfter Stunde ab und gerierten sich von da ab als harmlose Zuschauer bei dem Streite auf den verschiedenen Hochschulen. ״Mitten in das unerquickliche Kampfgctriebe der durch kurzsichtige oder verständnislose Führer in die akademische Jugend hineingetragenen konfessionellen Verhetzung“, schreibt Dr. v. Salvisberg, ״tönt wie cm erlösendes Wort die Hrklärung der Gicsscncr Studentenscliaft.“ — Die Gicsscncr Studenten sind, wie das eine von ihnen kürzlich veröffentlichte Erklärung zeigt, mit der Haltung des ״Verbandes deutscher Hochschulen“ nicht zufrieden. Sic verlangen eine Aendcrung der Stellungnähme des Verbandes den konfessionellen Verbindungen gegenüber. Der Begriff ״akademische Freiheit“ scliliessc auch das Prinzip der Toleranz Andcrsdehkeiidcn gegenüber in sich ein, daher könne sich die Gicsscncr Studentenscliaft mit der bisherigen Taktik nicht einverstanden erklären. Dr. v. Salvisberg geht dann weiter auf die Betütigung der Vereine Deutscher Studenten im Hochschulkämpfe ein tmd führt ferner aus:' ״Der Verband der Deutschen Hochschulen war bis jetzt lediglich ein der jüngsten akademischen Bewegung entsprossener Kampfverband gegen die konfessionellen Verbindungen und — gewisse Behörden, und die hochtönende Propaganda, die gegenwärtig von seinem pub'izistischcn Vertreter, einem Mitgliedc des Vereins Deutscher Studenten im ganzen Reich gemacht wird, beginnt glücklicherweise der deutschen Studentenschaft die Augen zu öffnen und ihr zu zeigen, wohin sie treibt, wenn sie mit solchen Lotsen an Bord ihr Schiff den Wogen eines fanatischen und einseitigen Parteikampfes preisgibt.“ ״Vor 25 Jahren heisst es weiter, entfachte der V. D. St. auf akademischem Gebiete den Antisemitismus, der unendlich viel Schaden angerichtet hat und im letzten Stadium seines moralischen Bankrotts noch die jüdischen Verbindungen und ihre Verbände als die akademischen Pflanzstätten einer neuen sozialen Partei erblühen sah. Und wenn auch in der zwölften Stunde der gegenwärtigen Bewegung der V. D. St. den Ausschluss der katholischcn Verbindungen von Verbands wegen missbilligte, so ist auch diese Bewegung nichtsdestoweniger von ihm tmd seinen einzelnen Lokalverbänden in die Wege geleitet und im Fluss erhalten worden, und bereits beweist die enorme •Zunahme des Aktivbestandes sätmlieber katholischer Verbindungen, ihr zielbewusster Zusaninicnschluss zu grossen Verbänden, welch verhängnisvolles Geschenk auch in diesem Fall der Pandorabiiehse ״des V. D. St. entstammt.“ Demgegenüber erliofft die Giessencr Studentenschaft, berichtet Dr. v. Salvisberg weiter, eine Aenderung in der Stellungnahme des Verbandes. Die Heidelberger und die Marburger Kommilitonen haben sich diesem Vorgehen bereits angeschlossen. Damit ist die ganze Bewegung erledigt! schlicsst der Herausgeber der HOCHSCHULNACHRICHTFN aus den mitgctciltcn Tatsachen. Dass die Folgen dieser von den antisemitischen Vereinen Deutscher Studenten inszenierten konfessionellen Hetze wirklich nur eine Vermehrung des Aktivbestandes der katholischen Korporationen sind, zeigt sich auch an der Berliner Universität, wo nicht nur die fünf katholischen Vereine aussergewöhnlich stark an Mitgliedern geworden sind, sondern wo sich sogar in diesen Wochen ein neuer katholischer Verein ״U n i t a s" gebildet hat. nt. a. v. z. a.