Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 14-15 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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Seite 212 JÜDISCHE RUNDSCHAU _ _ ■ -־ ~ . i No. 14'15 halten unter bestimmten Voraussetzungen das Recht, öffent- * liehe Volksschulen zu errichten, und können von den politij sehen Oetncinden ei!tc näher präzisierte Beihilfe verlangen. Die indischen Schulen bleiben also bestehen, und es ist die Möglichkeit gegeben, neue Schulen zu errichten. Die ca. 70 Oemeinden im Regierungsbezirk Cassel, die bisher ihre Schulen aus eigener Tasche bezahlen und noch obendrein zur Unter־ haltung der Ortsschulen beitragen mussten, werden diesen Beschluss mit ganz besonderer Freude begrüssen. Wichtig ist ferner die neue Bestimmung, dass die politischen Gemeinden, die nicht für den Religionsunterricht der jüdischen Kinder in den christlichen Schulen so sorgen wollen, wie sie es für die Christliehen Kinder tun müssen, den Juden eine nach § 67 des Ge• setzes von JS-17 zu bentessende Beihilfe zahlen müssen, fr. diesem Punkte hnt sich leider die Kommission nicht zur vollen Gerechtigkeit gegenüber den Juden entschlossen können. Hoffentlich gelingt cs, bis zur zweiten Lesung volle Glcichherechtigung mit den christlichen Minoritäten zu erlangen. Der gute Wille zur Gerechtigkeit scheint ja in der Kommission vorhanden zu sein; das beweist die Resolution, die verlangt, dass durch den Etat Mittel bereit gestellt werden, um den Synagogcngememdcn die Beschauung des jüdischen Religions- Unterrichts zu erleichtern. Wie man sich zu diesen Beschlüssen zu stellen hat, ist klar. Jeder Jude, dem cs ernst ist mit seinem Judentuiue, muss sieh dafür einsetzen. dass sie Gesetzeskraft erhalten. Liner Agitation von jüdischer Seite gegen die jüdische öffentliche Volksschule und für die Simultanschule, sie sei offen oder versteckt, sollte entschieden entgegen getreten werden. Die jüdische Ociientlichkeit muss endlich cinsehen, dass cs j ii d isehe Interessen sind, für die sic zu kämpfen hat. und dass in dem gegenwärtigen Stadium nichts verkehrter ist, als von jüdischer Seite sich in den Kampf für oder wider Simultanschule zu mischen, denn wie es auch ausgeht: die Simultanschule ist eine christliche Anstalt, sic ist durchaus nicht,*was das grosse Publikum nic'int, eine paritätische oder gar eine konfessionslose Schule. Zur Erziehung charakterfester Juden aber brauchen wir jüdisehe Schulen. Das Gesetz gibt sic uns. Verweigern können sic uns nur die Herren, die auch als Vorstände der Synagogengemeinden, besonders der Grossgemeinden, glauben, die Geschäfte des politischen Liberalismus führen zu müssen. Ihnen gilt nach Erledigung des Schulgesetzes unser nächster Kampf. Möge der Zionismus jetzt schon eingedenk sein, der Parole seines grossen Führers und sich an die Arbeit begeben zur Eroberung der G c me i n d c s tu bc n. B. St. Die Lage im Judentum und die Pflichten des jüdischen Studenten Von Willi Unna (Hasmonäi) (Fortsetzung.' Und wenden wir nunmehr unsere Blicke von den Ländern des Westens, denen ja in der Hauptsache unsere bisherige»! Betrachtungen galten, nach dem schrcckcnsvollcn Osten, so wird cs uns nicht schwer fallen, auch dort den wir*schädlichen Kern der Judenfraee zu erfassen. Auch in Russland sehen wir ja wieder die Juden zum grössten Teil in der Sphäre des Handels und zwar zum Teil des kapitalistischen Hausierhandcls; und wie ahnen den schrecklichen Zusammenhang der Judcnmassakres mit jenem ökonomischen Gegensatz zwisehen dieser jüdischen Wirtscliaitsart und der russischen Volkswirtschaft, die auf der einen Seite erst müs:ig kapitalistisch entwickelt, auf der andern Seite aber doch schon von dem modernen antikapitalistisch cn Geiste des Westens stark beeinflusst ist. Zorn aber erfasst uns, wenn wir nunmehr bedenken in welcher unverantwortlichen, phrasenhaften Weise v,.1 jüdischer Seite mit jenen Massen im Osten, den Kemtruppen unseres Volkes, sogenannte Politik *getrieben wird1 Wem! Herr v. Witte, ganz in Ucbcrciustimmung mit scim.11 Vorgangem im Amte und vielen anderen Kennern russisch'!• Verhüitiiissc die offene Erklärung abgibt, er könne den 6 Millionen Juden das Wohnen im ganzen Lande nicht so ohne weiteres frei geben, weil sie dank ihrer wirtschaftlichen Ucborlceen• heit mit einem Schlage sonst die Herren des Lundes wurden, was bei der Unkultur der Bevölkerung noch zu •weit <cl1l1111meren Exzessen gegen sie führen müsste — so wissen unsere weisen Diplomaten von Geldsacks Gnaden darauf keine andere Antwort, als dem russischen Minister, für den sie vor wenigen Wochen noch in optimistischer Backfisch - Begeisterung schwärmten, nunmehr plötzlich die nicderträclitigs'en Cnarakterfchler an den Kopf zu schmeissen. Und doch wäre cs in der Tat gerade für diese Judcnniassen des Ostens das Beste, man führte sic aus den Ländern der Sklaverei heraus und siedelte sie auf eigenem freien Territorium an. Dass nur mit einer solchen Lösung auch die beunruhigende Gefahr *!״scitigt werden könnte, die darin liegt, dass ja die Judoniraec unseren flüchtenden Massen überall hinauf den Fersen *‘r.lgt. so dass die bisher vor allen in Betraehtkomniendeii Zuilt1ch*r.länder den Einwanderern ihre Tore so gut schon wie vei schlossen haben — das vermögen offenbar unsere Politiker nicht zu kapieren, oder sie glauben Veranlassung zu haben, ».s nicht kapieren zu sollen! Das ist der Ökonomist: 11 e Inhalt d e r .1 u dentrage. So traurig aber und so entmutigend dies Bild ist, das wir von ihr entworfen haben, so viel trauriger und cm mutigender wird cs noch, wenn wir weiterhin nun die Folgen berücksichtigen, die sicli tiir die Zukunft der lüdenlieii daraus ergeben, dass sie eben eine fast ausschliesslich Handel und Industrie treibende Masse darstellt. Lässt sein 1; diese, beinahe zum Charakterzug' geworden; kapitalistisch-kanimämiische Art der Juden nur wenig Hoffnung auf e!nc bessere Gestaltung ihrer Lcbciisbcdiimmeen in den Ländern ihres jetzigen Aufenthaltes zu. so s.iivindet geradezu jede solche Hoffnung, ja muss in trostloseste Verzwciflung Umschlägen, wenn man sieh nur einmal v־n gegen wärtigt. was cs vom s o z i a I h y g i e 11 i s c 11 c n Stand punkte aus zu bedeuten hat. dass eben jene Art ihrer Berufe fast alle Juden in die Städte - und. fügen w'r Heidi hinzu: vornehmlich in die Grossstädte - treibt. Das •׳•deutet nämlich, in dürren Worten gesagt, nicht mehr und nicht weniger, als dass, wenn nicht bald Ge1׳e1m1assregc׳l!1 in Angriff genommen werden, in einer garmcht 50 ferner, Zukunft die Jude 1111 c it auf den A 11 s s t c r b e - E t a t gesetzt sein w׳ird! Und da diese Aussicht ־ wenn •ie auch manchem vielleicht gar nicht so unangenehm. vielleichd sogar als eine ganz beaueme Lösung der Judcnfrage crsd!e:m״׳ mag —. doch nicht der Bestimmung des menschlichen Daseins entspricht, die wir zu Beginn unserer Ausführungen fes!־.׳es*׳ lit haben und in der wir die Grundlage einer jeden sozialer. Politik haben erkennen müssen, so werden wir 1ms wohl ietz» damit zu beschäftigen haben, worin jene Gefahren enthalt•'•1 sind und. wie man sicli gegen sie wird wehren miir, .e1׳. Man muss sich aus der Entwickehiiigseesefirhte der Entwickeluncsgcschichte der Menschheit mir c:n׳nal st ׳gegenwärtigt haben, dass der Zusammenhang des Menschen mit dem Erdboden von Natur ein rbeneso inniger!st. wie die Pflanze im Erdboden ihre Wurzeln hat und das I i־*r 1:11 den» Boden seine Nahrung verliert, um sehncll begreifen zu können, dass die Zusammeimferchung der Massen i» den n ׳•-,erneu Städten eine Loslösuiig von ihre׳! einfachen natürlichen Lebcnsbediiictinecii bedeutet. ..Die Städte müssen von aussen ihre Nahrung ziieeiuhrt erhalten, ihr«־ Bewohner «111J aMiängie von den Schwankungen des Hambd« 11»d des Verkehr.; ihre Eristenz ist eiim künstlich«' im Vergleich zu der der l.andbcwohnen.“*) ..Und je d’ä'lPcr die Bevölkerung, ie rege•• der Verkehr,!«» grösser die Zns״mmendr:«netm׳>r, desto künstlicher die I.chenhcdineunecn der in de״ Gr«'sss»ädten emllicd• nicht mehr blos neho»!.. Mindern schon ״!'«•rehnndor eed־׳äng׳«n Po- ”•f.hncr."**) Die amerikanischen Städte mit ihren hh'i׳!s!nnieen ',Osröckiemi Ftneeilhäuserii bringe•1 das י luuntürtphi• des Dnd es ist ,'"׳e nur zu tief begründ«•♦»», eine sehr tr׳«»r»ce *,»:Idfiselien Wohnsvstems;!>״ nncchnitlichsf••״ /!!r n;1rsie!hmg. Erscheinung unserer ׳״nder'um 7«'*♦. dh» sehr •ויי Uor'C',1 he- «״״♦Hl 7u werde!' pflegt, «lass ieilc־ Städte«■ d״«n sei*? Verbäl«n?ss«' es mir irgendwie geef.mlen. wcu״׳sfe״s \» •!Inend r«״i<«er W01't׳en aufs t mir! 711 flüchte«» b׳׳StreM ist tro *eine <'1«r,־h «Ii*‘ Tlm«»türli«'hhe•* ««•im*r I ebep«'< *'is«' ׳•,«»)־»«׳riffeiii• Gesundheit dort in der frischen, freien Nahir wieder etwas G P;»t/el ..Anthropm«eogr:mbi••“. **) Ebenda.