Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 14-15 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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f No. 14/15 J CD ISCHE RUNDSCHAU Seite 213 zu kräftigen. Ist es doch sogar schon soweit jetzt gekommen, dass man selbst Kindern Erholungsreisen aufs Land in großem Massstabe ermöglichen muss — gewiss ein überaus ,,?redtcr Beweis dafür, wie schnell die Verhältnisse in den gr -ssen Städten unsere Lebcnsbcdiiigungcn untergraben. UnJ welch schreckliche Gewissheit wird uns erst zu teil, wenn wir die amtlichen Statistiken um ihre Ansicht hier beragen! Ich will nicht mit den Zahlen langweilen, die mir in Fülle zi;1 Veriiigung stehen. Nur die Ergebnisse will ich mit knappen Woi ten wiedergeben. Dass die Säuglingssterblichkeit m den grossen Städten geradezu erschreckend ist, dürfte ja ziemlich allgemein bekannt sein, kommt aber für uns im Augenblick nicht wesentlich in Betracht. Wichtiger ist cs, wenn wir erfahren, dass überhaupt die mittlere Lebensdauer in den Städten, und zwar gerade die der erwachsenen männlichen, also der hauptsächlich erwerbstätigen Bevölkerung ständig i :n Sinken begriffen ist, und zu die der ländlichen Bevölkerung in *eine immer grössere Differenz gerät.‘) Und das. trotzdem die enormen sanitären Fortschritte des vergangene 1 Jahr* hunderts, wie Pflasterung, Kanalisation, Trinkwasscrverbtsserung etc., in erster Linie gerade den Städten zu gute kommen. Fs sind nicht besondere, gerade der Stadt eigentümliche Krankheiten, die ein grösseres Sterben ihrer Bevölkerung ver- Ursachen; sondern das ganze städtische Leben schwächt, wie zur Genüge fcstgcstcllt worden ist, die \Yiderstandskra;t des menschlichen Körpers. Fügen wir dem noch hinzu, dass nicht nur die Bedingungen der Selbsterhaltung geringe!, sonderu auch die Fortpflaiizungsfähigkeit der grossstädtisohui Bevölkerung, im Gegensatz zur ländlichen, nicht einmal imstande ist. den Status 1!tio der Bevbikcrungsgcschichtc zu erhalten (was mit verschiedenen allgemeinen Erscheinungen zusammen• liängt, deren Rrürterung jetzt zu weit iiilireii würde), so werden wir uns nicht weiter wundern können, wenn wir erfahre.n, dass die eingeborene Eigenbevölkerung der grosseren Städte in ständigem Zusammenschrmnpfen begriffen ist, ja dass sie schliesslich durch völliges Ausstcrben zur Verödung der Städte führen würde, wenn nicht der immense s t e t i ge Zuzug v oin La ח de die Ergä nzu ng brächte. Und hier ist der Pu n k t, wo wieder unser j fi d i s c 11 es P r <! b I e 111 c i 11 s c t z t! Wenn, sagen wir uns. die nichtjiidische Grossstadtbcvölkcrimg nur durch die Reserve vom Laude vor der Vernichtung bewahrt bleibt, was wird dann das Schicksal der jüdischen Massen sein, die dieser Reserve fast ganz entbehren, die nur den in ihrer wirtschaftlichen Eigenart begründeten, verderblichen Wanderung von den kleineren in die grösseren Städte kennen? Wahrhaftig, diese Frage ist keine rhetorische! Schon machen sich die degenerierenden Wirkungen des Grossstadtlebens an imserm Stamme in erhöhtem Masse bemerkbar.*) U11gleich grösser als bei den andern ist bei uns die Verliältniszahl der Gebrechlichen, der Blinden, Taubstummen und Geisteskranken; ungleich häufiger ist auch hei uns das Vorkommen des Selbstmordes. Auch der Prozentsatz unserer Militärtaug־ liehen bleibt ja in Deutschland. Österreich und Ungarn z. B. erheblich hinter der 11icI1t]iidischen Bevölkprung zurück. Und leider werden wir auch den typischen Grossstadtkrankheiten ejtzt immer mehr und mehr zugänglich, dem Alkoholismus und den venerischen Krankheiten, gegen die wir durch das hei uns besonders innig ausgeprägte Familienleben lange Zelten hindurch nicht unwirksam gefeit waren. Schon heute bchaupten ärztliche Berechnungen, dass z. B. in Wien 20 % der Parahytikcr --- worunter man im allgemeinen Syphilitiker zu Verstehen hat ־ Juden sind. Und schliesslich brauche ich Sic ja auch nur auf das hinzuweisen, was u־ir mit eigenen Augen in allen uiiscru grösseren Städten zu sehen Gelegenheit haben, um eine solche Ziffer durchaus glaubthaft zu machen. Fürgen wir diesem traurigen Bilde der allgemeinen Lebensvcrhältuisse' unseres jüdischen Stadtvolkes noch das besondere hinzu, das sich aus der völlig m e n s c h e n ־ unwürdigen Existenz unserer russischen, galizischen, afrikanischen, persischen. Ncw-Yorker und Londoner, also weitaus der meisten unserer Stamnicsgcnossen ergibt, so wird mir wohl kaum jemand ungerechtfertigte Schwarzsehcrci vorwerfen können, wenn ich als das Resultat meiner sozialhygienischen Betrachtungen die Behauptung aufstclle, dass auch von diesem Gesichtspunkte aus wie vom ökonomischen die Grundlage des *) Vcrgl. hierzu und zu dem Folgenden: v. F i r 0 K •״ .<־Bevölkerungsichrc und Bevölkerungspolitik", sowie B:110d: ״Die mittlere Lebensdauer in den Städten“. *) Vcrgl. hierzu R tipp ins:: ״Die Juden der Gegenwart“ sowie Engländer: ״Die auffallend häufigen Krankhcitserscheinungen der jüdischen Rasse.“ י Lebens, die Bedingungen der Selbsterhal-! tung und Fortpflanzzung, bei den jüdischen Massen aufs aileräusserste gefährdet sind. Als einen der Faktoren, die mit der Degeneration unseres Stammes arbeiten sollen, klagt man bei uns das recht viel häufigere Vorkommen der Verwandtenehen an, und die Riehtigkeit dieser Beschuldigung ist nicht unwahrscheinlich. Aber lassen Sic mich bei dieser Gelegenheit einmal auf eine andere, vornehmlich bei uns Juden gepflegte Art von Eheschliessungen hinweisen, in der nur eine doch mindestens gleiche, wenn schwerere Gefahr für die Zukunft unseres Volkes zu liegen scheint. Ich meine das typischjüdische S c h a d - c 11 c 1t - U11 w e s e n! Ein verständnisvolles Eingehen auf das Liebesieben in der Natur fördert die wichtige Weisheit zu Tage, dass die Liebe dem Orgnismus — und in ihrer herrliehen Entwicklung dem höchsten Organismus, dem Menschen — dazu mit auf den Lebensweg gegeben ist, damit er dasjeuige Wesen zum Lebensgefährten und Miterzeuger seiner Kinder sich envähle, dessen geistige und körperliche Vorzüge gerade auf ihn eine so unwiderstehliche harmonische Anziehungskraft ausübtien. — Schön pflegt im allgemeinen zu sein was gesund ist, und hämsstich, abstossend wirkt auf uns das Krankhafte. Und serner lehrt ein alter Erfahrungssatz: «mens sana in corpore sano", dass im allgemeinen nur im gesunden Körper auch die gesunde Seele zu wohnen pflegt. So ist es denn eine — zwar manchem vielte icht nicht hochpoetisch erscheinende, aber deshalb doch nicht minder zu beachtende — Wahrheit: dass die Liebe im Grunde nichts anderes darstellt als eine sehr weise Fürsorge der waltenden Natur für eine in körperlicher wie geistiger Hinsicht möglichst ästhetisch-gesunde Auslese und Fortpflanzung. — Der Jude aber arbeitet dieser so gross angelegten Einrichtung der Natur zun! Schutze der Menschheit kurzsichtig entgegen, indem er wider seine instinktive Neigung und ohne Rücksicht auf seine Nachkommen, deren Wohl ihm nicht minder am Herzen liegen sollte als sein eigenes, nicht das gesunde, ihm harmonische Weib zu wühlen pflegt, sondern was er' heiratet, ist in erster Linie das Geld! Nur so konnte es bei uns Sitte werden, dass auf die Mitteilung jemandes von seiner Verlobung nicht vor allem gefragt zu werden pflegt: ״Ist deine Auscrwühlte schön und stattlich und gut?", sondern: ״Was kriegt sie mit??־ und: ״Wieviel Geschwister hat sie?", und dass, wenn die Geldsumme ganz besonders imponiert, wohl auch noch hinzugesetzt werden mag: ״Na — also was für ‘nen körperliehen Fehler hat sie denn?" Es liegt durchaus nicht in meiner Absicht, als Apostel der idealen Liebe aufzutreten. Es ist auch nicht die moralische Seite jener Unsitte, die ich hier einer Kritik unterziehe. Auch weiss ich sehr wohl, dass, w׳cnn diese misslichen und in ihrer Tragweite lange nicht genug gewürdigten Zustände gerade bei dem Volke so sehr einreissen konnten, das doch mit Stolz das ״Hohe Lied" zu den schönsten Schätzen seiner Literatur zählt, dies im letzten Grunde auf unsere überhaupt misslichen, ganz allgemeinen Verhältnisse zurückzuführen ist. Aber es war nötig, einmal darauf aufmerksam zu machen, dass in einer Zeit, in der es von staatlicher und privater Seite die höchsten Preise regnet für die besten Resultate jeder Art von Viehzucht, bei uns Juden die Mcnschenziicht. die uns eigentlich nicht minder interessieren könnte als jene, in unverantwort• lieber Weise vernachlässigt, ja. wenn cs so weiter geht, systematisch zu Grunde gerichtet wird. Und wenn daran unsere sozialen Verhältnisse geänder werden! Die Mahnungen, die die Menschheit zu einer ihrer Daseinbestimmung entsprechenden Zuchtwahl auffordern, sind ja durchaus nicht nur neuzeitlicher Natur, sondern schon das graue Altertum legte für diese so bedeutungsvolle Lebensfrage ein erstaun liclies Verständnis an den Tag. In dem Jahrtausende alten Hindu-Gesetzbuch des Mann kann man den weisen Satz lesen:•) ״Er muss eine Jungfrau zur F’rau wählen, deren Gestalt keinen Fehler hat . . ,** und auch Plato war von der Nützlichkeit und Notwendigkeit menschlicher Rassenzucht so sehr überzeugt, dass er mit ausdrücklicher Berufung auf die Erfahrung des Ticrziichtcrs Zuchtwahl und Auslese zur Grundlage seines idealen Staates machte. Und schliesslich ist es ein alter Erfahrungssatz der Geschichte, dessen Wahrheit schon so mandies Volk nur zu spät für sich hat erkennen müssen: dass nicht auf dem Schlachtfelde und nicht am grünen Tisch sich die Geschicke der Nationen entscheiden, sondern im Ehebett! Wir aber, die wir uns doch rühmen, vom modernen sozialen Geiste durchdrungen zu sein, der das Leben und die Ent- Wicklung der Allgemeinheit ii b c r die Interessen des einzelner. *) Zitiert nach Briigner (POLIT.-ANTHROPOL. REVUE, Jhrg. III, No. 5). »