Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 14-15 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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No. 14/15 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 209 selbst die Gründung neuer elnldten und In die Hand nehmen. Ocnau so wie wir es beim ..B e z a 1 c 1“ getan haben, der drei Viertel seiner Gelder aus n I c h t zionistischen Kreisen erhalten hat so sollten wir auch schon alsbald die Gründung einer natio- [ nalcn Mittelschule in Jerusalem in die Hand nehmen, ferner die Nationalbibliothek in der von Dr. Locwc skizzierten Weise aus- ' bauen, ein Nationahnuscum begründen und — last not least — } nach einer Reihe von Jahren eine Jüdische Hochschule. I Selbstverständlich bedarf cs hierzu enormer Geldmittel S aber ich bin fest überzeugt, dass, wenn wir erst einen K u l ־ IturfoiiQ geschaffen und mit einigen Hunderttausend Mark ausgestattet sowie z. B. die M i 11 e I s c h u l c begründet haben.; es relativ leicht sc.it wird, auch von nichtzionistischer Seite ‘ pekuniäre .Beihilfen für diese Zwecke zu erlangen. Jedenfalls i ist das ein Gebiet, w0׳ wir unsere Geschicklichkeit in bezug' auf ׳Agitation in zw׳ar national-jüdischen, aber nicht nach politischzionistischem Sinne im weiten Masse entfalten könnten. Fürs erste würde der Kulturfond dem Aktionskomitee allein untesstellt sein, später würde cs einer besonderen Kulturkommission bedürfen. f Aber auch der Politik wollen w׳ir nicht vergessen. Die Idee Hcrzls. eine Bank als politisches Instrument zu gründen, war an sich sehr richtig. Der Fehler lag nur darin, dass an Stelle der von ihm als Minimum gedachten 2 Millionen Bund Sterling nur 250000 Pfund Sterling zusamnicngckpmmen sind. Hätten w׳ir tatsächlich 2 Millionen Pfund Sterling in der Bank liegen, so würden wir mit Leichtigkeit alle unsere Wirtschaftliehen Wünsche im Orient befriedigen können, wir würden Handel und Industrie fördern, %vir hätten Geld für grosse lngenieurarbeiten und Konzcsslorsanternchmungcn etc., und cs bliebe immerhin noch genug' übrig, um auch rein politiscli arbeiten zu können. Die uns Jetzt in der Bank zur Verfügung steliende Summe reicht hingegen, kaum für den ersten Zweck -• verfügt doch die neu gegründete Orientbank schon von Anfang an mir für reine Bankzwecke etwa über 8 Millionen Mark, also eine fast doppelt so grosse Summe wie wir. An grosse kapital'stischc Unternehmungen wie Transportgesellschaften, Bergwerke, Fabriken etc. können wir demnach kaum denken, geschweige denn au politische Arbeit. Wir müssen also auch einen politischen Fond schaffen, der natürlich dauernd zur Verfügung' des engeren Aktionskomitees bleiben müsste resp. einer politischen Kommission desselben unterstellt würde. In dem A g r a r f 0 n d. dem K u 11 u r f o n d . und dem politischen Fond haben wir drei Institutionen, die dem Geschmack der verschiedenen. Richtungen des Zionismus entsprechen würden. Die nurpolitischen Zionisten würden den politischen Fond begünstigen und dafür agitieren, wobei sic freilich nur auf die Kreise der Zionisten angewiesen sein wiirden. den Kulturfond in die Höhe bringen, wobei sie sich vielfach an philanthropische Vereinigungen aller Art würden anlehnen können, während die Zionc-Zionisten agrarischer Schattierung den Agrarfond besonders ins Auge fassen würden, wobei sie vielfach mit den Kolonisatlonsvcreinen gemeinsam würden arbeiten können.“ Eine zionistische Ansiedlergenossenschaft Die Zionisten aus Kremcntschug mit dem Rabbiner Freidenöerg an der Spitze sind Jetzt mit der Organisation einer Gruppe von Emigranten beschäftigt, die sich in Palästina auf der Grundläge einer Assoziation ansicdeln sollte. Die Gruppe wird 500 Familien umfasesn. die ein entsprechendes Stück Land erwerben sollen, wo sie sich mit Ackerbau. Viehzucht. Gartenbau. Handel usw. beschäftigen können. Es ist schon ein Organisationsburcau gebildet worden, das einen Prospekt veröffentlichte. worin der Ansiedelungsplan entwickelt wird. Zunächst wird nach Palästina und Konstantinopcl eine Delegation, bestehend aus 3—5 Mann, entsandt werden, die die notwendige Konzession erhalten und Land d:csseits oder jenseits des Jordans ankaufen soll. Um die Ausgaben der Delegation zu decken, wird Jedes Mitglied der Gruppe unter ihren Mitgliedern ein Kapital von 500000 Rubeln sammeln, vermittels einer Emission von Aktien ä 500 Rubeln. Das Komitee hat das Recht, für manche Mitglieder den Beitrag herabzusetzen oder sic ganz davon zu befreien, für andere hingegen die Beiträge zu erhöhen und sogar die Erwerbung einiger Aktien — aber nicht mehr als zehn — zu verlangen. Das kann das Komitee tun unter Berücksichtigung der Grösse, der Arbeitsfähigkeit, der physischen und geistigen Kräfte der einzelnen Familien. Die Organisation der Oruppe au Ort und Stelle wird durch, die Gruppe selbst besorgt werden. Für die Verwaltung der allgcmeinen Geschäfte wird die Gemeinde ein Komitee wählen: die allcrwiehtigsteu Fragen, wie z. B. ob man den Boden jeder einzelnen Familie zuteilen oder ihn gemeinsam bearbeiten, ob man einen neuen Beschäftigungszwcig cinführcn soll usw.. wird auf den allgemeinen Versammlungen entschieden. In der ersten Zeit werden der g'anzc für Ackerbau und Viehzucht geeignete Boden und alle Immobilien das Eigentum der Gemeinde bilden. Für die Arbeit wird Jedermann einen Lohn nach einer festgesetzten Taxe bekommen. Alle Lebensmittel werden ir, den Geircindcmagazincn für Geld gekauft werden. — Soweit der Prospekt. Ein detailierter Plan wird nach der Rückkehr der Delegation durch eine Mitgliederversammlung ausgearbeitet werden. Aufklärungen sind beim Rabbiner Freidenbcrg in Kremctschug zu erhalten. Aus Kanada Ottawa. Das Unterhaus des Dominion of Canada hat sich am 15. März mit den Judenkrawallen in Russland beschäftigt. M r. Macdonell. Abgeordneter für Toronto, beantragte eine Resolution, in welcher die Massakres in Russland beklagt und verdammt und den Juden die Sympathien des Parlaments ausgesprochen werden. In der Verteidigung seiner Resolution führt Redner aus: ״Fast jede zivilisierte Nation hat gegen das ungeheure Blutvergiesscn in Russland protestiert. Eine feierliche Kundgebung des kanadischen Volkes könnte der englischen Regierung das Rückgrat stärken und sic ermuntern, alles aufzubicten. inn die Zustände in Russland zu bessern. Prcmierminister Sir Wilfried I.aurier wiederholte seine innigsten Sympathien mit den Angehörigen der Jüdischen Rasse, hält cs Jedoch für fraglich ob die Annahme einer solchen Resolution ratsam sei. Wohl darf das kanadische Parlament eine nicht kanadische Völker betreffende Resolution annehmen, insofern d eselbcn innerhalb des britischen Weltreichs wohnen. Mit ganz fremden, ausserhalb der englischen Machtsphärc stehenden Völkern hat sich aber das Parlament nicht zu befassen. Der Premierminister beantragt schliesslich, die Debatte zu vertagen. Mr. Borden, der Führer der Opposition im Parlanient. wies darauf hin. dass die vorgeschlagcne Resolution viel sanfter ist als d:c, welche vom Kongress der Vereinigten Staaten von Nordamerika angenommen worden ist. Auch hat das Parlament das Recht, dem König von England eine Bitte zu unterbreiten, ganz unbekümmert darum, wen diese Bitte betrifft. Dennoch stimmt er dem Premierminister zu. dass es unklug wäre, hastig vorzugehen. Mr. Burassa sagte: ..Es wäre gefährlich für das kanadische Parlament, sich in die häuslichen Angelegenheiten einer fremden Nation zu mischen. Redner bemüht sich, zu beweisen, dass die Juden finanziell und sozialpolitisch die Krawalle wenigstens zum Teil selbst verschuldet haben. Nach einigen weiteren Reden wurde die Debatte über den Antrag Macdonell vertagt. Die Zweihundertjahrfeier der Krankenpflege in der jfldisehen Gemeinde Berlins wurde am I. April In der Neuen Synagoge m Gegenwart der beiden Bürgermeister, des Stadtverordneten-Vorstchcrs sowie vieler Stadtverordneten und Vertreter der Gelehrten- und Acrztcwelt festlich begangen. Als Vorsitzender des Festausschusses gab der Stadtverordnete Louis Sachs einen Ueberblick über die Entwickelung des Jüdischen Krankenhauses ut! dder Krankenpflege. Am Sonntag, dem 18. März, fand in Stettin in der stüdtisehen Turnhalle. Bellevuestrasse, ein gemeinsames Schauturnen des Jüdischen Turnvereins Stctt'n und des Jüdischen Turnvereins Bar-Kochba-Berlin statt. Beide Vereine gehören dem Verbände national-jüdischer Turnvereine, der ..Jüdischen Turnerschaft“. an. Der Stettiner Verein, der über 2 Jahre bestellt wurde nicht nur bei seiner Gründung, sondern auch in seiner Entwickelung von dem Gros der Stettiner Judenheit bckämpft und gehemmt. Man glaubte, den Vogel abzuschiessen. wem! man dein Jungen Verein allenthalben einen Stein in den Weg legte. Dennoch hat es der Verein auf 50 Mitglieder mit einer Altersricgc gebracht und am Tage des Schauturnens 18 neue Mitglieder erworben. Dem Schauturnen, das die Aufmerksamkeit weiterer Kresc auf den jungen Verein lenken sollte, wohnten etwa 200 Zuschauer bei. unter denen fast alle ״Spitzen“ der jüdischen Geme'ude durch Abwesenheit glänzten. Vielleicht erfahren sie aus der christlichen Presse, die der Einladung gern aus Interesse gefolgt war und der Veranstaltung uneingeschränktes Lob spendet, von den nationalen Tendenzen des Vereins, dem frisch-fröhJichcn Turnerge.'st. der ihn durchweht und hoc 11 so manches andere. 50 Turner beteiligten sich au dem Schauturnen, dessen Leitung in den Händen des Turnwarts der Jüdischen Turnerscliaft. Dr. Richard Blum-Beiliii. lag. Das Turnen bestand aus euicm kunstvollen Aufmarsch mit Gesang. Eisenstabübuugen. Geräteturnen mit einmaligem